B. Traven : Das Totenschiff

Das Totenschiff
Das Totenschiff Originalausgabe Büchergilde Gutenberg, Leipzig 2026 Bibliothek des 20. Jahrhunderts Hg. Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki Deutscher Bücherbund, Stuttgart / München o. J. 380 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als die S. S. Tuscaloosa in Antwerpen ohne ihn ablegt, bleibt der amerikanische Deckarbeiter Gale ohne Geld und Papiere zurück. Weil er nicht beweisen kann, dass er Amerikaner ist, erhält er keine Ersatzpapiere und landet schließlich auf einem Waffen schmuggelnden "Totenschiff", wo er unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgebeutet wird. Aber es kommt noch schlimmer ...
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Kritik

Man kann "Das Totenschiff" als Abenteuerroman lesen, aber es ist weit mehr. B. Traven kritisiert damit sowohl den Kapitalismus als auch den Staat bzw. die Bürokratie. Gale, eine Mischung aus Schwejk und Simplicius Simplicissimus, erzählt in der Ich-Form, chronologisch, realistisch und lebendig, nie sentimental, stattdessen sarkastisch.
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Ein Niemand

Gale, ein einfacher amerikanischer Deckarbeiter, kommt mit der S. S. Tuscaloosa nach Antwerpen, wo die Schiffsladung Baumwolle aus New Orleans gelöscht wird. Zunächst will er an Bord bleiben, aber dann überlegt er es sich anders, erreicht, dass er 10 Dollar von seiner Heuer ausbezahlt bekommt und geht an Land. In einer Kneipe gerät er in eine ausgelassene Gesellschaft – und wacht dann im Zimmer eines hübschen Mädchens auf, als die S. S. Tuscaloosa bereits ausgelaufen ist. Seine Sachen sind noch an Bord des Frachters, und Geld hat er auch keines mehr.

Jenes hübsche Mädchen erzählte mir in der Nacht, dass ihre so herzinnig geliebte Mutter schwer krank sei, und sie hätte kein Geld, um Arznei und kräftiges Essen zu kaufen. Ich wollte für den Tod der Mutter nicht verantwortlich sein, deshalb gab ich dem hübschen Mädchen alles Geld, das ich bei mir trug.

Weil Gale weder Pass noch Seemannskarte vorweisen kann, nimmt ihn ein Polizist mit zur Wache.

Meine Seemannskarte? Die steckte in meiner Jacke, und die Jacke war in meinem Kleidersack, und mein Kleidersack lag mollig unter meiner Bunk in der Tuscaloosa, und die Tuscaloosa war – ja, wo konnte sie jetzt sein? (Anm.: Bunk = Koje)

Nachts bringt ihn die belgische Polizei zur niederländischen Grenze und fordert ihn auf, sie zu überqueren.

„Ich geh‘ nicht mit. Ich bin ein freier Amerikaner, ich werde mich beschweren.“
„Ha!“, schrie einer höhnisch herüber. „Sie sind kein Amerikaner. Beweisen Sie es doch. Haben Sie eine Seemannskarte? Haben Sie einen Pass? Nichts haben Sie. Und wer keinen Pass hat, ist niemand.“

Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als seinen Widerstand aufzugeben und der illegalen Aufforderung der Beamten Folge zu leisten. So landet er in Rotterdam. Dort sucht er den US-amerikanischen Konsul auf, aber dem verbieten die Vorschriften, ihm zu helfen.

„Ihr Konsul? Das müssen Sie mir beweisen, lieber Mann, dass ich Ihr Konsul bin.“
„Ich bin doch aber Amerikaner, und Sie sind ein amerikanischer Konsul.“
[…] „Aber ob Sie Amerikaner sind, das müssen Sie mir erst beweisen. Wo haben Sie denn Ihre Papiere? […] Sie können ja nicht einmal beweisen, ob Sie überhaupt auf der Tuscaloosa waren.“

Nach einigem Hin und Her sagen ihm zwei Matrosen, wie er sich auf ihrem Schiff verstecken kann. So gelangt er nach Boulogne, und von dort nimmt er einen Zug nach Paris. Weil er ohne Fahrkarte aufgegriffen wird, muss er zehn Tage Haft verbüßen und Frankreich danach innerhalb von 15 Tagen verlassen.

Wieder versucht er es im Konsulat. Nachdem er einen Vormittag und den größten Teil des Nachmittags gewartet hat, platzt eine dicke Dame herein und erklärt, dass sie ihren Pass verloren habe. Sie wird sofort zum Konsul gebracht, und es dauert keine Stunde, bis sie sich mit Ersatzpapieren in der Hand verabschiedet. Als Gale endlich an die Reihe kommt und erfährt, dass er ohne feste Adresse, bürgende Verwandte oder Dokumente keine Chance hat, Ersatzpapiere zu bekommen, erkundigt er sich nach der Dame. Dabei handele es sich um einen ganz anderen Fall, erklärt ihm der Konsul, das sei doch Sally Marcus gewesen; die Bankiersgattin aus New York kenne man doch.

Nach seiner erneuten Festnahme in Toulouse gibt sich Gale kurzerhand als Deutscher aus. Er sei in Wien geboren, behauptet er. Nach seiner Freilassung gerät er versehentlich auf ein militärisches Gelände. Darauf steht der Tod. Aber statt ihn zu erschießen, lässt ihn der Festungskommandant spanischen Grenzbeamten übergeben, die den vermeintlichen Deutschen willkommen heißen.

Nachdem Gale einige Zeit abwechselnd in Cádiz und Sevilla verbracht hat, fährt er auf einem Kohle transportierenden Schiff nach Marseille. Obwohl er dort in einer Kneipe unumwunden zugibt, kein Geld zu haben, tischt ihm die hübsche Bedienung Essen und Wein auf. Dann sorgt sie dafür, dass die anderen Gäste für den „armen deutschen Seemann“ sammeln, und am Ende nimmt sie ihn mit nach Hause. Dass er sich in ihrem Zimmer zurückhaltend gibt, erzürnt sie.

„Nun hör mal, du armseliges Stück von einem schifflosen Seemann. Was denkst du dir denn eigentlich, warum ich dich hier mit hergebracht habe? Vielleicht zum Beten? […] Oder sollte ich mich in dir und deiner Zahlungsfähigkeit geirrt haben? Du hast für das gute Abendessen, den Wein und die Schlafgeleenheit, die ich dir biete, zu zahlen. Und da ich von Bezahlen spreche, rat ich dir, besonders gut zu zahlen, oder ich möchte es sonst am Morgen bitter bereuen, dass ich dich für einen vortrefflichen Segler hielt.“

Das Totenschiff

Zurück in Barcelona, rufen Seeleute von einem verwahrlosten Schiff herunter: „Hey, ain’t ye sailor? Wanta dschop?“ In seiner Not bleibt Gale nichts anderes übrig, als mit Hilfe eines Taus an der Bordwand hochzuklettern. So wird er Kohlenzieher auf der Yorikke, deren Besatzung mit Ausnahme des Kapitäns keine Papiere hat. Gale behauptet, ein Ägypter aus Alexandria zu sein und Helmont Rigbay zu heißen.

Auf dem Totenschiff müssen die Männer unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, und Gale lernt, dass zwar Tiere sich lieber totschlagen lassen, als beispielsweise zu schwere Lasten zu tragen, aber Menschen alles erdulden.

Sklaven waren Handelsware, für die bezahlt worden war und für die man hohe Bezahlung erwartete. Diese Ware musste sorgfältig behandelt werden. Für abgerackerte, ausgehungerte und übermüdete Sklaven bezahlte niemand auch nur die Transportkosten, geschweige denn einen Preis, dass der Händler noch tüchtig daran verdienen konnte.

Wo immer die ausgebeuteten Männer ohne Papiere an Land gehen, werden sie sofort zum Schiff zurückgeschickt. Wer einmal auf dem Totenschiff ist, hat kaum eine Chance, es lebend wieder zu verlassen.

Auf offener See irgendwo vor der portugiesischen Küste nähern sich der Yorikke einige mit Marokkanern besetzte Feluken. Kisten werden ausgetauscht. Danach entdeckt Gale im Laderaum Dosen mit „echt schwäbischem Pflaumenmus“, aber als er eine öffnet und probiert, stößt er auf Patronen. Die Yorikke schmuggelt Waffen!

Empress of Madagascar

Mit Stanislaw Koslowski, einem anderen Heizer auf der Yorikke, freundet Gale sich an. Stanislaw wurde in Posen geboren, als es noch deutsch war. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Stadt an Polen, aber sowohl die deutschen als auch die polnischen Behörden weigerten sich, dem Mann einen Pass auszustellen. Und so landete er schließlich auf dem Totenschiff.

In Dakar dürfen Gale und Stanislaw Koslowski endlich an Land gehen. Im Hafen liegt ein erst drei Jahre altes englisches Schiff: die Empress of Madagascar. Weil das Schiff auch nach einem Umbau nicht 15 Knoten macht, wie ursprünglich vorgesehen, gilt es als unwirtschaftlich. Zwei Versuche, es zu versenken, um wenigstens die Versicherungssumme zu kassieren, schlugen bereits fehl.

Gale und Stanislaw Koslowski werden niedergeschlagen. Als Gale wieder zu sich kommt, befindet er sich auf der Empress of Madagascar und wird beschuldigt, sich als blinder Passagier aufs Schiff geschlichen zu haben. Der Kapitän droht, ihn über Bord werfen zu lassen, bietet ihm aber zugleich an, als Heizer zu arbeiten. In Liverpool müsse er ihn dann den Behörden übergeben, sagt er. Gale sieht sich gezwungen, das „Angebot“ anzunehmen und gibt als Namen „Pippip“ an. Kurz darauf sieht er Stanislaw wieder, dem es ähnlich erging.

Auf hoher See, abseits von den Schifffahrtsrouten, lässt der Kapitän die Empress of Madagascar auf ein Riff laufen. Aber niemand außer Gale und Stanislaw Koslowski überlebt das absichtlich herbeigeführte Schiffsunglück.

Während eines Unwetters sinkt das Schiff vollends. Die beiden Überlebenden können sich zwar zunächst auf ein Holzteil retten, aber Stanislaw verliert den Verstand, stürzt sich in die Wellen und ertrinkt.

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Man kann „Das Totenschiff“ als Abenteuerroman lesen, aber es ist weit mehr. B. Traven kritisiert damit sowohl den Kapitalismus als auch den Staat bzw. die Bürokratie. Ohne Papiere ist der Einzelne ein Niemand und gehört nicht zur Gesellschaft. Für die Behörden ist er so gut wie nicht existent. Das Totenschiff steht für den Industriestaat: Auf der Yorikke werden Männer wie Gale zwar ausgebeutet und dabei schlimmer als Sklaven behandelt, die immerhin noch einen „Handelswert“ aufweisen, aber am Ende finden sich die Geschundenen mit den Umständen ab, statt zu revoltieren.

Kenntnisreich veranschaulicht B. Traven das Leben auf einem Frachter und zeigt, dass es nichts mit Romantik zu tun hat. Der Ich-Erzähler Gale, den B. Traven auch in „Die Baumwollpflücker“ (1925) und in „Die Brücke im Dschungel“ (1929) auftreten lässt, wirkt wie eine Mischung aus Schwejk und Simplicius Simplicissimus. Er erzählt chronologisch, realistisch und lebendig, nie sentimental, stattdessen sarkastisch. Sprachlicher Schliff interessiert ihn nicht.

Ernst Preczang, damals Leiter und Cheflektor der 1924 in der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung gegründeten Büchergilde, wurde 1925 durch den Roman „Die Baumwollpflücker“ auf B. Traven aufmerksam und nahm Kontakt mit ihm auf. Im April 1926 veröffentlichte die Büchergilde dessen Roman „Das Totenschiff“, der sich als Bestseller erwies, obwohl er nicht in Buchhandlungen erhältlich war.

Wer sich hinter dem Pseudonym „B. Traven“ verbarg, ist bis heute unklar. Die Person war wohl identisch mit dem Schauspieler und Journalisten Ret Marut, der 1917 bis 1921 die anarchistische Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ herausgab. „Ret Marut“ war jedoch ebenfalls ein Pseudonym. Im Frühjahr 1919 wurde Ret Marut Pressechef des Zentralrats der Münchner Räterepublik. Kurz darauf verhaftete man ihn als einen der Rädelsführer, aber er konnte fliehen und tauchte 1924 in Mexiko auf, wo er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug, bis ihn die Einnahmen durch den Erfolg des Romans „Das Totenschiff“ davon befreiten.

1923 hatte Ret Marut bei einer polizeilichen Vernehmung in London behauptet, sein wahrer Name laute Hermann Otto Albert Maximilian Feige und er sei am 23. Februar 1882 in Schwiebus (Świebodzin) geboren worden. Das scheint tatsächlich so gewesen zu sein. Inzwischen geht man allgemein davon aus, dass es sich bei B. Traven, Ret Marut und Otto Feige um dieselbe Person handelte.

Der Roman „Das Totenschiff“ von B. Traven wurde 1959 von Georg Tressler mit Horst Buchholz und Mario Adorf in den Hauptrollen verfilmt:

Originaltitel: Das Totenschiff – Regie: Georg Tressler – Drehbuch: Hans Jacoby, Georg Tressler, Werner Jörg Lüddecke nach dem Roman „Das Totenschiff“ von B. Traven – Kamera: Heinz Pehlke – Schnitt: Ilse Voigt – Musik: Roland Kovač – Darsteller: Horst Buchholz, Mario Adorf, Helmut Schmid, Elke Sommer, Alf Marholm, Werner Buttler, Dieter von Keil, Panos Papadopulos, Edgar O. Faiss, Günter Meisner, Alfred Balthoff, Albert Bessler, Karl Lieffen, Marieluise Nagel, Claudia Gerstäcker, Emmy Burg, Kurt Pratsch-Kaufmann, Erik Radolf, Siegfried Dornbusch, Benno Gellenbeck u.a. – 1959, 95 Minuten

Gerulf Pannach und Christian Kunert brachten den Roman „Das Totenschiff“ von B. Traven als Musiktheaterstück auf die Bühne. Kristine Tornquist schrieb nach dem Buch ein Libretto, das Oskar Aichinger vertonte. Ihre Kammeroper wurde am 24. November 2018 am sirene Operntheater im Reaktor Wien uraufgeführt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Büchergilde Gutenberg

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Saskia Hennig von Lange schreckt nicht vor makabren Details zurück und entwirft für ihr literarisches Debüt, die Novelle "Alles, was draußen ist", ein absurdes Szenario. Eine leichte Lektüre ist das nicht, aber beim Lesen bleibt ein Nachhall – wie beim Ich-Erzähler, der noch immer die Stimme seiner Mutter hört.
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