Máirtín Ó Cadhain : Die Asche des Tages

Die Asche des Tages
Fuioll Fuine, 1970 Die Asche des Tages Übersetzung: Gabriele Haefs Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2020 ISBN 978-3-520-60301-2, 156 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

N., ein Mann, dessen Frau an diesem Morgen nach langer Krankheit gestorben ist, irrt durch Dublin. Unfähig zur Trauer, grübelt er darüber nach, was nun alles zu erledigen wäre, kann sich jedoch nicht entschließen, einen Sarg zu besorgen und die Beerdigung zu organisieren. Dann raubt ihm auch noch ein Dieb die Brieftasche mit dem Geld, das er für die Kosten der Bestattung gespart hat ...
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Kritik

Máirtín Ó Cadhain studiert in "Die Asche des Tages" einen Fall einer als Prokrastination bezeichneten psychopathologischen Störung der Selbststeuerung. Die subjektive Sicht des Protagonisten wird an keiner Stelle des tragikomischen Romans durchbrochen. Máirtín Ó Cadhain versetzt uns konsequent in N.s skurrile Gedankenwelt.
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An diesem Samstagmorgen ist N.s Frau nach langer Krankheit in der Wohnung in Dublin gestorben. Trotzdem ist der bei einer Behörde beschäftigte Witwer ins Büro gegangen. Zu Hause sind seine beiden unerträglichen Schwägerinnen, und die haben möglicherweise auch bereits ihren Bruder hinzugeholt.

N. verabredet sich nach dem Büro mit einem Bekannten in einem Pub. Siomón telefoniert für ihn herum, um herauszufinden, wo ein Sarg günstiger zu kaufen ist. Als N. einfällt, dass seine Frau vermutlich noch nicht aufgebahrt ist, wendet sich Tomás, ein anderer Bekannter, an einen N. unbekannten Gast, der von einer in dem Stadtviertel tätigen Krankenschwester weiß, die das übernehmen könnte. Aber N. kann sich nicht entscheiden.

Auf der Straße stößt er mit der Witwe Uí Shomacháin zusammen, die ihre Einkäufe nach Hause schleppt und von Schnäppchen schwärmt.

In einem Warenhaus nimmt N. seine Brieftasche heraus. Seit der Arzt ihm sagte, dass seine Frau bald sterben werde, hat er gespart und nun auch die für die Beerdigung erforderliche Summe zusammen. Ein Dieb entreißt ihm die Brieftasche und rennt davon. Jemand ruft die Polizei, aber die kann nur N.s Aussage aufnehmen.

Nachdem N. von einem Bekannten auf der Straße einen Tipp bekommen hat, setzt er das restliche Geld, das er in seinen Taschen hat, auf das Pferd Sodailín. Aber der Favorit geht als erst an dritter Stelle durchs Ziel, und N.s Einsatz ist nun auch verloren.

Er sucht die Bank auf, bei der seine Frau ihr Konto hatte. Dort erklärt man ihm, dass das Guthaben bis zur Klärung der Erbschaftsverhältnisse blockiert sei, und über einen Kredit für ihn könne frühestens am Montag entschieden werden.

Inzwischen sucht die Polizei nach dem Witwer, der nicht zu Hause bei seiner soeben gestorbenen Frau ist.

Am Kanal kommt N. mit einem Fremden ins Gespräch. Der behauptet, sobald ihn die Polizei aufgespürt und festgenommen habe, werde er immer und ewig zwischen Knast und Straße pendeln. N. entgegnet:

„Versuchen Sie mir weiszumachen, dass ich niemals nach Hause gehen kann? Versuchen Sie mir weiszumachen, dass ich keinen freien Willen beisitze?“
„Hören Sie mir mal zu, Sie ahnungsloser, ignoranter Trottel. […] Ich habe Ihren Fall entsprechend der objektiven mathematischen Gesetze von Wissenschaft, Logik, Physik und der jüngsten Erkenntnisse zum organischen Leben analysiert, und Sie kommen mir hier mit freiem Willen […]“

Nachdem er den Mann am Kanal hat stehen lassen, überlegt N., ob dessen Äußerung nicht doch eine Offenbarung gewesen sein könnte.

Zufällig kommt er bei der wohltätigen Stiftung St. Vincent de Paul vorbei. N. berichtet, was ihm widerfahren ist. Das sei nur eine von zahlreichen traurigen Geschichten, mit denen man hier Tag für Tag konfrontiert sei, heißt es. Die Stiftung helfe den Armen, aber er sei nicht arm, weil er vor dem Diebstahl ausreichend Geld für die Beerdigung gehabt habe. Er hätte besser aufpassen müssen. Er könne zwar einen Antrag auf Unterstützung stellen, aber vor Montag werde sich damit niemand befassen.

Auf der anderen Straßenseite steht eine Gruppe der Heilsarmee. N. denkt daran, dass er die Kleidung seiner Frau der Heilsarmee spenden könnte. Dem Anführer erzählt er seine Geschichte, aber Geld bekommt er auch hier keines.

Hin und wieder schreibt N. für Radio und Fernsehen. Schon vor Monaten wurde für diesen Samstagabend ein Termin mit dem auf dem Land wohnenden Abgeordneten Ó Boitealla vereinbart. N. hätte sich zwar von einem Kollegen namens Micil vertreten lassen können, aber der wartet nur auf eine Gelegenheit, ihn auszubooten. Colms, der Chef, erklärt dem Abgeordneten und dem Fernsehteam, wie er sich die Aufnahme vorstellt. Danach fährt er seine Sekretärin, die blonde Knutschi, nach Hause. N. steigt mit ihr aus, und sie nimmt ihn mit nach oben, bewirtet ihn mit belegten Broten und Gin und geht dann mit ihm ins Bett. N. weiß, dass sie jede Nacht einen anderen Mann bei sich hat.

Am Morgen schleicht er sich davon, überklettert einen Zaun, versteckt sich im Gebüsch eines Parks und legt sich dort schlafen. Der Parkwächter stöbert ihn jedoch auf und erklärt ihm, dass er nicht dableiben könne. Der freundliche Mann nimmt ihn mit zum Frühstück in der Diensthütte.

Nach der Sonntagsmesse schläft N. auf einer Kirchenbank ein. Der Pfarrer, mit dem er bereits am Vorabend über den Todesfall sprach, weckt ihn. Er habe mit seinem für N.s Gemeinde zuständigen Kollegen gesprochen, sagt er, und offenbar sei bereits alles für eine Beerdigung am Montag vorbereitet. N. solle nun unverzüglich nach Hause gehen.

Der grübelt auf der Straße über seine Situation nach.

Wenn überhaupt etwas sicher war, dann der Leichnam, dieser Leichnam, dieser Körper, der der Ursprung aller Sorgen und allen Kopfzerbrechens war. Es war kaum zu glauben, dass etwas so Schweres, Bleiernes, so Gefühl- und Atemloses wie ein Leichnam einen solchen Wirbelwind aus Sorgen auslösen, die Lebenden in eine solche Falle der Verantwortung hineinmanövrieren konnte.

Statt mit dem Rohmaterial anzufangen, dem Leichnam, sollte er vielleicht alles vom Ende her aufrollen, mit dem allerletzten Puzzleteil beginnen, mit dem Friedhof, mit dem Grab. Oder vielleicht sogar einen Zeitsprung nach vorne machen und mit dem Grabstein anfangen. Der Grabstein ergab sich aus dem Sarg, aus dem geschlossenen Grab. Das Grab stand offen, weil ein Sarg hinein musste. Der Sarg musste ins Grab, weil er einen Leichnam enthielt oder jedenfalls enthalten sollte, ehe er geschlossen wurde, also musste aus einem offenen Sarg ein geschlossener gemacht werden, ehe er ins Grab hinabgelassen wurde. Es lag ein Leichnam im Sarg, die Überreste eines lebendigen Menschen […]

Auf einer Brücke bittet er einen Zeitung lesenden Fremden, ihn kurz auf die Seite mit den Todesanzeigen schauen zu lassen. Was der Pfarrer gehört hat, bestätigt sich: Die Beerdigung von N.s Frau ist für Montag um 12 Uhr im Stadtteil Cill na Manach angesetzt. Erleichtert stellt er fest, dass er sich um nichts mehr zu kümmern braucht und für alles gesorgt ist.

Erneut kommt er ins Grübeln:

Ein Bestatter und ein Sarg entsprechen einem Grab. Ein Bestatter plus ein Sarg plus ein Grab minus ein Leichnam ergibt eine unbekannte Größe. Eine unbekannte Größe, zum Quadrat ergibt Unordnung, Anarchie, den Anfang vom Ende […]

N. schläft auf einer Parkbank ein. Als er aufwacht, steht ein amerikanischeer Matrose aus Boston vor ihm. Dem stahl in der Nacht eine Prostituierte die Brieftasche. N. nimmt ihn mit in die Kneipe Ó Suibhnes, wo der Wirt ihn anschreiben lässt, gibt Ed als Verwandten auf Besuch aus und spendiert ihm die Getränke.

Ed rät ihm, mit nach Boston zu kommen. Die „Sternenbanner“ werde noch am Abend ablegen. Der Matrose nimmt ihn mit zum Schiff und schärft ihm ein, dass er nichts von ihrer Bekanntschaft verraten dürfe, falls man ihn als blinden Passagier entdecken würde.

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Viel geschieht nicht in dem Roman „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain. N., ein Mann, dessen Frau an diesem Morgen gestorben ist, irrt durch Dublin. Unfähig zur Trauer, grübelt er darüber nach, was nun alles zu erledigen wäre, kann sich jedoch nicht entschließen, einen Sarg zu besorgen und die Beerdigung zu organisieren. Dann raubt ihm auch noch ein Dieb die Brieftasche mit dem Geld, das er für die Kosten der Bestattung gespart hat.

Máirtín Ó Cadhain studiert in „Die Asche des Tages“ einen Fall einer als Prokrastination bezeichneten Unfähigkeit, anstehende Aufgaben auszuführen bzw. fertigzustellen. Menschen mit dieser psychopathologischen Störung der Selbststeuerung schieben alles auf – bis es zu spät ist.

Die subjektive Sicht des Protagonisten wird an keiner Stelle durchbrochen. Máirtín Ó Cadhain versetzt uns konsequent in N.s skurrile Gedankenwelt. Dabei unterteilt er den Roman nicht in Kapitel, sondern entwickelt einen ununterbrochenen Bewusstseinsstrom.

Weil N. sich weder als Identifikationsfigur noch als Sympathieträger eignet und nach wenigen Seiten keine Überraschungen mehr zu erwarten sind, handelt es sich bei „Die Asche des Tages“ nicht gerade um einen Page Turner. Nur die Frage, ob sich N. am Ende doch noch um die Beerdigung seiner Frau kümmern oder wenigstens daran teilnehmen werde, hält das Interesse wach.

Lesenswert ist „Die Asche des Tages“, weil der Roman alles andere als Mainstream ist und Máirtín Ó Cadhain eine kafkaeske Gedankenwelt in einer tragikomischen Umgebung entfaltet.

Der irische Schriftsteller, Übersetzer und Literaturkritiker Máirtín Ó Cadhain (1906 − 1970) gilt in der irischen Literaturgeschichte als Erneuerer mit großem Einfluss auf nachfolgende Autoren. Trotz seiner Bedeutung ist Máirtín Ó Cadhain außerhalb Irlands wenig bekannt. Das könnte  auch daran liegen, dass er nicht in englischer, sondern in irischer Sprache schrieb, also für eine verhältnismäßig kleine Leserschaft.

Der Verlag Alfred Kröner veröffentlichte vor dem Roman „Die Asche des Tages“ bereits Máirtín Ó Cadhains Hauptwerk „Grabgeflüster“ („Cré na Cille“, 1949) und die Novelle „Der Schlüssel“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Alfred Kröner Verlag

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