Jonathan Lethem : Der Stillstand

Der Stillstand
The Arrest HarperCollins, New York 2020 Der Stillstand Tropen Verlag, Stuttgart 2024 ISBN 978-3-608-50242-8, 328 Seiten ISBN 978-3-608-12250-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Beim "Stillstand" ist mit der Technik die staatliche Organisation zusammengebrochen, und das Leben ist gewissermaßen wieder vorindustriell. Die meisten Dinge, die bis zum Stillstand für unverzichtbar gehalten wurden, bedeuten nichts mehr. Ein paar Überlebende sind auf einer Halbinsel zu "Agrarhippies" geworden und bilden eine Selbstversorger-Enklave, die durch einen "Kordon" von der Außenwelt abgeschirmt wird.
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Kritik

Unter dem Titel "Der Stillstand" hat Jonathan Lethem einen postapokalyptischen Roman geschrieben. Für die Charaktere interessiert sich Jonathan Lethem nicht; sie wirken wie aus einem Comic. Das Etikett "Popliteratur" würde allerdings darüber hinwegtäuschen, dass "Der Stillstand" als ironische Parabel auf unsere industrielle Wegwerf-Gesellschaft, die globalisierte Welt und nicht zuletzt Hollywood gelesen werden kann.
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Der Stillstand

Der Stillstand (über dessen Ursachen wir nichts erfahren) begann mit dem Fernsehen. Dann quoll Benzin aus den Tanks der Autos. Sie sind seither ebenso unbrauchbar wie Flugzeuge, Computer und Smartphones, elektrische Haushaltsgeräte und Waffen.

Der damals in Los Angeles lebende Drehbuchautor Alexander („Sandy“) Duplessis, den die meisten „Journeyman“ nennen, besuchte gerade wieder einmal seine zwei Jahre jüngere Schwester Madeleine („Maddy“), als die Welt stehen blieb. Maddy hatte am Baginstock College in Maine studiert, sich dann einem Kollektiv für Biolandwirtschaft angeschlossen und gehört inzwischen zu den „Agrarhippies“ der in East Tinderwick auf einer Halbinsel in Maine gegründeten Spodosol Ridge Farm. Ihre Lebensgefährtin Astur Guutaale war 19, als die Eltern mit ihr und ihren Geschwistern aus Somalia flohen. Was seit dem Stillstand aus ihren Familienangehörigen geworden ist, weiß sie nicht.

In Tinderwick gibt es seit dem Stillstand keine Nachrichten aus der Außenwelt. Dafür sorgt nicht zuletzt der Kordon. Die „Kordonisten“ schirmen die Bewohner im Zentrum der Halbinsel ab und erhalten als Gegenleistung für diesen Schutz Gemüse, Käse, Wurst und Eingelegtes.

Journeyman, der durch den Stillstand bei seiner Schwester aus der Spodosol Ridge Farm gestrandet ist, liefert wie ein Bote Lebensmittel aus und arbeitet als Hilfskraft für den Schlachter Augustus Cordell, der in der Filiale einer Bank in Tinderwick beschäftigt war, als es noch Geldgeschäfte gab.

Der Eindringling

Journeyman hat gerade Jerome Kormentz eine Ration Lebensmittel gebracht, einem Mann, der aus Tinderwick in ein einsames Blockhaus am Nordteich verbannt worden ist, weil er angeblich Jugendliche sexuell belästigt hatte.

Auf dem Rückweg wird Journeyman von Kordonisten abgepasst. Er soll mit dem Fahrer eines seltsamen Gefährts reden, der von der Außenwelt in den Kordon vorgedrungen ist und behauptet, mit Journeyman befreundet zu sein. Der Lärm des Monstervehikels ist bereits zu hören.

Bei dem Eindringling handelt es sich um Peter Todbaume. Er und Journeyman studierten zusammen in Yale. Während Journeyman danach Kurzgeschichten schrieb, die niemand drucken wollte, machte Peter Todbaume in Hollywood Karriere und bot dann seinem früheren Kommilitonen an, als Script Doctor für ihn zu arbeiten. Seine Aufgabe – „superlukrativ und kreativ belanglos“ – war es, bereits vorhandene Drehbücher zu verbessern.

Todbaume berichtet Journeyman, dass er für 14 Millionen Dollar eine von drei zum Fahrzeug umgebauten atomar angetriebenen Tunnelbohrmaschinen gekauft habe, die ursprünglich am Meeresboden eingesetzt worden waren. Vor zehn Monaten sei er mit „Blue Streak“ in Malibu losgefahren, um Journeyman und dessen Schwester wiederzusehen.

Der Turm

Journeyman sorgt dafür, dass Peter Todbaume den Blue Streak im Gründerpark gegenüber der vorgelagerten Insel Quarry abstellt. Dort gräbt das Ungetüm seine Versorgungs- und Abwasserleitungen in den Boden.

Jeden Abend versammeln sich Interessierte um Todbaume am Lagerfeuer und hören seinen etappenweise erzählten „Reisebericht“ an. Der ist allerdings unzuverlässig. Einmal behauptet Todbaume, seit dem Stillstand sei in der Außenwelt alles tot und kaputt, am nächsten Tag versucht er, die Zuhörer glauben zu machen, das Leben innerhalb des Kordons sei als Realityshow inszeniert.

Während Astur Guutaale mit ihrer Lebensgefährtin und vielen anderen aus East Tinderwick angeblich am Bau eines Leuchtturms auf Quarry Island arbeitet, bereitet der Kordon einen Überfall vor, bei dem nicht nur das Superfahrzeug im Gründerpark in Besitz genommen werden soll, sondern auch die Spodosol Ridge Farm. Bevor der Angriff erfolgt, fängt der Blue Streak an, sich in den Strand einzugraben und nimmt unter Wasser Kurs auf Quarry Island.

Als das Monster am Uferschelf der Insel auftaucht, packen es die dort in den letzten Tagen im Rahmen des angeblichen Leuchtturmprojekts montierten „robotischen Beißzangen“. Das Kettenfahrwerk blockiert. Nun stellt sich heraus, dass aus der gesamten Insel eine Maschine geworden ist. Am neuen Turm montierte Winden ziehen den wie von Krebsscheren umklammerten Blue Streak Zentimeter für Zentimeter heran.

Gegenüber der Insel, im Gründerpark, wüten inzwischen die Cordonisten und setzen alles in Brand.

Ein gewaltiger Granitfelsen an der Klippe wurde ebenfalls mit den Winden verbunden und so unterhöhlt, dass ein paar Hammerschläge ausreichen, um ihn ins Meer stürzen zu lassen. Dabei hievt er den Blue Streak mit Todbaume zur Turmspitze hinauf.

Die Cordonisten ziehen ab. Sie haben einen Mann namens Edwin Gorse in seiner Küche umgebracht, und Jerome Kormentz erhängte sich im Blockhaus am Nordteich, als er die Angreifer kommen sah.

Beim Ausliefern von Lebensmitteln versorgt Journeyman von da an auch Peter Todbaume auf dem Turm.

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Unter dem Titel „Der Stillstand“ hat Jonathan Lethem einen postapokalyptischen Roman geschrieben. Mit der Technik ist die staatliche Organisation zusammengebrochen. Ein paar Überlebende sind auf einer Halbinsel an der Nordostküste Amerikas zu „Agrarhippies“ geworden und bilden eine Selbstversorger-Enklave, die durch einen „Kordon“ von der Außenwelt abgeschirmt wird. Das Leben ist gewissermaßen wieder vorindustriell. Die meisten Dinge, die bis zum Stillstand für unverzichtbar gehalten wurden, bedeuten nichts mehr. Statt um Wirtschaft und Wachstum geht es um Biolandwirtschaft und Nachhaltigkeit.

Jonathan Lethem entwickelt die absurde Geschichte aus der Perspektive des ehemaligen Drehbuchautors Alexander („Sandy“) Duplessis, den die meisten „Journeyman“ nennen, lässt ihn allerdings nicht als Ich-Erzähler auftreten. Journeymans Wissen ist eingeschränkt, und er erfährt auch nicht alles, was in der Gemeinde ausgeheckt wird. Aber auch Zusammenhänge, über die er zumindest Vermutungen anstellen könnte, bleiben ungeklärt. Wodurch wurde der apokalyptische Stillstand ausgelöst? Warum hassen sich Madeleine („Maddy“) Duplessis und Peter Todbaume? Diese Fragen klärt Jonathan Lethem offenbar absichtlich nicht.

Und für die Charaktere in „Der Stillstand“ interessiert sich Jonathan Lethem ebenso wenig. Sie wirken wie aus einem Comic. Einige Kritiker klassifizieren „Der Stillstand“ denn auch als Popliteratur. Allerdings täuscht dieses abwertende Etikett darüber hinweg, dass „Der Stillstand“ als ironische Parabel auf unsere industrielle Wegwerf-Gesellschaft, die globalisierte Welt und nicht zuletzt Hollywood gelesen werden kann.

Jonathan Lethems Sprache in „Der Stillstand“ wird von ungewöhnlichen Formulierungen geprägt, zu denen auch Wortneuschöpfungen gehören, wie sie Ulrich Blumenbach zum Beispiel mit „steppenhexenstill“ bzw. „abnukleardampfen“ übersetzt hat.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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