Henry James : Wie alles kam

Wie alles kam

Henry James

Wie alles kam

Originalausgaben: 1873 – 1896 Wie alles kam Übersetzung: Ingrid Rein Nachwort: Angela Schader Manesse Verlag, Zürich 2012 ISBN: 978-3-7175-2270-6, 478 Seiten ISBN: 978-3-641-10103-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Erzählungen:

Georginas Gründe
M. Briseux' Liebchen
Wie alles kam
Augengläser
Kollaboration
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Kritik

Unter dem Titel "Wie alles kam" hat der Manesse Verlag fünf von Ingrid Rein erstmals ins Deutsche übersetzte Erzählungen von Henry James aus den Jahren 1873 bis 1896 zusammengestellt.
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Georginas Gründe

Gegen den Willen ihrer neureichen Eltern heiratet die schöne New Yorkerin Georgina Gressie heimlich den Marineoffizier Raymond Benyon, nachdem er sein Ehrenwort gegeben hat, dass er ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis niemanden etwas von der Eheschließung sagen werde. Als sie schwanger wird, ahnt ihr Ehemann, der die meiste Zeit auf See ist, nichts davon, und ohne sein Wissen bringt Georgina während einer Europa-Reise mit einer älteren Freundin in Italien ein Kind zur Welt. Das überlässt sie einer Bäuerin.

Mehr als ein Jahrzehnt später erfährt Raymond Benyon durch Zufall, dass Georgina inzwischen – ebenfalls heimlich – eine zweite Ehe mit einem vermögenden New Yorker Geschäftsmann geschlossen hat. Trotzdem verweigert sie ihm die erbetene Scheidung, weil sie einen Skandal befürchtet. Der auf seine Ehre bedachte Offizier mag weder das Schweigegelübde nicht brechen noch zum Bigamisten werden. Deshalb kann er Kate Theory, die Frau, mit der ihn inzwischen eine tiefe Zuneigung verbindet, nicht heiraten und mit ihr glücklich werden.

M. Briseux‘ Liebchen

Der Erzähler, ein amerikanischer Tourist, besucht die Gemäldegalerie in der provenzalischen Gemeinde M***. Die Exponate sind unbedeutend – mit einer Ausnahme: Dem Museum war es kürzlich gelungen, das „Bildnis einer Dame in gelber Stola“ von Pierre Briseux zu erwerben, zwei Wochen bevor der Künstler starb und die Preise für seine Werke danach in die Höhe schnellten. Pierre Briseux stammte aus M***, aber der Sohn eines kleinen Apothekers hatte den Geburtsort bereits in frühen Jahren verlassen und war erst auf dem Pariser Salon von 1836 mit dem „Bildnis einer Dame in gelber Stola“ berühmt geworden. Auf die Frage des Besuchers, wer die porträtierte Dame wohl sei, meint der Aufseher:

Mon Dieu! Ein Liebchen von Monsieur Briseux! – Ces artistes!

Als der Amerikaner aus einem anderen Saal zurückkommt, sitzt eine ältere Dame vor Pierre Briseux‘ Gemälde und ist in die Betrachtung versunken. Ihre Ähnlichkeit mit dem Porträt fällt dem Erzähler sogleich auf. Ein paar Stunden später entdeckt er die Dame auf einer Parkbank und setzt sich zu ihr. Sie erzählt ihm ihre Geschichte, ohne ihren Namen zu verraten.

Es handelt sich um eine Amerikanerin. Als sie 20 Jahre alt war, starb ihre Mutter, und deren Freundin Lucretia Staines nahm sich der Waise an. Mrs Staines hatte einen Anwalt geheiratet, der wahrscheinlich eine glanzvolle Karriere gemacht hätte, wenn er nicht mit 35 zusammengebrochen und im Jahr darauf gestorben wäre.

Harold, der einzige Sohn der reichen Witwe, wollte zu ihrem Verdruss Künstler werden und überredete sie zu einer Europa-Reise, um die alten Meister studieren zu können. In Rom machte der junge Herr, der gut aussah, über ausgezeichnete Manieren verfügte und keine finanziellen Sorgen kannte, der von seiner Mutter betreuten Waise einen Heiratsantrag, und Mrs Staines erklärte sich mit seiner Wahl einverstanden. Allerdings wies sie die Braut bei jeder Gelegenheit auf das Glück hin, so eine gute Partie zu machen. Die Auserwählte begriff erst allmählich, dass es sich bei Harold Staines um einen mittelmäßigen, sich selbst über­schätzen­den Müßig­gänger handelte, dessen Mutter erkannt hatte, dass er auf eine kluge, starke Frau angewiesen sein würde.

Die Hochzeit sollte in Paris stattfinden. Dort nahm Harold Staines zunächst Unterricht bei Monsieur Martinet, und als der greise Meister die Stadt für einige Zeit verließ, durfte der angehende Künstler das Atelier weiter benutzen. Bei einem Besuch mit seiner Verlobten im Louvre kam er auf die Idee, etwas besonders Schwieriges versuchen zu wollen: eine Kopie der „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci. Seine Begleiterin riet ihm jedoch, stattdessen ein Porträt von ihr zu malen, und er ging darauf ein.

Die Arbeit ging nur schleppend voran. Als die Porträtierte einmal allein im Atelier war, nutzte sie die Gelegenheit, um trotz seines Verbotes einen Blick auf das unfertige Gemälde zu werfen. Sie fand es enttäuschend, und diese Meinung teilte auch ein Fremder, der in diesem Augenblick das Atelier betrat:

„Es ist schlecht, schlecht, schlecht!“, rief er. „Verzeihen Sie meine Offenheit, aber es ist wirklich sehr schlecht. Es ist eine Verschwendung von Farben, Geld und Zeit.“

Wie sich später herausstellte, handelte es sich um Pierre Briseux. Damals war er höchstens 25 Jahre alt und sah verwahrlost aus. Er war Monsieur Martinets Schüler gewesen, hatte sich aber mit dem Meister überworfen. Pierre Briseux klagte, er habe nicht einmal genügend Geld für Brot, geschweige denn für Farben. Als die Amerikanerin hörte, dass er gekommen war, um sich mit Monsieur Martinet zu versöhnen und einen Louisdor zu erbitten, wollte sie ihm eine Goldmünze schenken, aber von einer Frau nahm er kein Geld an. Stattdessen bat er sie, die als Modell während der Sitzungen eingenommene Position einzunehmen und sich in die bereitgelegte, aber von ihrem Verlobten abgelehnte gelbe Stola zu hüllen. Begeistert griff er nach Harold Staines‘ Palette und übermalte den Entwurf auf der Staffelei.

Harold Staines war überrascht, im Atelier einen Fremden anzutreffen, der sich an seinem Gemälde zu schaffen machte. Pierre Briseux sagte:

„Fraglos war es sehr dreist von mir, dass ich mich an Ihrem Bild zu schaffen gemacht habe. Mein Elend ist meine Entschuldigung. Sie haben Geld, Material, Modelle – alles, außer Talent. Nein, nein, Sie sind kein Maler; das ist unmöglich! Auf Ihrer Leinwand ist kein einziger vernünftiger Strich. Ich dagegen bin der geborene Maler. Ich habe Talent und sonst nichts.“

Wütend verließ Harold Staines das Atelier. Seine bisherige Braut saß jedoch Pierre Briseux weiter Modell, und der malte schwungvoll, auch noch bei Lampenlicht, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war.

Die Frau, deren Verlobung darüber zerbrochen war, kehrte allein in die USA zurück. Einen Monat später erhielt sie ein Kuvert mit Zeitungsausschnitten und erfuhr, dass das „Bildnis einer Dame in gelber Stola“ auf dem Pariser Salon ein enormer Erfolg war und der Künstler sich damit einen Namen gemacht hatte.

Das Gemälde hatte sie seit damals, vor 30 Jahren, in Paris nicht mehr gesehen, bis sie nun in Cannes, wo sie den Winter mit einer Nichte verbrachte, von einem Engländer erfuhr, dass die Galerie in M*** das „Bildnis einer Dame in gelber Stola“ von Pierre Briseux erworben habe und deshalb anreiste.

Wie alles kam

Eine Engländerin schreibt in ihrem Tagebuch von einer Freundin und einem Freund, ohne Namen zu nennen. Später, nach ihrem Tod, wird jemand (ob Mann oder Frau bleibt offen) einer gemeinsamen Freundin oder einem gemeinsamen Freund eine Abschrift schicken.

Als die Freundin der Autorin im Alter von 18 Jahren mit einer Tante im Ausland war, glaubte sie ihren gesund in England zurückgebliebenen Vater in der Tür zu sehen. Bald darauf traf ein Telegramm mit der Nachricht von seinem unerwarteten Tod ein.

Zwölf Jahre später freundete sich die Ich-Erzählerin mit einem Landsmann an, dem seine Mutter im Augenblick ihres Todes erschienen war.

Die Autorin berichtete ihrer inzwischen im Londoner Vorort Richmond getrennt von ihrem Ehemann lebenden Freundin darüber und meinte, sie müsse den Freund kennenlernen. In der folgenden Zeit versuchte sie immer wieder, die beiden zusammenzubringen, aber es kam jedes Mal etwas dazwischen. Dabei war es nicht so, dass die beiden sich gegen eine Begegnung gesträubt hätten, im Gegenteil.

Nach fünf Jahren nahm die Erzählerin einen Heiratsantrag des Freundes an. Als Verlobte konnte sie ihn endlich dazu überreden, sich fotografieren zu lassen, und das Bild stellte sie auf den Kaminsims. Dort sah ihre Freundin es, nahm es in die Hand und las auch die Adresse des Porträtierten, die das Fotostudio auf die Rückseite geschrieben hatte. Bei dieser Gelegenheit nannte die Besitzerin des Bildes ihrer Freundin einen Tag und eine Uhrzeit, an dem sie einen Besuch ihres Verlobten erwartete und lud die Freundin ein, ebenfalls zu kommen.

Noch am selben Tag erhielt sie eine Mitteilung ihrer Freundin: Deren Ehemann war gestorben, aber sie hatte sich sieben Jahre zuvor von ihm getrennt und wollte die die Verabredung trotz des Todesfalls einhalten.

Da wurde die Braut plötzlich von Eifersucht erfasst: Sie war noch nicht verheiratet, und die Freundin nun als Witwe ungebunden! In ihrer Panik schrieb sie ihrem Verlobten ein Billet, in dem sie ihn bat, seinen Besuch vom Nachmittag auf den Abend zu verschieben.

Die Freundin kam zur vereinbarten Zeit, und die Ich-Erzählerin tat so, als würde sie mit ihr zusammen auf den Verlobten warten. Nach einer Stunde verabschiedete sich die Freundin enttäuscht.

Am Abend gestand die Lügnerin ihrem Bräutigam, was sie getan hatte und versprach von sich aus, sich am nächsten Vormittag bei ihrer Freundin zu entschuldigen.

Sie fuhr dann auch nach Richmond. Aber die Freundin war tot. Sie war spätabends nach Hause gekommen und kurz darauf einem Herzanfall erlegen.

Die Erzählerin kehrte nach London zurück und suchte sogleich ihren Verlobten auf. Erstmals betrat sie seine Wohnung in einem Mietshaus. Als sie ihm vom Tod der Freundin berichtete, wollte er ihr zunächst nicht glauben.

„Unmöglich! Ich habe sie doch noch gesehen.“
„Du hast sie ‚gesehen‘?“
„Sie stand genau dort, wo du jetzt stehst.“

Seine Braut nahm zunächst an, ihre Freundin sei ihm zum Zeitpunkt des Todes so erschienen wie einige Jahre zuvor seine Mutter, aber er beteuerte, dass es sich nicht um ein Gespenst gehandelt habe. Der Diener hatte die Wohnungstüre angelehnt gelassen, weil er die Bedienstete der Nachbarn besuchte, die seine Geliebte war. Die Frau, die der Hausherr aufgrund der Beschreibungen seiner Verlobten erkannte, stand plötzlich vor ihm, und als er erschrocken aufsprang, legte sie einfach nur einen Zeigefinger auf den Mund. Nachdem sie sich eine Weile schweigend angesehen hatten, ging sie wieder.

Die Erzählerin erkundigte sich im Club ihrer Freundin und erfuhr, dass diese dort nach dem Besuch bei ihr gegessen und den ganzen Abend verbracht hatte. Die Zeit zwischen ihrem Aufbruch und der Abfahrt des Zuges nach Richmond hätte allerdings noch knapp für einen kurzen Besuch beim Verlobten der Autorin gereicht.

Drei Wochen später, eine Woche vor der geplanten Hochzeit, erklärte die eifersüchtige Braut dem Bräutigam, es habe sich alles verändert:

„Jemand ist zwischen uns getreten.“

„Fünf Jahre lang hat sie dich stets verfehlt“, sagte ich, „doch jetzt verfehlt sie dich nie. Ihr holt alles nach!“
„Holt alles nach?“ War er bisher weiß gewesen, so wurde er nun rot.
„Du siehst sie – du siehst sie: Du siehst sie jede Nacht!“

Die Trauung wurde abgesagt, und weder er noch sie heirateten jemals. Der Mann starb sechs Jahre später. Vermutlich handelte es sich um einen Suizid. Die Autorin meint:

Er war die Antwort auf einen unwiderstehlichen Lockruf.

Augengläser

Die früh verwaiste, wegen ihrer Schönheit umschwärmte, aber nicht besonders kluge Britin Flora Saunt ist ebenso eitel wie selbstgefällig. Dem Erzähler, einem amerikanischen Maler, fällt sie in Folkestone auf, und er überredet sie, sich von ihm porträtieren zu lassen.

Als er Flora und ihren Verlobten, Lord Iffield, den Erben eines Landguts, in einem Londoner Geschäft sieht, benutzt sie Augengläser, die ihr schönes Gesicht verunstalten.

Später kreuzen sich ihre Wege erneut in Folkestone. Flora trägt nun eine Brille und wohnt bei der Witwe Meldrum. Lord Iffield trennte sich von ihr, als er merkte, dass sie dabei war, ihr Augenlicht zu verlieren.

Als der amerikanische Künstler nach jahrelanger Abwesenheit wieder nach London kommt, entdeckt er Flora bei der Aufführung der Wagner-Oper „Lohengrin“ in Covent Garden und geht zu ihr in die Loge. Sie sieht wieder makellos schön aus, weil sie keine Brille mehr trägt. Ihre Blindheit versucht sie zu verbergen, beispielsweise indem sie mit dem Opernglas vor den Augen den Kopf dreht und so tut, als nicke sie Bekannten im Parkett zu. Aber sie kann den Maler nicht täuschen. Außerdem erfährt er, dass Flora mit dem Intellektuellen Geoffrey Dawling verheiratet ist, der sie aufrichtig liebt und alles tut, um der Blinden das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

Kollaboration

Beim Ich-Erzähler handelt es sich um einen erfolglosen Maler in Paris. Zu den regelmäßigen Gästen seiner Künstlerabende gehören die Witwe de Brindes und ihre Tochter Paule, der amerikanische Kritiker Alfred Bonus, der französische Dichter Félix Vendemer und der deutsche Komponist Herman Heidenmauer.

Paule de Brindes, deren Vater im Deutsch-Französischen Krieg fiel, ist mit dem mittellosen Poeten verlobt.

Herman Heidenmauer spielt eines Abends eigene Kompositionen am Klavier und beeindruckt damit Félix Vendemer. Der Deutsche ist wiederum sehr angetan von einem Gedichtband des Franzosen. Die beiden beschließen, gemeinsam an einer Oper zu arbeiten, obwohl sie damit rechnen müssen, dass ihre jeweiligen Landsleute diese deutsch-französische Kollaboration ablehnen.

Madame de Brindes sorgt aus Protest sogar dafür, dass die Verlobung ihrer Tochter gelöst wird. Aber der Maler ertappt sie einige Zeit später, als sie eine Komposition von Herman Heidenmauer ohne Partitur am Klavier spielt.

Sie war ihm nur dieses eine Mal begegnet, hat ihn nur dieses eine Mal spielen hören. Das gäbe schöne Komplikationen, sollte sich herausstellen, dass das junge deutsche Genie damals nicht nur einen zutiefst beeindruckt hat. Es braucht jedoch nicht bekannt zu werden, da sie, die natürlich Angst vor der Entdeckung einer solchen Verfehlung durch ihre Mutter hat, voll und ganz auf meine Verschwiegenheit zählen kann. […] Leben wir letzten Endes nicht in einer schnelllebigen Zeit, verändert sich die alte Ordnung nicht? Sagen Sie nicht, die Kunst habe keine Macht! Ich werde Ihnen irgendwann weitere Beispiele liefern.

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Originaltitel der fünf Erzählungen von Henry James:

  • Georginas Reasons (1885)
  • The Sweetheart of M. Briseux (1873)
  • The Way It Came (1896)
  • Glasses (1896)
  • Collaboration (1892)

 

Die jahrzehntelang mit Henry James befreundete englische Schauspielerin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Frances Anne („Fanny“) Kemble (1809 – 1893) kolportierte im März 1884 ein Gerücht, das den Schriftsteller zu der Erzählung „Georginas Reasons“ / „Georginas Gründe“ anregte, die im August 1885 von „The New York Sun“ veröffentlicht wurde. Mit rund 140 Seiten ist es die längste der in dem Band „Wie alles kam“ zusammengefassten Erzählungen, die der Manesse Verlag 2012 erstmals in deutscher Sprache (Übersetzung: Ingrid Rein) herausgebracht hat. Georgina Gressie repräsentiert für Henry James offenbar die Unmoral und Skrupellosigkeit der kulturlosen Neureichen in New York. Volker Schlöndorff verfilmte die Erzählung „Georginas Gründe“.

Originaltitel: Georginas Gründe – Regie: Volker Schlöndorff – Drehbuch: Peter Adler, Volker Schlöndorff, nach der Erzählung „Georginas Gründe“ von Henry James – Kamera: Sven Nykvist – Schnitt: Hilwa von Molo – Musik: Friedrich Meyer – Darsteller: Edith Clever, Joachim Bissmeier, Margarethe von Trotta, Eva Maria Meineke, Carin Braun, Beles Adam, Ingeborg Kloiber, Erich Aberle, Werner Kliess, Friedrich von Thun u.a. – 1975; 60 Minuten

„The Sweetheart of M. Briseux“ / „M. Briseux‘ Liebchen“ erschien erstmals 1873 und ist damit die älteste der unter dem Titel „Wie alles begann“ zusammen­gestellten Erzählungen. Sie dreht sich um den Gegensatz zwischen wahrer Kunst und einem Möchtegern-Künstlertum. Die Protagonistin entscheidet sich für die Kunst, obwohl sie dadurch das angebotene Leben im Wohlstand aufgeben muss.

Henry James lässt in „M. Briseux‘ Liebchen“ zunächst einen Amerikaner auftreten, ein Alter Ego, aber die eigentliche Geschichte wird dann von einer namenlosen älteren Frau in der Ich-Form erzählt. Einen ähnlichen Rahmen weisen auch die folgenden drei Erzählungen von Henry James auf. In „The Way It Came“ / „Wie alles kam“ schickt eine Person, von der wir nicht einmal erfahren, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, einer Freundin oder einem Freund eine Abschrift von Tagebuch-Eintragungen einer verstorbenen Freundin. Im Begleitbrief meint die Absenderin / der Absender, der Inhalt sei zu persönlich für eine Veröffentlichung. Und weil in dem Text keine Namen genannt werden, fragt er oder sie die Adressatin / den Adressaten, ob sie / er sich denken könne, um wen es sich handelte.

Henry James beschäftigte sich mit der 1896 veröffentlichten Erzählung „Wie alles kam“ bereits im Februar 1895. Anfangs konzipierte er die einzige Begegnung des Bräutigams der fiktiven Autorin und ihrer Freundin als Erscheinung post mortem, aber in der Endfassung bleibt in der Schwebe, ob die Frau kurz vor ihrem Tod bei ihm war oder danach als Gespenst. Möglicherweise ist es die eifersüchtige Braut, die sich etwas einbildet. Gerade dieses offene Ende gehört zu den Vorzügen der Erzählung „Wie alles kam“.

Bei einer Fahrt in einem Doppeldeckerbus in London fiel Henry James eine außergewöhnlich schöne Frau auf, deren Gesicht jedoch durch eine unpassende Brille verunstaltet war. Das brachte ihn auf die Idee, die Erzählung „Glasses“ / „Augengläser“ zu schreiben, die 1896 im „Atlantic Monthly“ publiziert wurde.

In „Collaboration“ / „Kollaboration“ setzt Henry James dem ungesunden Patriotismus bzw. Nationalismus den Kosmopolitismus der Kunst entgegen.

Was diesen Autor [Henry James] umtrieb, was sich immer undurchdringlicher mit seinen so spezifischen sprachlichen Gesten verflocht, war die Erkundung der zwischen Begehren und Anstand, zwischen gesellschaftlichem Comment und inneren, unhintergehbaren Wertmaßstäben, zwischen – um es mit William Blake zu sagen – Unschuld und Erfahrung ausgespannten Seele. […]
Immer wieder stößt Henry James seine Heldinnen in […] zerstörerische Konstellationen – und lenkt sie dabei mit immer neuen Techniken klug an Sentiment und moralischem Kitsch vorbei. […]
Frauen nahm Henry James auch in der Realität sozusagen als wandelnde Gradmesser gesellschaftlicher und kultureller Werte wahr. […] Im November 1892 notierte er die Erinnerung an ein Gespräch über die „wachsende Divergenz zwischen der amerikanischen Frau (mit ihrem Maß an Muße, an Kultiviertheit, Anmut, sozialem Instinkt und künstlerischer Ambition) und dem amerikanischen Mann, der ganz in der Rohheit des Geschäftslebens aufgeht […]“
Henry James war – trotz seiner mäßigen Achtung für die Suffragetten – ein Autor, der in seinem Werk viel Raum für starke, profilierte Frauen schuf; der auch, wie vor ihm Jane Austen oder George Eliot, ein feines Sensorium für die gesellschaftlichen und materiellen Kontexte hatte, welche die Entfaltung seiner weiblichen Charaktere hemmen konnten.
(Angela Schrader im Nachwort zu „Wie alles kam“)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Manesse Verlag

Porträt des Meisters in mittleren Jahren (Roman von Colm Toíbín über Henry James)

Henry James: Wie alles kam
Henry James: Daisy Miller
Henry James: Washington Square (Verfilmung)
Henry James: Eine Dame von Welt
Henry James: Das Durchdrehen der Schraube
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Nele Neuhaus - Böser Wolf
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