Herbert Clyde Lewis : Gentleman über Bord

Gentleman über Bord
Gentleman Overboard Viking Press, New York 1937 Gentleman über Bord Übersetzung: Klaus Bonn Nachwort: Joche Schimmang Mareverlag, Hamburg 2023 ISBN 978-3-86648-696-6, 173 Seiten ISBN 978-3-86648-823-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein 35 Jahre alter Börsenmakler aus New York nimmt sich mit Einverständnis seiner Ehefrau eine Auszeit. Auf der Rückreise von Hawaii glaubt er, seine Lebenskrise überwunden zu haben und fühlt sich gut. Am 13. Tag an Bord eines Frachters nach Panama stürzt er jedoch durch ein Missgeschick ins Meer. Um Hilfe zu schreien, verbietet sich für einen Gentleman, aber er ist zunächst zuversichtlich, dass er rasch gerettet wird.
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Kritik

Herbert Clyde Lewis entwickelt die skurrile Handlung in "Gentleman über Bord" als auktorialer Erzähler. Dabei wechselt er von Kapitel zu Kapitel zwischen den Menschen an Bord des Schiffs und dem allein im Meer treibenden Protagonisten, dessen Versuch, die Situation rational und souverän zu meistern, zum Scheitern verurteilt ist. Lewis versteht sich darauf, ironisch und tragikomisch zu schreiben, ohne eine der Figuren lächerlich zu machen.
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Henry Standish

Henry Preston Standish ist 35 Jahre alt. Vor sieben Jahren – fünf Jahre nach seinem Studienabschluss in Yale – heiratete er Olivia, die Nichte des Börsenmaklers Pym, und aus dem Büro Pym und Bingley wurde Pym, Bingley und Standish. Henry und Olivia wohnen in New York und haben zwei Kinder: den fünfjährigen Henry junior und die zwei Jahre jüngere Tochter Helen.

Der Familie fehlt es an nichts, aber der Wohlstand ist kein Thema, denn er wird für selbstverständlich gehalten. Es gibt kaum Höhen und Tiefen. Henry Standish macht Sport, trinkt und raucht, aber alles in Maßen, und mit seiner Frau schläft er regelmäßig.

Er erledigte alles stets ordentlich, aber ohne Begeisterung.

Unversehens packt Henry Standish die Krise. (Heute würden wir von einer Midlife Crisis sprechen.) Er muss raus! Olivia zeigt Verständnis dafür, dass er allein verreisen möchte.

Kurz entschlossen bucht er erst einmal eine Schiffspassage von New York nach San Francisco. Dort würde er weitersehen. Nachdem er an der Pazifikküste nach Alaska und zurück nach Kalifornien gereist ist, erklärt er seiner Frau am Telefon, dass er sich schon sehr viel besser fühle und noch einen Abstecher nach Hawaii machen werde, wo er nun schon mal an der Westküste sei.

Nach drei Tagen in Honolulu bzw. am Strand von Waikīkī tritt Standish an Bord des Frachters S. S. Arabella die Heimreise an. Mit ihm reisen sieben weitere Passagiere: der alte Farmer Nat Adams, der nach einer guten Kartoffelernte erstmals von Fernweh gepackt wurde, das scheinheilige Missionars-Ehepaar Mr und Mrs Brown sowie Mrs Benson mit ihren Kindern, die unterwegs ist zu ihrem aus geschäftlichen Gründen nach Panama vorausgereisten Ehemann, einem Wirtschaftsprüfer.

Der 13. Tag

Am 13. Tag der Schiffsreise erwacht Standish um 4 Uhr morgens nach sieben Stunden Schlaf, wäscht sich, putzt die Zähne und bekleidet sich mit einem der fünf konservativen Geschäftsanzüge, die er im Gepäck hat, obwohl er auf dem Frachter auch Sport- oder Freizeitsachen tragen könnte.

Um 5 Uhr möchte er den herrlichen Sonnenaufgang genießen. An der Stelle, von der die Besatzung den Abfall ins Meer wirft, hat man sich nicht die Mühe gemacht, die Türen zu schließen, weil die See völlig ruhig ist.

Er hätte sich gern für einen Moment aufs Deck gesetzt und seine Füße über die Wand der Arabella baumeln lassen wollen, wenn da nicht etliche Ölflecke gewesen wären.

Als er zurückgehen möchte, rutscht er auf einem Ölfleck aus – und stürzt kopfüber fünf Meter tief ins Meer.

Allein

Nach ein paar unfreiwilligen Purzelbäumen unter Wasser taucht Standish auf und achtet darauf, nicht in die Schiffsschraube zu kommen. Vielleicht wäre jemand auf ihn aufmerksam geworden, wenn er um Hilfe geschrien hätte. Aber das verbietet sich für ihn.

Nach Lage der Dinge war Standish selbst noch in diesem Moment durch seine Erziehung zum Gentleman verdammt. Die Standishs waren keine Schreihälse.

Zwar hält er den Sturz für peinlich, zumal Missgeschicke nicht in die Welt eines Gentleman passen, aber er freut sich dennoch darauf, überall erzählen zu können, dass er bei dem Abenteuer nie die Nerven verloren habe.

Das Meer ist warm, und zum Glück gibt es keine Wellen, die es mühsam machen würden, sich über Wasser zu halten. Er befreit sich vom Ballast der Schuhe, des Mantels und des Anzugs, obwohl er sich die spöttischen Mienen der anderen Passagiere ausmalt, wenn er in Unterwäsche zurück an Bord kommt. (Später wird er sich noch ganz ausziehen.)

Standish ist zuversichtlich, dass sein Fehlen anderen Passagieren oder einem Crew-Mitglied rasch auffällt und man ihn dann retten wird. Tatsächlich wundern sich manche an Bord darüber, dass er beispielsweise nicht zum Frühstück erscheint. Aber niemand denkt sich etwas dabei. Und die pochierten Eier, die er als Einziger zum Frühstück zu essen pflegt, wirft der Koch im Verlauf des Vormittags ins Meer, von der Stelle aus, von der Standish selbst hineingestürzt ist.

Die Arabella wird am Horizont immer kleiner.

Das Ende

Captain Bell bastelt in seiner Kajüte am Modell eines Viermaster-Schoners, als Mr Prisk, der Erste Offizier, nach intensiver Durchsuchung des Schiffs meldet, dass der Passagier Standish verschwunden ist und vor 13 Stunden zum letzten Mal gesehen wurde.

Obwohl es nach der langen Zeit und wegen der Strömung sinnlos ist, muss der Kapitän eine Suchaktion einleiten.

Beim Abendessen benachrichtigt Captain Bell die Passagiere über den bevorstehenden Kurswechsel und die damit verbundene Verzögerung der Ankunft in Bilbao. Die Arabella kehrt um und schaltet die unzureichenden Scheinwerfer ein.

Niemand an Bord denkt an einen Unfall. Ein Gentleman wie Mr Stanish stürzt nicht durch ein Missgeschick ins Meer! Alle gehen stattdessen von einer Selbsttötung aus, und es bleibt nur die Frage nach dem Motiv. Die meisten nehmen an, Standish habe sich an der Börse verspekuliert und sei finanziell ruiniert. Mrs Benson glaubt dagegen, der Gentleman habe sich wegen seiner Frau ins Meer gestürzt:

„Sie muss ihn ziemlich übel behandelt haben, dass es ihn in den Selbstmord trieb. Ich kann Ihnen sagen, was für ein Typ Mrs Standish ist: eine eiskalte, herzlose Frau, da gehe ich jede Wette ein. Hat womöglich jedem Tom, Dick und Harry schöne Augen gemacht und ist zu guter Letzt mit einem anderen Kerl durchgebrannt.“

„Nun“, sagte Mrs Benson aus heiterem Himmel, „wenigstens ist er einen schnellen Tod gestorben.“

Ein schneller Tod? Standish fühlt sich allein und verlassen. Aus Zuversicht wird Hoffnung. Zorn, Panik und Euphorie wechseln sich ab. Erst als die Sonne untergeht, ergibt sich Standish in sein Schicksal: er weiß nun, dass er ertrinken wird, wenn kein Wunder geschieht.

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In seinem Roman „Gentleman über Bord“ erzählt Herbert Clyde Lewis eine skurrile Geschichte über einen Gentleman, der buchstäblich aus der Weltordnung fällt. Die Überzeugung, alles unter Kontrolle zu haben, weicht der Erkenntnis, dass es keine garantierte Sicherheit gibt. Der Versuch, die Situation rational und souverän zu meistern, ist zum Scheitern verurteilt.

Herbert Clyde Lewis entwickelt die Handlung in „Gentleman über Bord“ als auktorialer Erzähler. Dabei wechselt er von Kapitel zu Kapitel zwischen dem allein im Meer treibenden Protagonisten und den Menschen an Bord des Schiffs. Er skizziert verschiedene Charaktere, und wir folgen sowohl den Gedankengängen als auch den Stimmungsschwankungen des über Bord gegangenen Gentleman.

„Gentleman über Bord“ ist Komödie und Tragödie gleichermaßen. Herbert Clyde Lewis versteht sich darauf, ironisch, augenzwinkernd und tragikomisch zu schreiben, ohne eine der Figuren lächerlich zu machen.

Der 1937 veröffentlichte und später vergessene Roman „Gentleman Overboard“ von Herbert Clyde Lewis (1909 – 1950) wurde erst 2009 von Brad Bigelow wiederentdeckt und von dem Kleinstverlag Boiler House Press in Norwich in der Serie „Recovered Books“ neu herausgebracht. Eine erste deutsche Übertragung durch Klaus Bonn erschien 2023 im Mareverlag mit einem Nachwort von Jochen Schimmang.

Den Roman „Gentleman über Bord“ von Herbert Clyde Lewis gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Dietmar Bär.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Mareverlag

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