Katharina Mevissen : Ich kann dich hören

Ich kann dich hören
Ich kann dich hören Originalausgabe Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019 ISBN 978-3-8031-3306-9, 168 Seiten ISBN 978-3-8031-4245-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 24 Jahre alte deutsch-türkische Musikstudent Osman Engels ist kurzsichtig, und seine Kontaktlinsen reizen die Augen. Er findet ein Diktiergerät, das jemand verloren hat, und hört sich die gespeicherten Aufnahmen mehrmals an. Dadurch lernt der Cellist, die Ohren auch für die Belange anderer Menschen zu öffnen. Zeitlich fällt das mit Änderungen in seinem familiären Umfeld zusammen …
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Kritik

Der feinsinnige Roman "Ich kann dich hören" von Katharina Mevissen dreht sich um die Wahrnehmung von Mitmenschen; es ist vor allem eine Geschichte über das Zuhören als Voraussetzung für Dialog und Kommunikation, gegenseitiges Verstehen und geistige Auseinandersetzung.
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Osman Engels

Osman Engels spielt seit seinem vierten Lebensjahr Cello. Er wuchs in Essen auf. Weil die Mutter Doris die Familie vor 22 Jahren verlassen hatte und der Vater Suat – ein türkischer Geiger – viel unterwegs war, kümmerte sich Suats Schwester Elide Aydeniz um Osman und seinen nach dem deutschen Großvater benannten älteren Bruder Wilhelm („Willi“).

Ein einziges Mal war Osman in der Türkei. Tante Elide hatte ihn und Willi zur Beerdigung ihres Vaters nach Izmir mitgenommen.

Das war mein einziges Familientreffen, alle an einem Tisch. Zu Hause in Essen gab es so was nie. Mit welcher Familie auch. Da gab es ja nur Suat, Tante Elide, Willi und mich, seit Doris weggegangen ist. Seitdem gibt es meine deutsche Verwandtschaft nicht mehr […].

Um Musik zu studieren, zog Osman vor zwei Monaten nach Hamburg. Dort wird der 24-Jährige in eine Wohngemeinschaft aufgenommen. Dass er sich zu seiner Mitbewohnerin Luise – einer ausgebildeten Tischlerin – hingezogen fühlt, verwirrt und fasziniert ihn gleichermaßen. Sie anzufassen, wagt er nicht.

Fraktur

Durch einen Anruf seiner 58 Jahre alten Tante Elide erfährt Osman, dass sich der Vater – mit dem er in den letzten Jahren kaum ein Wort sprach – das linke Handgelenk kompliziert gebrochen hat. Auch noch eine Woche nach der Operation leidet Suat unter einem Tinnitus und an unklaren Schmerzen mal in der Brust, mal in den Beinen. Die Ärzte finden dafür keine körperliche Ursache.

Tante Elide versucht Osman zu erklären, dass es so nicht weitergeht. Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Wilhelm kann ihr nicht helfen, denn er studiert in Ottawa Physik. Und Osman versteht nicht, was mit ihr los ist. Sie klagt:

„Ich brauche Osman hier. Aber er drückt sich. Er läuft weg. Wie früher, wenn er Unsinn gemacht hat.“

Elides langjährige Schrebergarten-Nachbarin Ingrid erkundigt sich nach dem Bruder. Suat muss sich wegen der Hand arbeits- bzw. berufsunfähig melden.

Diktiergerät

Auf der Rückfahrt nach Hamburg findet Osman im Bahnhof ein Diktiergerät mit einem Aufkleber der Medienstelle der Universität Hamburg. Zu Hause drückt er auf Play. Eine Studentin namens Ella hat im Rahmen eines Forschungsprojekts im Studiengang Soziale Arbeit ein Interview mit der Leiterin der vor zwölf Jahren gegründeten Beratungsstelle für transsexuelle Jugendliche aufgenommen. Weitere Aufnahmen entstanden offenbar ungewollt während einer Irland-Reise Ellas mit ihrer gehörlosen Schwester Jo. Die beiden waren als Anhalterinnen und Backpacker unterwegs.

Vergeigte Premiere

Osman lädt seine Mitbewohnerin Luise zur Premiere eines Orchesterkonzerts in der Laeiszhalle ein, bei dem er Cello spielen soll.

Am Tag nach der Premiere ist Luise bei ihm, als er verkatert aufwacht und sich mehrmals übergibt. Er erinnert sich nur, wie er nach dem Aufbauen und einer kurzen Probe ins Freie ging, um eine Zigarette zu drehen und zu rauchen. Weil er keine Blättchen mehr hatte, ging er zu einem Kiosk, kaufte Nachschub und ein Bier. Offenbar kehrte er von dort nicht mehr in die Musikhalle zurück.

„Ich weiß nicht mehr, wie ich vom Kiez nach Hause gekommen bin. Ich weiß aber auch noch nicht mal, wie und warum ich überhaupt auf den Kiez geraten bin.“

Luise sagt, sie habe im Großen Saal gesessen und unter den Musikern vergeblich nach ihm gesucht. Ein Stuhl auf der Bühne sei leer geblieben. Osmans Mitspieler baten sie nach der Aufführung, sein Cello nach Hause zu bringen, und sie fanden ihn schließlich sturzbetrunken in der Kleinen Freiheit.

„Du kommst nicht klar, ich weiß“, sagt sie nüchtern. „Aber das musst du nicht mit mir klären. Das ist deine Geschichte.“

Elide

Elide denkt:

„Wenn ich bleibe, dann komme ich nicht daran vorbei. Dann wird aus mir in kurzer Zeit eine traurige, alte Frau.“

Sie kündigt ihren Mietvertrag in Essen und fängt zu packen an. Drei Tage bevor ihr Flug nach Izmir geht, kommt Osman endlich vorbei, um ihr zu helfen.

Elide erzählt ihm, dass sie in Paris studierte, als seine Mutter die Familie verließ. Daraufhin zog sie zu ihrem Bruder und den beiden Neffen nach Essen. Zunächst setzte sie ihr Studium bis zum Vordiplom fort, aber dann wurde sie Hausfrau und Ersatzmutter. Vor 18 Jahren pachtete sie den Schrebergarten. Nun will sie noch einmal alle in der Türkei wiedersehen und dann erneut nach Paris.

Mit viel zu viel Gepäck fahren Elide und Osman zum Düsseldorfer Flughafen.

Esra

Zurück in Essen, führt Osman die Übergabe der Wohnung durch und bringt die acht Kartons mit von seinem Vater bei Elide zurückgelassenen Sachen ins Schrebergartenhaus. Ein Kartonboden bricht durch; Fotos und Kontoauszüge fallen heraus.

Auf einem Foto vom Februar 1994 erkennt er seine Mutter auf der Galata-Brücke in Istanbul. Doris ist unverkennbar schwanger. Eine ebenfalls herausgefallene Ansichtskarte ist an Elide Aydeniz, 73 rue Émile Duclaux, 75015 Paris, adressiert. Der damals zwei Jahre alte Osman ist nicht im Bild.

Noch am späten Abend ruft Osman seinen Vater an – nach zwei Jahren zum ersten Mal – und verabredet sich für den nächsten Morgen mit ihm in einem Lokal.

Er habe Suats Sachen ins Gartenhaus gebracht, sagt er. Dann legt er das auf der Galata-Brücke geknipste Bild auf den Tisch.

„Wer ist das?“
„Doris.“
„Der Bauch, meine ich.“
Pausen, zwei, drei.
„Esra.“ Suat hält sich mit einer Hand an der Tischplatte fest.

Die Tochter Esra starb im achten Monat der Schwangerschaft. Doris, die 16 Stunden lang im Kreißsaal lag, drehte durch. Ein halbes Jahr später verließ sie die Familie. Sie zog nach Zürich und heiratete dort später ein zweites Mal. Kinder bekam sie keine mehr.

Um Wilhelm und Osman kümmerte sich dann Elide.

„Elide war doch in Paris.“
„Ja … Aber sie ist dann zu uns gekommen. Ich, wir, wir konnten das nicht gut, Familie. Eltern. Wir waren Musik und jung und. Es ist halt passiert. Wir dachten, Doris und ich, vielleicht können wir das ja, Familie. Das versuchen, haben geträumt.“

Bevor Osman nach Hamburg zurückkehrt, besucht er Esras Grab auf dem Südwestfriedhof in Essen. Weil es nach zehn Jahren nicht verlängert wurde, steht inzwischen ein anderer Name auf dem Grabstein: Lena Czaneki.

Zuhören

In Hamburg erfährt Osman, dass Luise nach Kassel fahren wird, um „mit Leo“ zelten zu gehen.

„Ah.“ Ich schlucke. „Leo, das ist …“
„Eine, äh, Freundin“, sagt sie […].

Nachdem er die Aufnahmen auf dem Diktiergerät mehrmals gehört hat, setzt er sich mit der auf dem Aufkleber angegebenen Medienstelle der Universität Hamburg in Verbindung und verabredet sich dann mit Ella, um ihr das vor sechs Wochen nach der Rückkehr aus Irland verlorene Gerät zurückzugeben.

Ella ist bereits wieder ein Stück von ihm entfernt, als er sich erkundigt, ob sich ihre Schwester ein Implantat ins Ohr habe einsetzen lassen. Von der Absicht weiß er, weil er Ella darüber sprechen hörte. Sie antwortet: Nein. Jo brach die Behandlung in der Klinik in Eppendorf vor zwei Wochen ab.

Auf dem Diktiergerät hat Osman einen Track 16 hinzugefügt:

„Also. Ella. (Pause) Zuerst und vor allem sollst du zuhören. Weil, so hab ich angefangen. Und nach allem, was passiert ist, kann ich dir sagen, dass das Zuhören etwas unglaublich Schönes ist. Und dass man sowieso nicht drum rumkommt. Jedenfalls. Du hast mir das beigebracht. Ich hab dir zugehört, oft und lange, immer wieder. Ich kann das alles inzwischen fast auswendig. Das war vielleicht nicht in Ordnung. Ich hab dich ja nicht gefragt. Könnt ich verstehen, wenn du das richtig scheiße von mir findest. Mir ist es schon auch peinlich. Trotzdem, ich hoffe, du hältst mich nicht für einen perversen Spinner. Bin ich nämlich nicht, glaub ich. Jedenfalls: Ohne dich hätte ich nicht angefangen. Echt, ich hätte das nicht gepackt mit meiner Familie, meinem Vater … Scheiße, klingt das alles kitschig! Ist aber überhaupt nicht kitschig gemeint. Ich weiß nicht so richtig, wie ich das formulieren soll, das ist ja noch schwieriger, als ich dachte, mit diesen Tonaufnahmen. Also, ach …“

Statt weiterzusprechen, spielte Osman Cello.

„Das Stück hat keinen Titel. Oder, warte, doch. Ich glaube, es heißt Esra.“

Ella hört sich die Aufnahme gleich noch einmal an.

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Der 24 Jahre alte deutsch-türkische Musikstudent Osman ist kurzsichtig, und seine Kontaktlinsen reizen die Augen. Außerdem gibt es in „Ich kann dich hören“ eine gehörlose Nebenfigur: Jo. Die Beeinträchtigungen sind programmatisch, denn Katharina Mevissens feinsinniger Debütroman dreht sich um die Wahrnehmung von Mitmenschen; es ist vor allem eine Geschichte über das Zuhören als Voraussetzung für Dialog und Kommunikation, gegenseitiges Verstehen und geistige Auseinandersetzung.

Osman findet im Bahnhof ein Diktiergerät, das jemand verloren hat und hört sich die gespeicherten Aufnahmen mehrmals an. Dadurch lernt der Cellist, die Ohren auch für die Belange anderer Menschen zu öffnen. Zeitlich fällt das mit Änderungen in seinem Umfeld zusammen: Der Vater Suat, ein Geiger, bricht sich die linke Hand und meldet sich arbeitslos. Suats Schwester, die sich um Osman und dessen älteren Bruder kümmerte, als die Mutter vor 22 Jahren die Familie verlassen hatte, beginnt endlich wieder ihr eigenes Leben zu führen. Und als Osman ein Familiengeheimnis entdeckt, trifft er sich nach zwei Jahren erstmals wieder mit seinem Vater, um ihn damit zu konfrontieren.

Katharina Mevissen entwickelt den Roman „Ich kann dich hören“ fast ausschließlich aus Osmans Perspektive. Eingestreut hat sie aber auch Passagen aus anderen Blickwinkeln, die mit dem Namen der entsprechenden Romanfigur überschrieben sind (Elide, Ella). An einer Nahtstelle klingt das so:

Ella:
[…] Er schiebt auch nicht auf seinem Handy herum und sieht vielleicht deswegen gar nicht danach aus, als würde er überhaupt noch auf mich warten.
Ich bleibe stehen und frage laut: „Bist du Osman?“
Osman:
„Bist du Osman?“, fragt Ellas Stimme.
Das ist sie also. Ich weiß gar nicht, wie ich sie mir vorgestellt hab, aber anders. Weniger mädchenhaft. Auffälliger, größer.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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