Irene Solà : Singe ich, tanzen die Berge

Singe ich, tanzen die Berge
Canto jo i la muntanya balla Editorial Anagrama, Barcelona 2019 Singe ich, tanzen die Berge Übersetzung: Petra Zickmann Trabanten Verlag, Berlin 2022 ISBN 978-3-98697-000-0, 208 Seiten ISBN 978-3-98697-002-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der dichtende Bauer Domènec wohnt mit seiner Frau, den beiden Kindern und seinem greisen Vater in den Pyrenäen. Als er sich während eines Unwetters um ein Kalb kümmert, das sich mit dem Schwanz in einem Drahtzaun verfangen hat, wird er vom Blitz erschlagen, und vier als Hexen gefolterte und verbrannte Frauen beobachten es. Mit dieser Szene beginnt Irene Solà ihren Roman.
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Kritik

In dem ungewöhnlichen Roman "Singe ich, tanzen die Berge" webt Irene Solà aus zu verschiedenen Zeiten in den Pyrenäen spielenden Episoden ein Gefüge, in dem alles mit allem verknüpft ist. Die poetische, Gesetzen der Musik folgende Sprache charakterisiert die verschiedenen Erzählfiguren, die ein archaisch wirkendes Tableau aus kraftvollen Bildern malen.
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Die Pyrenäen

Sublim sind sie, diese Berge. Urtümlich. Aus einer anderen Welt. Mythologisch.
Pyrene war die Tochter des Königs von Iberia, Túbal. Und Geryon, ein Riese, der von der Taille aufwärts drei Körper besaß, beraubte Túbal seines Thrones. Pyrene floh in diese Berge, die Geryon vollständig in Brand setzte, um Pyrene mit dem Feuer einzukreisen. Er verbrannte sie bei lebendigem Leib, und Herakles bedeckte ihren Leichnam mit grandiosen Steinen und bildete daraus eine Gipfelkette, wie ein Grabmal vom Kantabrischen Meer bis zum Cap de Creus. Dieses Gebirge heißt Pyrenäen zu Ehren Pyrenes. So erzählt es Freund Verdaguer. Die Griechen waren brutaler, verrückter. Der griechischen Mythologie nach war Pyrene die Tochter des Königs Bebryx, und als Herakles im Palast zu Besuch war, vergewaltigte er sie, und sie gebar eine Schlange. Daraufhin suchte die Prinzessin Zuflucht in den Bergen und wurde dort die Beute von Raubtieren. Den Griechen zufolge war es Herakles selbst, der, nachdem er sie vergewaltigt und geschwängert hatte, die Überreste ihres von wilden Tieren zerrissenen Körpers fand und ihr die letzte Ehre erwies, indem er diesem Gebirge ihren Namen gab. Menschenskind, Herakles, besten Dank auch!

Mein Schlaf ist so tief, dass er bis unter die Meere kriecht. Das Meer bedeckt mich, schon seit Jahrtausenden, und ich erinnere mich kaum. Blind und taub und verschlafen, wie ich bin. Hinaus, hinaus. […]
Wenn ich mich anstrengen und mir das ohrenbetäubende Knirschen in Erinnerung rufen würde. Die glühende Tiefe, rot und unbeherrschbar. Wenn ich mich des langsamen, schrecklichen Aufeinandertreffens entsinnen würde, der blinden zerstörerischen Gewalt, des Rüttelns und Bebens, der Säulen aus Feuer und Staub, der Felssplitter, die bis tief ins flüssige, heiße Gestein geschleudert wurden. […]
Wie ihr untergingt, während wir uns emporschwangen. Hoch hinauf. Tonnenweise Felsen und Erde, Granit, Gneis und Kalzit. Zum Himmel erhoben wir uns aus der Tiefe. Mit aller Beharrlichkeit, mit aller Geduld, mit aller Langsamkeit, mit aller Zerstörungswut. Eine dunkle Kraft sandte uns nach oben, brachiale Gewalt trieb uns in die Höhe, der Fels bäumte sich auf, die Erde schob sich übereinander, türmte sich auf, legte sich in Falten, barst. […]
Die Kontinente werden sich aufbäumen über ihren Fundamenten. Die Felswände werden bei jedem Erdstoß ächzen, der Himmel wird sich jäh verdunkeln, Lavaströme werden fließen und alles in Brand setzen, das Meer wird zitternd zurückweichen, während die Vulkane ausbrechen und die Luft sich mit Rauch und Asche füllt. Die Berge, die wir gewesen sind, die Häuser und Nester und Baue, die Terrassenfelder und Gipfelkämme, die wir gewesen sind, werden wir nicht mehr sein. Und unsere Überreste, unsere Trümmer, unser Schutt werden Täler und Ebenen bilden, Tonnen von Geröll, das im Meer versinkt, neue Berge. […]
Die Bewegung wird ein weiteres Mal begonnen haben. Das Verhängnis. Der nächste Anfang. Das zigste Ende. Und ihr werdet sterben. Weil nichts lange währt. Und an den Namen eurer Kinder erinnert sich niemand.

Der Bär

Ich bin der Bär. Ich bin der Bär. Wir sind die Bären. Wir haben sehr lange geschlafen und sind aufgestanden. Wir kommen, um zu holen, was uns gehört. Wir kommen, um zurückzufordern, was uns gehört. Wir kommen, um das zu rächen, was unser war und uns genommen wurde. […]
Abscheuliche Menschen, die töten, was sie nicht essen. Menschen, die alles haben wollen, alles an sich reißen. […]
Nur feige Tiere töten, was sie nicht essen.

Domènec und Sió

Der dichtende Bauer Domènec wohnt mit seiner Frau Sió, seinem greisen Vater Ton, der Tochter Mia und dem Säugling Hilari in den Pyrenäen. Als er sich während eines Unwetters um ein Kalb kümmert, das sich mit dem Schwanz in einem Drahtzaun verfangen hat, wird er vom Blitz erschlagen.

Vier als Hexen gefolterte und verbrannte Frauen beobachten es: Dolceta aus Can Conill, Margarida, Eulàlia aus Tregurà de Dalt und Joana, die älteste von ihnen.

Mit Joana legte sich niemand an, vielmehr riefen alle nach ihr, wenn Kinder geboren wurden oder Mumps bekamen. Bis es einmal stark gehagelt hatte. Joana besaß ein Weizenfeld, und während alles Land rundum verwüstet war, hatte kein einziges Hagelkorn Joanas Feld getroffen. Da hieß es, Joana selbst habe das Unwetter mit einem Pulver herbeigezaubert, und man beschimpfte sie als Hexe. Zur selben Zeit erkrankte das Nachbarskind, ein fünfjähriger Junge namens Joan Petit, der sie vor vielen anderen Leuten Hexe genannt hatte, seine Füße entzündeten sich, schwollen an, wurden violett und schwarz, und als er kurz darauf starb, beschuldigten alle lautstark Joana, ihm Gift ins Essen getan zu haben. Verhaftet sie, die alte Vettel, die Giftmischerin! Und sie wurde verhaftet. Und kurz nachdem sie verhaftet worden war, fielen winzig kleine Frösche vom Himmel […].

Die Witwe Sió stammt aus Camprodon. Im Alter von 25 Jahren hatte sie sich von Domènec überreden lassen, ihn am 21. Mai 1964 zu heiraten, mit ihm in die Berge zu ziehen und sich auf seinem kleinen Hof Matavaques nützlich zu machen.

Ich war hübsch wie meine Mutter, die aus Ca la Ufana stammte, dem sogenannten „Haus der Hochnäsigen“, weil alle Frauen der Familie so stolz und bildschön waren. Sie heiratete meinen Vater, und sie lebten im Dorf, weil Vater Vorarbeiter in der Keksfabrik war. Aber ich wollte einen Mann, der die Erde und auch die Ideen liebte. Einen Mann, der sich auf Bäume, Pflanzen und Tiere verstand. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, weil sie sie sehr weit aufschneiden mussten und sie sehr zierlich war.

Ihr Vater und dessen Schwester starben in der Nacht, in der Sió ihre Tochter Maria Carme („Mia“) gebar.

Sie starben friedlich im Schlaf. Die Feuerstelle qualmte und verströmte einen feinen unsichtbaren Dunst, der sich ausbreitete und die Luft verzehrte, und weil sie schliefen, sogen sie das Gift ein und wachten nicht mehr auf. Und als die Nachbarin, Dolors von Can Prim, ihre Enkelin Neus zu ihnen schickte, reagierten sie nicht.

Das zweite Kind, der Sohn Hilari, ist beim Tod des Vaters erst wenige Monate alt.

Aber sie hat die Pflicht weiterzuleben. Die Kinder rufen nach ihr und zwingen sie zu leben. Der Alte hat Hunger und verlangt nach ihr. Die Leute aus dem Dorf bringen ihr Bohnen und Zucchini, nur um sie zum Weiterleben zu nötigen. Und sie hört auf, eine Frau zu sein, und wird eine Witwe, eine Mutter.

Mia, Hilari und Jaume

Hilari, „aufgeschossen wie ein Bambusrohr“, freundet sich mit Jaume an. Die beiden Jungen und Hilaris Schwester Mia sind unzertrennlich. Jaumes Eltern verkaufen selbst gemachten Käse auf dem Markt – bis die Mutter stirbt und sich der Witwer im Haus einschließt.

Hilari, der sich gut auf Wildtiere verstand, weil er so geduldig war, machte Jaume zu seinem Schützling.

Hilari dichtet wie sein Vater, aber er trägt seine Gedichte nur vor und schreibt sie nicht auf.

Nie halte ich sie auf Papier fest. Um sie nicht zu töten. Denn Papier ist wie süßes Flusswasser, das im Meer verloren geht. Es ist der Platz, wo alle Dinge scheitern. Die Poesie muss frei sein wie eine Nachtigall. Wie ein Morgen. Wie die zarte Abendluft. Die nach Frankreich weht. Oder nicht. Oder wo immer sie hin will. Und auch, weil ich weder Papier noch Bleistift habe.

Nach der Beendigung der Schule hilft Mia ihrer Mutter Sió bei der Arbeit in einer Metzgerei, die einem Mann namens Manel gehört.

Geburtshilfe

Dolcetas Freundin Blanca will ein Kind, aber keinen Mann.

Nicht einmal mit nach Hause nehmen wollte sie ihn. Sie wollte nur seinen Samen, um eine Tochter zu haben, braun wie eine Kastanie. Voller Lachen und Ideen.

Als Blanca niederkommt, laufen Alba und Flora los, um Sió zu holen, die zwar den Verstand verloren hat, sich aber darauf versteht, Kindern auf die Welt zu helfen. Es ist eine Tochter.

Sie hat dich Bruna getauft, aber wir alle nennen dich Kälbchen.

Der Amtmann und seine Familie

Das Haus Can Prim steht oberhalb des Hauses Matavaques, in dem Sió mit Mia und Hilari lebt. Domènec und sein Vater Ton sind schon seit Jahren tot. Im Haus Can Prim wohnt Agustí mit seiner Ehefrau Neus – die er mitunter „Schneekönigin“ nennt – und den beiden Töchtern Cristina und Carla. Während Neus im Obstladen in Camprodon arbeitet, ist Agustí im Gemeindeamt tätig, „und jetzt bin ich für alle der Amtmann, der Agutzil“.

Er erinnert sich an Berichte seines Vaters. Der war noch ein Kind, als republikanische Soldaten auf dem Rückzug mit ein paar gefangenen franquistischen Soldaten ins Haus kamen und den älteren Bruder aufforderten, sie über die Grenze nach Frankreich zu führen.

Er zeigte ihnen den Weg und kehrte nie zurück. Mein Vater hörte die Gewehrschüsse, mit denen sie die Gefangenen und seinen Bruder hinrichteten.

Drei Tage später, berichtete mein Vater, kamen die Tiradores de Ifni. Die ganze Familie verkroch sich und verhielt sich mucksmäuschenstill. Aber mein Vater hatte eine Schwester mit Namen Teresa, die alle Treseta nannten, weil sie nicht ganz dicht war. Und als die Mauren an die Tür klopften, nahm sie – erbost, weil die anderen Soldaten ihren Bruder umgebracht hatten – den Suppentopf vom Feuer, stieg damit ans obere Fenster und schüttete ihnen die kochende Brühe über. Da traten die Soldaten die Tür ein und schnitten ihr mit einem Bajonett die Kehle durch.

Cristina, die 14 Jahre alte Tochter des Amtmanns,  kommt mit einer Granate in der Hand zu ihrem Vater. Überall in den Bergen liegen seit dem Bürgerkrieg Gewehrteile, Patronen und Granaten herum.

Einige Zeit nach Siós Tod sagt die Frau des Amtmanns zu Mia:

„Ihr habt jemanden im Haus.“
Sie sieht mich ruhig an.
„Ist es ein Toter, Neus?“, fragt sie.
„Was von ihm übrig ist“, sage ich.“

Einige Tage später bittet Mia die Mutter ihrer Freundin Cristina darum, nach Matavaques zu kommen und „es“ zu vertreiben.

Ich sage ihm freundlich, es müsse gehen. Dies sei nicht sein Haus. Es sei nicht mehr sein Haus. Weiter nichts. Ich erkläre ihm, warum es nicht sein Haus ist. Du gehörst nicht mehr hierher, sage ich ihm. Du musst gehen. […]
Es wird böse. Richtig böse. Es ist voller Wut. […]
Verschwinde. Hau ab. Raus. Das ist nicht dein Haus. Das ist nicht dein Haus. Raus. Raus. Raus.
Und es verschwindet.

Palomita

Palomita ist die Tochter von Elena und Israel. Sie ist auf Krücken angewiesen.

Ich bin ein einbeiniger Grashüpfer.

Als die Bombe fiel, schnitt sie mir das Bein ab. Ratsch!
Ratsch! Nein. Da war Blut und Fleisch, und es roch nach versengten Schweineborsten, aber abschneiden mussten mir das Bein die Ärzte.
Ich wünschte mir einen großen Bruder und hatte nur zwei kleine Brüder wie erschreckte Spatzen, und ich nahm sie in die Arme und sagte ihnen, es gebe keinen Grund zum Weinen.

Als die Bombe fiel, starb Mama, und unsere Nachbarin Rosalía starb auch, und ich verlor das Bein und mein Bruder Juan einen Fuß. Mama und Rosalía und Tante Juani sagten, die Flieger kämen. Es waren Italiener.

Als Mama und Rosalía im Krankenhaus starben, sagte Papa kein Wort, und nachher brachten sie uns nach Lérida, dann nach Barcelona und dann, nachdem Juan und ich aus dem Krankenhaus entlassen worden waren, beide auf Krücken, zogen wir nach La Garriga.

Nach dem Tod auch des Vaters im Krankenhaus werden die verwaisten Geschwister Palomina, Juan und Pedro von den Großeltern Nono und Nana aus La Garriga geholt und in ihr Pyrenäendorf zurückgebracht. Dort freundet sich Palomina mit Hilari an.

Cristina

Cristina, die 39-jährige Tochter des Amtmanns, erinnert sich:

Es waren einmal ich und Clara, und wir lagen aneinandergeschmiegt im Bett und schliefen. Es waren einmal zwei Männer, die in unser Haus eindrangen. Einer hatte eine Pistole, und er scheuchte uns aus dem Bett und zwang uns, auf dem Teppich niederzuknien. Und er zielte mit der Pistole auf meinen Kopf, und ich senkte den Kopf wie ein Hündchen, und Clara schrie auf, und der Mann schrie noch lauter, weil er uns erschrecken wollte, aber wir waren bereits erschrocken, und vor lauter Geschrei und Gefuchtel mit der Pistole drückte er ab, und die Kugel fuhr in meinen Schädel und wieder heraus, und die Männer rannten davon, und Clara sprang durchs Fenster, das nicht sehr hoch war, um Hilfe zu holen […]
Als ich wieder zu mir kam, war die Rede von einem Wunder. Und alle kamen ans Fußende des Bettes, alle stellten Fragen, und Mutter kaufte die Zeitung und zeigte mir meine Fotos. […] Der Schuss hat mir die Sehfähigkeit eines Auges geraubt, und das linke Bein, das manchmal nicht zu mir zu gehören scheint, ziehe ich ein wenig nach. Das ist alles. Die Ärzte sagten, ich hätte großes Glück gehabt.

In der Jugend sammelte Cristina mit ihrem Freund Jean-Claude kistenweise Munition und Granaten und Waffenschrott.

Er meinte, aus uns würde mal ein Paar. Wir haben einige Male geknutscht und ein bisschen rumgemacht, aber nee, nee, gelaufen ist da nichts. Heute ist er der Patenonkel meiner Kinder.

Ebenso wie ihre vier Jahre ältere Schwester Carla verließ Cristina die Heimat im Alter von 18 Jahren.

Ich hatte das alles so satt, diese Berge und meine Eltern und diese Bauern und diese Nachbarschaft und diese kleinen, öden, leeren Dörfer, wo es keine Diskothek und kein Museum gab […].

Nach 21 Jahren kehrt Cristina mit ihrer Frau Alícia, einer Lehrerin, und den inzwischen fünf Jahre alten Zwillingen Pere und Júlia aus Barcelona zurück. Als Kinder hatten sich die Nachbarstöchter Mia und Cristina kaum gekannt, aber nun werden sie Freundinnen und gehen miteinander wandern.

Sie gefällt mir immer noch, aber ich begehre sie nicht mehr. Alícia ist meine große Liebe. In alle Ewigkeit. Die Mutter meiner Kinder. Und Mia ist heute eine gute Freundin.

Als Cristina Besuch von einem Mann namens Oriol erhält, beobachtet ihre Hündin Lluna aufmerksam das Geschehen.

Wir gehen ins Schlafzimmer. Und dann entblößen sie ihre Haut, die sie immer mit Kleidern bedeckt haben, als wäre ihnen kalt ohne Fell, und dann kommen die Gerüche. Die Gerüche, die ihnen entströmen, sind erregend und beglückend, und ich mag sie, und ich will sie kosten. Es riecht nach Feuchtigkeit, denn wo es feucht ist, finden sich alle Gerüche. Hastig legen sie ihre Kleider ab. […]
Mit Kraft und Rhythmus streicheln sie sich, als suchten sie nach etwas Vergrabenem. Und ihre Geschlechtsteile werden dick und rot, und ihr Geruch ist noch besser und noch feuchter. Und ich freue mich, weil sie sich freuen, und weil die Hände überall sind und die Geräusche überall sind, und ich will, dass der Geruch mir tief in die Nase dringt und für immer dort bleibt. […]

Als Lluna verzückt Cristinas Knie leckt, steht diese kurz auf, bringt die Hündin hinaus und schließt die Tür, bevor sie mit Oriol weitermacht.

Jaume

Mia erinnert sich:

Irgendwann wurden wir fünfzehn oder sechzehn, ich weiß nicht mehr, und Jaume und ich bekamen Lust, uns zu küssen.

Carla und Cristina beobachteten die beiden, als sie sich im Wald nackt auszogen und es miteinander trieben. Einige Jahre lang führten Mia und Jaume ihre Liebesbeziehung fort – bis Mias Bruder Hilari im Alter von 20 Jahren bei einem Jagdunfall ums Leben kam, versehentlich erschossen ausgerechnet von seinem besten Freund Jaume. Der musste deshalb für fünf Jahre ins Gefängnis.

Drei Jahre Untersuchungshaft und zwei Jahre Vollzug. Das ist das Problem, wenn du direkt an der französischen Grenze lebst. Niemand vertraut darauf, dass du die zehn Schritte nicht gehen wirst, die dir fünf Jahre Knast ersparen würden.

Während Jaume inhaftiert war, starb sein verwitweter Vater. Nach der Verbüßung der Freiheitsstrafe kehrte Jaume nicht mehr zurück. Schließlich arbeitet er in der Küche einer Gaststätte, die dem Geschwisterpaar Fina und Quim gehört. Núria, die dort hinter dem Tresen steht, vertraut er an, welche Schuld er auf sich geladen hat. Dann macht er sich mit dem Auto auf den Weg zu seinem Geburtsort. Plötzlich ein gewaltiger Schlag!

Der Aufprall eines Körpers, der vor dem Wagen die Fahrbahn kreuzt, erzeugt ein jähes, grausiges Geräusch. Allmächtiger. Meine Hände umklammern das Lenkrad und schmerzen wie von Stromschlägen, und das umgekippte Bier ergießt sich auf den Boden. Unwillkürlich stelle ich den Motor ab, und die Dunkelheit macht die Stille umso tiefer. Ich höre mich keuchen, weil ich so erschrocken bin und heulen könnte vor Angst, und weil ich nicht sehen will, was ich überfahren habe.

Hinter dem Auto liegt ein toter Rehbock. Jaume zerrt ihn auf die Rücksitze und fährt weiter. Mitten in der Nacht hält er mit dem vorn eingedellten Auto und der Fracht im Fond vor dem Haus, in dem Mia wohnt, die inzwischen Manels Metzgerei gekauft hat. 25 Jahre lang war er nicht mehr da.

„Wie kannst du mir die letzten fünfundzwanzig Jahre vergeben?“, fragt er unvermittelt.

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„Singe ich, tanzen die Berge“ ist ein ungewöhnlicher Roman. Die 1990 in Malla geborene katalanische Schriftstellerin Irene Solà entwickelt keine lineare Geschichte, sondern webt aus zu verschiedenen Zeiten in den Pyrenäen spielenden Episoden ein Gefüge, in dem alles mit allem verknüpft ist. „Singe ich, tanzen die Berge“ dreht sich um Geburt, Leben und Tod. Dabei bricht Irene Solà aus der gewohnten anthropozentrischen Perspektive aus: Sie lässt auf eindrucksvolle Weise nicht nur Menschen zu Wort kommen, sondern auch Geister, Sagengestalten, Tiere und Pflanzen, die Berge und Unwetter. Die Ich-Erzählerinnen und -Erzähler wechseln von Kapitel zu Kapitel, und manchmal ist nicht einfach, zu erkennen, wer da zu uns spricht. Als Konsequenz aus diesem vielstimmigen Bild entwickelt sich allerdings auch keine Identifikationsfigur für die Lesenden.

Irene Solà präsentiert mit „Singe ich, tanzen die Berge“ einen stimmgewaltigen Roman fern vom Mainstream mit einem archaisch wirkenden Tableau aus kraftvollen Bildern. Die poetische Sprache, die Gesetzen der Musik folgt, charakterisiert die unterschiedlichen Erzählfiguren.

Verblüffend ist, dass Irene Solà „Singe ich, tanzen die Berge“ nicht düster, sondern hoffnungsvoll enden lässt.

Nach dem 2012 veröffentlichten Gedichtband „Bèstia“ debütierte Irene Solà 2018 mit dem Roman „Els dics“. Im Jahr darauf folgte ihr zweiter Roman ‒ „Canto jo i la muntanya balla“ – und dafür wurde sie 2020 mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet. „Singe ich, tanzen die Berge“ ist ihr erstes ins Deutsche übertragene Buch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Trabanten Verlag

Jasper Fforde - Der Fall Jane Eyre
Mit überbordender Fabulierlust – launig Elemente des Agententhrillers und von Farce und Fantasy vermischend – erzählt Jasper Fforde in dem furiosen Roman "Der Fall Jane Eyre" eine ebenso fantasievolle wie mitreißende Geschichte, bei deren Lektüre der Leser außer Atem gerät.
Der Fall Jane Eyre