Martin Mosebach : Ruppertshain

Ruppertshain

Martin Mosebach

Ruppertshain

Ruppertshain Originalausgabe: Hamburg 1985 Vom Autor neu durchgesehene Neuausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004 ISBN 3-423-13159-4, 476 S., 19.50 €
Buchbesprechung

Inhaltsangabe


Nach dem Tod ihres Mannes wird Antonia mit der Tatsache konfrontiert, dass er ihr außer der von ihr bewohnten Villa aus der Gründerzeit nur Schulden hinterlassen hat und sie nicht weiß, wovon sie leben soll, ohne das parkähnliche Anwesen zu verkaufen, auf dem Immobilienhaie 50 bis 60 Bungalows errichten wollen.

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Kritik

"Ruppertshain" erinnert an ein morbides Genrebild. Martin Mosebach nimmt sich viel Zeit, seine Figuren und deren Beziehungen zu entwickeln. Während die gesellschaftliche Ordnung sich auflöst, wahrt er die literarische Form und achtet auch auf den sprachlichen Schliff.
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Es ist März. In einer Villa in Ruppertshain im Taunus, die sich ein Kammerherr der in Kronberg lebenden Kaiserin Friedrich in der Gründerzeit hatte bauen lassen, lebt eine Gruppe von Menschen: Heinrich, Antonia und Ivanovich, Stella, Herr Anton, Albrecht von Skrba, Hans Joachim, Marie-France und Schwester Julia.

Antonia ist eine gut aussehende und kultivierte Frau. Mit ihrer Mutter Stella war sie aus Kremsier nach Deutschland gekommen und vor dreißig Jahren – nach ihrer Eheschließung mit dem Flugzeughändler Heinrich – in dessen Villa nach Ruppertshain gezogen.

Im ersten Ehejahr, als Antonia mit ihrem einzigen Kind schwanger war, begann sie ein Verhältnis mit dem aus Prag stammenden Albrecht von Skrba, blieb jedoch fest entschlossen, Heinrich nicht zu verlassen. Heimlich traf Albrecht sich immer wieder mit Antonia in seiner Junggesellenwohnung in Frankfurt am Main. Als bereits alle Bekannten trotz der Diskretion des Paares von dem Verhältnis wussten, wollte Heinrich es immer noch nicht wahrhaben, doch eines Tages konnte er die Augen nicht mehr davor verschließen, dass seine Frau und Albrecht von Skrba – an dessen fast ständige Anwesenheit in Ruppertshain er sich inzwischen gewöhnt hatte – miteinander schliefen. Tagelang standen seine fürchterlichen Drohungen im Raum, und Albrecht tauchte einige Zeit nicht mehr in Ruppertshain auf, aber dann lenkte Heinrich ein und meinte, Albrecht habe ja schließlich keine goldenen Löffel gestohlen. Seit damals gehört Albrecht zu den Bewohnern der Villa, und wenn Heinrich keine Zeit hatte, Antonia zu einer Abendgesellschaft zu begleiten, sprang er ein.

Albrecht trottelte geistesabwesend hinter ihr her, als habe er vergessen, was es in den Augen der anderen Männer bedeutete, mit einer solchen Frau gesehen zu werden. (Seite 131)

Aber die Rücksicht, die sie beide auf Heinrich nahmen, legte sich „wie grauer Staub“ auf ihre Gefühle. Antonia verglich Heinrich mit einem Eroberer, Albrecht eher mit einem Weisen und sagte:

„Heinrich ist laut und barbarisch wie ein Landsknecht, und das ist bei einem Mann gar nicht schlecht, und Albrecht ist still und fein und besteht nur aus lauter Takt.“ (Seite 235)

Beim ersten Tennismatch gegen Heinrich hatte Albrecht noch verwundert ausgerufen: „Der Heinrich spielt ja, um zu gewinnen!“ Tatsächlich liebte der Unternehmer es, sich mit anderen zu messen. Antonia erinnert sich:

[…] Heinrich kannte keine Pflichten, solange er gesund war. Er tat alles, weil es ihm Spaß machte, weil er neugierig war, wohin er seine Geschäftspartner bekommen könne, wenn er nur zäh und listig genug war, und weil er sich als vollständiger Mensch nur fühlte, wenn er viel Geld ausgeben konnte. (Seite 73)

Trotz seiner schlanken Eltern entwickelte sich Hans – den seine Mutter beharrlich „Ivanovich“ nennt – zu einem korpulenten Nichtstuer. Heinrich erinnert sich daran, wie er gleich nach dem Krieg mit dem Dreijährigen an der Hand spazieren ging und einer Flüchtlingsfrau mit ihrer kleinen Tochter begegnete. Hans schrie so lange, bis Heinrich der Fremden die Plastikente ihres Kindes abkaufte, doch als er sie seinem Sohn in die Hand gab, warf dieser sie fort. Mit zehn oder fünfzehn begann Ivanovich, seinen Vater eher lästig zu finden.

Das Schlimmste für Heinrich war, dass ihn sein Sohn nicht einmal eines richtigen Aufstandes für wert erachtete und dass er einfach stehen gelassen wurde wie ein langweilig gewordenes Spielzeug. (Seite 50)

Einmal ertappte Ivanovich seinen Vater zufällig in einem der Gewächshäuser mit einer Frau. Heinrich hakte ihr gerade mit einer Hand den Büstenhalter auf und zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Voller politischer Ideale ging Ivanovich später nach Nicaragua – und kehrte desillusioniert von dort zurück. Seit fünf Jahren arbeitet er an seiner Promotion, aber Antonia hat längst die Hoffnung aufgegeben, dass er seinen Doktor auch wirklich machen wird, denn Ivanovich mangelt es an Ehrgeiz und Zielen. Seine Triebe befriedigt er mit Marie-France, einem der französischen Aupairmädchen, die Antonia nacheinander eingestellt hat, seit Heinrich sich kein Hausmädchen mehr leisten will. Seit dem Tod des alten Gärtners kümmert sich niemand mehr um die Außenanlagen, den Park, den Pool, den Tennisplatz.

Als Ivanovich einmal den letzten Bus von Frankfurt nach Ruppertshain versäumt hatte, ließ er sich von Hans Joachim nach Hause fahren, einem früheren Schulfreund, dem er zufällig wieder begegnet war. Der sportliche junge Mann wohnt seither auch in der Villa.

In einem kleinen Zimmer unter dem Dach lebt Herr Anton. Den hatte Heinrich einmal als Diener aus einem Wiesbadener Hotel mitgebracht, und er wurde böse, wenn Antonia vorschlug, Herrn Anton in ein Altersheim zu schicken.

Schwester Julia kümmert sich um Heinrich, der an einem Gehirntumor erkrankt ist und im Sterben liegt.

Kurz vor seinem Tod bittet er seinen Sohn, ein prall gefülltes Geldkuvert aus einem Geheimfach seines Schreibtisches zu holen und überlässt es ihm. „Aber nichts der Mutter sagen!“, schärft er ihm ein.

Nach Heinrichs Beerdigung schlägt Antonia dem Aupairmädchen vor, sie beim Vornamen zu nennen, wie es die anderen Hausbewohner auch zu tun pflegen. Marie-France gewöhnt sich rasch an die neuen Verhältnisse, saugt zwar weiterhin Staub und fährt zum Einkaufen in den Supermarkt, fühlt sich aber nun den Damen des Hauses ebenbürtig. Sie versteht nicht, dass an die Stelle der aufgehobenen Unterordnung der Angestellten die Hierarchie des Alters getreten ist, und so versäumt sie es beispielsweise, Antonia einen Aschenbecher zu holen, wenn diese sich eine Zigarette anzündet.

Der Frankfurter Bankier Georg Batzenberg taucht eines Tages unangemeldet mit seinem aus Breslau stammenden Partner Erwin Czibulski in Ruppertshain auf und erklärt Antonia, er habe nur aus Freundschaft und im Vertrauen darauf, dass die Villa in Ruppershain als Sicherheit vorhanden war, einige riskante Geschäfte Heinrichs finanziert. Dadurch habe er viel Geld verloren. Außerdem wurde bei einer Prüfung der Bücher in Heinrichs Firma ein Fehlbetrag von 180 000 Mark festgestellt. Und nun erfuhr er, dass Heinrich das Anwesen in Ruppertshain schon vor vielen Jahren seiner Frau überschrieben hatte. Die Erbschaft ihres verstorbenen Mannes hatte Antonia wegen der Schulden klugerweise ausgeschlagen. Batzenberg und Czibulski versuchen ihr einzureden, dass es ihre moralische Pflicht sei, ihnen als Ausgleich das Grundstück zu überlassen, auf dem sie fünfzig oder sechzig Bungalows errichten wollen. Czibulski witzelt sarkastisch:

„Sie sitzen hier in dem schönsten Haus und in dem schönsten Park im Taunus, wir essen Spargel, die Sonne scheint, Rosen, Terrasse, alles wunderbar – aber keiner hat Geld.“ (Seite 163)

Tatsächlich muss Antonia sich fragen, wovon sie leben soll.

Das war also ihr Leben, dachte Antonia. Da war sie gelandet. Sie war die Geliebte eines Wracks, die Witwe eines Bankrotteurs, die Mutter eines Verrückten, sie wurde alt und arm […] (Seite 197)

Stella fragt Albrecht eines Tages unverblümt, warum er Antonia nicht heirate. Der hält das für eine gute Idee und verspricht der alten, auf einen Rollstuhl angewiesenen Dame, seine Ehefrau Gabriella in Klagenfurt unverzüglich um die Scheidung zu bitten. Stella ahnte nicht, dass Albrecht verheiratet ist. Er erzählte auch Antonia nie etwas davon. Tatsächlich hatte Gabriella ihn nach zwei Ehejahren – noch vor seiner Begegnung mit Antonia – verlassen und war zu ihren Eltern nach Kärnten zurückgekehrt.

Als Albrecht seiner Geliebten einen Heiratsantrag macht und in seiner Harmlosigkeit die zuvor noch erforderliche Scheidung erwähnt, beschimpft Antonia ihn, und er zieht sich beleidigt aus Ruppertshain zurück.

Im dunklen Korridor begegnet Antonia an diesem Abend zufällig Hans Joachim, der nackt vom Duschen kommt. Er küsst sie – und verlässt ihr Zimmer erst in den frühen Morgenstunden.

Albrecht kehrt bald nach Ruppertshain zurück …

[…] aber seine Gegenwart täuschte doch niemanden darüber hinweg, dass seine Rolle nun nicht mehr darin bestand, mit einem Nebenbuhler Duett zu singen, sondern dass er schweigen musste, um im musikalischen Bilde zu bleiben, während die Soloarie in dem leicht krähenden und nicht besonders umfangreichen Tenor Hans Joachims vorgetragen wurde. (Seite 236)

Im Herbst frösteln die Bewohner der Villa, denn Antonia hat kein Geld, um die Öltanks nachfüllen zu lassen, und das Holz ist noch zu frisch für den Kamin. Als das Telefon wegen überfälliger Rechnungen abgeschaltet wird, verkauft Hans Joachim dem Frankfurter Antiquitätenhändler Katzikis die große Bronzeuhr vom Kaminsims und steckt heimlich einen Teil des Erlöses ein.

Herr Anton erzählt Georg Batzenberg, dass er kurz vor Heinrichs Tod noch einen dicken Umschlag mit Banknoten in dessen Schreibtisch gesehen hatte. Als das Geld nicht mehr auftauchte, habe er zuerst die Krankenschwester verdächtigt, es gestohlen zu haben, aber dann sei er in Ivanovichs Zimmer auf einen herumliegenden Tausendmarkschein gestoßen. Mit diesem Wissen versuchen Batzenberg und Czibulski Heinrichs Witwe zu erpressen: Es handele sich offenbar um den Fehlbetrag in Heinrichs Firmenkasse, und für den Fall, dass Antonia ihnen das Geld vorenthalte, drohen sie ihr mit einer Anzeige.

Eines Nachts vermisst Antonia ihren jungen Geliebten. Sie sieht im Zimmer von Marie-France nach. Es ist leer. Dann sucht sie ihren Sohn auf. Er ist allein. Also liegt Marie-France bei Hans Joachim.

Mutter und Sohn erkannten die Ähnlichkeit ihrer Lage schnell, vermieden jedoch, darauf mehr als beiläufig einzugehen. Beide schämten sich, bei der Niederlage des anderen Zeuge zu sein und ihn zugleich die eigene erkennen zu lassen. (Seite 358)

Am nächsten Morgen wendet Antonia sich hilfesuchend an ihren Sohn. Gerührt gibt er ihr das Geld, das er von seinem Vater erhalten hat. Heinrich habe ihn als Erben angesehen, erklärt sie ihrem Sohn, weil er es ihm ermöglichen wollte, seine Mutter vor den Immobilienhaien zu beschützen. Ivanovich erinnert sich genau daran, dass sein Vater ausdrücklich gesagt hatte, er solle Antonia nichts von dem Geld verraten, aber er schweigt.

Die Affäre von Hans Joachim und Marie-France dauert nicht lang. Im November wird die junge Französin Albrechts Geliebte und zieht vorübergehend in dessen Wohnung in Frankfurt. Bald darauf kommen die beiden nach Ruppertshain zurück.

Antonia weiß, dass sie trotz des überraschend aufgetauchten Geldes verloren ist. Es bleibt ihr nur ein Ausweg: Sie wendet sich an Erwin Czibulski, der vor längerer Zeit von seiner Frau Inge verlassen wurde, bittet ihn um Hilfe und beginnt mit ihm ein Verhältnis.

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Der Plot des Romans „Ruppertshain“ ist rasch nacherzählt; das Besondere an diesem Buch lässt sich jedoch nicht so einfach beschreiben, denn es kommt vor allem auf die Zwischentöne an. Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach (*1951) nimmt sich viel Zeit, seine Figuren und deren Beziehungen zu entwickeln. „Ruppertshain“ erinnert an ein morbides Genrebild. Bedächtig und nachdenklich erzählt Martin Mosebach von dem Leben in einer Villa aus der Gründerzeit, die von Immobilienhaien umlauert wird, die das weitläufige Anwesen parzellieren und fünfzig bis sechzig Bungalows darauf bauen wollen. Die sich verändernden Beziehungen der Beteiligten und die vernachlässigten Außenanlagen symbolisieren den Verfall der Gesellschaft. Während deren Ordnung sich auflöst, achtet Martin Mosebach besonders auf die literarische Form und den sprachlichen Schliff. „Ruppertshain“ ist kein moderner Roman, sondern steht eher in der Tradition von Autoren wie Theodor Fontane und Thomas Mann.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © dtv

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