Ulla Lenze : Der Empfänger

Der Empfänger
Der Empfänger Originalausgabe Klett-Cotta, Stuttgart 2020 ISBN 978-3-608-96463-9, 302 Seiten ISBN 978-3-608-11581-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Josef Klein wandert im Winter 1924/25 in die USA aus. Der arglose, unpolitische Amateurfunker gerät 1939 ins Blickfeld nationalsozialistischer Geheimagenten, und als er endlich begreift, auf was er sich da eingelassen hat, ist es zu spät. Er droht sich zu verlieren und hat Mühe, seinen Weg zu finden.
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Kritik

Ulla Lenze erzählt die packende Geschichte in "Der Empfänger" aus der Perspektive des Protagonisten, der auf seine Erlebnisse zurückblickt. Auch wenn wir alle anderen Figuren aus Josef Kleins Blickwinkel sehen, sind diese teils konträren, teils spiegelnden Charaktere geschickt gewählt.
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New York, 1925

Josef Klein wandert im Winter 1924/25 in die USA aus. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Carl muss in Düsseldorf zurückbleiben, weil er unlängst bei einem Unfall das linke Auge verloren hat und deshalb kein Einreisevisum bekommt.

Nach der Ankunft auf Ellis Island im Januar 1925 tauscht Josef die 760 Billionen Reichsmark, die er bei sich hat, in 181 US-Dollar um.

Er lernt Arthur kennen, der ihm nicht nur einen Job in seiner kleinen Druckerei anbietet, sondern ihn auch in seiner Privatwohnung aufnimmt – bis er nach einiger Zeit heiratet und Josef in ein billiges Apartment in East Harlem zieht.

New York, 1939/40

Josefs einziger Luxus ist eine Ausrüstung als Amateurfunker.

[…] die Ruhe und ein lebenswichtiges Gefühl des Verschwindenkönnens. Verschwinden und, gleichzeitig, sich Stimmen in die Wohnung holen, nach Lust und Laune.

Im Februar 1939 kommt er über Funk in Kontakt mit W2DKJ, einer 24-jährigen Frau namens Lauren in den Catskill Mountains, deren Eltern ein Hotel in Woodstock betreiben. Bald darauf verlässt sie ihr Elternhaus, zieht nach New York – und wird trotz des großen Altersunterschieds Josefs Freundin.

Durch Auftraggeber der Flyer, die Arthurs Druckerei herstellt, macht Josef, der längst einen amerikanischen Pass hat, die Bekanntschaft eines Mitglieds des nationalsozialistischen Amerikadeutschen Bundes. Hans Schmuederrich stellt ihm einen Zuverdienst als Amateurfunker in Aussicht und sagt, er kenne einen deutschen Geschäftsmann, der neue Kommunikationswege suche.

Um Hans Schmuederrich nicht zu verprellen, folgt Josef dessen Aufforderung, an einer „Pro-Amerika“-Kundgebung des Amerikadeutschen Bundes am 20. Februar 1939 im Madison Square Garden teilzunehmen. Der Bundesleiter Fritz Julius Kuhn vergleicht in seiner Rede Hitler mit George Washington und polemisiert gegen „Frank D. Rosenfeld“ und dessen „Jew Deal“.

Danach bestellt Hans Schmuederrich den Amateurfunker ins „Old Heidelberg“ und stellt ihn dort Dr. Nikolaus Ritter vor. Der Textilhändler beschäftigt zwar bereits einen Amateurfunker namens Max, aber der kann nicht gut genug morsen und soll deshalb mit Josef Klein zusammenarbeiten. Im „Old Heidelberg“ sieht Josef auch Frederick („Fritz“) Joubert Duquesne. Das sei ein „Masterspy“ wird getuschelt. (Tatsächlich leitet Duquesne einen deutschen Spionagering, den das FBI 1941 mit Hilfe des Doppelagenten William G. Sebold zerschlägt.)

Max kommt zu Josef in die Wohnung und übergibt ihm Zahlenreihen, die er morsen soll, obwohl es strafbar ist, codierte Nachrichten zu senden. Immerhin erhält Josef dafür 20 Dollar.

Im April erklärt Josef Klein Hans Schmuederrich, dass er nicht für den deutschen Geheimdienst arbeiten wolle. Als Max und der Chiffrierer Ludwig am nächsten Tag klingeln, macht Josef nicht auf. Abends verlässt er das Haus, aber er kommt nicht weit. Man schlägt ihn zusammen und ermahnt ihn, mit den „Mätzchen“ aufzuhören.

Einfach ein Mensch sein, dachte er. Der isst, atmet, schläft, arbeitet […]. Einfach sein. Irgendwann kam die Einsicht, dass einfaches Sein das Schwierigste war. Alle wollten irgendetwas aus einem machen. Und sei es, einen Deutschen, der nichts dafür konnte, Deutscher zu sein.

Als Josef im Mai mit seiner Freundin ins Kino geht und sie den Film „Confessions of a Nazi Spy“ von Anatole Litvak anschauen, argwöhnt Lauren aufgrund seiner Reaktionen, dass er für den deutschen Geheimdienst arbeiten könnte. Zwei Monate später stellt sie ihn zur Rede. Er versichert ihr, dass er damit aufgehört habe. (Tatsächlich beendete Hans Schmuederrich kurz zuvor die Zusammenarbeit mit ihm.) Josef und Lauren einigen sich darauf, dass er sich dem FBI stellen würde, falls er noch einmal von einem Agenten kontaktiert werden sollte.

Monatelang geschieht nichts, aber im Sommer übergibt ihm Max das tragbare Funkgerät, mit dessen Bau er vor seiner „Entlassung“ begonnen hatte und verlangt von ihm, es fertigzustellen. Josef nimmt sich vor, das Gerät in den Hudson zu werfen – aber er bringt es nicht über sich.

Im August teilt Lauren ihm mit, dass sie ihn dem FBI gemeldet habe, um Schlimmeres zu verhindern. Josef bleibt nichts anderes übrig, als am nächsten Morgen selbst hinzugehen. Ein Agent namens Ettinger spricht mit ihm. Das FBI erhielt bereits einen Hinweis auf ihn, als er Bauteile für das tragbare Funkgerät gekauft hatte und der Händler misstrauisch geworden war. Nun soll er das Koffergerät fertigstellen, weiter mit den Deutschen kooperieren und Ettinger Bericht erstatten.

Am 12. September 1940 werden bei einer Explosion in der Munitionsfabrik Hercules in Kenvil/New Jersey 51 Menschen tödlich und weitere 200 zum Teil schwer verletzt. Einer Zeitung zufolge geht das FBI nach ersten Ermittlungen von einem Unfall aus, aber Max versichert Josef, dass es sich um einen deutschen Anschlag gehandelt habe („Operation Sonnenstaub“).

Arthur, der von Josefs Tätigkeit für den deutschen Geheimdienst weiß, glaubt inzwischen, dass arglose Laien wie Josef benutzt wurden, um das FBI von den maßgeblichen Agenten abzulenken.

Ein halbes Jahr später wird Josef festgenommen.

Ellis Island, 1945/46

Nach vier Jahren im Bundesgefängnis Sandstone/Minnesota wird Josef Klein im Herbst 1945 in ein Internierungslager auf Ellis Island gebracht. Wäre er nur vier Monate später verhaftet worden, hätte er aufgrund des dann eingeführten Kriegsrechts mit der Todesstrafe rechnen müssen, wie die acht Agenten der Geheimdienst-Operation „Pastorius“, von denen sechs im August 1942 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden.

Neuss, 1949

Josef Klein wird aus Amerika abgeschoben und kommt im Juni 1949 nicht nur mittellos, sondern auch ohne Papiere nach Neuss, zu seinem Bruder Carl, der Schwägerin Edith, dem 13-jährigen Neffen Paul und der Nichte Irene, die zwei Jahre jünger als ihr Bruder ist. Wegen des Glasauges musste Carl Klein nicht in den Krieg, und er betreibt schon seit vielen Jahren einen Seifengroßhandel.

Josef ruft Hans Dörsam in Pulheim an, dessen Telefonnummer er von Hans Schmuederrich bekommen hat. Dörsam meldet sich mit dem Namen „Meerbusch“ und bestellt den Anrufer nach Köln. Dort begrüßt er ihn mit „Heil Hitler“. Dann bemerkt er, dass er nicht, wie erwartet, Josef Wolpensinger vor sich hat, sondern den Amateurfunker Josef Klein, den er in New York kennengelernt hatte. Er rät ihm, in Bonn ein Visum für Argentinien zu beantragten und stellt ihm falsche Papiere in Aussicht.

Buenos Aires, 1949

Im Oktober 1949 fährt Carl Klein seinen Bruder nach Aachen und setzt ihn an einem Waldrand ab. Zu Fuß überquert Josef die grüne Grenze nach Belgien. Zwar fällt er zwei Grenzern auf, aber die beiden lassen ihn für eine Schachtel Zigaretten und ein paar Dollar laufen, helfen ihm sogar noch, von einem Autofahrer mit nach Eupen genommen zu werden.

Von dort gelangt Josef mit dem Zug zunächst nach Paris und weiter nach Le Havre, wo er an Bord eines Schiffes nach Dakar geht. Weil er kein Geld für die Atlantiküberquerung hat, heuert er in Dakar als unbezahlter Küchenhelfer auf einem Dampfer nach Buenos Aires an.

Im November trifft er dort ein.

In der deutschen Community hält man ihn für einen geflohenen Nazi und hilft ihm deshalb. Das Ehepaar Griebel aus dem Saarland nimmt ihn auf, und er bekommt eine Anstellung in der Druckerei Casa Schirmer.

San José, Costa Rica, 1953

Nach zwei Jahren in Buenos Aires macht er sich auf den Weg in die USA. Aber nachdem seine Papiere in Costa Rica als gefälscht erkannt wurden, strandet er dort.

Er wohnt bei einer Witwe namens Maria, deren fünf Kinder bereits alle eigene Familien haben. Und er arbeitet nun für ein geografisches Institut, das Vermessungsarbeiten durchführt.

Im Juni 1953 besucht ihn Hans Dörsam. Bei den im Herbst bevorstehenden Wahlen zum Deutschen Bundestag sei der hochdekorierte ehemalige Offizier Hans-Ulrich Rudel Spitzenkandidat der Deutschen Reichspartei, berichtet er. Man arbeite auf einen Umsturz hin und suche auch nach gleichgesinnten Deutschen im Exil. Josef Klein lehnt eine Beteiligung ab.

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Ulla Lenze erklärt in ihrem Roman „Der Empfänger“ vorab, dass ihr Großonkel Josef Klein Vorbild für die gleichnamige, jedoch fiktive Romanfigur gewesen sei.

Josef Klein wandert im Winter 1924/25 in die USA aus, findet dort Arbeit in einer Druckerei und erhält einen amerikanischen Pass. Er liebt Jazz und fühlt sich im Völkergemisch von East Harlem wohl. Der arglose, unpolitische Amateurfunker gerät 1939 ins Blickfeld nationalsozialistischer Geheimagenten, und als er endlich begreift, auf was er sich da eingelassen hat, ist es zu spät. Nach jahrelanger Haft wird er 1949 aus den USA abgeschoben und sucht vorübergehend Zuflucht in Deutschland, bei der Familie seines jüngeren Bruders, der 1924 kein Einreisevisum für die USA bekommen hatte. So bald wie möglich überquert Josef Klein die grüne Grenze nach Belgien und schlägt sich ohne Papiere weiter nach Lateinamerika durch, wo ihn die Gemeinde der geflohenen Nationalsozialisten für ihresgleichen hält. Am Ende strandet er auf dem Weg zurück in die USA in Costa Rica.

Der „Empfänger“ − Josef, Joe, José − ist ein Mann, der sich zu verlieren droht und Mühe hat, seinen Weg zu finden. Ulla Lenze entwickelt die packende, abwechslungsreiche Geschichte nicht chronologisch, sondern im Vor und Zurück zwischen den verschiedenen Zeitebenen. Sie erzählt aus der Perspektive des Protagonisten, der auf seine Erlebnisse zurückblickt. Auch wenn wir alle anderen Figuren aus Josef Kleins Blickwinkel sehen, sind diese teils konträren, teils spiegelnden Charaktere geschickt gewählt. Ulla Lenze beschreibt die Personen in „Der Empfänger“ nicht, sondern zeigt uns, wie sie sich verhalten. Und statt das Geschehen aufdringlich zu erläutern, begnügt sie sich mit feinfühligen Andeutungen. Dabei gelingt es ihr auch, eine dichte melancholische Atmosphäre zu erzeugen.

Den Roman „Der Empfänger“ von Ulla Lenze gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Frank Arnold (ISBN 978-3-95862-568-6).

Ulla Lenze wurde am 18. September 1973 in Mönchengladbach geboren. Sie studierte Schulmusik und Philosophie auf Lehramt in Köln. Schon als 16-jährige Gymnasiastin hatte sie ein halbes Jahr bei einer Gastfamilie in Indien verbracht. Writer-in-Residence war Ulla Lenze 2004 einen Monat lang in Damaskus, 2009 ein Vierteljahr in Istanbul und 2010 neun Monate in Mumbai. 2014 begleitete sie den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Neu Delhi. Zwei Jahre später nahm Ulla Lenze an einem Treffen irakischer Dichterinnen in Basra teil.

Ihr 2003 veröffentlichter Debütroman „Schwester und Bruder“ wurde sogar ins Chinesische und Arabische übersetzt. „Der Empfänger“ ist ihr fünfter Roman. Die Schriftstellerin bekam zahlreiche Auszeichnungen, zum Beispiel den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft für ihr Gesamtwerk.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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Harald Steffahn beginnt sein Buch über Bertha von Suttner mit einem historischen Überblick. Auch die eigentliche Biografie benützt er zwischendurch mehrmals, um politische und gesellschaftliche Zeiterscheinungen zu illustrieren.
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