Kai-Uwe Kern : Mit einem Bein bereits im Himmel

Mit einem Bein bereits im Himmel
Mit einem Bein bereits im Himmel Phantomwahrnehmungen − auf den Spuren eines rätselhaften Phänomens Originalausgabe Hogrefe Verlag, Bern 2020 ISBN 978-3-456-86013-8, 312 Seiten ISBN 978-3-456-96013-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein gesunder Mensch weiß auch mit geschlossenen Augen, wo sich seine Hände und Füße befinden. Ähnlich ist es bei vielen Amputierten: Sie spüren die Extremität, obwohl sie wissen, dass sie nicht mehr vorhanden ist. So eine Phantomwahrnehmung ist nicht selten mit Schmerzen verbunden. Obwohl noch zu wenig über die Genese von Phantomschmerzen bekannt ist, gibt es hoffnungsvolle Therapieansätze.
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Kritik

Nach dem Vorbild des britischen Neurologen Oliver Sacks vermittelt uns Kai-Uwe Kern in dem Buch "Mit einem Bein bereits im Himmel" sein eigenes lernwilliges Staunen über medizinische Phänomene. Das gelingt ihm mit einer ausgewogenen Mischung aus anschaulich dargestellten Erlebnissen mit Patienten, verblüffenden Beobachtungen und leicht nachvollziehbaren Überlegungen.
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Phantomglied, Phantomwahrnehmung

Ein gesunder Mensch weiß auch mit geschlossenen Augen, wo sich seine Hände und Füße befinden; er kennt ihre Position. Ähnlich ist es bei vielen Amputierten: Sie spüren die Extremität, obwohl sie wissen, dass sie nicht mehr vorhanden ist. In diesem Fall spricht man von einem Phantomglied bzw. einer Phantomwahrnehmung. Der US-amerikanische Neurologe und Schriftsteller Silas Weir Mitchell (1829 – 1914) führte den Begriff phantom limb ein

Etwas weniger als die Hälfte der Amputierten kann die nicht mehr vorhandenen Zehen oder Finger mental bewegen (Phantommotorik). Kai-Uwe Kern berichtet von einem ohne Hände und Unterarme geborenem Schulmädchen, das wie andere Kinder auch mental mit den Fingern rechnete.

Umgekehrt kommt es vor, dass ein Amputierter das Fehlen eines Körperteils vorübergehend nicht mehr wahrnimmt:

[…] saß ich nach dem Duschen auf dem Badewannenrand. Ich war noch ein bisschen müde und wollte mich […] abtrocknen. […] Ich habe ich ganz normal abgetrocknet und habe mich überhaupt nicht mehr daran erinnert, dass mir ein Bein fehlt. Und als ich mich nach vorne beugte, um mein linkes Bein abzutrocknen, da war da nichts. Ich griff ins Leere und stürzte vorüber in die Badewanne […].

Der 1951 in Madras geborene US-amerikanische Neurowissenschafler Vilayanur Subramanian Ramachandran schildert, wie er einem Probanden eine Kaffeetasse hinstellte und ihn bat, mit der Phantomhand danach zu greifen. In nächsten Augenblick zog er die Tasse mit einem Ruck fort − und der Proband schrie auf, denn er hatte das Gefühl, gerade die Finger um den Henkel gelegt zu haben.

Bei einem anderen Experiment sah der Proband seine Hand nicht, aber stattdessen eine auf dem Tisch liegende Gummihand. Wenn der Experimentator gleichzeitig die versteckte Hand und die Attrappe streichelte, nahm der Proband das Artefakt als eigene Hand wahr.

Dass Phantomwahrnehmungen nicht nur bei amputierten Körperteilen vorkommen, beobachtete Kai-Uwe Kern bereits als junger Assistenzarzt in einem Dialysezentrum. Da klagten einige Patientinnen bzw. Patienten über Harndrang. Und ein Tinnitus ist nichts anderes als ein Phantomgeräusch.

In diesem Zusammenhang erwähnt Kai-Uwe Kern auch, dass eine gestörte Körperwahrnehmung als Ursache der Magersucht (Anorexia nervosa) vermutet wird. In einem Experiment demonstrierten Zeitlupenaufnahmen, dass sich Magersüchtige beim Gang durch immer engere Türen früher als Gesunde zur Seite drehen, ihren Körper also augenscheinlich aufgebläht wahrnehmen.

Phantomschmerz

Eine Phantomwahrnehmung ist nicht selten mit Schmerzen verbunden. Dem französischen Militärchirurgen Ambroise Paré fiel das bereits 1552 auf. Zu unterscheiden sind brennende, stechende, krampfende und kribbelnde Schmerzen, dazu unangenehme Fehlstellungen des Phantomglieds.

Kai-Uwe Kern berichtet von einem Patienten, dem nach einem Motorradunfall ein Arm amputiert werden musste. Nach der Operation hatte er das Gefühl, der fehlende Arm sei ihm verdreht auf den Rücken gebunden worden. Der Autor führt das darauf zurück, dass der Arm beim Unfall nach hinten gerissen worden war und stellt die Hypothese auf, dass sich die Stellung einer Extremität zum Zeitpunkt der Verletzung einprägt. Das gilt auch für eine junge Patientin, die er behandelte. Sie hatte sich bei einem Motorradunfall die Nerven eines Arms abgerissen. Der Arm musste zwar nicht amputiert werden, aber sie konnte ihn nicht mehr bewegen und fühlte auch nichts. Seltsamerweise nahm sie einen dritten Arm auf dem Bauch wahr, dessen Finger sie mental bewegen konnte. Das erklärt Kai-Uwe Kern folgendermaßen: Sie wurde auf dem Rücken liegend ins Krankenhaus gefahren, und dabei legten ihr die Sanitäter soeben verletzten Arm auf den Bauch.

Geht man von der Hypothese einer somatosensorischen Erinnerung an den Moment der Verletzung bzw. Amputation aus, sollte man beispielsweise darauf achten, dass der zu amputierende Fuß eines Patienten beim Transport in den Operationssaal nicht frei liegt, denn in diesem Fall könnte der Betroffene nach dem Eingriff dauerhaft unter einem kalten Phantomfuß leiden.

Instinktiv drücken wir eine Stelle am Körper, an der wir uns gestoßen haben. Bei Kindern blasen die Eltern darauf oder streicheln darüber. Das hilft. Nur lässt sich die Methode nicht anwenden, wenn beispielsweise der Phantomfuß an einem amputierten Bein schmerzt, denn in diesem Fall kann man nicht einmal in der Nähe des entsprechenden Körperareals ein Stück Haut berühren.

Ursachen, Therapie

Über die Genese, die Auslöser und Verstärker von Phantomschmerzen ist leider noch viel zu wenig bekannt.

Das gilt auch für den Phantomraum, das „Areal des wahrgenommenen Phantoms ohne körperliches Korrelat“. Dazu ein Beispiel: Dem Impressionisten Édouard Manet musste 1883 das linke Bein amputiert werden. Der Maler Claude Monet besuchte ihn im Krankenhaus. Als er sich zu ihm aufs Bett setzte, und zwar in den Phantomraum, schrie Manet vor Schmerz auf.

Kai-Uwe Kern hält es für möglich, dass Phantomwahrnehmungen und Phantomschmerzen sowohl Folgen ausbleibender Nervensignale aus dem amputierten Areal im Gehirn als auch eine psychische Verarbeitung eines bedeutenden Verlustes sind.

Vilayanur Subramanian Ramachandran dachte bereits zu Beginn des Jahrhunderts an virtuelle bzw. erweiterte Realität als Therapie, weil diese Möglichkeit damals aber noch Zukunftsmusik war, behalf er sich mit einem Spiegel, um Patienten eine (in Wirklichkeit amputierte) Hand vorzutäuschen. Kai-Uwe Kern hofft, dass die neuen technischen Möglichkeiten für therapeutische Ansätze genutzt werden können.

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Nach dem Vorbild des britischen Neurologen Oliver Sacks vermittelt der auf Schmerzmedizin spezialisierte Anästhesiologe Kai-Uwe Kern den Leserinnen und Lesern sein Staunen über medizinische Phänomene.

Sein Buch „Mit einem Bein bereits im Himmel. Phantomwahrnehmungen − auf den Spuren eines rätselhaften Phänomens“ wendet sich vor allem an aufgeschlossene, wissbegierige Laien. Dementsprechend vermeidet er Fachchinesisch und schreibt in einer leicht verständlichen Sprache. Kai-Uwe Kern legt es nicht auf Bildungshuberei an, sondern darauf, Neugierde zu wecken. Und das gelingt ihm mit einer ausgewogenen Mischung aus anschaulich dargestellten Erlebnissen mit Patienten, verblüffenden Beobachtungen und leicht nachvollziehbaren Überlegungen.

Das Buch sammelt klinische Beobachtungen, Berichte und Erinnerungen der vergangenen zwanzig Jahre und ist ausdrücklich nicht als rein wissenschaftlicher Text abgefasst. Mein Ziel ist, mit einer Mischung aus realen Geschichten, psychologischen und medizinischen Erläuterungen, Konzepten und ungewöhnlichen Denkanstößen Sie als Leser anzuregen, Phantomwahrnehmungen als tatsächlichen Teil unserer Welt zu begreifen.

Wir alle stehen staunend vor solchen Geschichten und ich möchte versuchen, deren Hintergründe zu erläutern. Hierzu werde ich mich, beabsichtigt wie zwangsläufig, immer wieder zwischen persönlichen Erlebnissen, Fallbeispielen und wissenschaftlichen Erläuterungen hin- und herbewegen.

Kai-Uwe Kern beschränkt sich in „Mit einem Bein bereits im Himmel“ nicht auf neurologische, psychosomatische und psychologische Aspekte, sondern bezieht auch philosophische Gedanken mit ein.

Beim Lesen des Buches „Mit einem Bein bereits im Himmel“ spürt man, dass hier ein Arzt seinen Patientinnen und Patienten ebenso empathisch wie lernbereit zuhört. Um ihnen helfen zu können, versucht er, mehr über Phantomwahrnehmungen herauszufinden und einige der vielen offenen Fragen zu klären.

Man kann solche Fälle belächeln, bezweifeln oder auch ablehnen, ich denke jedoch, Zurückhaltung, Staunen und Demut, im Bewusstsein unseres noch derart unvollständigen Verständnisses des menschlichen Geistes, wären angemessener.

Den übersichtlich gegliederten Hauptteil hat Kai-Uwe Kern durch ein Glossar, Literaturangaben, Personen- und Stichwortverzeichnisse ergänzt. Der angegebene Link zu acht Videos kann allerdings nicht geöffnet werden („Forbidden. You don’t have permission to access this resource“).

Dr. med. habil. Kai-Uwe Kern, Jahrgang 1957, spezialisierte sich während seiner Tätigkeit als anästhesiologischer Oberarzt im städtischen Klinikum Kemperhof Koblenz auf Schmerzmedizin. Als niedergelassener Schmerztherapeut leitet er eine Arztpraxis und das Institut für Schmerzmedizin in Wiesbaden. Kai-Uwe Kern lehrt als Privatdozent an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und habilitierte sich 2014. In seinem populärwissenschaftlichen Buch „Mit einem Bein bereits im Himmel. Phantomwahrnehmungen − auf den Spuren eines rätselhaften Phänomens“ greift er auch auf Ergebnisse einer von ihm und Kollegen 2009 durchgeführten Befragung von mehr als 500 Amputierten zurück.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Hogrefe Verlag

Hoimar von Ditfurth - Der Geist fiel nicht vom Himmel
Hoimar von Ditfurth verstand es wie kaum ein anderer populärwissenschaftlicher Autor, auch "schwierige" Sachverhalte anschaulich und leicht lesbar darzustellen.
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