Dror Mishani : Drei

Drei
Shalosh Ahuzat Bayit, Tel Aviv 2018 Drei Übersetzung: Markus Lemke Diogenes Verlag, Zürich 2019 ISBN 978-3-257-07084-2, 329 Seiten ISBN 978-3-257-60986-8 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die israelische Lehrerin Orna Esran lässt sich nach der Scheidung auf eine Affäre mit dem Rechtsanwalt Gil Chamtzani ein. Später kommt auch die aus Lettland stammende Altenpflegerin Emilia Nudjews mit ihm in Kontakt. Beide Frauen werden tot aufgefunden, und eine Ermittlerin, die nicht an die Selbstmordthese glaubt, beginnt mit Nachforschungen ...
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Kritik

"Drei" liest sich zunächst wie eine tiefschürfende, einfühlsame Charakterstudie, in der es um Verlust und Selbstbetrug geht. Erst spät mutiert "Drei" zum Kriminalroman, und Ermittlungen beginnen erst im letzten Drittel. Das Besondere an "Drei" ist neben der bewegenden Darstellung der von Dror Mishani entwickelte Aufbau.
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Eins

Die 38-jährige Gymnasiallehrerin Orna Esran wohnt mit ihrem bald neun Jahre alten Sohn Eran allein in der israelischen Stadt Cholon. Der Junge leidet noch mehr als seine Mutter darunter, dass der Vater nicht mehr da ist. Ronen Esran arbeitet als Reiseleiter, ist nach Nepal gezogen und hat in Katmandu inzwischen eine Deutsche namens Ruth geheiratet, die drei Jahre älter ist als er, vier Kinder in die Ehe mitgebracht hat (Kurt, Thomas, Peter, Julia) und nun von Ronen schwanger ist.

In einem Dating-Portal nimmt Orna Kontakt mit dem 42-jährigen Rechtsanwalt Gil Chamtzani in Givatayim auf. Er sei von seiner Frau Ruthi geschieden, schreibt er, und habe zwei Töchter, Noa und Hadas.

Orna und Gil verabreden sich mehrere Male in einem Café. Verwundert registriert Orna, wie geduldig Gil wartet, dass sie ihm mehr erlaubt. Sie zögert, ist sich über ihre Gefühle und Absichten nicht im Klaren, aber schließlich ist sie es, die vorschlägt, ein Hotelzimmer zu nehmen.

Als sie mit Eran unterwegs ist, begegnen sie im Dizengof‌f Center in Tel Aviv zufällig Gil, und Orna flüstert ihrem Sohn zu:

„Siehst du den Mann, der da mit den großen Mädchen steht? Das ist der Freund, von dem ich dir erzählt habe.“

Zunächst glaubt Orna, Gil sei nur in Begleitung seiner beiden Töchter, aber dann kommt seine Frau dazu, und der stellt er Orna als Klientin vor. Da begreift Orna, dass er gar nicht geschieden ist.

Sie fühlte sich nicht missbraucht oder gar vergewaltigt. Er war, wie Sophie gesagt hatte, ein Scheißkerl, weil er sie angelogen hatte, so viel war klar, aber er hatte sich ihr nie aufgedrängt, und sie hätten bis heute wahrschein‌lich nicht miteinander geschlafen, wenn sie nicht die Initiative ergriffen hätte.

Gil erklärt ihr später, die Scheidung sei zwar noch nicht vollzogen, aber er und Ruthi hätten sich vor einiger Zeit getrennt. Er sei jedoch wieder zu ihr und den Töchtern gezogen, als er durch den Tod seines Vaters in eine Krise geraten war.

Einige Zeit später kündigt Ronen an, er habe in einem Moschaw ein Haus neben dem seiner Eltern gemietet und werde mit seiner neuen Familie einige Wochen in Israel verbringen, vor allem, um den Kontakt zu Eran nicht zu verlieren und ihn mit Ruth und den anderen Kindern bekannt zu machen.

Trotz allem und obwohl Gil sich zu sträuben scheint, setzt Orna die Affäre fort. Einmal nimmt sie ihn sogar mit in ihre Wohnung, wo Eran nebenan schläft.

Ihr war klar, Gil wäre lieber nicht zu ihr gekommen und wollte diese Beziehung nicht mehr, aber er hütete sich, Schluss zu machen, aus Angst, sie könnte ihn vor seiner Frau und den Töchtern bloßstellen.

Eran freut sich auf das Abenteuer, ein paar Tage mit seinem Vater und dessen Familie in einem Moschaw zu verbringen. Orna erträgt seine Abwesenheit jedoch kaum und befürchtet, Ronen sei gekommen, um ihr den Sohn wegzunehmen.

In ihrer Verzweiflung geht sie auf Gils Vorschlag ein, ihm nach Bukarest nachzukommen. Er halte sich dort geschäftlich auf und könne seinen Rückflug verschieben, erklärt er. Nach der Ankunft im Flughafen schaut sich Orna vergeblich nach Gil um. Er habe noch zu tun, schreibt er in einer SMS, sie solle ein Taxi zu dem Hotel nehmen, in dem er für sie ein Zimmer reserviert hat. An der Rezeption erkundigt sich Orna nach seinem Zimmer, aber unter dem Namen Gil Chamtzani ist nichts eingetragen.

Als er endlich kommt, behauptet er, geschäftlich in einem anderen Hotel in der Nähe der Geschäftspartner gewesen zu sein.

Er habe von ihr hören wollen, ob das Zimmer in Ordnung sei, bevor er sich selbst dort eins nahm, das heißt, genau genommen, ob sie überhaupt wolle, dass er sich ein eigenes Zimmer nahm, oder ob sie lieber ein gemeinsames Zimmer hätte.

Orna wundert sich darüber, dass er kein Gepäck hat.

Zwei

Bei Emilia Nudjews handelt es sich um eine Pflegerin Mitte 40. Sie stammt aus Riga, hat jedoch auch dort keine Angehörigen mehr. Vor zwei Jahren kam sie nach Israel und übernahm die Pflege des damals 82 Jahre alten, in Linz geborenen Kinderarztes Nachum Chamtzani, der einen Schlaganfall erlitten hatte.

Als Nachum nun stirbt, befürchtet Emilia, das Land verlassen zu müssen. Aber die Personalvermitt‌lungsfirma verhilft ihr zu einer neuen Anstellung: Sie soll eine 92 Jahre alte Dame namens Adina Danino in einem Seniorenheim in Bat Yam pflegen. Weil es sich nur um eine Teilzeitstelle handelt, reicht die Bezahlung kaum für die Miete, und Emilia sucht nach einem Zweitjob. Einer Ausländerin ist das nicht ohne weiteres erlaubt. Emilia befolgt deshalb den Rat, den sie von Nachums Witwe Esther bekommt und wendet sich an deren jüngeren Sohn, der als Rechtsanwalt praktiziert.

Bevor Gil Chamtzani ihre Frage geklärt hat, verschlechtert sich Adinas Gesundheitszustand so, dass die Sozialhilfe eine Vollzeitpflege genehmigt und Emilia deshalb nicht nur keinen Zweitjob mehr benötigt, sondern sich auch die Miete spart, weil sie rund um die Uhr bei Adina im Seniorenheim sein muss und in deren Zimmer auf einem Sofa schläft.

Als der Rechtsanwalt sich wieder meldet, verheimlicht Emilia ihm die neue Situation, weil es ihr peinlich ist, dass er sich umsonst bemüht hat.

Gil lässt den Kontakt mit Emilia nicht abreißen und verabredet sich mehrmals mit ihr. Schließlich behauptet er, dass er und seine Frau Ruthi sich scheiden ließen und er eine Wohnung für sich gemietet habe. Er überredet Emilia, das Putzen zu übernehmen, und sie erreicht, dass Adinas Tochter Chava Jescher sonntags widerwillig für sie einspringt.

Als sie in Gils Wohnung eine Schublade ausräumt, um Staub zu wischen, fallen ihr drei alte Zeitungen auf, alle mit dem Foto derselben Frau, einer Israelin, die in Bukarest Selbstmord beging.

Bald darauf erzählt Gil, er werde in Kürze geschäftlich in Bukarest zu tun haben. Und er fragt, ob sie nicht nachkommen und mit ihm von Bukarest nach Riga fliegen wolle. Er würde die Kosten übernehmen, und niemand müsse davon erfahren. Falls er sie wegen seiner Termine nicht vom Flughafen abholen könne, solle sie ein Taxi nehmen. Und er schreibt ihr das Hotel auf, in dem er ein Zimmer gebucht hat.

Kurz vor Gils Abflug wird Emilia von Chava und deren Ehemann Me’ir Jescher beschuldigt, Adina bestohlen zu haben. Man könne das auch ohne Polizei regeln, wenn sie alles zurückgebe und 7500 Schekel bezahle. Dafür geben sie ihr bis zum nächsten Tag Zeit, nehmen ihr allerdings den Pass ab, damit sie sich nicht ins Ausland absetzen kann.

In ihrer Verzweiflung wendet sich Emilia an den Rechtsanwalt. Der fordert sie auf, in seine Wohnung zu kommen.

Drei

In einem Café in Givatayim, in dem Gil Chamtzani regelmäßig verkehrt, fällt ihm eine Frau auf, die konzentriert mit einem Laptop arbeitet. Als sie zum Rauchen vor die Tür geht, gesellt er sich zu ihr. Ella Hazany sagt, sie habe die Geschichte des jüdischen Volkes an der Bar-Ilan-Universität studiert, einige Jahre lang Touristengruppen im Diasporamuseum herumgeführt, drei Kinder geboren und schreibe nun im Alter von 37 Jahren an ihrer Masterarbeit über das Ghetto in Łódź. Ihr Ehemann Avner sei Berufssoldat.

Gil erzählt, dass seine Frau Ruth Levanon-Chamtzani Rechtsanwältin sei. Die ältere der beiden Töchter leiste gerade ihren Militärdienst, die andere mache ihren Schulabschluss. Sein in Österreich geborener Vater sei vor drei Jahren, seine aus Polen stammende Mutter vor einigen Monaten gestorben. Er besitze Immobilien in Israel, Polen und Rumänien und beschäftige zur Abwicklung der Geschäfte drei Rechtsanwälte auf Honorarbasis.

Nach einiger Zeit schlägt er Ella vor, mit ihm zu verreisen. Zunächst meint sie, das sei undenkbar, aber dann sagt sie ihm, sie habe einen perfekten Vorwand gefunden: Sie werde ihrem Mann ankündigen, dass sie nach Warschau müsse, um dort Originaldokumente für ihre Masterarbeit zu prüfen.

Drei Tage vor der geplanten Reise berichten die Tageszeitungen Jedioth Acharonoth und Israel HaYom noch einmal über den Fall der in Bukarest gestorbenen Israelin Orna Esran. Die Polizei habe mit neuen Ermittlungen begonnen, heißt es, und fahnde in diesem Zusammenhang nach einem Mann, von dem eine Phantomzeichnung abgedruckt ist.

Ella knipst einen der Artikel mit dem Smartphone und schickt Gil das Foto mit der Bemerkung: „Sag mal, das bist nicht Du?“ Als er nicht darauf antwortet, schreibt sie, das sei nur Spaß gewesen: „einfach die Ähn‌lichkeit mit dem Bild und die Reise nach Bukarest“. Noch in derselben Nacht storniert Gil die Reise. Ella fasst nach, fragt, ob er etwas mit der Frau zu tun gehabt habe und droht, zur Polizei zu gehen. Darauf antwortet Gil sofort. Er habe wegen einer unangemeldeten Steuerprüfung viel zu tun gehabt, behauptet er und drängt sie, zu ihm in die Wohnung zu kommen.

Er öffnet mit ernster Miene. Dass im Schlafzimmer gepackte Koffer stehen, ein größeren Betrag Bargeld, zwei Pässe mit seinem Foto, aber verschiedenen Namen und eine Perücke bereitliegen, kann sie nicht sehen. Als sie nach einer Weile die Toilette aufsucht, sperrt er die Wohnungstür ab und steckt den Schlüssel ein.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Ermittlungen (Achtung: Spoiler!)

Emilias Leiche wurde von dem Streifenpolizisten Karim Nassri mit einer Plastiktüte über den Kopf gefunden. Sie konnte erst identifiziert werden, als das Ehepaar Me’ir und Chava Jescher die verschwundene lettische Pflegerin Emilia Nudjews wegen Diebstahls anzeigte.

Der 42-jährige Ermittler A. legt den nach einem Suizid aussehenden Fall bald zur Seite, aber die Inspektorin Orna Ben Chamo überredet nach dem Studium der Akte die Kriminalhauptkommissarin Ilana Liss, die Leiterin der Ermitt‌lungs- und Aufklärungsabtei‌lung im Distrikt Tel Aviv, weitere Nachforschungen zu authorisieren. In von Emilia hinterlassenen Notizen ist ihr ein Hinweis auf die Israelin Orna Esran aufgefallen, die vor vier Jahren mit dem Kabel einer Dreifachsteckdose um den Hals erdrosselt in ihrem Hotelzimmer in Bukarest aufgefunden worden war. Gibt es da einen Bezug?

Orna Ben Chamo befragt Eran, der nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater und dessen von Nepal nach Israel gezogener Familie aufgenommen worden ist. Der Junge berichtet von der Begegnung mit einem Mann, von dem er nur den Vornamen kennt. Gil sei ein Freund seiner Mutter gewesen, sagt Eran. Als er kurz vor der Ankunft seines Vaters nachts aufgewacht sei, habe er Gil bei seiner Mutter im Bett gesehen.

Die Ermittlerin weiß nun, dass Gil Chamtzani beide toten Frauen kannte: Mit Orna Esran hatte er eine Affäre, und Emilia Nudjews putzte für ihn.

Gil Chamtzani wurde 1962 in Tel Aviv geboren. Nach dem Jurastudium und dem anschließenden Referendariat erhielt er 1988 eine Zulassung als Rechtsanwalt. 1991 heiratete er Ruth Levanon, deren Familie über großen Immobilienbesitz verfügte. Bis 2002 arbeitete Gil Chamtzani in der Rechtsabtei‌lung einer großen Personalmanagementagentur. Dann gründete er mit dem Geld seines Schwiegervaters eine eigene Kanzlei.

Orna Ben Chamo sorgt dafür, dass sie in einem Café in Givatayim mit ihm ins Gespräch kommt. Dabei nennt sie sich Ella und tut so, als schreibe sie verspätet ihre Masterarbeit. Um ihn unter Druck zu setzen, initiiert sie die beiden Zeitungsmeldungen über Orna Esran mit einer von ihrem Kollegen Freddy Amsaleg nach einem Foto Gils angefertigten Zeichnung.

Nachdem er seine Wohnungstür abgesperrt hat, während sie die Toilette benützte, sagt sie:

„Rühr mich nicht an. Ich habe ein Aufnahmegerät am Körper, und draußen sind Polizisten, die jetzt in die Wohnung kommen werden, um dich festzunehmen. Leiste keinen Widerstand. Es ist vorbei.“

Der Mörder glaubt zunächst nicht, dass er eine Polizeibeamtin vor sich hat. Aber dann hört er Sirenen von Streifenwagen, und die Wohnungstür erzittert unter heftigen Schlägen.

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„Drei“ liest sich zunächst wie das tiefschürfend und einfühlsam beobachtete Porträt einer Frau, die nach der Ehescheidung in eine Krise geraten ist. Das wirkt sehr lebensnah. Die Darstellung dreht sich um Selbstbetrug und die Auswirkungen von Verlusten.

Erst wenn man 40 Prozent des Buches gelesen hat, wird deutlich, dass es sich bei „Drei“ um einen Kriminalroman handelt. Ermittlungen werden jedoch erst im letzten Drittel aufgenommen, und in diesem letzten Teil wechselt Dror Mishani auch noch zwischen zwei scheinbar verschiedenen Handlungssträngen, von denen einer ungewöhnlicherweise im Futur 1 steht.

Eines Morgens wird er ihr vorschlagen, zusammen zu Mittag zu essen, und sie wird ablehnen. Er wird fragen, warum, und sie wird sagen: „Weil du weißt, dass es keinen Zweck hat. Es ist nett so, wie es ist, diese morgend‌lichen Rendezvous, also warum es kaputt machen? Mir scheint, es gibt Grenzen, die sollten wir nicht überschreiten, denkst du nicht?“

Als Ermittler taucht übrigens kurz ein „A.“ auf, bei dem Dror Mishani möglicherweise an Inspektor Avi Avraham dachte, den wir aus der Reihe „Abi Avraham ermittelt“ kennen: „Vermisst“ (2013), „Die Möglichkeiten eines Verbrechens“ (2015) und „Die schwere Hand“ (2018).

Die Darstellung ist unaufgeregt, und Dror Mishani kommt ohne Effekthascherei aus. Weil er aus der Perspektive des auktorialen Erzählers schreibt, kann er sich tief in die Charaktere hineinversetzen. Dabei konzentriert er sich auf die Frauen in „Drei“. Von der männlichen Hauptfigur erfahren wir kaum etwas, und Gil Chamtzanis Beweggründe bleiben im Dunkeln.

Das Besondere an „Drei“ ist neben der bewegenden, empathischen Darstellung die Architektur des in drei Teile gegliederten Romans, die erst kurz vor dem Ende erkennbar ist.

Den Roman „Drei“ von Dror Mishani gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Franz Dinda (ISBN 978-3-257-80409-6).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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