Hansjörg Schneider : Das Wasserzeichen

Das Wasserzeichen
Das Wasserzeichen Originalausgabe: Ammann Verlag, Zürich 1997 ISBN 978-3-250-10379-0, 279 Seiten Überarbeitete Ausabe: Ammann Verlag, Zürich 2003 Taschenbuch-Ausgabe: Diogenes Verlag, Zürich 2013 ISBN 978-3-257-24196-9, 296 Seiten ISBN 978-3-257-60218-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Moses Binswanger kam – wie Hansjörg Schneider – kurz vor dem Zweiten Weltkrieg im helvetischen Tiefland zur Welt, allerdings mit einer Kiemenspalte am Hals. Diese Besonderheit prägt sein Leben. In einer psychiatrischen Klinik blickt er darauf zurück und berichtet darüber in der Hoffnung, die Staatsanwaltschaft überzeugen zu können, dass er kein Mörder ist ...
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Kritik

Hansjörg Schneiders Alter Ego, der Ich-Erzähler des Romans, kritisiert den Verlust der Naturnähe, den Kapitalismus, "kritiklose Anpasserei" und "akademische Aero-Gelehrsamkeit". "Das Wasserzeichen" ist eine originelle, skurrile und fantasievolle Fabel in einer kongenialen, fein gemeißelten Sprache, die aus dem Roman ein poetisches Kunstwerk macht.
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Frühe Kindheit

Moses Binswanger wird kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im helvetischen Tiefland geboren. Sein Vater – den er später nur den „Bottensteiner“ nennt – kam Anfang der Dreißigerjahre in die bäuerliche Gegend, fing in der nahen Spinnerei zu arbeiten an und erwarb eine Kate, in der seine Frau den Sohn zur Welt bringt.

Es war ein Frauenland damals. Die Männer wurden als notwendige Haustiere betrachtet, die zu pflügen, zu säen und die Ernten einzufahren hatten. Sie mussten die Wehre in den Matten regulieren und so das nährende Wasser verteilen. […] Aber Macht hatten sie keine.

Der zugezogene Vater wird von den Einheimischen argwöhnisch beobachtet.

Der Bottensteiner sei ihnen schon längst ein Dorn im Auge, vernahm ich, dieser fremde Fabrikler, der nicht einmal eigene Kühe habe und keine einzige Sau.

Man unterstellt dem Bottensteiner, dass er sich für etwas Besseres hält, weil er keinen Einspänner, sondern ein Fahrrad mit Dreigangschaltung besitzt.

Der Hals des Neugeborenen weist an der linken Seite, der Mutterseite, eine spaltförmige Öffnung mit Kiemen auf. Sobald die Ränder auszutrocknen beginnen, wässert sich das Kind im nahen Altachenbach und bleibt stundenlang unter Wasser. Später wird Moses Binswanger von Paracelsus hören, der Wasser-, Berg-, Wind- und Feuergeister unterschied („Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus“). Er selbst ist gewissermaßen ein Unda, eine männliche Undine.

Einmal beobachtet Moses, wie sein Vater auf eine Erdkrötenfamilie schießt. Der kleine Junge schreit entsetzt, und der „Molch- und Krötenfeind“ lässt von seinem Tun ab. Als Moses sich dann in den Weiher legt, um sich durchzuhydrieren, treiben die zerfetzten Glieder der Kröten im Wasser, darunter noch zuckende Hinterbeine.

Einige Kaulquappen schwammen herum, mit schon deutlich ausgeformten Beinchen. Sie schwänzelten oben am flachen Ufer, sie drängten an Land, bestimmt würden sie in wenigen Tagen hinauskriechen und zum ersten Mal ihre Lungen gebrauchen. Aber was wartete auf die eifrigen Gesellen? Nichts als Unverstand, ja der gesammelte Hass der menschlichen Rasse. Steinwürfe, Tritte, zermalmende Wagenräder […].

Damals ahnte ich zum ersten Mal etwas von der mörderischen, zerstörenden Qualität der männlichen Spezies.

Gern hält Moses sich auf dem benachbarten Hof der Niklausens auf, wo die Menschen freundlich mit ihm umgehen.

Am Jahresende ist es Brauch, einen Mistelbusch über die Küchentür zu hängen, und wenn sich darunter ein Junge und ein Mädchen begegnen, wird von ihnen erwartet, dass sie sich küssen. Moses trifft unter dem Mistelbusch der Niklausens zufällig mit Mereth Neuenschwander vom Nachbarhof zusammen. Dass sie wegen einer festgewachsenen Zunge nur lallt, ließe sich durch eine Operation beheben, aber solche Eingriffe gelten als überflüssig. Als Mereth mit geschlossenen Augen den Kuss erwartet und der Pferdeknecht Fridolin Moses zu ihr schiebt, reißt dieser sich erschrocken los und rennt davon. Am nächsten Tag will er sich bei Mereth entschuldigen, aber sie ist tot. Durchs Eis des zugefrorenen Entenweihers sieht er ihre Leiche.

Kindergarten

Als Moses fünf Jahre alt ist, bringt seine Mutter ihn zum Kindergarten über der Markthalle der nächsten Kleinstadt, wo er von der Leiterin „Tante Lina“ begrüßt wird.

Der Staat griff nach mir, entriss mich der behütenden Frauenwelt, zwängte mich in sein Domestizierungs- und Strafsystem.
Es begann mit dem Kindergarten, in den ich mit fünf Jahren einzutreten hatte. Welch schändlicher Euphemismus in diesem durchaus beschönigenden Wort steckt, erfuhr ich gleich bei meinem ersten Besuch dortselbst.

Genützt hat jenes Zuchtinstitut nämlich vor allem der dürren Tante Lina, die dadurch ein Stück Macht und gutes Einkommen hatte. Wie überhaupt die meisten dieser sogenannten pädagogischen Institute, als da sind Primar- und Sekundarschule, Gymnasium bis hin zu Rekruten- und Hochschule, welch Letztere ich nicht persönlich kennenzulernen die Ehre hatte, vor allem den Ausbilderinnen und Zuchtmeistern dienen, die auf Staatskosten die heranwachsende Jugend drangsalieren und verstümmeln dürfen. Ist doch die Bevölkerung des helvetischen Tieflandes durch deren psychische und durchaus auch physische Terrormethoden zur Duckmäuserei erzogen beziehungsweise heruntergewirtschaftet worden, mutiert zum billigen Vieh in den Ställen der Industrie.

Nicht zuletzt wegen seiner Halsöffnung, die er auch an heißen Sommertagen unter einem Schal zu verbergen versucht, gilt Moses als Sonderling. Aber Susi Häggi, die in denselben Kindergarten geht, sucht seine Gesellschaft – bis er den blauen Wasserfleck küsst, den sie von Geburt an am Hals hat. Das ist ihr zu intim.

Erste erotische Erfahrungen

Als seine erste bewusste Begegnung mit Erotik betrachtet Moses Binswanger die Lektüre der Erzählung „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse.

Der Vater beginnt eine Liebschaft mit einer Zwangsarbeiterin aus Krakau – und wird erst einmal von ihren Angehörigen zusammengeschlagen.

[…] Krakauerin […], die von den im Kornhaus internierten Polen offenbar als Eigentum angesehen und vor einheimischer Tieflanderotik handfest beschützt worden war.

Als die Krakauerin nach dem Krieg die Pintenwirtschaft „Zum Ochsen“ übernimmt, richtet sie in ihrer Stube darüber ein Liebesnest ein, und schließlich zieht der Bottensteiner ganz zu ihr. Die Stelle in der Spinnerei hat er inzwischen eingebüßt, und er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch.

Am Ufer der Wigger freundet sich Moses mit Joseph an, einem wenige Jahre älteren Jungen aus dem Weberhaus, dessen Vater an Tuberkulose starb und der seit einer Kinderlähmung ein steifes Bein hat. Seine beiden älteren Schwestern prostituieren sich in der Stadt. Joseph und Moses spielen Winnetou und Old Shatterhand („Scharlih“), und später gibt Moses zu, dass es eine homoerotische Note in der Beziehung gegeben haben könnte.

Es heißt, dass Joseph verwahrlost und unterernährt sei. Deshalb soll er in ein Erziehungsheim gebracht werden. Joseph nimmt seinem Freund das Versprechen ab, das zu verhindern, und als Herr Dätwyler, der Rektor der Primarschule, mit der Polizei anrückt, stößt Moses seinen Blutsbruder ins Wasser. Er hält Joseph solange in der Tiefe fest, bis dieser erschlafft. Aber Joseph wird von den Männern wiederbelebt, mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht und am Leben gehalten.

Das war meine erste Begegnung mit der strafenden Ordnungsmacht infolge zu langen Aufenthaltes unter Wasser. Dass sie so glimpflich abgelaufen ist, war dreierlei Umständen zuzuschreiben. Erstens hatte ich ein ärztliches Attest, das mir Abnormität zubilligte. Zweitens kam Joseph aus der untersten Gesellschaftsschicht, um die man noch nicht viel Aufhebens machte. […] Drittens scheute man damals ganz allgemein davor zurück, die offiziellen Untersuchungs- und Strafinstanzen einzusetzen. Was man unter der Hand bereinigen konnte, bereinigte man unter der Hand.

Gymnasium

Ein Mitschüler namens Jakob Hufnagel, ein „hochaufgeschossener Brillenträger“, gibt Moses „Das Kapital“ und andere kommunistische bzw. antikapitalistische Schriften zu lesen.

Von seiner ganzen Anlage her musste man ihn wohl als vereinsamten Sonderling mit hochentwickeltem Verstand und einigen Gefühlsdefiziten bezeichnen. Folglich wäre er prädestiniert gewesen zur professoralen Laufbahn. Er hat zwar, wie ich Jahre später gehört habe, in Biologie doktoriert, hat indessen keine Dozentenstelle erhalten […].

Moses folgt Jakob Hufnagels Rat, nimmt an der Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium teil – und besteht sie.

Der Lehrkörper war wie gehabt. Dürrstelzer waren sie allesamt, und alles Männer. So hat es der Lateinlehrer tatsächlich fertiggebracht, Horazens schimmerndsten Oden jede Leuchtkraft zu rauben und sie uns, in Staub verwandelt, um die Ohren zu blasen. […] Es war die infamste Jugendunterdrückung, die ich in meiner schulischen Laufbahn je miterleben musste. Und sie hatte System. Kein Stockhieb, keine Ohrfeige, kein böses Wort. Nur mildes Lächeln, verstehende Nachsicht, sanftes Entwässern. Die meisten von den Jungen waren allerdings schon so dehydriert, dass sie ihre endgültige Versteppung gar nicht mehr bemerkten. Sie verknöcherten zur steinköpfigen Elite des Tieflandes.

Dora Schädler, die ein paar Jahre älter ist als Moses, küsst seine Halswunde und sagt dann: „Nimm mich ins Wasser.“ Umarmt lassen sie sich ins Wasser gleiten, und er taucht mit ihr unter, aber nach kurzer Zeit beginnt sie zu strampeln, tritt ihm zwischen die Beine, damit er sie loslässt und rettet sich ans Ufer. Er hätte sie beinahe ertränkt, wirft sie ihm vor.

Während einer Deutschstunde geht Moses hinaus und legt sich in einen Teich. Der Biologie-Lehrer zieht ihn heraus – und übergibt sich, als er die Halsöffnung erblickt. Mit Blaulicht wird Moses in die nächste Klinik gebracht.

Ich bin nicht lange im Krankenhaus geblieben, mir fehlte ja nichts außer einem Teich. Zudem fand ich nach wenigen Tagen Tiefschlafs überhaupt keine Ruhe mehr. Ganze Horden froschgrün gekleideter Damen und Herren sind an mir vorbeigezogen, mit staunendem Interesse meine Wunde anstarrend, sorgfältig befühlend und ausmessend. […] Sie hatten keine Ahnung, was sie anfangen sollten mit mir.

Nachdem die Niklausens ihr Land an einen Baulöwen verkauft haben, wühlen Bagger und Bulldozer den Boden auf, süditalienische Arbeiter legen Drainagen und Röhren auf der Baustelle zur Melioration.

Dreizimmerwohnung an Dreizimmerwohnung mit Essnische und Nierentischecke und grinsendem Porzellanfrosch an der Wohnwand. Arschkriecher an Arschkriecher samt Arschkriechergattinnen und Arschkriecherkindern, vom trockenen Keller aus zentralbeheizt und von der Fernsehantenne auf dem Dach ferngesteuert.

Den Schulbesuch bricht Moses vorzeitig ab.

Zur Schule bin ich nicht mehr gegangen. Was hätten die Dürrschwänzler mir denn bieten können, was ich nicht schon wusste? Dass man am besten in den nächsten Vorgesetzten- und Manchesterarsch hineinkriecht, um von diesem zu gegebener Zeit in eine Dreizimmerwohnung samt Lebensstelle und Kleinfamilie gefurzt zu werden?

Korrektionsanstalt

Während eines Flussfestes macht sich ein Mädchen an ihn heran,  und als er fliehen will, hängt Trudi Hechel sich bei ihm ein. Sie küsst seine Wunde und sagt wie zuvor schon Dora Schädler: „Nimm mich ins Wasser.“ Als ihr Körper erschlafft, zieht er sie auf eine Kiesbank und schreit um Hilfe. Männer eilen herbei und retten die Bewusstlose.

Moses wird wegen Vergewaltigung mit Tötungsabsicht angeklagt, obwohl das Hymen des Opfers intakt ist.

Und warum, so die Logik des vorsitzenden Dürrschwänzlers, hätte der Delinquent sein Opfer so lange unter die Oberfläche gedrückt, wenn nicht, um es zu betäuben und so seinem penetrierenden Willen gefügig zu machen, eine kriminelle Absicht, welche nur dank der Kühle des Firnwassers vereitelt worden sei, die das erigierte Glied zum stumpfen Werkzeug eingeschrumpft und so die Penetration verhindert habe. Als ob mich je die Kühle eines Baches beim Absamen geschreckt hätte!

Weil Moses noch minderjährig ist, wird er nicht zu einer Gefängnisstrafe, sondern zu zwei Jahren in der Korrektionsanstalt in der Festung Aarburg verurteilt.

[…] eine sogenannte gutbürgerliche Anstellung mit Eigenheim und Krawatte war in unerreichbare Luftferne gerückt.

Moses leidet darunter, weder in einem natürlichen Gewässer noch in einer Wanne ein Bad nehmen und stattdessen nur duschen zu können.

Ich habe diese armseligen Tropfenversprüher wochenlang erdulden müssen, damals, als ich in der Korrektionsanstalt Aarburg eingesperrt war. Ich bin beinahe krepiert darin, von Hydrierung konnte keine Rede sein. Es ist fast antiseptisch sauberes Sprühwasser, das aggressiv aus der Röhre gespritzt wird, ausschließlich der Reinigung dienend, nicht aber dem begütigenden Wiegen.

Als seine Mutter seit Tagen vermisst wird, erreicht er mit einem Hungerstreik, dass man ihn unter Aufsicht in der Aare nach ihr suchen lässt. Er entdeckt ihre Leiche, die sich unter Wasser in Wurzeln verfangen hat. Die Finger sind bis auf die Knochen von Aalen abgenagt. Moses taucht nach einer Weile auf und behauptet, die Gesuchte nicht gefunden zu haben.

Waldarbeiter

Nach seiner Freilassung zieht er zurück in die geerbte Kate, von der nur noch die Küche einigermaßen bewohnbar ist – bis ein Hochwasser alles wegspült, ebenso wie zwei Mehrfamilienhäuser im Rohbau.

Seine um die 40 Jahre alte, bodenständige Beiständerin Marianne Bohneblust besorgt ihm nicht nur eine Mansarde, sondern auch Arbeit beim Forstamt. Keiner der drei anderen Waldarbeiter ist ohne Blessuren. Reist fehlen zwei Finger, Geber ist einäugig, und Fretz hat eine Hasenscharte. Da ist Moses mit seiner Halswunde kein Sonderling.

Wie die anderen besäuft er sich regelmäßig im Café Fédéral.

War doch hierselbst nicht der Alkohol der Grund des Elends, sondern umgekehrt das Elend der Grund des Einsumpfens.

Die verwitwete Wirtin nimmt ihn des Öfteren nach der Sperrstunde mit hinauf in ihre Wohnung und schläft mit ihm. Aber er versichert später:

Von den Frauen habe ich mich mit einigem Erfolg ferngehalten.

Und als Dora Schädler noch einmal seine Wunde küsst, ihm berichtet, dass sie schwanger sei und die Hochzeit am Wochenende anstehe, bevor sie ihn auffordert, sie noch einmal mit ins Wasser zu nehmen, reißt er sich los und flieht.

Vor der Gaststätte „Zum Ochsen“ liegt das kaputte Fahrrad seines Vaters. Er geht hinein, zu der polnischen Wirtin und ihrem betrunkenen Liebhaber. Der Bottensteiner überlässt ihm das erbetene Fahrrad, und Moses richtet es wieder her.

Nach neun Jahren erhält er die mit Alkoholabusus begründete Kündigung vom Forstamt.

Brunnenmacher

Marianne Bohneblust vermittelt ihm eine Tätigkeit als Brunnenmacher. 19 Jahre lang repariert er eingestürzte Brunnenschächte in den Tälern der Uerke, der Suhre und der Wyna.

Als ihm zwischen den Fingern Schwimmhäute wachsen, kauft er sich in Uerkheim Glacéhandschuhe aus Nappaleder. Außerdem bindet er sich einen Seidenschal um und setzt einen Borsalino auf.

Nachdem er einen Brunnen zum Laufen gebracht hat, setzt er sich drei Wochen lang an den Küchentisch des Hofs und schreibt in ein eigens gekauftes Heft. „Die Wasserfrau“ lautet der Titel des Lyrikbandes, von dem der Verlag des Waldtälerboten dann 300 Exemplare druckt.

[…] schlug doch mein Buch tatsächlich ein wie der Blitz in die Jauchegrube, sodass es dampfte und zischte.

Weil Moses Binswanger zwar seriöse Lesungen hält, aber nicht bereit ist, sich für das Marketing zum Affen zu machen, verliert der Verlag beim zweiten Buch – „Das süße Auge der Nymphe“ – sein Interesse, und dem Autor bleibt nichts anderes übrig, als mit der Restauflage von Hof zu Hof hausieren zu gehen.

Unter den Auftraggebern sind nun auch Fabrikanten, die unrentabel gewordene Höfe gekauft und zu luxuriösen Wochenendhäusern umgebaut haben. Obwohl sie ans Leitungswassernetz angeschlossen werden, lassen sie auch die alten Brunnen als Attraktion von Moses wieder in Gang setzen.

Wegen guter Führung steht Moses nicht mehr unter Aufsicht, aber nach dem Tod seines Vaters besucht Marianne Bohneblust ihren Schützling und kondoliert ihm. Kurz darauf wird die Mopedfahrerin samt Sturzhelm von einem Kieslaster zerquetscht.

Durch Zufall kommt Trudi Hechel, die Lehrerin geworden ist, mit einer Schulklasse zur Besichtigung eines der von Moses reparierten Brunnen. Sie leitet inzwischen die Gesamtschule im Dorf. Bis zum Einbruch des Winters kommt sie fast jeden Abend mit ihrem Motorrad zu ihm, aber als es ihr in seinem ungeheizten Quartier zu kalt wird und sie ihn deshalb auffordert, zu ihr zu ziehen, verlässt Moses fluchtartig die Gegend.

Weiherwart

In einem Grenzdorf am Rhein bewirbt sich Moses Binswanger erfolgreich als Weiherwart bei dem Mikrobiologen Prof. Forrer, der ein Feuchtbiotop angelegt hat und bezieht die Hütte in einem Schrebergarten.

Sieben Jahre später begegnet er in einer Gartenwirtschaft im Hardwald am Rhein einer älteren Dame. Es ist Susi Häggi, die mit ihm zusammen im Kindergarten war. Sie hat zwei erwachsene Töchter und ist geschieden. Während eines Spaziergangs am Rhein entlang küsst sie seine Halswunde und sagt dann:

„Nimm mich jetzt ins Wasser bitte.“

Sie lassen sich ins Wasser fallen. Susi Häggi klammert sich an ihn und wehrt sich nicht. Er ländet die Tote beim Rheinhafen an, schleppt sie über die Leiter hoch aufs Kai. Dort versucht er sich mit einer Eisenkette zu erwürgen, aber er wird vor dem Tod bewahrt und in die Psychiatrische Universitätsklinik Friedmatt in Basel gebracht.

Friedmatt

In der Hoffnung, die Staatsanwaltschaft davon überzeugen zu können, dass Susi Häggi von sich aus sterben wollte und ihn gewissermaßen für ihre Zwecke missbraucht habe, verfasst Moses Binswanger einen ausführlichen Bericht über sein Leben. Er hofft, nicht als Mörder verurteilt zu werden, sondern in Friedmatt bleiben zu dürfen.

Hier darf ich normal sein, so wie ich bin.

Ich schreibe also, wie Sie unschwer einsehen werden, um mein Leben. Und da dieses Schreiben schlussendlich an eine richtende, verurteilende oder freisprechende Beamteninstanz gehen wird, befleißige ich mich eines trockenen, authentisierenden Sprachstils, in der doch wohl begründeten Hoffnung, auf diesem Weg die dürren Kanzlistenseelen umzustimmen. Ich plädiere auf lebenslängliche Versorgung hierselbst.

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Der 1938 in Aarau geborene Schweizer Schriftsteller Hansjörg Schneider überlässt dem Ich-Erzähler Moses Binswanger in dem Roman „Das Wasserzeichen“ das Wort, einem Patienten der Psychiatrischen Universitätsklinik Friedmatt in Basel, der den vorliegenden Text als Rechtfertigungsschrift verfasst und an den „Seelendoktor“ richtet. Er hofft, mit seiner ausführlichen Lebensbeichte die Staatsanwaltschaft davon überzeugen zu können, dass er kein Mörder ist.

Moses Binswanger kam – wie Hansjörg Schneider – kurz vor dem Zweiten Weltkrieg im helvetischen Tiefland zur Welt, allerdings mit einer Kiemenspalte am Hals. Diese Besonderheit prägt sein Leben. In „Das Wasserzeichen“ berichtet er nicht nur chronologisch über sein Leben – die Kindheit, die Schulzeit und die Berufstätigkeit ‒, sondern äußert sich zugleich kritisch über den Verlust der Naturnähe und die Verdrängung der bäuerlichen Lebenswelt durch den industriellen Wohnungsbau, über Kapitalismus, „kritiklose Anpasserei“ und „akademische Aero-Gelehrsamkeit“. Da hören wir Moses Binswager gewiss als Alter Ego des Schriftstellers Hansjörg Schneider.

Es scheint mir, sehr geehrter Herr Seelendoktor, dass ich an dieser Stelle meiner Aufzeichnungen darauf hinweisen sollte, dass ich kein blinder Eiferer bin, kein tobender Zelot, der aus seinem wasserdichten Einfamilienhaus heraus samt Tiefkühltruhe, Geschirrspül- und Waschmaschine das immergrüne Paradies beschwört.

„Das Wasserzeichen“ ist eine originelle, skurrile und fantasievolle Fabel in einer kongenialen, fein gemeißelten Sprache, die aus dem Roman ein poetisches Kunstwerk macht. Hansjörg Schneider lobt den (fiktiven) Schriftsteller Ermanno del Castello als „Magier und Wortraffinierer“, erweist sich aber auch selbst als Sprachvirtuose, wie die in meine Inhaltsangabe eingestreuten Leseproben und das folgende Beispiel aus „Das Wasserzeichen“ demonstrieren:

Es ist ein gängiger Irrtum der Luftbeiner zu meinen, das Menschenleben strebe mit zunehmender Vergreisung der Reife, der abgeklärten Weisheit entgegen. Ein Euphemismus der übelsten Art ist dies, der nichts anderes bezweckt, als die Machtausübung von Hängebauch und Zitterbein über Schnellfuß und Prallarsch zu bemänteln und schönzureden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Diogenes Verlag

Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus

Julia Deck - Winterdreieck
Julia Decks Sprache in "Winterdreieck" klingt nüchtern, irritiert jedoch durch den Wechsel der grammatischen Personen und Zeiten. Diese Unbestimmtheit spiegelt die Rätselhaftigkeit der möglicherweise psychisch kranken Hauptfigur.
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