Dror Mishani : Vertrauen

Vertrauen
Emuna Ahuzat Bayit, Tel Aviv 2021 Vertrauen Übersetzung: Markus Lemke Diogenes Verlag, Zürich 2022 ISBN 978-3-257-07177-1, 351 Seiten ISBN 978-3-257-61204-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Ermittler Avi Avraham in Tel Aviv und seine Kollegin Esthi Wahabe arbeiten gleichzeitig an zwei Fällen: Eine Frau hat ein wenige Tage altes, zu früh geborenes Baby vor einem Krankenhaus ausgesetzt. Ein Franzose, der sich als Schweizer Tourist ausgab, wird tot aufgefunden. Offenbar schmuggelte er Kokain, und Avi Avraham vermutet, dass er für den Mossad tätig war.
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Kritik

Obwohl sich "Vertrauen" – der vierte Band einer Buchreihe über den Ermittler Avi Avraham – um Kriminalfälle dreht, geht es dem Literaturprofessor Dror Mishani weniger um Suspense als um einen kritischen Blick auf die Gesellschaft im Allgemeinen und die Beziehung zwischen Juden und Arabern in Israel im Besonderen.
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Avi Avraham

Oberinspektor Avraham („Avi“) Avraham ist seit zwei Jahren Leiter des Ermittlungsdezernats im von Benny Saban geleiteten Ayalon-Polizeidistrikt in Tel Aviv. Der 43-Jährige heiratete kürzlich, und während seiner Hochzeitsreise mit Marianka starb Benny Sabans Vorgängerin Ilana Liss. Es schmerzt Avi Avraham, dass er nicht an der Trauerfeier teilnehmen konnte.

[…] von der Intensivstation des Wolfson ist eine Meldung gekommen über einen wenige Tage alten Säugling, der vor dem Krankenhauseingang gefunden wurde […]. Ein geistig verwirrter 36-Jähriger hat versucht, seine Mutter in ihrer Wohnung in der Aharonowitsch-Straße anzuzünden […]. Der Direktor eines Hotels in Bat Yam meldet einen Touristen, der verschwunden ist, ohne seine Zimmerrechnung zu bezahlen […]. Ein dreijähriger Junge, der in einem Auto auf dem Parkplatz der Sahav-Shopping-Mall vergessen wurde, ist im Zustand extremer Dehydrierung in die Notaufnahme gekommen und nach einer Stunde gestorben […].

Weil Avi Avraham der alltäglichen Kriminalfälle, die er zu bearbeiten hat, überdrüssig ist und das Böse lieber zentraler bekämpfen würde, bittet er seinen Chef Benny Saban, sich um eine Versetzung für ihn zu bemühen. Nachrücken könnte die Inspektorin Esthi Wahabe.

Der Tourist

Es wird einige Zeit dauern, bis eine geeignete Position für ihn gefunden wird. Erst einmal fährt Avi Avraham zum Hotel „Palace“ in Bat Yam, dessen Direktor Simcha Chozez bei der Polizei anrief, weil ein Gast ohne zu bezahlen verschwunden ist. Als der Inspektor den Rezeptionisten Oleg Jakobowitsch darauf anspricht, stellt sich heraus, dass inzwischen zwei Männer kamen, sich als Verwandte des Touristen ausgaben, die Rechnung beglichen und seine Sachen aus dem Zimmer holten. Er wohne jetzt bei ihnen, erklärten sie dem arglosen Hotelangestellten. Aber Avi Avraham ist misstrauisch: Waren das tatsächlich Verwandte? Der Tourist hatte beim Check-in einen Schweizer Pass auf den Namen Jacques Bartoldi vorgezeigt. Aber einen Reisenden dieses Namens gibt es auf keiner Passagierliste der in Frage kommenden Flüge.

Die Ermittlungen ergeben, dass es sich bei dem vermeintlichen Touristen um den 62-jährigen Geschäftsmann Raphael Chouchani handelt. Er kam aus Paris. Als Jugendlicher war er mit seiner Familie aus seiner Geburtsstadt Tunis nach Frankreich ausgewandert.

Idith Graty, die Repräsentantin der israelischen Polizeikräfte in Paris, berichtet Avi Avraham, ihre Nachforschungen hätten ergeben, dass sich Raphael Chouchani auf dem Grauen Kapitalmarkt verschuldet habe. Sie hält es für wahrscheinlich, dass der Geschäftsmann Kurierdienste leisten musste, um seine Schulden abzutragen.

Tatsächlich wird bei einer zweiten polizeilichen Durchsuchung des Hotelzimmers in Bat Yam ein verstecktes Paket mit 600 Gramm Kokain sichergestellt. Aber Avi Avraham ist überzeugt, dass es nachträglich platziert wurde. Auf jeden Fall war zwischendurch jemand im Zimmer, denn als er das erste Mal da war, las er am Fenster den mit einem Finger in den Staub geschriebenen Namen Yaakov Ben-Chayat, und nun ist die Scheibe sauber.

Bald darauf wird Raphael Chouchanis Leiche aus dem Meer geborgen. Bevor er ertrank, wurde er gefoltert.

Annette Mallot, die in Straßburg lebende Tochter des Toten, ist überzeugt, dass ihr Vater für den israelischen Auslandsgeheimdienst arbeitete. Als Avi Avraham nachfragt, heißt es zwar, beim Mossad kenne man keinen Raphael Chouchani, aber der Inspektor glaubt Annette Mallot und hält Yaakov Ben-Chayat für den Führungsoffizier des Franzosen.

Von Annette Mallot erfährt er auch, dass ihr Vater seit einem Jahr mit einer mindestens 20 Jahre jüngeren, zweimal geschiedenen Libanesin liiert war. Sarah Nueyma hatte in Beirut als Journalistin gearbeitet und war dann mit ihrem zweiten Ehemann, einem französischen Radioproduzenten, nach Paris gezogen. Annette Mallot kann sie nicht erreichen. Sarah Nueyma ist verschwunden.

Als Annette Mallot nach Paris fährt, stellt sie fest, dass in die Wohnung ihres Vaters eingebrochen wurde.

Das ausgesetzte Baby

Während Avi Avraham den Spuren im Fall Raphael Chouchani nachgeht, vernimmt die Inspektorin Esthi Wahabe eine 1979 geborene Kindergärtnerin. Liora Talias wurde auf Bildern von Überwachungskameras als die Frau identifiziert, die eine Tasche mit einem wenige Tage alten Baby im Einkaufszentrum vor dem Wolfson Medical Center in Tel Aviv ablegte. Es handelt sich um ein zu früh geborenes Kind, das im Krankenhaus gerade noch gerettet werden kann.

Lioras Ehemann David Talias kam vor vier Jahren bei einem Arbeitsunfall auf einer Baustelle ums Leben, und sie ist überzeugt, dass es sich dabei um einen Mord gehandelt habe. David hatte sich ihretwegen von seiner ersten Ehefrau Sima scheiden lassen. Liora war damals 24 – zehn Jahre jünger als David – und bei der Hochzeit bereits schwanger.

Sie gibt nur zu, was aufgrund des Beweismaterials nicht mehr zu leugnen ist. Eine DNA-Analyse ergibt, dass sie zwar nicht die Mutter des Neugeborenen ist, aber eine Verwandte. Esthi Wahabe vermutet, dass es sich bei Liora Talias um die Großmutter des Babys handelt. Eine der vier Töchter dürfte die Mutter sein. Die älteste, Michal, ist 24 Jahre alt und mit Maxim Kalimi verheiratet. Die Töchter Eden und Ofrit sind neun bzw. zwölf Jahre alt. Und die 16-jährige Danielle Talias flog vor wenigen Tagen nach Paris.

Esthi Wahabe findet heraus, dass der 69-jährige Arzt Dr. Avraham Rubinstein in den Fall verwickelt ist. Er sollte bei Danielle Talias eine illegale Abtreibung vornehmen und injizierte ihr ein Mittel zur Abtötung des Fötus. Erst als er dann Wehenauslöser spritzte, stellte er fest, dass der Fötus noch lebte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bei einer Geburt zu helfen, statt eine Abtreibung vorzunehmen. Das frühgeborene Baby hätte unverzüglich in einem Inkubator medizinisch versorgt werden müssen, aber darum kümmerte sich der Arzt nicht, weil er juristische Folgen befürchtete.

Als Esthi Wahabe Liora Talias mit den Ermittlungsergebnissen konfrontiert, behauptet diese, ihre Tochter sei vergewaltigt worden, und zwar von Amir Suan, dem 15-jährigen Sohn einer Schuldirektorin und eines Straßenbauunternehmers in Jaffo. Tatsächlich beweist ein DNA-Test, dass Amir Suan das Kind gezeugt hat. Aber er beteuert, mit Danielle nur im gegenseitigen Einvernehmen geschlafen zu haben.

Paris

Weil der Fall des angeblich nach einer Vergewaltigung und verpfuschten Abtreibung ausgesetzten Babys inzwischen hohe Wellen schlägt, genehmigt Benny Saban eine Reise Avi Avrahams nach Paris, damit er dort Danielle Talias befragen kann. Dem Inspektor geht es allerdings vor allem darum, sich in Raphael Chouchanis Wohnung umzusehen.

In Paris hört er von Danielle, sie habe ihrer Mutter erst nach der dritten ausgebliebenen Monatsblutung gestanden, schwanger zu sein. Danach musste sie auch den Namen des Erzeugers nennen. Als die Mutter begriff, dass es sich bei Amir Suan um einen Palästinenser handelt, drängte sie auf eine Abtreibung, denn als jüdische Mutter eines von einem Araber gezeugten Kindes hätte es Danielle in Israel schwer. Als das Baby nach der misslungenen Abtreibung nicht sterben wollte, schickte die Mutter ihre Tochter zu ihrer Freundin Marcelle und deren Mann Ronny Nasry nach Paris und setzte das Baby aus.

Liora Talias schärfte Danielle ein, Amir Suan zu beschuldigen, seine arabische Abstammung verheimlicht und aus rassistischen Motiven bewusst eine Jüdin geschwängert zu haben. So konstruierte Liora Talias eine Vergewaltigung durch Identitätsbetrug.

Avi Avraham trifft sich in Paris mit Annette Mallot und ihrem Lebensgefährten Frédéric Glauser. Noch bevor die Tochter des Ermordeten den Einbruch in dessen Wohnung bei der Polizei meldet, schaut Avi Avraham sich dort um. Jemand hat alles durchwühlt und offenbar nicht nur den Computer, sondern auch alle Unterlagen geraubt. Um jeden Hinweis auf eine Verbindung Raphael Chouchanis zum Mossad zu beseitigen?

Aufklärung

Bei der nächsten polizeilichen Vorladung erfährt Liora Talias von Esthi Wahabe, dass Danielle inzwischen nach Israel zurückgekehrt ist, auf Anordnung der zuständigen Familienrichterin vorerst bei ihrer ältesten Schwester Michal wohnt und für die Mutter ein Besuchsverbot besteht.

Die polizeibekannten Bassissis-Brüder gestehen, Raphael Chouchani geschlagen zu haben, weil er von der wegen seiner Schulden vereinbarten Drogenlieferung aus Paris einen Teil abgezweigt habe. Aber die Gewalttäter beteuern, den Franzosen nicht umgebracht zu haben.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Nach langem Zögern setzt sich Avi Avraham mit Yaakov Ben-Chayat in Verbindung. Der 75-Jährige lässt sich zwar nicht in die Karten blicken, leugnet aber auch nicht explizit, Raphael Chouchanis Führungsoffizier beim Mossad gewesen zu sein. Und 20 Minuten nachdem Avi Avraham sich verabschiedet hat, fotografiert seine beruflich als Privatdetektivin tätige Ehefrau Marianka zwei weitere Besucher bei ihm: die beiden Männer, die sich im Hotel „Palace“ als Verwandte des verschwundenen „Touristen“ ausgaben. Sie gehören also nicht zum Drogensyndikat, sondern zum Mossad – wie Avi Avraham bereits vermutete.

Gerry Liss, der Witwer von Ilana Liss, besucht kurz darauf Avi Avraham. Aus seiner Zugehörigkeit zum Mossad macht er kein Geheimnis. Nach dem Gespräch glaubt Avi Avraham, das Bild komplett zu haben:

Raphael Chouchani arbeitete für den israelischen Geheimdienst. Weil er sich als Unternehmer hoch verschuldet und auf dem Grauen Kapitalmarkt Geld geliehen hatte, wurde er von einem Drogensyndikat zu Kurierdiensten gezwungen. Mossad-Mitarbeiter stahlen ihm auf dem Weg vom Flughafen Ben Gurion nach Bat Yam 600 Gramm Kokain und versteckten es später in seinem Hotelzimmer. Damit erreichten sie nicht nur, dass die Polizei einen Hinweis auf den Drogenschmuggel bekam, sondern zugleich, dass ihn das Kartell wegen der vermeintlichen Unterschlagung folterte, um etwas über den Verbleib der restlichen Ware herauszufinden.

Aber die Erpressbarkeit Raphael Chouchanis durch die Drogenhändler war für den Mossad nicht der Hauptgrund für die Ausschaltung des Mitarbeiters. Wichtiger noch war, dass sich der Franzose in die Libanesin Sarah Nueyma verliebte, die der Mossad für eine feindliche Agentin hält. Raphael Chouchani fiel auf sie herein, und als sie ihn abgeschöpft hatte, setzte sie sich von Paris nach Gibraltar ab. Seither ist sie unauffindbar.

Raphael Chouchani begriff schließlich, dass er von Sarah Nueyma nur ausgenutzt worden war. Als ihn dann auch noch das Drogenkartell zusammenschlagen ließ und er ahnte, dass dabei der Mossad die Fäden zog, sah er keinen anderen Ausweg, als sich im Meer zu ertränken.

Epilog

Liora Talias, die sich weniger vom Wohl ihrer Tochter als vom Hass auf Palästinenser leiten ließ, muss sich vor Gericht verantworten.

Amirs Großvater Hassan Suan will sich mit der ganzen Familie um das von seinem Enkel mit einer Jüdin gezeugte Kind kümmern, das im Krankenhaus inzwischen den Namen Emunah (Vertrauen) bekommen hat. Er erzählt Avi Avraham, dass er von zwei jüdischen Müttern gestillt worden war, weil seine eigene – arabische – Mutter nicht genügend Milch gehabt hatte.

Benny Saban kündigt Avi Avraham eine Stelle bei Europol in Den Haag an, aber der Inspektor hat seine Haltung geändert und möchte nicht mehr versetzt werden.

Alles, was er über den Fall Raphael Chouchani und Sarah Nueyma herausgefunden hat, teilt er seinem Kontaktmann Jules bei der französischen Polizei mit und bittet ihn, die Informationen auch mit Annette Mallot zu teilen.

„Nein, es ist noch nicht vorbei. Wie auch? Denn die Rechnung geht nicht auf, bis wir beschließen, dass sie aufgeht, Jules. Und sie wird nicht eher beglichen sein, als bis wir die Mörder bestrafen. Kurz gesagt, ich habe die Absicht, hier weiter alles zu unternehmen, um die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen.“

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Unter dem Titel „Vertrauen“ präsentiert Dror Mishani den (nach „Vermisst“, „Die Möglichkeit eines Verbrechens“, und „Die schwere Hand“) vierten Kriminalroman seiner Reihe über den israelischen Ermittler Avi Avraham.

Obwohl sich „Vertrauen“ um Kriminalfälle dreht, geht es dem Literaturprofessor Dror Mishani weniger um Suspense als um einen kritischen Blick auf die Gesellschaft im Allgemeinen und die Beziehung zwischen Juden und Arabern in Israel im Besonderen.

Dror Mishani entwickelt die beiden parallelen Handlungsstränge ohne Effekthascherei ruhig und unaufgeregt. Er erzählt aus zwei subjektiven, eingeschränkten Perspektiven – Avi Avraham und Liora Talias – bleibt aber bei der dritten Person Singular.

Den Roman „Vertrauen“ von Dror Mishani gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Franz Dinda.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Diogenes Verlag

Dror Mishani: Drei

Edward St Aubyn - Dunbar und seine Töchter
Edward St Aubyn hat aus der Tragödie "König Lear" von William Shakespeare einen Wirtschaftskrimi über moralische Verkommenheit, Gier, Verrat und Opportunismus gemacht: "Dunbar und seine Töchter". Sprachwitz und Sarkasmus, Satire und Groteske sorgen für ein Lesevergnügen.
Dunbar und seine Töchter