Lutz Seiler : Stern 111

Stern 111
Stern 111 Originalausgabe Suhrkamp Verlag, Berlin 2020 ISBN 978-3-518-42925-9, 528 Seiten ISBN 978-3-518-76477-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die vorwiegend in Ostberlin spielende Handlung des Wende- und Künstlerromans "Stern 111" von Lutz Seiler beginnt am 10. November 1989, dem Tag nach der Öffnung der Berliner Mauer. Das ist eine intensiv erlebte Phase der Desorientierung. Eine Clique von Hausbesetzern träumt von alternativen Lebensweisen und glaubt, einen neuen Sozialismus aufbauen zu können.
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Kritik

Lutz Seiler entwickelt die Handlung fast ausschließlich aus der Perspektive des Ich-Erzählers Carl unaufgeregt und ohne Effekthascherei. Obwohl Carl autobiografische Züge des Schriftstellers aufweist und es vieles in "Stern 111" tatsächlich gab, wirkt der Wende- und Künstlerroman mitunter surreal.
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Ausreise der Eltern

Am 10. November 1989, dem Tag nach der Öffnung der Berliner Mauer, erhält Carl Bischoff in Halle ein Telegramm seiner Eltern mit der Aufforderung, zu ihnen nach Jena zu kommen. Dass der 26-Jährige sein Studium abgebrochen hat, wissen Inge und Walter Bischoff nicht. Auch von seinem Suizid-Versuch haben sie nichts mitbekommen.

Sie überraschen ihren Sohn mit der Ankündigung, dass sie die Chance zur Ausreise aus der DDR nutzen wollen. Und von ihm erwarten sie, dass er sich um das Haus in Jena kümmert.

Am nächsten Tag fährt Carl seine Eltern mit ihrem Shiguli zum Grenzübergang Wartha/Herleshausen und kehrt dann nach Jena zurück, während seine 49 Jahre alte Mutter und sein ein Jahr älterer Vater mit dem Bus nach Gießen gebracht werden, wo sie im Zentralen Notaufnahmelager aufgenommen werden.

Stadtguerilla

Zwei Wochen lang erträgt Carl die Situation in Jena. Dann nimmt er den Shiguli seiner Eltern und zieht nach Berlin. Weil er dort keine Bleibe hat, schläft er trotz der Kälte im Auto – bis er mit Fieber aufwacht und sich in den Hintereingang eines Gebäudes schleppt, wo er zusammenbricht.

Auf einer Strohmatratze kommt er wieder zu sich.Jemand reicht ihm ein Glas Ziegenmilch und erklärt ihm, dass die Matratze zum Futter der Ziege Dodo gehöre. Seine Retter verstehen sich als Stadtguerilla und nehmen leerstehende Wohnungen „in Obhut“. In den Abbruchhäusern, in denen die Frauen und Männer Wohnungen besetzt haben, kümmern sie sich um die noch verbliebenen alten Mieterinnen und Mieter, kaufen für sie ein, erledigen Papierkram und schleppen beispielsweise für Charlotte Knospe Kohlen vom Keller in den 4. Stock. Angeführt wird das „Rudel“ von Hoffi, dem Hirten.

Carl kommt in der Rykestraße unter. Weil er vor dem abgebrochenen Studium eine Maurerlehre absolvierte, übernimmt er es, einen Keller in der Oranienburger Straße als Treffpunkt des Rudels auszubauen. Das „Arbeitercafé“ erhält den Namen „Assel“. Arbeiter tauchen zunächst keine in der „Assel“ auf, aber Studenten und Künstler, die nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes von alternativen Lebensweisen und einem neuen Sozialismus träumen.

Diez

Inge und Walter trennen sich in Gießen, weil sie glauben, dadurch ihre Zukunftschancen zu verdoppeln.

Nach einer Odyssee strandet Inge in Diez und erhält dort von Aram Talib und seiner fünfköpfigen Familie Kost und Logis gegen Haushaltshilfe. Der geborene Syrier studierte in Jerusalem und praktizierte in Tel Aviv. Jetzt arbeitet er als Chirurg im Städtischen Krankenhaus in Diez.

Im Februar 1990 kommt auch Walter nach Diez. Das Ehepaar zieht weiter nach Gelnhausen, wo Walter eine Anstellung bei CTZ (Computer Technik Zollnay) findet. Weil er COBOL, Pascal und drei weitere Programmiersprachen beherrscht, lässt ihn das Unternehmen Computerkurse in verschiedenen deutschen Städten halten.

Effi und Carl

Carl, der inzwischen in der „Assel“ kellnert, trifft in Berlin Ilonka Kalász wieder, die mit ihren Eltern in Jena im Wohnblock gegenüber wohnte und in die er als Schüler verliebt war, ohne es ihr zu verraten. Seit einer Schulaufführung, in der Ilonka die Hauptrolle in „Effi Briest“ spielte, wird sie „Effi“ gerufen. Die 23-Jährige studiert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Ihr Sohn Freddy ist vier Jahre alt.

Ohne groß darüber zu reden, werden Effi und Carl ein Paar. Schließlich zieht Effi ebenfalls nach Berlin, und Carl bricht eine Wohnung für sie und Freddy auf.

Um ein paar Mark zu verdienen, benutzt Carl den Shiguli als Schwarztaxi. Dass er dadurch einer Gruppe als Konkurrent ins Gehege kommt, merkt er erst, als jemand die Reifen des Shiguli zersticht und einen Pflasterstein aufs Heck schleudert.

In der „Assel“ verkehrende und mit dem Rudel befreundete Russen sorgen dafür, dass der Wagen kostenlos repariert wird. Da begreift Carl, dass er zu einer Gemeinschaft gehört.

Er schreibt Gedichte, doch obwohl ihn ein russischer General in der „Assel“ einem befreundeten Verleger vorstellt und dieser Interesse zeigt, bringt Carl es aus Angst vor einem möglichen Misserfolg nicht über sich, eine Veröffentlichung zu versuchen.

Im Oktober 1990 droht ein zum Rudel gehörender aufmüpfiger Junge, vom Dach zu springen. Hoffi rettet ihn, stürzt dabei jedoch selbst ab und bricht durch ein Schuppendach. Von da an liegt er gelähmt im Stroh neben der Ziege, und ein Mann namens Hans übernimmt die Führung der Gruppe.

Zur gleichen Zeit kündigt Walter seine Anstellung in Gelnhausen und zieht mit Inge in eine Dachkammer im Stadtteil Meerholz. Während er sich um einen neuen Job bemüht, arbeitet Inge als Haushaltshilfe.

Effis Schwester Nora verdient ihr Geld als Barfrau im Palasthotel in Berlin. Als sie dort einen Mexikaner kennenlernt und sich mit ihm einlässt, verschwindet ihr Freund Ralf Schuster. Vier Tage sitzt er unbemerkt auf dem Dach. Dann springt er in den Tod.

Ralfs demonstrativer Selbstmord nimmt Effi schwer mit, denn als 13-Jährige fand sie ihre Mutter tot mit dem Kopf im Gasherd. Sie kann bis heute nicht verstehen, warum ihre Mutter es so eingerichtet hatte, dass sie von ihr nach der Schule aufgefunden wurde.

In Effis Nachbarwohnung ist Freddys Vater Rico Schmidt eingezogen. Eine Weile findet Carl sich damit ab, den Rivalen in Effis Küche anzutreffen, aber als er die beiden in flagranti ertappt, trennt er sich von Effi – und tröstet sich mit „Arbeiterinnen“, die in der „Assel“ auf Freier warten.

Malibu

Walter wird von EMI Electrola eingestellt. Mit Hilfe des Unternehmens können Inge und Walter endlich ihren Traum erfüllen: Sie wandern in die USA aus und siedeln sich in Malibu an.

Erst als Carl die Eltern in Kalifornien besucht, erfährt er, dass sie bereits vor seiner Geburt versucht hatten, die DDR zu verlassen. Als Bill Haley, ein Pionier des Rock-’n‘-Roll, 1958 ein Konzert in Westberlin gegeben hatte, waren sie ihm begegnet, und Walter hatte ihm auf dem Akkordeon vorgespielt. Seit damals träumten Inge und Walter von einem Leben in den USA.

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Die vorwiegend in Ostberlin spielende Handlung des Wende- und Künstlerromans „Stern 111“ von Lutz Seiler beginnt am 10. November 1989, dem Tag nach der Öffnung der Berliner Mauer, und endet 16 Monate später. Das ist eine chaotische Zeit, in der ein Staat seine bisherige Verfassung verliert, ohne noch eine neue angenommen zu haben, also auch eine intensiv erlebte Phase der Desorientierung und vieler Möglichkeiten. Im Mittelpunkt steht eine Clique von Hausbesetzern, die sich als Stadtguerilla versteht, nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes von alternativen Lebensweisen träumt und glaubt, einen neuen Sozialismus aufbauen zu können.

Die „Assel“ in der Oranienburger Straße gab es tatsächlich. Es war eine der ersten Szenekneipen nach der Öffnung der Berliner Mauer.

Shiguli hieß eine Modellserie des russischen Autoherstellers AwtoWAS. Das Auto symbolisieert in „Stern 111“ Freiheit und Individualität.

Der Titel des Romans bezieht sich auf eine vom VEB Stern-Radio in Berlin-Weißensee hergestellte Serie von Transistorradios. Für Carls Eltern stellt es die Verbindung zur Welt her, solange sie die DDR nicht verlassen können.

Bei Bill Haley (1925 − 1981) handelt es sich um einen US-amerikanischen Pionier des Rock-’n‘-Roll. Auch die von Lutz Seiler in „Stern 111“ geschilderte Saalschlacht hat es am 25. Oktober 1958 im Berliner Sportpalast gegeben.

Der Protagonist Carl Bischoff trägt zwar autobiografische Züge des Autors Lutz Seiler, aber „Stern 111“ ist Fiktion, wirkt sogar trotz zeitgeschichtlicher Zusammenhänge und tatsächlicher Verhältnisse mitunter surreal.

„Wie geht es dir, Dodo?“, flüsterte ich, und die Ziege blinzelte mich an. […] Ich glaube, dass wir in diesem Moment beide an Hoffi dachten. […]
„Die wilden Zeiten sind vorbei, nicht wahr?“
Im Rückspiegel die Ziege. Sie blickte mich an: unschuldig, vertrauensvoll, und als wisse sie noch weniger als ich, wer das gerade gesagt haben könnte.
„Dodo?“
Dodo schwieg.
Aus heutiger Sicht ist es ganz gleich, ob Dodo gesprochen hat oder nicht. Entscheidend ist, was ich gehört habe, damals. Und dass in diesem Moment plötzlich so viel zusammenkam – ich kann es nur so undeutlich sagen. Dazu Dodos stechender Geruch, der mir die Tränen in die Augen trieb.
„Lass uns gehen.“
[…] Irgendwann blieb Dodo stehen. Sie bewegte sich nicht mehr. Ich verstand. Zuerst nahm ich ihr die Schweißerbrille ab. Dann löste ich den Strick vom Halsband und entfernte schließlich auch das Band. […] Der Zaun war hoch, aber Dodo schaffte es, langsam und mit ruhigen Hufen drüben zu landen. Noch einmal riss sie den Kopf in den Nacken, dann verschwand sie im Dunkel.

Carls Orientierungslosigkeit kontrastiert mit dem Ziel seiner Eltern, die DDR zu verlassen und in den USA neu anzufangen.

Lutz Seiler entwickelt die Handlung fast ausschließlich aus der Perspektive des Ich-Erzählers Carl unaufgeregt und ohne Effekthascherei.

Den Roman „Stern 111“ von Lutz Seiler gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor.

Lutz Seiler wurde am 8. Juni 1963 in Gera geboren. Dort besuchte er dann auch die Polytechnische Oberschule, schloss eine Berufsausbildung mit Abitur als Baufacharbeiter ab und fing als Maurer bzw. Zimmermann zu arbeiten an. Während seines Grundwehrdienstes in Merseburg entdeckte er seine Liebe zur Literatur. Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik an der Martin-Luther-Universität in Halle zog Lutz Seiler 1990 nach Berlin. Er veröffentlichte Gedichtbände und Erzählungen, bevor er 2014 mit dem Roman „Kruso“ debütierte und dafür den Deutschen Buchpreis bekam. Für „Stern 111“ wurde er 2020 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Belletristik“ ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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