Deborah Levy : Augustblau

Augustblau
August Blue Hamish Hamilton, London 2023 Augustblau Übersetzung: Marion Hertle AKI-Verlag, Zürich 2023 ISBN 978-3-311-35015-6, 175 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 34 Jahre alte Protagonistin Elsa M. Anderson, eine weltberühmte Klaviervirtuosin, die ihre leiblichen Eltern nicht kennt, sucht in einer Welt ohne Eindeutigkeiten nach ihrer eigenen Identität. In Athen und in Paris, vielleicht auch in London, begegnet sie einer gleichaltrigen Frau, einer Art Doppelgängerin ...
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Kritik

"Augustblau" ist ein surrealer Entwicklungsroman von Deborah Levy. Deborah Levy lässt Figuren auftauchen, und dann spielen sie keine Rolle mehr. Das zerteilt den Roman in Episoden. Faszinierend ist die poetische Grundstimmung.
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Die Klaviervirtuosin

Elsa M. Anderson wuchs bei Adoptiveltern in Ipswich (Suffolk) auf. Im Alter von sechs Jahren wurde sie 1993 von dem im Londoner Stadtteil Richmond lebenden Arthur Goldstein adoptiert und von da an in seiner Musikschule zur Klaviervirtuosin ausgebildet, bis sie mit einem Stipendium an der Royal Academy of Music studierte. Während die Adoptiveltern sie Ann genannt hatten, gab ihr der damals 52 Jahre alte Adoptivvater den Namen Elsa. Der inzwischen 80-Jährige hält sie noch heute für ein Wunderkind, und ihr zweiter Vorname ist deshalb Miracle. Er lebt jetzt in seinem zweiten Haus auf Sardinien, in der Provinz Oristano.

2021 – während der Covid-19-Pandemie – tritt die inzwischen weltberühmte Konzertpianistin in Wien auf. Eine Woche zuvor hat sich die 34-Jährige das Haar blau färben lassen. Auf dem Programm steht das 2. Klavierkonzert op. 18 in c-Moll von Sergei Rachmaninow. Unvermittelt entfernt sich ihre Interpretation von der des Orchesters, weil sie in dem Musikstück aufgeht. Der überforderte Dirigent reagiert bestürzt und versucht gar nicht, darauf einzugehen. Abrupt verlässt Elsa M. Anderson die Bühne und bricht das Konzert ab.

Griechenland

Drei Wochen später fällt ihr auf einem Flohmarkt in Athen eine gleichaltrige Frau auf, die zwei mechanische Tanzpferde kauft. Sie trägt einen Trilby und wird von einem schätzungsweise 80 Jahre alten Mann begleitet.

Als die beiden weitergegangen sind, fragt Elsa den Händler ebenfalls nach zwei Pferden, aber die soeben verkauften waren seine letzten; er kann nur noch mechanische Tanzhunde anbieten. Die interessieren Elsa nicht. Als sie den von der Frau abgenommenen Trilby liegen sieht, setzt sie ihn auf – und trägt ihn ab da bei jeder Gelegenheit.

Mit der Fähre setzt Elsa von Piräus nach Poros über, wo sie einem 13-jährigen namens Marcus Klavierunterricht geben soll. Dessen Mutter stammt aus Norwegen, der Vater Steve aus Baltimore. Die Familie ist reich und stellt der Klavierlehrerin ein Ferienhaus mit Haushälterin zur Verfügung. Aber als Elsa dem Jungen von Isadora Duncan vorschwärmt, ihm vortanzt und ihn selbst zum Tanzen animiert, während sie am Flügel improvisiert, rastet Steve aus und wirft die unkonventionelle Klavierlehrerin hinaus.

Paris

Elsa kehrt vorübergehend nach London zurück und fährt dann mit dem Zug nach Paris, um dort die 16-jährige Aimée zu unterrichten.

Sie trifft sich mit ihrer 70 Jahre alten Freundin Marie, einer emeritierten Professorin für Mathematik und Musik, die seit drei Jahren in Paris zur Zeit in einer lesbischen Beziehung mit eine Frau namens Julia lebt.

Außerdem verabredet sich Elsa mit Tomas, den sie in Griechenland kennengelernt hat und der in Paris einen Dokumentarfilm über Agnès Varda dreht. Sie baden zusammen nackt im Meer und küssen sich, aber vor mehr zuckt Elsa zurück.

Als Elsa mit dem Trilby vor dem Café de Flore sitzt, taucht die Frau auf, die ihr in Athen die Tanzpferde wegschnappte. Die Frau wirft die Zigarre, die sie gerade geraucht hat, in das Glas Perrier Menthe, das vor Elsa auf dem Tisch steht und rennt dann fort.

London

Weihnachten 2021 verbringt Rajesh bei und mit Elsa. Sie sind seit dem 12. Lebensjahr befreundet. Damals hatte der in Dublin geborene Rajesh an einem Sommerkurs von Arthur Goldstein teilgenommen. Später heiratete er die Musikerin Bella, die seit der Trennung in Athen lebt und mit der sich Elsa während ihres Aufenthalts dort auch traf. Durch Bellas neuen Lebensgefährten Max lernte sie dessen Freund Tomas beim Tauchen nach Seeigeln kennen.

Nach den Feiertagen zieht Rajesh bei Elsa aus. Die beiden beenden die kurze Affäre einvernehmlich und bleiben eng befreundet.

Arthurs Tod

Als Elsa erfährt, dass bei Arthur Goldstein ein Lungentumor im Endstadium diagnostiziert wurde, fliegt sie sofort nach Cagliari.

Arthurs Nachbar und Lebensgefährte mag sie nicht. Er ist 20 Jahre jünger als ihr Adoptivvater, umsorgt den Bettlägerigen und wirft Elsa vor, sich zu wenig um Arthur gekümmert zu haben. Er hält es für ungerecht, dass er zwar Arthurs Haus auf Sardinien erben soll, nicht aber das in London: das hat Arthur Elsa versprochen.

Auf dem Nachttisch in dem für sie vorbereiteten Zimmer findet Elsa die Akte mit den Adoptionsdokumenten, aber sie will davon nichts wissen.

Kurz bevor Arthur stirbt, blättert Elsa doch noch in der Akte und begreift, warum sie von den beiden Pferden so angetan ist und immer wieder träumt, wie zwei Pferde ein mit einem Bösendorfer Flügel beladenes Fuhrwerk über ein Feld ziehen. Das geschah in ihrer Kindheit in Ipswich, und der Flügel war für sie bestimmt. Er kam von ihrer leiblichen Mutter, die wohl auf der anderen Seite des Feldes wohnte.

Wiederbegegnung

Nach Arthurs Tod fliegt Elsa nach Paris.

Als sie dort vor einem Schaufenster steht, nähert sich von hinten die Frau, deren Trilby sie auch hier trägt. Der Hut sei ihr egal, sagt sie. Sie weiß viel über Elsa und Arthur, und als diese fragt, wer der Begleiter in Athen gewesen sei, erklärt sie, das sei ihr 80-jähriger Vater gewesen. Elsa glaubt, sie auch in London gesehen zu haben, aber das sei unmöglich, meint die Frau, dort sei sie nie gewesen.

Die beiden verabreden sich im Café de Flore, rauchen Zigarren und bestellen Perrier Menthe. Die Frau übergibt Elsa die beiden in Zeitungspapier eingeschlagenen mechanischen Tanzpferde aus Athen und setzt ihren Trilby wieder auf.

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„Augustblau“ ist ein poetisch-surrealer Entwicklungsroman von Deborah Levy. Er spielt vor dem Hintergrund der Pandemie im Jahr 2021.

Die 34 Jahre alte Protagonistin Elsa M. Anderson, eine weltberühmte Klaviervirtuosin, die ihre leiblichen Eltern nicht kennt, sucht in einer Welt ohne Eindeutigkeiten nach ihrer eigenen Identität. In Athen und in Paris, vielleicht auch in London, begegnet sie einer gleichaltrigen Frau, einer Art Doppelgängerin, mit der sie auch in ihrer Vorstellung spricht. Elsas 80-jähriger Adoptivvater und der Vater der anderen Frau sind ebenfalls Doppelgänger.

Deborah Levy lässt Figuren auftauchen, und dann spielen sie keine Rolle mehr. Das zerteilt den Roman in Episoden.

Eine Woche vor einem Konzert, das Elsa aus der Bahn wirft, hat sie sich das Haar blau färben lassen. Die Farbe Blau, die auch im Titel steht, symbolisiert die Romantik ebenso wie Kühle – und kontrastiert dann mit dem anderen Teil des Titels „Augustblau“, wenn man den Sommermonat August mit Wärme assoziiert.

Faszinierend ist die poetische Grundstimmung von „Augustblau“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © AKI-Verlag

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