Jodi Picoult : Zeit der Gespenster

Zeit der Gespenster

Jodi Picoult

Zeit der Gespenster

Originalausgabe: Second Glance Atria Books, New York 2003 Zeit der Gespenster Übersetzung: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann Piper Verlag, München / Zürich 2010 ISBN: 978-3-492-05400-3, 464 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In Comtosook, Vermont, soll 2001 ein Einkaufszentrum gebaut werden. Die Abenaki protestieren dagegen und behaupten, auf dem Gelände seien Angehörige ihres Indianervolkes begraben. Der Geisterjäger Ross Wakeman soll der Sache nachgehen. Er überredet den Polizisten Eli Rochert, sich einen Mordfall aus dem Jahr 1932 noch einmal genau anzusehen. Damals fand der Anthropologie-Professor Spencer Pike die Leiche seiner 18-jährigen Ehefrau Cecilia und bezichtigte einen Abenaki des Mordes ...
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Kritik

"Zeit der Gespenster" ist eine spannende Mischung aus Schauerroman, Thriller, Familiendrama und Romanze. Souverän bewältigt Jodi Picoult die formale und inhaltliche Komplexität.

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Ross Wakeman kommt nicht über den Tod seiner Verlobten Aimee hinweg. Er saß vor acht Jahren mit der jungen Assistenzärztin im Auto, als ihnen ein Sattelschlepper in einer Kurve auf ihrer Spur entgegenkam. Ross wich aus – und krachte frontal in den Kleinwagen, der den LKW abgedrängt hatte. Er blieb nahezu unverletzt, riss die verklemmte Tür des anderen Autos auf, in dem es stark nach Benzin roch und zerrte die bewusstlose Frau heraus. Auf diese Weise rettete er ihr das Leben, denn im nächsten Augenblick ging der ausgelaufene Treibstoff in Flammen auf. Aimee konnte er nicht mehr helfen: Sie war tot.

Um im Jenseits wieder mit Aimee zusammen zu sein, wollte Ross sich das Leben nehmen, aber er überlebte den Selbstmordversuch ebenso wie den schweren Verkehrsunfall, einen Blitzschlag und eine Schussverletzung bei einem Raubüberfall.

In der Hoffnung, mit Aimees Geist Kontakt aufnehmen zu können, arbeitet Ross seit neun Monaten für die Geisterjäger Curtis und Maylene Warburton. Doch als der Vierunddreißigjährige durchschaut, dass die beiden ihren Kunden etwas vormachen, verlässt er sie und fährt zu seiner acht Jahre älteren Schwester Shelby Wakeman nach Comtosook, Vermont.

Shelby arbeitet halbtags in der Stadtbücherei von Comtosook und zieht ihren Sohn Ethan allein auf, denn dessen Vater verließ sie, als die Ärzte bei dem Kind Xeroderma Pigmentosum diagnostizierten. Weil Ethans DNA durch ultraviolettes Licht geschädigt wird, darf der inzwischen neun Jahre alte Junge nur nachts ins Freie.

Ein Mann namens Rod van Vleet kommt im Auftrag des Unternehmens Newton Redhook 2001 nach Comtosook, um dort ein Einkaufszentrum zu bauen. Das dafür erforderliche Grundstück am Otter Creek Pass will er dem fünfundneunzigjährigen, im Pflegeheim Shady Pines lebenden Professor Spencer Pike abkaufen. Ursprünglich hatte es der Familie seiner Ehefrau Cecilia („Cissy“, „Lia“) gehört, die am 19. September 1932 tot aufgefunden wurde. Sie soll von einem Abenaki ermordet worden sein. Die Abenaki protestieren gegen das Bauvorhaben und behaupten, auf dem Gelände seien Angehörige ihres Volkes begraben. Seltsame Dinge geschehen in Comtosook:

Die Einwohner von Comtosook stellten sich nach und nach auf eine Welt ein, die aus den Fugen geraten war. Alle hatten stets einen Schirm dabei, um sich gegen den Regen zu schützen, der rot wie Blut vom Himmel fiel und zu einer feinen roten Staubschicht trocknete. Porzellan zerbrach Punkt zwölf Uhr mittags, ganz gleich, wie sorgfältig es eingepackt worden war. Mütter weckten ihre Kinder, damit sie sich die Rosen ansehen konnten, die um Mitternacht erblühten. Hosennähte platzten ganz von selbst auf, und Wasser begann nicht zu kochen, und wenn es noch so lange erhitzt wurde.
Manche machten die globale Erwärmung für die Ereignisse verantwortlich, andere hielten es schlicht für persönliches Pech. Aber als Abe Huppinworth feststellte, dass in seinem Laden jeder einzelne Artikel in den Regalen auf den Kopf gestellt worden war, überlegte er laut, ob nicht vielleicht dieser indianische Geist vom Otter Creek Pass was damit zu tun haben könnte. Und die drei Kunden, die das mitbekommen hatten, erzählten es ihren Nachbarn, und noch ehe es Abend wurde, spekulierte ganz Comtosook, ob es nicht doch besser wäre, dem Stück Land seinen Frieden zu lassen. (Seite 107)

Van Vleet bittet Ross, die Angelegenheit zu untersuchen. Er rechnet damit, dass der Geisterjäger nichts Übernatürliches findet und die Gerüchte entkräftet werden. Als Ross sich umsieht, erscheint ihm jedoch der Geist einer jungen Frau. Sie nennt sich Lia Beaumont Pike und erzählt, sie sei mit einem Mann verheiratet, der sie zwar liebe aber auch einsperre. Ross verliebt sich in Lia, aber er kann sie ebenso wenig festhalten wie Aimee.

Er drängt den sechsunddreißig Jahre alten Polizisten Eli Rochert, sich den Mordfall von 1932 noch einmal anzusehen. Die fast siebzig Jahre alten Akten sind tatsächlich noch verfügbar, weil sie im Archiv vergessen wurden.

Spencer Pike, der als Anthropologie-Professor an der University of Vermont tätig war, heiratete 1931 im Alter von fünfundzwanzig Jahren Cecilia, die acht Jahre jüngere Tochter des verwitweten Biologieprofessors Harry Beaumont. Sie wohnten mit dem Dienstmädchen Ruby, das vier Jahre jünger als die Dame des Hauses war, am Otter Creek Pass in Comtosook.

Am 19. September 1932 alarmierte Pike die Polizei. Seine Frau habe am Vorabend eine Totgeburt erlitten, gab er zu Protokoll. Am nächsten Morgen fand er Cecilias Leiche. Sie hing an einem Balken des Eishauses, und zwar mit den Füßen so hoch über dem Boden, dass es sich offenbar nicht um einen Selbstmord gehandelt haben konnte. Professor Pike beschuldigte einen dreiunddreißigjährigen Abenaki, der sich Gray Wolf nannte, aber eigentlich John Delacour hieß, des Mordes und wies darauf hin, dass das Schlafzimmerfenster seiner Frau eingeschlagen war. Gray Wolf stellte sich freiwillig der Polizei. Als jedoch trotz seines von Zeugen bestätigten Alibis für die Tatzeit ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt wurde, verschwand er spurlos.

Pike erklärte, er habe seine tot geborene Tochter bereits begraben. Eigentlich hätte nicht nur die Leiche der Frau, sondern auch die des Säuglings obduziert werden müssen, aber die Polizei wollte dem angesehenen, wohlhabenden und einflussreichen Professor, der um seine Frau trauerte, weiteren Kummer ersparen.

Auf den in der Akte gefundenen Fotos vom Tatort fällt Eli auf, dass die Scherben der zertrümmerten Fensterscheibe nicht im Zimmer, sondern im Freien lagen. Daraus schließt er, dass sie von innen eingeschlagen worden war. Es handelte sich also nicht um einen Ein-, sondern um einen Ausbruch!

Eli bittet die mit ihm befreundete Genforscherin Frankie Martine in Maine, einige der Asservate zu untersuchen. Das Ergebnis ist überraschend: Cecilia Pike und Gray Wolf waren eng verwandt, wahrscheinlich Vater und Tochter. Eli, der durch seinen Vater Robert selbst ein Halb-Abenaki ist, kann es kaum glauben, dass die blonde und hellhäutige Frau die Tochter eines Indianers gewesen sein soll, aber die weitgehende Übereinstimmung der DNA-Proben lässt keine andere Schlussfolgerung zu. Die Untersuchung eines vermeintlichen Blutflecks an Cecilia Pikes Nachthemd ergibt, dass es sich um Mekonium handelt, um Kindspech. Also muss das Kind bei der Geburt gelebt haben.

Bei der Exhumierung der Gräber auf dem Baugrundstück stellt sich heraus, dass statt eines Neugeborenen ein Rippenbraten bestattet wurde. Wer vertauschte das Baby mit einem Stück Fleisch? Und warum?

Eli Rochert sucht Spencer Pike im Pflegeheim auf und konfrontiert ihn mit den neuen Ermittlungsergebnissen. Widerstrebend gibt der Greis zu, das Kind sei damals von ihm erstickt und im Eishaus in eine Apfelkiste gelegt worden. Er habe die Kiste am nächsten Vormittag vergraben und erst dann die Polizei angerufen. Vehement bestreitet er, seine Frau getötet zu haben.

Durch die Zusammenarbeit mit Ross lernt Eli auch dessen Schwester näher kennen. Die beiden verlieben sich.

Zufällig entdeckt Eli, dass Shelby Zeitungsmeldungen über Menschen sammelt, die dem Tod entronnen sind. Beispielsweise lief ein kleiner Junge namens Alexandre Proux am 3. Januar 2002 frühmorgens, bevor seine Eltern aufwachten, aus dem Haus in Montreal und schlief in einer zwei Meter hohen Schneewehe ein. Erst nach Stunden wurde er gefunden. Man hielt ihn für tot, aber im McGill-Krankenhaus kam er wieder zu sich.

Eli und Shelby fahren nach Montreal und lassen sich von Dr. Gaspar Holessandro erklären, dass Neugeborene bei Unterkühlung überleben können, weil sie über einen Reflex verfügen, der die Durchblutung auf ein Minimum reduziert. Der Arzt vergleicht das mit einem Computer, der in den Stand-by-Modus versetzt wird.

Aufgrund der neuen Erkenntnisse sind Eli und Ross sicher, dass das Neugeborene den Mordversuch am 18. September 1932 überlebte und gerettet wurde, wahrscheinlich von dem damaligen Dienstmädchen Ruby, das am nächsten Tag verschwand.

Die Spur führt zu der dreiundachtzigjährigen Ruby in Gaithersburg, Maryland.

Ross fährt sofort hin. Ruby erlitt kürzlich einen Herzinfarkt und liegt im Krankenhaus. Dort redet Ross mit ihr, und Ruby erzählt ihm, was damals geschah. (Sie kann selbstverständlich nur berichten, was sie weiß, aber ich fasse die Ereignisse von 1932 zusammen.)

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Cecilias Mutter war bei der Geburt ihrer Tochter gestorben. Ihr Vater arbeitete mit Spencer Pike unter der Leitung des Zoologie-Professors Henry F. Perkins für die Vermont Commission on Country Life an Studien über degenerierte Familien. Dabei ging es darum, die Gesellschaft durch die Sterilisation von Männern und Frauen aus Problemfamilien zu verbessern. Grundlage der Eugenik war das am 31. März 1931 vom Staat Vermont erlassene „Law for Human Betterment by Voluntary Sterilization“. Pike und Cecilia heirateten 1931. Die junge Frau versuchte sich mehrmals das Leben zu nehmen. Im Sommer 1932 begleitete sie ohne Wissen ihres Mannes die Sozialarbeiterin Abigail Alcott und begegnete dabei in einem „Zigeunerlager“ in Oxbury, einer kleinen Ortschaft am Ufer des Lake Champlain, dem Abenaki Gray Wolf. Ein Gericht hatte ihn 1914 wegen angeblichen Mordes zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt. Am 4. Juli 1932 war er auf Bewährung freigekommen, weil er im Rahmen des Sterilisationsprogramms eine Vasektomie hatte durchführen lassen. Cecilia fühlte sich zu dem Abenaki hingezogen, der behauptete, ihre Mutter gekannt zu haben und begann, sich heimlich mit ihm zu treffen.

Gray Wolf erzählte, Cecilias Mutter Lily Robinson habe sich als Siebzehnjährige in ihn verliebt und sich von ihm deflorieren lassen. Als sie schwanger geworden sei, habe John Delacour – so sein richtiger Name – bei ihrem Vater Quentin um ihre Hand angehalten. Der habe ihn daraufhin zusammengeschlagen und dafür gesorgt, dass Lily rasch die Ehefrau von Harry Beaumont wurde. Bei der Geburt des von ihrem Geliebten gezeugten Kindes – Cecilia – sei sie gestorben.

Als Pike herausfand, dass ihn seine Frau belogen hatte, wenn sie behauptete, bei ihrem Arzt Dr. Joseph DuBois in Burlington gewesen zu sein, verdächtigte er sie des Ehebruchs und sperrte sie in ihrem Zimmer ein. Am dritten Tag der Gefangenschaft tauchte Gray Wolf auf. Pike ertappte ihn und bedrohte ihn mit einem Gewehr. Es gelang Gray Wolf, dem rasenden Ehemann seiner Tochter die Waffe aus der Hand zu schlagen, aber er wurde von Pike verprügelt und aus dem Haus geworfen. Durch die Aufregung setzten bei Cecilia die Wehen ein, und sie gebar eine Tochter, der sie den Namen Lily gab. Als Pike zurückkam und das dunkelhäutige Baby in Rubys Armen sah, glaubte er, es sei von dem Abenaki gezeugt worden. Cecilia beteuerte, sie habe ihn nicht betrogen. Gray Wolf sei nicht ihr Liebhaber, sondern ihr leiblicher Vater. Für den rassistischen Eugeniker war der Gedanke unerträglich, mit einer Halb-Abenaki verheiratet zu sein und ein dunkelhäutiges Kind zu haben. Er nahm das Neugeborene, verließ den Raum und sperrte wieder ab. Später erklärte er seiner Frau, das Baby sei gestorben. Cecilia wollte das jedoch nicht glauben. Um nach Lily suchen zu können, schlug sie mitten in der Nacht ihr Fenster ein und kletterte ins Freie. Im Eishaus fand sie das leblose Kind. Es lag in einer Apfelkiste. Sie nahm es heraus und drückte es an ihren Körper. Spencer hatte es also doch ermordet. Um sich dafür zu rächen, wollte sie dafür sorgen, dass man ihn wegen eines anderen Mordes verurteilen würde. Sie zog einen Eisblock unter einen Dachbalken und holte einen Strick. Wenn man am nächsten Morgen ihre Leiche finden würde, so ihr Plan, wäre das Eis geschmolzen, und es sähe nicht nach einem Suizid, sondern nach einem Mord aus. Nachdem sie sich die Schlinge um den Hals gelegt hatte, hörte sie plötzlich ihr Kind schreien und sah, wie es zu strampeln anfing. Verzweifelt versuchte Cecilia sich zu befreien, aber es gelang ihr nicht; sie wurde erdrosselt.

Auch Ruby hörte das Baby schreien. Sie stand auf und ging zum Eishaus. Dort entdeckte sie die Erhängte und das Neugeborene, das in einer Apfelkiste lag und strampelte. Zögernd gibt Ruby zu, dass sie das Kind mit einem Rippenbraten vertauschte, den Deckel der Kiste auflegte und mit dem Kind fortging. Sie nannte das Mädchen Luxe und zog es auf, als ob ihre eigene Tochter gewesen wäre. Erst vor acht Jahren gestand sie Luxe die Wahrheit. Daraufhin erlitt diese vor Aufregung einen Herzinfarkt und starb.

Während Ross bei Ruby am Krankenbett sitzt, kommt Luxes Tochter Meredith herein. Ross fällt sofort auf, wie ähnlich sie Lia sieht.

Meredith Oliver ahnt nichts von ihrer wahren Herkunft. Beim Tod ihrer Mutter war sie sechsundzwanzig. Sie beschloss daraufhin, ihre Promotion in Boston abzuschließen und danach zu ihrer Großmutter zu ziehen. Auf der Fahrt dorthin war sie übermüdet, verlor die Kontrolle über ihr Auto und verursachte einen schweren Verkehrsunfall. Als sie im Krankenhaus zu sich kam, versicherte ihr eine Pflegerin, dem Baby gehe es gut. Dabei hatte Meredith noch gar nichts von ihrer Schwangerschaft gewusst. Zunächst vereinbarte sie einen Termin für eine Abtreibung, aber dann änderte sie ihre Meinung. Und inzwischen ist sie froh, eine Tochter zu haben. Lucys Vater verließ sie allerdings, als das Kind vier Jahre alt war. Meredith arbeitet am Generra Institute in Washington in der Präimplantationsdiagnostik.

Nachdem Meredith erfahren hat, dass Ruby nicht ihre Großmutter ist, fährt sie mit Ross nach Comtosook und nimmt auch Lucy mit. Sie kann es kaum glauben, aber ein DNA-Test beweist es: Bei einem hundertzwei Jahre alten Abenaki, der sich Az Thompson nennt, als Aufseher im Angel-Steinbruch in Comtosook arbeitet, und inzwischen zugegeben hat, John Delacour bzw. Gray Wolf zu sein, handelt es sich um ihren Urgroßvater. Meredith besucht Spencer Pike im Pflegeheim Shady Pines. Ihr todkranker, mit Morphium vollgepumpter Großvater stirbt, während sie an seinem Bett sitzt.

Ross und Meredith diskutieren über die Präimplantationsdiagnostik. Hin und wieder demonstrieren Gegner der PID vor dem Generra Institute, aber Meredith entgegnet Kritikern, dass sie beispielsweise einer Frau helfen könne, die drei Kinder durch Leukämie verlor und endlich ein gesundes Kind möchte. Ross gibt zu bedenken, dass sein Neffe vermutlich nicht auf der Welt wäre, wenn Shelby eine pränatale Diagnostik hätte durchführen lassen.

Als Ethan hört, dass Lucy eine Asthmatikerin ist, wundert er sich, dass ein gesund aussehendes Mädchen an einer lebensgefährlichen Krankheit leiden kann. Die beiden fast gleich alten Kinder freunden sich an.

Weil Rod van Vleet mit dem Bau des Einkaufszentrums nicht vorangekommen ist, wird er von Newton Redhook entlassen. Daraufhin betrinkt er sich und verunglückt mit seinem Auto.

Zu diesem Zeitpunkt sind Shelby und Eli auf dem Weg zu einem Restaurant, während Meredith auf Lucy und Ethan aufpasst. Aus dem geplanten schönen Abend wird jedoch nichts, weil Eli aufgrund des Verkehrsunfalls bis nach Mitternacht zu tun hat. Danach nimmt er seine Begleiterin mit nach Hause und schaltet dort nicht nur sein Handy aus, sondern legt auch den Telefonhörer neben die Gabel, denn sie wollen jetzt endlich ungestört sein.

Eli und Shelby sind deshalb nicht erreichbar, als Meredith in der Nacht auffällt, dass die Kinder nicht in ihren Betten liegen, sondern sich heimlich davongemacht haben.

Ross hilft Meredith, nach den Kindern zu suchen. Am frühen Morgen entdecken sie Lucy und Ethan im Steinbruch. Sie müssen über den Zaun geklettert sein. Kurz darauf beginnen die angekündigten Sprengungen. Meredith wird mit dem linken Bein unter einem Felsbrocken eingeklemmt. Ross rettet die Kinder und kehrt dann zu Meredith zurück, aber er kann den schweren Felsen nicht anheben. Ganz in der Nähe entdeckt er plötzlich eine Dynamitstange. Er packt sie und rennt damit los, bis sie explodiert.

Die Rettungsmannschaft hält ihn für tot, lässt ihn aber ins Krankenhaus bringen, und dort kommt er wieder zu sich. Meredith, die mit einem komplizierten Beinbruch ebenfalls im Krankenhaus liegt, wundert sich, woher Ross weiß, dass sie sich das linke Bein vor acht Jahren schon einmal bei einem Verkehrsunfall brach. Als er sie damals aus dem Auto zerrte und ihr zum ersten Mal das Leben rettete, war sie bewusstlos.

Am Ufer des Lake Champlain wird die Leiche von Az Thompson angeschwemmt. Er hatte sich in der Nacht ertränkt. Deshalb konnten die Kinder unbemerkt in den Steinbruch gelangen.

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„Zeit der Gespenster“ ist eine Mischung aus Schauerroman, Thriller, Familiendrama und Romanze. Es geht um die Aufklärung eines siebzig Jahre alten Mordfalls und um eine Genetikerin, die im Alter von vierunddreißig Jahren erfährt, dass ihre Annahmen über ihre Herkunft falsch sind. Jodi Picoult reißt in „Zeit der Gespenster“ viele Themen an: Liebe über den Tod hinaus, Geisterglaube, Selbstmordgedanken, Rassismus, Präimplantationsdiagnostik, Abtreibung, Eugenik.

Die Handlung ist fiktiv. Allerdings hat es Henry F. Perkins (1877 – 1956) und das Vermont Eugenics Project tatsächlich gegeben. Zu den Opfern des am 31. März 1931 vom Staat Vermont erlassenen „Law for Human Betterment by Voluntary Sterilization“ gehörten vor allem auch die Abenaki, eine Gruppe von Indianerstämmen im Nordosten der USA.

Die Komplexität des Romans „Zeit der Gespenster“ ergibt sich nicht nur aus der Themenfülle, sondern auch aus der Vielzahl von Handlungssträngen, die Jodi Picoult zunächst getrennt anlegt und im letzten der drei Teile des Buches immer enger zusammenführt. Der Einstieg ist entsprechend schwierig, denn Jodi Picoult führt im raschen Wechsel eine Reihe von Figuren ein, über die wir zunächst nur bruchstückhafte Informationen bekommen. Erst im weiteren Verlauf gewinnen sie Konturen und Farbe. Es ist beeindruckend, wie souverän Jodi Picoult mit der formalen und inhaltlichen Komplexität des Romans umgeht. Hin und wieder übertreibt sie es allerdings mit den Verknüpfungen, etwa wenn Shelby Wakeman sich daran erinnert, dass ihre Konsultation von Dr. Meredith Oliver vor acht Jahren wegen eines Abtreibungstermins der Genetikerin abgesagt wurde (Seite 381). Eigentlich hätte „Zeit der Gespenster“ auf Seite 397 enden können, denn dann sind alle Handlungsstränge miteinander verbunden, und wir wissen, was 1932 geschah. Das 12. Kapitel wirkt aufgesetzt, denn wir erfahren kaum noch etwas Neues und es kommt zu einem Stilbruch, weil Jodi Picoult plötzlich auf Action-Szenen setzt.

„Zeit der Gespenster“ ist in drei Teile gegliedert. Im mittleren Teil erzählt Cecilia Beaumont Pike 1932 in der Ich-Form, was geschieht. Die beiden anderen Teile spielen im Jahr 2001. Innerhalb der Teile entwickelt sich die Handlung jeweils chronologisch.

Zweifellos versteht Jodi Picoult ihr Handwerk. „Zeit der Gespenster“ ist ein spannender, lebendiger und anspruchsvoller Unterhaltungsroman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Piper Verlag

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