Arnaldur Indriðason : Todeshauch

Todeshauch

Arnaldur Indriðason

Todeshauch

Originalausgabe: grafarpögn Vaka-Helgafell, Reykjavik 2001 Todeshauch Übersetzung: Coletta Bürling Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004 ISBN: 3-404-15103-8, 365 Seiten, 7.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In einer Baugrube am Stadtrand von Reykjavik wird das Skelett eines Menschen gefunden, der hier vor mehr als 50 Jahren verscharrt wurde. Wenn es sich um einen Mordfall handelte, ist der Täter wahrscheinlich auch bereits tot. Trotzdem ermittelt Kommissar Erlendur und deckt dabei eine Familientragödie auf. Zur gleichen Zeit liegt seine heroinabhängige Tochter nach einer Fehlgeburt auf der Intensivstation eines Krankenhauses im Koma ...
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Kritik

Geschickt entwickelt und verknüpft der isländische Schriftsteller Arnaldur Indriðason (Indriðason) in seinem Kriminalroman "Todeshauch" nebeneinander drei Handlungsstränge und sorgt gerade durch das Geflecht für Suspense und unerwartete Wendungen.
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Ein isländischer Medizinstudent wartet auf seinen zwanzig Jahre jüngeren Bruder, den er von einem Kindergeburtstag abholen möchte. Dabei fällt ihm auf, dass die kleine Schwester des Geburtstagskindes Tóti am Endstück einer menschlichen Rippe lutscht. Als er es ihr aus der Hand nimmt, alarmiert sie mit Geschrei ihre Mutter. Tóti hat den Knochen für einen Stein gehalten und führt die Erwachsenen zu einer Baustelle am Grafarholt-Hügel, wo er ihn fand. In der Wand einer Baugrube entdecken der Student und die Mutter der Kinder einen Oberarmknochen und einen Kiefer: Da scheint ein ganzes Skelett zu liegen!

Kommissar Erlendur fährt mit seinen Kollegen Elínborg und Sigurður Óli zu der Baugrube am Stadtrand von Reykjavik. Skarphéðinn, ein beim Nationalmuseum beschäftigter Archäologe, schätzt, dass die Leiche vor fünfzig bis siebzig Jahren – also in den Dreißiger- oder Vierzigerjahren – vergraben wurde. Am Nordrand des Grafarholt-Hügels fallen Erlendur einige Johannisbeersträucher auf und er fragt sich, ob an dieser Stelle früher ein Haus stand?

Sigurður Óli hält es für überflüssig, die Angelegenheit weiter zu untersuchen, denn selbst wenn es sich um einen Mord handelte, ist der Täter inzwischen wahrscheinlich selbst tot. Aber Erlendur will den Fall aufklären.

Die Johannisbeersträucher gehörten tatsächlich zu einem Sommerhaus, das um 1980 abgerissen wurde. Besitzer war Benjamín Knudsen, ein Ende der Siebzigerjahre verstorbener Großkaufmann in Reykjavik. Von seiner Familie lebt nur noch die Tochter seiner unverheirateten Schwester. Sie heißt Elsa und berichtet den Ermittlern, ihr Onkel habe in dem Haus nie selbst gewohnt. Er baute es für sich und seine schwangere Verlobte Sólveig. Aber 1940 – das Haus war noch gar nicht ganz fertig – verschwand Sólveig spurlos. Man nahm an, dass sie sich im Meer ertränkt hatte.

Ermordete Benjamín seine Verlobte und verscharrte sie bei seinem Sommerhaus auf dem Grafarholt-Hügel?

Sólveigs Schwester Bára sagt aus, ein Neffe Benjamíns habe Sólveig während eines Sommerurlaubs in Fljót vergewaltigt und geschwängert. Ihr Vater sorgte dafür, dass der Sohn seines Bruders ins Ausland gehen musste. (Später kehrte er nach Island zurück, gründete eine Familie und starb vor ungefähr zwanzig Jahren.) Sólveig weigerte sich, den Fetus abtreiben zu lassen, und obwohl Benjamín sie trotz des Kindes nach wie vor heiraten wollte, löste Sólveig die Verlobung und verschwand. Ein halbes Jahr später erhängte sich ihr Vater im Esszimmer am Haken des Kronleuchters.

Auf der Nordseite des Grafarholt-Hügels hatten zuerst die Briten, ab 1941 dann die Amerikaner ein Militärdepot. Erlendur und Elínborg befragen Edward Hunter in seinem Bungalow in Kópavogur. Hunter kam während des Krieges als Oberst der US-Army nach Island. Er erzählt von einem groß angelegten Diebstahl aus dem Lager am Grafarholt-Hügel. Einen Teil des Diebesguts fand man bei einem Zivilangestellten, der mit seiner Frau und drei Kindern in einem Sommerhaus in der Nachbarschaft wohnte und daraufhin zu einer halbjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Einen Tag, bevor das Skelett in der Baugrube endlich freigelegt werden soll, beobachtet Skarphéðinn eine hinkende, etwa siebzig Jahre alte Frau bei den Johannisbeersträuchern und ruft Erlendur an. Der fährt sofort hin und spricht mit der Fremden. Sie heißt Mikkelína und hat früher in dem Haus gewoht, das hier stand. Nachdem sie das Abitur auf dem Abendgymnasium nachgeholt hatte, studierte sie Psychologie und war beim Abschluss bereits über vierzig. Mikkelína wird von ihrem Pflegesohn Símon mit dem Auto abgeholt. Sie und Erlendur wollen ihr Gespräch am nächsten Tag fortsetzen.

Erlendur fällt es schwer, sich auf die Ermittlungen zu konzentrieren, denn an dem Tag, an dem das Skelett entdeckt wurde, erhielt er einen verzweifelten Hilferuf seiner Tochter Eva Lind. Die Verbindung brach sofort wieder ab, und er wusste nicht, von wo aus sie angerufen hatte. Eva ist heroinabhängig und schwanger. Seit einem heftigen Streit vor zwei Monaten hatte Erlendur bis zu dem Hilferuf keinen Kontakt mehr mit ihr.

Erlendur wuchs auf dem Land auf. Als er zehn Jahre alt war, gerieten er, sein zwei Jahre jüngerer Bruder und ihr Vater in den Bergen oberhalb von Eskifjöður in einen Schneesturm. Die beiden Jungen verloren zuerst ihren Vater und dann auch sich gegenseitig aus den Augen. Der Vater schlug sich durch, Erlendur wurde gerettet, aber sein Bruder blieb verschwunden. Kurz nachdem Erlendur mit seinen Eltern nach Reykjavik gekommen war, starb sein Vater. Seine Mutter arbeitete in einer Fischfabrik. Für ein Studium hätte das Geld nicht gereicht; stattdessen fing Erlendur bei der Polizei an. Einige Zeit später heiratete er überstürzt. Eva war drei Jahre alt und sein Sohn Sindri Snær noch kleiner, als Erlendur vor etwa zwanzig Jahren seine Frau Halldóra und die Kinder verließ und sich scheiden ließ.

Aufgeregt sucht er in Reykjavik nach Linda. Bei der letzten Adresse, die er von ihr hatte, stößt er auf eine verwahrloste Drogensüchtige, die ihn zum Türsteher eines Stripteaselokals schickt. Der Drogendealer, an den dieser ihn verweist, gibt zu, dass Linda vor ein paar Stunden bei ihm war. Weil sie jedoch kein Geld hatte, gab er ihr nichts und schickte sie fort. Er nennt Erlendur die Adresse einer jungen Frau, bei der Linda sein könnte. Ragga liegt mit zwei Männern im Drogenrausch auf einem Matratzenlager. Erlendur ruft Sanitäter herbei, die ihr eine Spritze geben, damit sie zu sich kommt. Eva habe starke Schmerzen gehabt, sagt sie, und deshalb von der Buszentrale am Hlemmur ins nächste Krankenhaus gehen wollen. Erlendur rast hin und findet seine Tochter fünfzig Meter vom Krankenhaus entfernt: Sie liegt ohnmächtig und voller Blut zwischen den Beinen auf einem Rasen.

Seither sitzt Erlendur in jeder freien Minute neben dem Krankenhausbett seiner im Koma liegenden Tochter.


Margrét kannte ihre Eltern nicht; sie war als Pflegekind von verschiedenen Familien erzogen worden. Schließlich wurde sie die Geliebte eines Fischers, der jedoch im Alter von zweiundzwanzig Jahren kenterte und ertrank. Erst danach stellte Margrét fest, dass sie schwanger war. Drei Jahre später lernte sie bei dem Kaufmann, für den sie als Dienstmädchen arbeitete, einen Knecht kennen, der sie trotz ihrer kleinen Tochter Mikkelína zur Frau nahm. Grímur war wie Margrét bei Pflegeeltern aufgewachsen, unter anderem auf dem Hof Melur im Mýrar-Bezirk bei einer Familie mit drei eigenen Kindern, die sich von der Gemeinde dafür bezahlen ließ, verwaiste Kinder in Pflege zu nehmen. Weil die Kinder schikaniert wurden und eines durch die Quälerei ums Leben kam, mussten die Leute sich schließlich vor Gericht verantworten.

Grímur und Margrét zogen mit Mikkelína in eine Einzimmerwohnung im Keller eines Mietshauses in Reykjavik. Nach einiger Zeit schlug Grímur seine Frau zum ersten Mal ohne Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht. Von da an verprügelte er sie immer wieder, und wenn sie zusammenbrach und am Boden lag, trat er auf sie ein. Zwei Fluchtversuche Margréts scheiterten.

Mikkelína erkrankte mit drei Jahren an einer Gehirnhautentzündung und lag wochenlang im Krankenhaus. Sie überlebte zwar, war aber seither rechtsseitig gelähmt.

Als 1940 die britischen Soldaten kamen und die Mietpreise in Reykjavik explodierten, konnten Grímur und Margrét sich die Kellerwohnung nicht mehr leisten. Sie zogen mit Mikkelína und den beiden Söhnen Símon und Tómas in ein halb fertiges Sommerhaus außerhalb der Stadt, das ihnen ein Geschäftsmann in Reykjavik gegen eine geringe Miete überließ. Grímur sollte zwar die noch ausstehenden Arbeiten am Haus vornehmen, aber er merkte bald, dass es dem Besitzer völlig gleichgültig war, ob er seiner Verpflichtung nachkam oder nicht. Arbeit fand er zunächst bei einem Fuhrunternehmen, das Kohle auslieferte, und dann in dem amerikanischen Militärlager ganz in der Nähe des Sommerhauses. Durch den Verkauf gestohlener Lebensmittel, Zigaretten und Nylonstrümpfe in Reykjavik verdiente Grímur sich ein Zubrot – bis er aufgrund einer Denunziation festgenommen und für ein halbes Jahr eingesperrt wurde.

Angezeigt hatte ihn der aus Brooklyn stammende GI David („Dave“) Welch, dem aufgefallen war, dass Margrét offenbar von ihrem Mann geschlagen wurde. Dave wusste, was Gewalt in der Ehe bedeutete, denn seine Mutter war bis zu ihrem Tod von seinem Vater verprügelt worden. Dave schenkte Margrét und den Kindern, mit denen er sich gut verstand, hin und wieder ein paar frische Fische. Während Grímur seine Strafe verbüßte, kamen Dave und Margrét sich näher.

Als Grímur entlassen wurde, schiffte Dave sich gerade mit seiner Einheit nach Europa ein. Er ahnte nicht, dass Margrét schwanger war und kehrte aus dem Krieg nicht mehr zurück.

Grímur, der im Gefängnis gerüchtweise von Margréts Verhältnis mit Dave erfahren hatte, drohte, das Neugeborene umzubringen. Drei Monate lang mischte Margrét ihm deshalb kleine Portionen Rattengift ins Essen. Davon wurde er krank.


Endlich haben die Archäologen die Erde über dem Skelett auf dem Grafarholt-Hügel sorgfältig abgetragen. Es stellt sich heraus, dass auf den Gebeinen einer erwachsenen Person die eines Embryos liegen. Benjamín Knudsen scheint also tatsächlich seine Verlobte Sólveig unmittelbar nach der Geburt ihres Kindes getötet zu haben. Seine Nichte beteuert zwar, er habe keiner Fliege etwas zu Leid tun können, aber vielleicht hatte er den in seinem Sommerhaus wohnenden Mann mit dem Mord beauftragt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Der Gerichtsmediziner ist zwar in Urlaub, aber auch der Amtsarzt stellt anhand der Beckenform des größeren Skeletts unschwer fest, dass es sich nicht um eine Frau, sondern um einen Mann gehandelt hat.

Aufschluss über das, was vor fünfundfünfzig Jahren geschah, gibt Mikkelína:

Die Wehen bei ihrer Mutter setzten vorzeitig ein. Margrét legte sich in der Küche hin. Während der Kopf des Kindes bereits zu sehen war, kam Tómas herein, um seinem bettlägrigen Vater einen Teller Haferbrei zu bringen. Als Margrét sah, dass ihr Sohn auch davon essen wollte, hielt sie ihn erschrocken davon ab. Dadurch begriff Grímur, dass er nicht einfach krank war, sondern von seiner Frau vergiftet wurde. Während er aufstand und in die Küche kam, zog Margrét das Kind aus ihrem Leib, schnitt die Nabelschnur mit einer Schere durch und verknotete das eine Ende. Dann presste sie das Neugeborene voller Angst an sich. Ihr inzwischen vierzehnjähriger Sohn Símon packte die Schere und rammte sie seinem Vater in die Brust, um seine Mutter und deren jüngstes Kind zu beschützen.

Tödlich getroffen sackte Grímur zusammen. Aber auch das Neugeborene war tot. Símon schaufelte ein Grab und schaffte mit seiner Mutter zusammen die beiden Leichen hinein.

Margrét starb vor sechsundzwanzig Jahren. Fast zur gleichen Zeit verschied auch Tómas im Alter von zweiundfünfzig Jahren. Er war zweimal verheiratet gewesen und hatte seine Frauen immer wieder verprügelt. Símon ist seit Jahrzehnten an Hebephrenie erkrankt und lebt in einem Heim.

Während Erlendur gerade die letzten Einzelheiten des Falls zu verstehen versucht, öffnet seine Tochter Eva Lind die Augen …

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Geschickt entwickelt und verknüpft der isländische Schriftsteller Arnaldur Indriðason in seinem Kriminalroman „Todeshauch“ nebeneinander drei Handlungsstränge: (1) die persönliche Misere des Kommissars Erlendur bzw. seiner Tochter Eva Lind, (2) Erlendurs Ermittlungen und (3) eine Familientragödie, die sich mehr als ein halbes Jahrhundert früher zutrug. Im ständigen Wechsel der Erzählebenen treibt Indriðason die Geschichte(n) in wohldosierten Etappen voran und sorgt dabei für Suspense und unerwartete Wendungen.

Über Erlendurs gescheiterte Ehe schrieb Arnaldur Indriðason bereits in seinem Roman „Nordermoor“. In „Todeshauch“ geht es vor dem Hintergrund der Urbanisierung in Island um die Schwierigkeit des Zusammenlebens und um Gewalt in der Ehe. Die von Arnaldur Indriðason atmosphärisch dicht und ohne jede Relativierung beispielsweise durch Humor oder Ironie dargestellte Welt ist düster und hoffnungslos. Dabei geht er allerdings nicht weiter auf psychologische Hintergründe oder Prozesse ein und gibt sich stattdessen mit Klischees zufrieden.

Bei durchschnittlich vier Mordfällen pro Jahr in Island hat die Mordkommission in Reykjavik vielleicht wirklich die Zeit, nach dem Fund des Skeletts eines vor mehr als einem halben Jahrhundert verscharrten Menschen sorgfältige Ermittlungen durchzuführen. Störender finde ich, dass dem Kriminalroman „Todeshauch“ der letzte Feinschliff fehlt. Das gilt für Szenen und Dialoge ebenso wie die Sprache, zumindest in der deutschen Übersetzung („Er zwang ihn, ihn in die Stadt zu begleiten.“ – Seite 142).

Auch wenn es sich bei „Todeshauch“ nicht um einen besonders subtilen Kriminalroman handelt, ist das Buch nicht zuletzt aufgrund des gelungenen Aufbaus eine spannende Unterhaltungslektüre.

Arnaldur Indriðason (*1961) war als Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung beschäftigt. Inzwischen lebt er als freier Schriftsteller in Reykjavik. Für seine Kriminalromane „Nordermoor“ und „Todeshauch“ wurde er 2002 bzw. 2003 mit dem „Nordic Crime Novel’s Award“ ausgezeichnet. 1999 erschien Arnaldur Indriðasons Spionagethriller „Napóleonsskjölin“ (deutsch: „Gletschergrab“, Übersetzung: Coletta Bürling und Kerstin Bürling, Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch Gladbach 2005, 365 Seiten, ISBN 3-404-15262-X).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

Gewalt in der Ehe

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