Louise Nealon : Snowflake

Snowflake
Snowflake Manilla Press / Bonnier Books, London 2021 Snowflake Übersetzung: Anna-Nina Kroll Mare Verlag, Hamburg 2022 ISBN 978-3-86648-660-7, 346 Seiten ISBN 978-3-86648-815-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Debbie White wächst auf einem kleinen Milchbauernhof in Irland auf. Als sie mit 18 in Dublin zu studieren anfängt, gerät sie in den Gegensatz zwischen Dorf und Großstadt, Bauernhof und Universität, Armut und Reichtum. Die Aufsteigerin leidet unter einer bipolaren Störung. Auch Debbies Bezugspersonen, die Mutter und der Onkel, sind psychisch krank.
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Kritik

"Snowflake" ist ein leises Buch. Louise Nealon verzichtet auf Effekthascherei. Eine auf einen Kulminationspunkt zustrebende Handlung gibt es nicht, und es fehlt an Dynamik. Am Ende fragt man sich, was der Kern der Geschichte gewesen sein könnte: Die bipolare Störung der Hauptfigur?
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Vom Dorf in die Stadt

Deborah („Debbie“) White wuchs auf einem Milchbauernhof in Kildare westlich von Dublin auf, der von ihrem in einem Wohnwagen hausenden Onkel William („Billy“) White betrieben wird . Wer ihr Vater ist, weiß sie nicht. Ihre Mutter Maeve verlässt kaum das Haus, ja, nicht einmal das Schlafzimmer („goldener Tabernakel“). Sie ist viel damit beschäftigt, ihre Träume aufzuschreiben, von denen sie annimmt, dass es die anderer Menschen sind. Wenn es sie überkommt, tanzt sie nackt in Brennnesseln, bis sie am ganzen Körper mit roten Pusteln übersät ist.

Ich lege mich aufs Bett und starre an Mams Wörterwand.
Früher hat sie mir immer erzählt, dass sie die Blätter an die Wände klebt, damit sie dicker werden, um ihre Geheimnisse vor Nelly zu schützen, die unter der Tapete lebt. Nelly war eine Erfindung meiner Großmutter. Sie behauptete, Nelly stecke nachts die Nase aus der Tapete und mache sich im Schlaf über unsere Gedanken her.

Billy trinkt viel. Manchmal kommen Menschen zu ihm und hoffen, dass er sie heilen kann. Er nimmt dafür nichts, macht es widerwillig und glaubt selbst nicht an entsprechende Fähigkeiten. Aber er tut, was die Leute von ihm erwarten und meint, es könne zumindest nicht schaden.

Maeve war bei Debbies Geburt 18 Jahre alt. Im gleichen Alter bekommt Debbie einen Studienplatz für Anglistik am Trinity College Dublin. Am ersten Tag verpasst sie nicht nur den Zug, sondern verliert dann auch noch unterwegs ihre Fahrkarte und muss Strafe zahlen.

Mindestens einmal am Tag verliere ich entweder meinen Uniausweis, mein Portemonnaie oder mein Handy.

Die erste Kommilitonin, mit der sie ins Gespräch kommt, ist die 21-jährige Arzttochter Xanthe Woods, die zuvor an der National College of Art and Design in Dublin studierte. Ihr Vater hat ihr eine Wohnung gekauft, die sie sich mit einer Kommilitonin namens Orla teilt. Debbie glaubt, die neue Freundin heiße Santy, bis ihr Onkel Billy erklärt, dass der Name aus dem Griechischen stammt und wie er geschrieben wird.

„Was hast du als Nächstes?“, fragt Xanthe, als ich zusammenpacke.
„Literaturtheorie.“
„Du meinst: Phrasendreschen für Fortgeschrittene?“
„Da sagst du was.“

Debbie verbringt viel Zeit mit Xanthe und schläft auch bei ihr. In einer Kneipe gabelt sie den Studenten Roy Keane auf. Sie küsst ihn und nimmt ihn mit in Xanthes Wohnung. Allerdings stellt sie klar, dass sie keinen Sex haben will.

„Ach, jetzt komm schon!“, ruft er. „Du kannst doch nicht einfach Männer mit nach Hause nehmen und sie dann nicht ranlassen.“
„Ich hab dir vorher gesagt, dass ich nur schlafen will.“
„Und dann küsst du mich so? Ich hab schon ganz blaue Eier. Du weißt ja nicht, wie schmerzhaft das ist.“

Xanthe wacht durch den Lärm auf und wirft den Mann kurzerhand hinaus.

Debbie nimmt zwar an, dass sie noch nie penetriert wurde, aber des Öfteren nahm sie Männer mit ins Bett und konnte sich aufgrund des Alkoholkonsums später nicht mehr daran erinnern, was geschehen war.

„Debbie“, sagte Xanthe hicksend. „Du küsst sehr … leidenschaftlich. Das ist nichts Verwerfliches, es ist nur so, dass das die Typen sehr erregt und normalerweise zu Action im Schlafzimmer führt … und du zerrst sie auch noch in die richtige Richtung, von daher …“
„Aber ich warne sie immer vor, dass nichts läuft.“
„Wow.“ Mit einem Mal war Xanthe nüchtern. „Okay, Debbie, du hattest definitiv schon Sex. Ich war dabei. Du hattest Sex auf dieser Couch.“
„Hatte ich nicht, Leute. Ich schwör’s. Wir machen rum, aber es wird nie eingelocht.“
„Ich hab mit eigenen Augen gesehen, wie eingelocht wurde“, sagte Xanthe.

Vorsichtshalber konsultiert Debbie einen Arzt. Der rät ihr zu Empfängnisverhütung und notiert ihr die Telefonnummer einer Beratungsstelle.

Todesfall

Seit James, einer der beiden Söhne der Pub-Wirtin Shirley Cassidy, 16 Jahre alt war, arbeitet er als Hilfskraft für Billy auf dem Bauernhof. Einen Monat nach seinem 25. Geburtstag kommt er bei einem Unfall mit dem Traktor ums Leben.

Der Sarg mit dem Toten wird auf einem Billardtisch im Pub aufgebahrt. Plötzlich liegt Meave auf dem Toten.

Sie klammert sich an James‘ Leiche […]. Wimperntusche strömt ihr übers Gesicht und macht Flecken auf sein weißes Hemd. Der Bestatter zieht an ihrem Bein, dem einzigen Teil von ihr, den er von der Leiche lösen kann. Er wirkt ratlos […].

Nachts wird Debbie durch ein hämmerndes Geräusch wach. Ihre Mutter liegt am Fuß der Treppe und haut ihr Gebiss gegen die Stufe. Im Krankenhaus wird festgestellt, dass sie sich zwei Zähne abgebrochen, zwei weitere ausgeschlagen, die Nase und die Augenhöhle gebrochen hat.

Nur weil Billy die Kosten für eine Privatbehandlung seiner Schwester übernimmt, wird Meave für drei Wochen im St Pats (St Patrick’s Mental Health Services) in Dublin aufgenommen, und der Psychiater Dr. Patrick Allen, einer der Chefärzte, diagnostiziert eine bipolare Störung.

Psychotherapie

Anstelle seines älteren Bruders James arbeitet nun Mark Cassidy für Billy.

Meave bittet ihren Bruder um Geld für eine Psychotherapie-Stunde bei Audrey Keane, die im Dorf wohnt und früher Debbies Klavierlehrerin war. Die Tochter des inzwischen gestorbenen Dorfapothekers studierte zunächst Medizin, praktizierte aber nur kurz als Ärztin und brach im Alter von 20 Jahren mit einer Depression zusammen. In der Klinik begann sie sich dann für Psychiatrie zu interessieren und absolvierte deshalb eine entsprechende Ausbildung. Billy sträubt sich erst einmal dagegen, die Bitte seiner Schwester zu erfüllen:

„Ich soll dir also fünfzig Kröten von meinem Geld geben, damit du dich bei unserer Nachbarin ausheulen kannst.“

Debbie folgt dem Beispiel ihrer Mutter und sucht ebenfalls Audrey Keane auf. Zur Begründung sagt sie:

„[…] dass ich Angst habe, so zu werden wie meine Mutter. Ich habe Angst, für den Rest meines Lebens ans Haus gefesselt zu sein und nicht mehr mit der Realität klarzukommen.“

Selbstmordversuch

Billy versucht sich in seinem Wohnwagen zu erhängen. Meave wacht auf, fühlt sich alarmiert, folgt einer Ahnung, schlägt ein Fenster des Wohnwagens ein, schneidet den Strick durch und rettet ihrem Bruder das Leben.

Als Debbie ihren Onkel später fragt, warum er das getan habe, antwortet er:

„Du willst einen Grund? Du willst es wissen? […] Der Grund bist du. Vor langer Zeit einmal warst du das Einzige, was mich am Leben gehalten hat. Und ich hab alles gegeben für dich, ehrlich, aber jetzt bist du nur noch die Tochter deiner Mutter.“

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Louise Nealon (*1991) wuchs – wie die Ich-Erzählerin ihres Debütromans „Snowflake“ – auf einer Farm in Kildare westlich von Dublin auf und studierte englische Literatur am Trinity College Dublin (dazu Kreatives Schreiben an der Queen’s University Belfast). „Snowflake“ dürfte also autobiografische Züge aufweisen.

Als Debbie in Dublin zu studieren anfängt, gerät sie in den Gegensatz zwischen Dorf und Großstadt, Bauernhof und Universität, Armut und Reichtum. Man kann „Snowflake“ als Coming-of-Age- bzw. Aufsteigerroman lesen, aber im Zentrum steht eine von Louise Nealon allerdings nie direkt angesprochene bipolare Störung der Hauptfigur. Auch Debbies Bezugspersonen, die Mutter und der Onkel, sind psychisch krank.

„Snowflake“ ist ein leises Buch ohne Effekthascherei. Eine auf einen Kulminationspunkt zustrebende Handlung gibt es nicht, und es fehlt an Dynamik, um nicht zu sagen, dass die Darstellung vor sich hin plätschert. Am Ende fragt man sich vergeblich, was der Kern der Geschichte gewesen sein könnte. Dazu kommt, dass wir über Romanfiguren wie beispielsweise James, Shirley, Orla oder Griffin kaum mehr als die Namen erfahren. Charaktere sind das jedenfalls nicht.

Der Titel „Snowflake“ bezieht sich auf ein Leitthema des Romans. Ein Kapitel hat Louise Nealon mit „Schneeflocken“ überschrieben, und auch an einigen anderen Stellen bringt sie Schneeflocken ins Spiel, beispielsweise im Zusammenhang mit Fotografien von Schneeflocken. Und die Familie der Ich-Erzählerin heißt wohl nicht zufällig White. Meave White sagt einen Satz, der wohl ausdrücken soll, um was es Louise Nealon in „Snowflake“ geht:

„Eine Schneeflocke kann man nicht festhalten.“

Den Roman „Snowflake“ von Louise Nealon gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Lisa Hrdina (Regie: Barbara Meerkötter).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Mare Verlag

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