Michela Murgia : Drei Schalen

Drei Schalen
Tre ciotole. Rituali per un anno di crisi Mondadori, Mailand 2023 Drei Schalen Übersetzung: Esther Hansen Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2024 ISBN 978-3-8031-3363-2, 157 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Einige der zwölf unter dem Titel "Drei Schalen" versammelten Erzählungen drehen sich um eine Lebenskrise. In allen Erzählungen geht es darum, wie die Betroffenen mit einer heftigen Erfahrung umgehen, welche Entscheidungen sie treffen und welche Rituale sie entwickeln, um die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.
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Kritik

Michela Murgia zeigt auch in ihrem letzten Buch mit geschliffener Sprache, perfekt gewählten Perspektiven, klugen Beobachtungen, pointierten Szenen und durchdachtem Aufbau ihr schriftstellerisches Können.
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Die meisten der zwölf Erzählungen in „Drei Schalen“ spielen zur Zeit der COVID-19-Pandemie in Rom. Auch wenn Michela Murgia keiner der Figuren einen Namen gibt, glaubt man die eine oder andere in einer anderen Erzählung wiederzuerkennen, etwa den Onkologen aus „Unübersetzbarer Ausdruck“ in „Gesichtserkennung fehlgeschlagen“ oder die Haushälterin in „Dienstbereitschaft“ als Schwester des Verstorbenen in „Bis dass der Tod“.

Unübersetzbarer Ausdruck

Der erste Satz von „Drei Schalen“ lautet: „Sie haben eine Zellneubildung an der Niere.“

In einem Krankenhaus in Rom-Monteverde sitzen sich ein Onkologe und eine Patientin gegenüber, wegen der Pandemie durch eine Plexiglasscheibe voneinander abgeschirmt. Neben der Neoplasie wurden Metastasen in der Lunge diagnostiziert, und während der Arzt eine Immuntherapie vorschlägt, liest die Patientin auf dem vor ihm liegenden Blatt Papier „Nierenkarzinom im vierten Stadium“.

Übelkeit

Eine Frau erinnert sich an die Trennung von ihrem Mann vor fünf Jahren, auf die sie mit ständigem Erbrechen reagierte. Seither braucht sie sich nicht mehr an feste Essenszeiten zu halten und kommt ohne Teller aus. Beides hasste sie schon immer. Messer und Gabel hat sie durch Essstäbchen ersetzt.

Die Route wird neu berechnet

Ein Mann (der aus „Übelkeit“?) meidet nach der Trennung von seiner Frau die Orte, an denen sich ihre Wege erneut kreuzen könnten, aber ein Freund bringt ihn dazu, sich diese Orte zurückzuerobern.

Rote Rosen

Wegen des Lockdowns führt ein Lehrer Elterngespräche als Videokonferenzen.

Uterus zu verleihen

Eine lesbische Frau Anfang 30 hasst Kinder.

Kinder sind ein nie versiegender Quell an Bedürfnissen, die sie nicht verhehlen können, und die Unfähigkeit, sich zu verstellen, ist ein soziales Manko und die ureigenste Definition von kindisch. Als Erwachsener hat man gelernt, seine Instinkte zu verbergen, die sonst in die Verrohrung führen würden. Gute Erziehung bedeutet, jemanden zur Verstellung zu erziehen, damit er sagt, es gehe ihm gut, selbst wenn es nicht stimmt […]. Gute Erziehung bedeutet zu betonen, dass du etwas gerne tust, wozu zu überhaupt keine Lust hast.

Für sie wäre es ein Gräuel, ein Kind zu haben. Weil aber ein langjähriger Freund und dessen Ehefrau unter ihrer Kinderlosigkeit leiden, stellt sich die Kinderhasserin für eine homologe Insemination zur Verfügung. Die Leihmutter wird auf ihr Sorgerecht verzichten, der Vater sein Kind anerkennen. Und sie stellt klar, dass das Paar nicht mit ihr als Babysitterin rechnen kann.

Gesichtserkennung fehlgeschlagen

Im Lockdown achtet ein Onkologe darauf, seine Familie vor einer Infektion zu beschützen. Sobald er nach Hause kommt, legt er die Kleidung in einer eigens angeschafften Ozonkabine ab, duscht gründlich und trägt auch im Familienkreis eine FFP2-Maske. Weder seine Frau noch sein Sohn verlassen die Wohnung. Schulen sind geschlossen, und der Supermarkt liefert die Waren vor die Tür.

Sicherheitshalber unterzieht der Arzt seinen Sohn alle drei Tage einem Corona-Test – und kann es kaum glauben, als das Ergebnis zweimal nacheinander positiv ausfällt. Daraufhin muss nun auch das Kind zu Hause eine Maske tragen und die Mahlzeiten in seinem Zimmer allein einnehmen.

Der gewissenhafte Mediziner fragt sich, was er bei seinen Maßnahmen übersehen haben könnte und kommt zu dem Schluss, dass die Infektion durch die Prätorianer-Büsten erfolgt sein muss, die er sich regelmäßig als Unikate anfertigen und schicken lässt. Noch in derselben Nacht versieht er sie mit Masken.

Dienstbereitschaft

Die Ich-Erzählerin stammt aus Sardinien. Ihr Mann starb an Lymphdrüsenkrebs, und sie ist überzeugt, dass es eine Folge des Rauchens war. Weil sich jedoch in der Nähe ein Militärstützpunkt befindet und die Zahl der Krebstoten in der Umgebung höher als zu erwarten ist, spekulieren die Medien über einen Zusammenhang mit Waffentests.

Als der Kommandant der Militärbasis nach Rom zurückkehrt, nimmt er die Witwe als Haushälterin mit. Sein Sohn ist von Geburt an kränklich, und vor der Einschulung wird bei ihm Autismus diagnostiziert. Die Eltern lassen ihn deshalb von Hauslehrern unterrichten.

Dann wird bei dem Sohn ein Tumor festgestellt. Als die vom Onkologen verordnete Chemotherapie fast abgeschlossen ist, hört der Oberst auf den Rat eines Chirurgen und lässt das Kind operieren. Der Eingriff ist schwieriger als erwartet und kann den Krebs nicht vollständig beseitigen. Daraufhin muss die Chemotherapie fortgesetzt werden.

Und die Haushälterin erlebt, wie sich die Eltern ständig streiten. Die Signora wirft ihrem Mann vor, dass er immer zu radikalen Mitteln greife und auf diese Weise Unheil angerichtet habe.

Bis dass der Tod

Drei Monate nach der Beerdigung ihres Mannes geht die Witwe (deren Schwester als Haushälterin beim ehemaligem Kommandanten einer Militärbasis beschäftigt ist) zur Beichte.

Ihr Mann habe vor langer Zeit einen Herzinfarkt erlitten, sagt sie. Seither umsorgte sie ihn unauffällig und traf alle für sie gemeinsam wichtigen Entscheidungen. Zugleich verbarg sie ihre Schwächen nicht vor ihm, damit er sich als der Stärkere fühlen konnte.

Sie sei gegen Sterbehilfe, erklärt sie. Als ihr Mann jedoch im Koma auf der Intensivstation lag, entschied sie für ihn. Und nun plagen sie Schuldgefühle.

Sie werden verstehen, dass ich keine Wahl hatte. Ich weiß nicht, ob Gott ich eines Tages zur Rechenschaft ziehen wird, dass ich seiner Barmherzigkeit mehr vertraut habe als der Wissenschaft, aber, Pater, in diesem Moment habe ich so entschieden, wie ich gelebt habe: für meinen Mann.

Animation

Wenige Tage, bevor ihr 19-jähriger Sohn zum Studieren auszieht, bestellt seine Mutter eine lebensgroße Pappfigur des südkoreanischen Sängers Park Ji-min, und während Mann und Sohn nicht zu Hause sind, holt sie das in der Weinhandlung unter der Wohnung abgegebene Paket.

Abends versteckt sie Park Ji-min im Kleiderschrank, lässt aber die Tür einen Spalt offen, damit er Luft bekommt.

Beim Sex hatte ich Angst, dass die Schranktür offensteht und Jimin uns hört.

Nach einiger Zeit schläft sie selbst im Schrank und achtet darauf, dass ihr Mann nichts merkt. Ob sie gut geschlafen habe, fragt er am nächsten Morgen beim Frühstück. „Traumhaft“, antwortet sie.

Armengrab

Die Ich-Erzählerin trainiert ein Jugend-Handball-Team.

Eines Abends kriecht eine Ratte aus der Kanalisation. Die Jungs machen sich einen Spaß daraus, das Tier totzutreten.

Als die Jugendlichen fort sind, mag die Frau den zerfetzten Kadaver nicht einfach liegen lassen. Sie öffnet eine Biotonne, aber in die hat jemand die Pappfigur eines koreanischen Sängers gestopft. Schließlich holt sie eine Schaufel aus dem Geräteraum und verscharrt den Kadaver. Weil sie merkt, dass das Loch nicht tief genug war und sich darüber eine Beule wölbt, springt sie mit den Füßen darauf herum.

Es war kein Laut zu hören, doch bei dem Gefühl, wie der Körper unter dem Druck von Humus und Schotter nachgab, musste ich würgen. Was die Tritte der Jungs noch heil gelassen hatten, zertrat ich nun mit meinem Stampfen.

Familienverhältnisse

Mit über 50 ließ der Professor sich scheiden und verließ seine Familie, um seine Geliebte – einer seiner Studentinnen – zu heiraten.

Bei regelmäßigen Tischgesellschaft erwartet er von seiner jungen Ehefrau, dass sie die Gäste bekocht. Seine linksgerichtete Einstellung lasse die Beschäftigung einer Haushaltshilfe nicht zu, erklärt er.

Anfangs glaubte sie, mit ihrer Meinung zu den Gesprächen beitragen zu können, aber rasch merkte sie, dass die anderen ihre Argumente nicht ernst nahmen. Mit ihrem Diplom vom Zentrum für Experimentellen Film befindet sie sich nicht auf Augenhöhe mit den anderen.

An der Tafel war ihr Mann weiterhin der große Regisseur und sie höchstens seine junge Frau mit einem Talent für Nudelaufläufe.

Vor zwölf Jahren glaubte ihr Mann, eine Krebserkrankung überwunden zu haben, aber nun hat sich ein Rezidiv im verbliebenen Hoden eingestellt, und ein Arzt in der Runde hält eine weitere Operation für erforderlich.

Seine Frau trifft sich vor der nächsten Sonntags-Gesellschaft mit einem der Herren, einem Rechtsanwalt – und hindert ihren Liebhaber diesmal daran, seinen Penis vor der Ejakulation herauszuziehen.

Übergangszeit

Nach dem Tod ihrer Schwester hängt die Ich-Erzählerin die zurückgebliebenen Kleidungsstücke in einen Korkeichenhain und lädt 40 Menschen, die sich regelmäßig mit ihrer Schwester trafen, dazu ein, sich etwas davon auszusuchen.

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Im Mai 2023 – kurz vor ihrem 51. Geburtstag – ließ Michela Murgia die Öffentlichkeit wissen, dass sie unheilbar an Nierenkrebs erkrankt sei. Am 10. August 2023 starb sie ihn Rom.

Am 16. Mai 2023 erschien ihr letztes Buch.

„Drei Schalen“ beginnt mit dem Satz „Sie haben eine Zellneubildung an der Niere“. Die Diagnose lautet: „Nierenkarzinom im vierten Stadium“. Dennoch darf man nicht davon ausgehen, dass die Protagonistin der Erzählung „Unübersetzbarer Ausdruck“ mit der Autorin identisch ist.

Einige der zwölf unter dem Titel „Drei Schalen“ versammelten Erzählungen drehen sich um eine Lebenskrise. Manche betreffen die Hauptfigur, andere werden von ihr beobachtet. Namen erfahren wir keine. In allen Erzählungen geht es darum, wie die Betroffenen mit einer heftigen Erfahrung umgehen, welche Entscheidungen sie treffen und welche Rituale sie entwickeln, um die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Manches davon wirkt absurd bzw. surreal.

„Drei Schalen“ lässt sich auch als Plädoyer für Toleranz und Vielfalt lesen.

Das Niveau eines Meisterwerks wie „Accabadora“ erreicht kaum eine der Erzählungen in „Drei Schalen“, aber Michela Murgia zeigt auch in ihrem letzten Buch mit geschliffener Sprache, perfekt gewählten Perspektiven, klugen Beobachtungen, pointierten Szenen und durchdachtem Aufbau ihr schriftstellerisches Können.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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