Whitney Scharer : Die Zeit des Lichts

Die Zeit des Lichts
The Age of Light Little, Brown & Co, New York 2019 Die Zeit des Lichts Übersetzung: Nicolai von Schweder-Schreiner Klett-Cotta, Stuttgart 2019 ISBN 978-3-608-96340-3, 392 Seiten ISBN 978-3-608-19187-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Lee Miller ist eine junge Amerikanerin, der es nicht genügt, als Model in New York den Anweisungen von Fotografen zu folgen. Um selbst gestalten zu können, zieht sie nach Paris und wendet sich an Man Ray. Aber sie lässt sich weder von ihm noch von anderen Menschen vereinnahmen ...
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Kritik

Whitney Scharer ist mit "Die Zeit des Lichts" ein lebendiges Porträt einer faszinierenden Frau gelungen. In ihrem Roman (es ist keine Biografie) konzentriert sie sich auf die Liebes- und Arbeitsbeziehung Lee Millers mit Man Ray. Eingefügt sind kurze Eindrücke von Lee Millers Zeit als Kriegsberichterstatterin.
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Der Beginn einer Beziehung

Die 22-jährige Amerikanerin Elizabeth („Lee“) Miller beendet ihre Model-Karriere in New York und zieht 1929 nach Paris, um dort Künstlerin zu werden. Nach drei Monaten begegnet sie Man Ray. Der 17 Jahre ältere Fotograf, Filmregisseur, Maler und Objektkünstler kam bereits 1921 aus den USA nach Paris und gehört dort zum Kreis der Surrealisten und Dadaisten um Louis Aragon, André Breton und Paul Éluard. Obwohl Man Ray es zunächst ablehnt, Lee Miller zu unterrichten, überredet sie ihn dazu, sie als Assistentin zu beschäftigen. Und unter seinem Einfluss verschiebt sich ihr Ziel von der Malerei zur Fotografie.

Nach ein paar Monaten besorgt ihr Man Ray eine Wohnung, bezahlt die Miete und wird ihr Liebhaber. Ende August 1930 zieht Lee Miller dann zu ihm.

Während sie in seiner Dunkelkammer an ihren so genannten Glasglockenbildern arbeitet, lässt sie versehentlich eine Filmrolle fallen und schaltet für ein paar Sekunden das Licht ein. Zu ihrer Überraschung sind die Bilder nicht zerstört, sondern nur verändert, und sie experimentiert mit Man Ray, bis sie die auf diese Weise erfundene Solarisation beherrschen.

Erste Risse in der Beziehung

Lee Miller vertraut Man Ray an, dass sie als siebenjähriges Kind von einem Onkel vergewaltigt und mit Gonorrhoe infiziert worden sei.

Sie weiß, dass Man Ray gleich nach seiner Ankunft in Paris eine Affäre mit der damals 20-jährigen Sängerin Kiki vom Montparnasse angefangen hatte und sie erst unlängst beendete. Sie möchte Kiki unbedingt sehen und bringt Man Ray dazu, mit ihr in das Lokal zu gehen, in dem die Sängerin auftritt.

Kiki tritt durch eine Seitentür auf und läuft affektiert, fast watschelnd zur Bühne. Sie setzt einen Fuß auf die Treppe und zieht ihn lachend wieder weg. Niemand gibt einen Laut von sich. Sie setzt den Fuß wieder auf die Treppe, streckt die Arme aus, als würde sie auf einem Seil balancieren, und steigt dann langsam und vorsichtig die Stufen hinauf. Die Bühne ist leer bis auf einen Stuhl, den sie vom Publikum wegdreht, um sich dann rittlings draufzusetzen. Ihr Kleid ist kurz, selbst von ganz hinten kann Lee ihr Höschen sehen. […]
Das Klavier spielt los. Kiki beugt sich über die geschwungene Stuhllehne, sodass ihre Brüste dagegen drücken und sie die Beine noch weiter spreizt.
[…] Nach einem Dutzend Liedern kündigt Kiki die letzte Nummer an. […] „Dieses Lied ist für den großen Man Ray, der heute Abend hier bei uns ist und mir viele glückliche Jahre geschenkt hat.“ […]
Daraufhin steht Man auf und geht an die Bar, wo er ein Getränk bestellt und rauchend auf die Bühne blickt.
[…] Den Blick auf Man gerichtet, holt sie eine Brust hervor und lässt sie wie einen Euter hin- und herschaukeln, während die Zuschauer auf die Tische klopfen und jubeln. Dasselbe wiederholt sie mit der anderen Brust, drückt dann beide zusammen und singt: „Not for you / Not for you / Not since you went away.“

Nach dem provokativen Auftritt ohrfeigt Kiki Lee. Man Ray versucht, Kiki zu beschwichtigen, statt sich um Lee zu kümmern. Aufgebracht bittet Lee den ebenfalls anwesenden schwulen Dichter Jean Cocteau, sie mit nach Hause zu nehmen und sie auf einem Sofa übernachten zu lassen.

Jean Cocteau gewinnt Lee Miller dafür, bei seinem ersten Spielfilm − „Le sang d’un poète“ – eine Statue zu spielen. Man Ray, der Jean Cocteau nicht ausstehen kann, findet sich widerstrebend damit ab.

Um die finanzielle Situation aufzubessern, drängt er Lee, wieder als Model Geld zu verdienen. Obwohl das nicht in ihre Pläne passt, geht sie darauf ein und lässt sich von George Hoyningen-Huene für die französische „Vogue“ fotografieren. Häufig posiert sie mit Horst P. Horst vor der Kamera.

Ein Abend, an dem Lee Miller und Man Ray miteinander ausgehen, endet mit einem von dem Dichter Philippe Soupault initiierten Pfänderspiel. Die Fotografin Ilse Bing, die mit ihrer Kollegin Claude Cahun eine Ausstellung vorbereitet, zieht ungeniert ihren BH aus, um ihn als Pfand in Philippe Soupaults Schachtel zu werfen. Lee Miller, die eine Haarspange eingesetzt hat, soll zur Auslösung des Pfands eine Erklärung über Man Rays sexuelle Orientierung abgeben. Die Frage bezieht sich wohl auf das Gerücht über ein Abenteuer mit den Brüdern Alex und Dani Mdivani. Man Ray kommt Lee zuvor, indem er sie als „Beweisstück A“ für seine Heterosexualität bezeichnet.

Beleidigt verlässt Lee die Party, sucht den Künstler Antonio Caruso auf und verführt ihn zu einem One-Night-Stand.

Als sie am nächsten Morgen nach Hause kommt, ahnt Man Ray, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war. Kurz darauf fährt er allein nach Cannes und quartiert sich im  Strandhaus seiner Mäzene Rose und Arthur Wheeler ein.

Bal Blanc

Die 45-jährige Gräfin Anna Laetitia („Mimi“) Pecci-Blunt beauftragt aufgrund einer Empfehlung Jean Cocteaus die ihr bis dahin unbekannte Künstlerin Lee Miller mit der Konzeption eines Bal Blanc am 6. Januar 1931, der das denkwürdigste gesellschaftliche Ereignis des Jahres in Paris werden soll. Lee überzeugt sie mit dem Vorschlag, im Wintergarten der Villa auf die rein weiße Einrichtung und die weiß gekleideten Gäste Bilder und Wörter zu projizieren.

Während der Vorbereitungen öffnet sie einen an Man Ray adressierten Brief der Philadelphia Camera Society vom 20. Dezember 1930 und erfährt auf diese Weise, dass er ihr Triptychon aus Glasglockenbildern als eigene Arbeit eingereicht hat.

Um sich dafür zu rächen, fordert sie Man Ray in einem Telegramm auf, ihr bei der technischen Durchführung der Projektionen am 6. Januar 1931 zu helfen. Arglos lässt er sich darauf ein und glaubt an eine Versöhnung. Aber sie hat auch Antonio Caruso gebeten, zu dem Fest zu kommen, und zwar in Schwarz, damit er sich von allen anderen Gästen und der Kulisse abhebt. Sie tanzt mit Antonio und küsst ihn mitten auf der Tanzfläche. Da eilt Man Ray herbei und schlägt Antonio zornig mit der Faust ins Gesicht.

Mit diesem Eklat endet die Liebes- und Arbeitsbeziehung von Lee Miller und Man Ray. Die Fotografin mietet ein eigenes Studio in Paris.

Kriegsreporterin

1940 flüchtet Lee Miller mit dem englischen Künstler und Kunsthistoriker Sir Roland Algernon Penrose, den sie drei Jahre zuvor in Paris kennengelernt hat, vor den Luftangriffen von London nach Hampshire.

Drei Jahre später lernt sie den „Life“-Fotografen Dave Sherman kennen. Der ist mittellos und zieht zu ihr und Roland Penrose nach Hampshire. Nach seinem Vorbild wird Lee Miller Kriegsberichterstatterin. Sie arbeitet für die britische „Vogue“ und deren Chefredakteurin Audrey Withers, mit der sie sich bereits in Paris angefreundet hat.

Lee fotografiert 1944 in der Normandie und im August den ersten Napalm-Einsatz der Amerikaner in der Schlacht um Saint-Malo. Um durchzuhalten, schluckt sie Benzedrin. Am 20. April 1945 ist sie in Leipzig; sie dokumentiert die Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau. Am 1. Mai 1945 lässt sie sich von Dave Sherman in der Badewanne in Hitlers Wohnung am Prinzregentenplatz 16 in München fotografieren.

Lady Penrose

Im September 1945 hält sie sich in Wien auf. Dave Sherman kehrt in die USA zurück; Lee Miller erfährt in Rumänien, dass ihr die Akkreditierung beim Militär entzogen wurde. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als nach London zurückzukehren, wo sie 1947 Roland Penrose heiratet, obwohl sie ihn nicht liebt. Am 9. September 1947 wird ihr Sohn Antony geboren. 1949 kauft die Familie das Farley Farm House, eine ehemalige Milchfarm in Sussex, und zieht aufs Land.

Dort bereitet Lady Penrose 1966 ein zehngängiges Menü für ihre Gäste vor. Beim Servieren lallt sie, denn sie hat in der Küche zu viel getrunken.

Roland Penrose gehört zu den Gründungsmitgliedern des Institute of Contemporary Arts in London. 1974 findet dort eine Ausstellung von Man Ray statt. Lee sieht noch einmal die Bilder, die er Jahrzehnte zuvor in Paris von ihr gemacht hat. (Dabei denkt sie auch an die Röntgenaufnahmen von den Krebsgeschwüren in ihrer Lunge, die ihr vor kurzem ein Arzt zeigte.) Man Ray reist aus Los Angeles an. Er sitzt im Rollstuhl, als er in die Kunstausstellung kommt.

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In ihrem Debütroman „Die Zeit des Lichts“ entwirft Whitney Scharer das von Lee Miller (1907 − 1977) inspirierte Porträt einer faszinierenden Künstlerin. Dabei vermischt die Autorin bewusst Fakten und Fiktion. Sie zeigt uns eine junge Frau, der es nicht genügt, als Model in New York den Anweisungen von Fotografen zu folgen. Um selbst gestalten zu können, zieht sie nach Paris und wendet sich an Man Ray (1890 – 1976). Aber sie lässt sich weder von ihm noch von anderen Menschen vereinnahmen. Mutig und entschlossen sucht sie in der von Männern dominierten Welt ihren eigenen Weg. Sie wirkt jedoch auch egozentrisch, leicht verletzbar und rachsüchtig. Im Zweiten Weltkrieg erfährt sie als Kriegsreporterin, was Menschen einander antun können. Über die grauenvollen Erlebnisse kommt sie nicht hinweg: Sie heiratet einen Mann, den sie nicht liebt, zieht sich mit ihm aufs Land zurück und wird alkoholkrank.

Whitney Scharer ist mit „Die Zeit des Lichts“ ein farbiges, lebendiges Porträt gelungen. Zugleich zeigt sie uns die Künstlerszene zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in Paris. Allerdings ist beides nicht ganz frei von Kitsch und Klischees.

Die Autorin konzentriert sich auf die chronologisch dargestellte Liebes- und Arbeitsbeziehung Lee Millers mit Man Ray. Eingefügt sind kurze Eindrücke von Lee Millers Zeit als Kriegsberichterstatterin. Der Prolog spielt 1966 – also vor der eigentlichen Handlung − auf der Farley Farm in Sussex, der Epilog 1974 im Institute of Contemporary Arts in London.

Übrigens: Auf Seite 226 greift Man Ray 1930 in Lee Millers Strumpfhose. Kam die Strumpfhose nicht erst später auf? Außerdem heißt es kurz zuvor (Seite 225), Lee Millers Strumpfhalter seien zu sehen. Sie trägt wohl doch Strümpfe.

Den Roman „Die Zeit des Lichts“ von Whitney Scharer gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Tessa Mittelstaedt (ISBN 978-3-8398-1761-2).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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