Eduardo Lago : Brooklyn soll mein Name sein

Brooklyn soll mein Name sein
Llámame Brooklyn Ediciones Destino, Barcelona 2006 Brooklyn soll mein Name sein Übersetzung: Guillermo Aparicio, in Zusammenarbeit mit Carlos Singer Alfred-Kröner-Verlag, Stuttgart 2021 ISBN 978-3-520-62401-7, 464 Seiten ISBN 978-3-520-62491-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als der freiberufliche Lektor und Übersetzer Gal Ackerman am 14. April 1991 im Alter von 53 Jahren stirbt, hinterlässt er ein Romanfragment, Dutzende von seit 1974 in der Bar "Oakland" in Brooklyn vollgeschriebene Hefte und Unmengen von anderen Texten. Der 21 jüngere Journalist Néstor ("Ness") Oliver Chapman hält es für seine Pflicht, den Wust von Material zu sichten und Gals Roman "Brooklyn" fertigzustellen.
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Kritik

Eduardo Lago macht es uns Leserinnen und Lesern mit seinem anspruchsvollen Roman weit abseits des Mainstreams nicht leicht, denn er reiht wie in einem Kaleidoskop Episoden und von einem der Protagonisten vorgefundene Texte aneinander, ohne einen roten Faden zu zeigen. Im Kern dreht sich "Brooklyn soll mein Name sein" um die Entstehung eines Romans mit dem Titel "Brooklyn". Es geht um das Schreiben und das Thema Literatur.
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Gal Ackerman

Gal Ackerman stirbt am 14. April 1991 im Alter von 53 Jahren. Frank Otero, der Wirt der Bar „Oakland“ in Brooklyn, zahlt Schmiergeld, damit der Wunsch seines Stammgastes erfüllt werden kann: eine Bestattung auf dem Dänischen Friedhof in Fenners Point bei Deauville.

An den Klippen von Fenners Point war am 19. Mai 1919 ein Frachter der Königlich-Dänischen Marine zerschellt. Von den Toten konnten nur dreizehn geborgen werden, und um die unidentifizierten Seeleute beerdigen zu können, entstand der Friedhof. Ein halbes Jahrhundert später, 1965, installierte man an Fenners Point Signallichter, um die Sicherheit der Seefahrt zu erhöhen.

Gal Ackerman war ein freiberuflicher Lektor und Übersetzer. Seit 1974 saß er im „Oakland“ am Kapitänstisch und schrieb Dutzende von Heften voll. Kurz vor seinem Tod zeigte er dem 21 Jahre jüngeren, 1959 in Triest geborenen Journalisten Néstor („Ness“) Oliver Chapman die Papierberge in seinem Zimmer über dem „Oakland“ und meinte:

Ich spüre das Ende nahen, und ich bin müde. Ich dachte schon immer, dass Alston Hughes recht hatte. Ein postumes Buch zu hinterlassen, Ness? Manchmal frage ich mich, ob ich es in der absurden Hoffnung geschrieben habe, dass Nadja es lesen würde. Oder glaubst du, ich hätte es für mich geschrieben …? Verdammt noch Mal, Ness! Ich habe mein ganzes Leben darin investiert, ohne zu wissen warum.

Ness hält es für seine Aufgabe, das von Gal hinterlassene Romanfragment „Brooklyn“ fertig zu schreiben, und Frank bestärkt ihn nicht nur in dieser Ansicht, sondern überlässt ihm auch Gals Zimmer, damit er dort arbeiten kann. Um sich ganz auf das Vorhaben konzentrieren zu können, beendet Ness seine berufliche Tätigkeit für Dylan Taylor, den Redaktionsleiter des „Travel Magazine“, und Frank lässt es sich nicht nehmen, ihm wenigstens die Hälfte des eingebüßten Gehalts zu zahlen.

Am 14. April 1993, Gals zweitem Todestag, ist der Roman „Brooklyn“ fertig. Gelesen haben ihn außer dem Autor nur Frank Otero und die Malerin Louise Lamarque, die mit Gal befreundet war und Ness bei der Beerdigung kennenlernte. In einer Nische an Gals Grab, die Frank anfertigen ließ, schließen sie „Brooklyn“ ein.

Familiengeschichte

Um „Brooklyn“ schreiben zu können, sichtete Ness Unmengen von Texten, die Gal hinterließ: Romanfragmente, Erzählungen, Tagebucheinträge, Briefe, Zeitungsartikel, Redemanuskripte. Und er rekonstruierte Gals Familiengeschichte.

Die Familie war aus dem Elsass ausgewandert. Gals Urgroßvater Carl Ackerman wurde 1858 in Brooklyn geboren. 30 Jahre später kam dort auch sein Sohn David zur Welt, der im Alter von 17 Jahren als Lehrling bei der Zeitung „The Brooklyn Eagle“ anfing, sich zum Korrektor hocharbeitete und dann sogar regelmäßig eine Kolumne schrieb – bis zu einer Umstrukturierung der Zeitung im August 1948. Sieben Jahre später wurde das Blatt eingestellt. David Ackerman starb 1958.

Gals Großmutter May Gallagher zog um die Jahrhundertwende im Alter von 16 oder 17 Jahren von Pennsylvania nach Brooklyn. Sie und David bekamen zwei Kinder. Ben Ackerman wurde 1913 geboren. Seine Schwester May starb 1915 gleich nach der Geburt.

1927 nahm David seinen Sohn Ben mit nach Manhattan zu einer Demonstration für die beiden aus Italien eingewanderten Arbeiter Ferdinando („Nicola“) Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die am 9. April wegen eines Raubmords in einem umstrittenen Indizienprozess zum Tod verurteilt worden waren. Ungeachtet der Proteste wurden die beiden Männer in der Nacht auf den 23. August 1927 hingerichtet.

Zehn Jahre später, im Oktober 1937, besuchte Ben Ackerman eine Veranstaltung mit Ralph Bates als Hauptredner. Der britische Schriftsteller rief dazu auf, sich den Internationalen Brigaden im Krieg gegen die Faschisten in Spanien anzuschließen. Ben meldete sich beim Lincoln-Bataillon.

Während er sich Ende 1937 in Madrid von einer Verwundung erholte, lernte er bei Mirko Stauer, einem kommunistischen Aristokraten aus Montenegro, die für den Geheimdienst der Brigaden in Barcelona tätige Amerikanerin Lucia Hollander kennen. Die beiden verliebten sich und wurden ein Paar.

Noch im selben Jahr wurde Ben in Madrid auf die 19-jährige Milizionärin Teresa Quintana aufmerksam. Sie stammte aus einem Dorf in Valladolid und war von dem italienischen Brigadisten Umberto Pietri schwanger. Ben kümmerte sich um sie und bat Lucia um Nachforschungen, denn Umberto Pietri gehörte zum kurz zuvor aufgeriebenen Bataillon des Todes (Centuria Malatesta), und Teresa wusste nicht, ob er noch lebte. Aber Lucia konnte nichts über ihn herausfinden. Im achten Schwangerschaftsmonat platzte bei Teresa die Fruchtblase. Sie starb bei der Geburt. Kurzerhand gab Ben sich als Vater des Neugeborenen aus. Er und Lucia heirateten noch während des Spanischen Bürgerkriegs und zogen Gal wie einen eigenen Sohn auf. Der Junge erfuhr erst im Alter von 14 Jahren, dass die beiden nicht seine leiblichen Eltern waren.

In dem von Gal hinterlassenen Konvolut findet Ness einen am 6. Oktober 1963 datierten Brief des ehemaligen Brigadisten Abraham („Abe“) Lewis an Ben und Lucia Ackerman. Als er vor ein paar Monaten mit seiner Frau Patrizia in der Toskana gewesen war, habe er zufällig Umberto Pietri wiedergesehen, schrieb er. Und der habe ihm gestanden, dass er im Spanischen Bürgerkrieg seine Einheit verraten und ein Massaker zugelassen hatte. Kurz nach dem Geständnis, am 3. August 1963, starb Gals leiblicher Vater an Krebs. Die Witwe Lucia lebte noch bis 1979.

Durch Abe Lewis‘ Brief erfuhr Gal, dass sein leiblicher Vater ein Verräter gewesen war.

Nadja

Am 13. Oktober 1973 wartete Gal Ackerman am Port Authority Midtown Bus Terminal am Times Square auf einen Bus, um nach Deauville zu fahren und Louise Lamarque zu besuchen. Dabei fiel ihm eine junge Frau auf, die gerade ankam und kurz darauf eine Zeitschrift liegen ließ. Er nahm das Magazin mit in den Bus und fand darin einen mit dem Namen Zadie und einer Telefonnummer beschrifteten Umschlag. Den öffnete er in Deauville mit Wasserdampf und zog einen Brief heraus, den Nadja – wohl die junge Frau, die ihn verloren hatte – an ihren Bruder Sascha geschrieben hatte.

Zurück in New York, rief Gal die Nummer an und sprach mit Zadie Stewart, der stellvertretenden Leiterin der Marketingabteilung von Leichliter Associates. Bei Nadja handele es sich um ihre Mitbewohnerin, erklärte sie, und bat ihn, den Brief per Post an ihre Firmenadresse zu schicken. Stattdessen bat Gal seinen Freund Marc Capaldi, den inzwischen wieder zugeklebten Brief persönlich bei Zadie Stewart abzugeben. Als sie am Abend nach Hause fuhr, folgte er ihr nach Brighton Beach und fand auf ihrem Klingelschild auch den Namen ihrer Mitbewohnerin Nadja Orlov.

Daraufhin beauftragte er den Privatdetektiv Robert („Bob“) Carberry von Clark Investigation & Security Services mit Nachforschungen über Nadja Orlov.

In seinem Bericht schrieb Bob Carberry, Nadja sei 1950 in der sibirischen Stadt Laryat als Tochter des Atomphysiker-Paars Olga und Mikhail Orlov geboren worden. In den Fünfzigerjahren war die Familie, zu der auch Nadjas drei Jahre älter Bruder Alexander („Sascha“) gehörte, in die USA geflohen. Nadja sei 1962 als elfjähriges Wunderkind vom Bostoner Konservatorium angenommen worden und studiere inzwischen im dritten Jahr an der Juillard School of Music in Manhattan, berichtete der Detektiv.

Kurz darauf merkte Nadja, dass der Mann, den sie zuerst am Busbahnhof gesehen hatte, sie beschattete. Am 30. Oktober stellte sie sich ihm in den Weg, fragte ihn, was er von ihr wolle, und er gestand ihr, dass seine Gedanken seit der ersten Begegnung um sie kreisen würden. Er nahm sie mit in seine Wohnung, wo sie sich entkleidete, während er die Vorhänge zuzog.

1974 entdeckte Gal das „Oakland“ und begann dort zu schreiben.

Die Liebesbeziehung mit Nadja war von kurzer Dauer, denn sie verliebte sich 1974 in Eric Rosoff, einen Kommilitonen an der Juillard School of Music. Sie zog nicht nur mit dem aus Boston stammenden jungen Pianisten zusammen, sondern heiratete ihn 1978 sogar, obwohl sie nichts von ehelichen Verbindungen hielt. Aber die Ehe hielt auch nur ein Jahr.

Sie schrieb dann wieder Briefe an Gal, die sie ans „Oakland“ schickte, aber nach einer 1987 in Las Vegas abgestempelten – mit „Nadja G.“ unterzeichneten Karte brach der Kontakt komplett ab.

Oakland, Bar & Grill

Frank Otero wurde 1932 geboren. Er und seine 14 Jahre jüngere Ehefrau Carolyn haben zwei Töchter – Camila und Teresita – sowie einen Sohn. Vincent wird das „Oakland“ weiterführen.

Bevor Frank 1957 das „Oakland“ eröffnete, hatte er eine andere Bar in den Docks betrieben. Einige der Stammgäste waren ihm von dort ins neue Lokal gefolgt, darunter Knut Jansson, der Kapitän eines Frachters, und dessen Erster Offizier Niels Claussen.

Niels wurde von der jamaikanischen Mulattin Jaclyn Fox um den Verstand gebracht. Er desertierte und gab alles auf, um sie zu heiraten. Aber sie langweilte sich bald mit ihm und verließ ihn wegen eines Iren. In „The Brooklyn Eagle“ vom 23. September 1957 las Niels, dass ihre Leiche im Prospect Park gefunden worden sei. Der irische Liebhaber hatte sie ermordet.

1979 erkannte Frank den ehemaligen dänischen Schiffsoffizier unter den alkoholkranken Obdachlosen in der Nähe von Red Hook und nahm ihn mit. Manuel El Cubano, der als Hilfskraft im „Oakland“ arbeitete, begann das menschliche Wrack zu umsorgen.

All das hielt Gal Ackerman in seinen Texten fest.

Brooklyn

Als Frank die Nische an Gals Grab auf dem Dänischen Friedhof in Fenners Point im Frühjahr 2008 aufgebrochen und leer vorfindet, alarmiert er Ness. Wer könnte den unveröffentlichten Roman „Brooklyn“ geraubt haben?

Anfang Mai erhält Frank das Buch mit der Post zurück. Als Absenderin ist Samantha Stevens in New York angegeben.

Ness liest am 9. Mai eine Mail von Samanthas Mitbewohnerin, die ihren Namen vorerst nicht nennen möchte. Die Architekturstudentin verfügt über einige Texte von Gal Ackerman und möchte sich mit Ness treffen, steckt jedoch in Prüfungsvorbereitungen und hat erst in einigen Wochen Zeit, wenn sie am 27. Mai zur Erholung nach Paris gereist und Ness in Madrid sein wird. Schließlich verabreden sie sich im Juni auf dem Friedhof in Cádiz.

Die junge Dame heißt Brooklyn Gouvy. Ihr Vater Bruno Gouvy ist Diplomat. Er lernte ihre Mutter 1986 in Paris kennen, wo die Geigerin Nadja Rossof mit einem Stipendium bei Philippe Bédier am Nationalen Konservatorium für Musik und Tanz studierte. Die beiden heirateten, und am 3. Mai 1988 wurde ihre Tochter Brooklyn geboren. Als Nadja Gouvy 2007 starb, hatte Bruno bereits eine neue Aufgabe in Tokio übernommen.

Am 3. Mai 2008 lud Bruno Gouvy seine Tochter zu einem Restaurant-Essen in New York ein, um ihren Geburtstag zu feiern und ihr eine Metallschatulle aus dem Nachlass ihrer Mutter zu schenken. Darin fand Brooklyn Schmuck und ein Tagebuch über Nadjas Liebesbeziehung mit Gal Ackerman.

Deshalb fuhr Brooklyn mit Samantha nach Fenners Point, und an Gals Grab auf dem Dänischen Friedhof brachen sie das Schloss der Nische auf, um an das dort deponierte Buch zu kommen. Nachdem Brooklyn es gelesen hatte, bat sie ihre Mitbewohnerin, es ins „Oakland“ zu schicken, die Bar, die sie aus den Roman „Brooklyn“ kannte. Und sie suchte nach Ness Chapman, den Mann, der Gal Ackermans Manuskript fertiggestellt hatte.

Auf dem Friedhof in Cádiz übergibt Brooklyn Ness die Schriften, die sie in der Schatulle fand. Aber er beschließt, den Roman nicht mehr zu ändern.

Epilog

Im September 2010 treffen sich Ness und Brooklyn noch einmal, diesmal auf dem Dänischen Friedhof in Fenners Point.

Als Brooklyn den Friedhof verlässt, läuft Ness ihr nach und sieht, dass ihr Vater neben einer Limousine mit Diplomaten-Kennzeichen auf sie wartet. Bruno Gouvy nimmt seine schluchzende Tochter in die Arme.

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In einem 21 Seiten langen Nachwort erläutert Eduardo Lago (*1954) die Entstehungsgeschichte seines Romans „Brooklyn soll mein Name sein“. Seit er Mitte der Achtzigerjahre erstmals in New York gewesen sei, habe er Dutzende von Heften vollgeschrieben, heißt es da.

Ich schrieb, weil ich nicht anders konnte, und ich tat es ohne die Absicht, etwas zu veröffentlichen.

Zehn Jahre lang habe er an dem Roman gearbeitet, dann alles vernichtet und noch einmal von vorne angefangen.

Dabei ging es mir nicht darum, meine persönliche Geschichte zu erzählen; was ich wollte, war eine vielen Menschen gemeinsame Gefühlsregung zu durchleuchten. Einen Berührungspunkt zwischen dem Land, in das ich gekommen war, und dem, das ich hinter mir gelassen hatte, fand ich in einer historischen Episode, strotzend vor Idealismus und großen Gefühlen, aber mit einem schmerzhaften Ende, nämlich in den jungen Leuten aus Nordamerika, die sich der Lincoln-Brigade anschlossen und nach Spanien gingen, um gegen den Faschismus zu kämpfen.

Als „Llámame Brooklyn“ / „Brooklyn soll mein Name sein“ 2005 fertig war, interessierten sich mehrere Verlage dafür, aber Eduardo Lagos Literaturagentin Antonia Kerrigan in Barcelona riet ihm, sich vor einer Veröffentlichung für den Premio Nadal de Novela 2006 zu bewerben, einen der beiden bedeutendsten spanischen Literaturpreise. Und den bekam er dann auch, bevor der Roman im selben Jahr bei Ediciones Destino in Barcelona erschien.

„Brooklyn soll mein Name sein“ beginnt und endet auf einem Friedhof.

Eduardo Lago macht es uns Leserinnen und Lesern nicht leicht, denn er entwickelt die Handlung nicht stringent, sondern reiht wie in einem Kaleidoskop Episoden und von einem der Protagonisten vorgefundene Texte aneinander, ohne den roten Faden zu zeigen. Dabei springt er nicht nur vor und zurück, sondern auch zwischen den Handlungssträngen und den beiden Ich-Erzählern hin und her. Mitunter verschachtelt Eduardo Lago sogar Episoden.

Nicht genug damit: Eduardo Lago stopft „Brooklyn soll mein Name sein“ mit Texten und Anekdoten voll, die mit der Handlung nichts zu tun haben, beispielsweise mit (Binnen-)Erzählungen, die Néstor („Ness“) Oliver Chapman liest, während er Gal Ackermanns Nachlass ordnet und aussortiert, was er nicht in den geplanten Roman „Brooklyn“ aufnehmen möchte. Da gibt es eine Zeitungsmeldung über den Suizid des depressiven Malers Mark Rothko am 25. Februar 1970, die Geschichte über Daniel Rakowitz, der 1989 in New York die Schweizer Tanzstudentin Monika Beerle ermordete und einen Zeitungsartikel über ein tot im Müll gefundenes Neugeborenes. Thelonious Monk, Ralph Bates, Thomas Pynchon und andere haben Cameo-Auftritte.

Die Episoden in „Brooklyn soll mein Name sein“ sind nicht anschaulich inszeniert, sondern werden in Form von Dialogen, Zeitungsmeldungen, Reden, Briefen oder Tagebuch-Eintragungen skizziert. An keiner Stelle tut Eduardo Lago so, als sei das Geschriebene objektiv wahr. Nein, alles wird aus der subjektiven Perspektive einer Figur erzählt oder als Zeitungsartikel wiedergegeben.

Im Nachwort erklärt Eduardo Lago, er habe von Anfang an gewusst, dass „Brooklyn soll mein Name sein“ von zwei Protagonisten getragen werden müsse, zwei Ich-Erzählern, die er mit den beiden Brennpunkten einer Ellipse vergleicht: Gal Ackerman und Ness Chapman. Zu Beginn des Romans ist die eine Hauptfigur bereits tot.

Eine gut vier Seiten lange „Chronologie“ und ein mehr als sechs Seiten langes Personenverzeichnis im Anhang des Buches helfen nur begrenzt bei der Orientierung, zumal einige Daten in der Chronologie nicht mit den Angaben im Roman übereinstimmen.

Im Kern dreht sich „Brooklyn soll mein Name sein“ um die Entstehung eines Romans mit dem Titel „Brooklyn“. Eduardo Lago geht es um das Schreiben und das Thema Literatur. Da gibt es auch einen Selbstreferenzeffekt.

Gar nicht so schlecht, oder Gal? Die Dialoge ohne Anführungszeichen, verwoben mit der Handlung, so, wie es dir gefiel. Und jetzt werde ich etwas tun, das ich ebenfalls von dir gelernt habe: Fragmente meines Tagebuchs einfügen.

Wer sich der Mühe unterzieht, sich in „Brooklyn soll mein Name sein“ zurechtzufinden, wird auf jeden Fall mit einem anspruchsvollen Roman weit abseits des Mainstreams belohnt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Alfred Kröner Verlag

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