Patrick Tschan : Der kubanische Käser

Der kubanische Käser
Der kubanische Käser Das wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden Zytglogge Verlag, Basel 2019 ISBN 978-3-7296-5005-3, 185 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Liebeskummer führt dazu, dass der 16-jährige Toggenburger Waisenknabe Noldi Abderhalden 1620 einen Vertrag unterschreibt, mit dem er sich für zehn Jahre als Reisläufer verpflichtet. Als er mit bloßen Händen eine Kanonenkugel abwehrt, die den Kommandanten getötet hätte, wird er als Kriegsheld gefeiert – und von der Inquisition verfolgt. Der spanische König verbannt ihn deshalb für den Rest der Dienstzeit nach Kuba ...
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Kritik

"Der kubanische Käser. Das wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden" ist eine originelle Mischung aus Magischem Realismus, Schelmen-, Heimat und Entwicklungsroman. Patrick Tschan erzählt die schräge, irrwitzige Geschichte mit viel Humor und Sinn für Komik. Die Darstellung ist kraftvoll und temporeich, farbig und lebendig.
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Liebeskummer und die Folgen

Noldi Abderhalden verlor beide Eltern, als er zwölf Jahre alt war: Der Vater wurde von einem Heuballen mitgerissen. Die Mutter rannte hinterher, strauchelte – und stürzte ebenso wie ihr Mann über den Rand einer Felswand in den Abgrund.

Bald darauf übernahmen Verwandte das Haus in Alt St. Johann, einem Dorf in der Talschaft Toggenburg im Kanton St. Gallen. Noldi musste sein Zimmer den beiden Söhnen der anderen Abderhaldens überlassen und wohnte fortan in einem Verschlag über dem Stall.

Im Februar 1620 steigt der inzwischen 16-Jährige auf den Chüeboden bei Alt St. Johann, schreit seinen Liebeskummer hinaus und betrinkt sich mit einer Flasche Wein. Die Heidi hat ihn nämlich verlassen und geht nun mit dem Heiri Obderhalden.

Schließlich ist Noldi Abderhalden so betrunken, dass er den Weg zurück ins Dorf nicht mehr findet. Nachdem er ausgerutscht ist, schlittert er in einer Spur der Holzfällerschlitten auf dem Hosenboden ins Tal – und landet vor den Füßen eines Anwerbers von Reisläufern für Spanien.

Nachdem er drei Kreuze auf ein Blatt mit großem Wappen gekritzelt hat, ohne recht zu begreifen, dass er sich damit für zehn Jahre zum Kriegsdienst gegen die Protestanten verpflichtet hat, zerren ihn zwei Soldaten in einen Kuhstall, wo er seinen Rausch ausschlafen soll.

Die Käser-Tochter Babettli, die das vom Fenster aus beobachtet hat, legt sich zu ihm, aber Noldi bekommt das nur wie im Traum mit, und als er über seinen Liebeskummer klagt, stiebt das Babettli aus dem Stall.

Am nächsten Morgen muss Noldi zusammen mit ein paar anderen zwischen 15 und 18 Jahre alten Burschen losmarschieren.

Fünf Burschen und nur er aus Alt-St. Johann versammelten sich vor dem Benediktinerkloster, der glatzköpfige Pater in schwarzer, zerschlissener Kutte segnete sie und schärfte ihnen ein, keine Gnade gegenüber diesen verdammten Protestanten walten zu lassen, alles Blut, das sie vergössen, werde ihnen am Jüngsten Tag doppelt und dreifach angerechnet […]

Der Held von Tirano

Nach der Durchquerung der Via Mala will die Gruppe in der Kirche St. Martin in Zillis übernachten und lässt sich auch von Dorfbewohnern nicht davon abhalten, die schreien: „Da könnt ihr Saukatholiken nicht rein, das ist unsere Kirche!“

Der Anwerber liefert die Söldner in der Festung Fuentes in Colico ab und lässt sich vom Quartiermeister bezahlen.

In den nächsten Tagen müssen die Rekruten das Hauen und Stechen üben.

Sobald sie den ersten Sold erhalten haben, nimmt der Bollhalder Karri den unerfahrenen Noldi mit in ein Wirtshaus in Colico, das als Bordell dient. Noldi verliebt sich in die etwa gleichaltrige Dirne Giuseppina, die ihm zeigt, wie man es macht. Immer wenn er sieben Kreuzer zusammen hat, geht er zu ihr.

In der Schlacht bei Tirano im Veltlin [11. September 1620] hört Noldi Abderhalden eine sich nahende Kanonenkugel und sieht, dass sie genau auf den Kopf des spanischen Kommandanten Gómez Suárez de Figueroa y Córdoba zufliegt. Ohne lange nachzudenken, rennt er los, hechtet nach vorne und stößt die Kanonenkugel mit bloßen Händen aus der Flugbahn. Damit rettet er dem Kommandanten das Leben. Allerdings zerschmettert die zu Boden gefallene Kugel den linken Fuß des Locher Josef.

Noldi wird als Held von Tirano gefeiert, und der Kommandant räsoniert:

Die Schlacht wäre wohl verloren gegangen, hätte ihn dieser Abderhalden nicht gerettet. Wäre der Kopf vom Hals des Gómez Suárez de Figueroa y Córdoba, 3. Herzog von Feria, 2. Marques von Villalva, 1. Graf von Zafra von der Kugel abgeschlagen worden, wäre das Heer führungslos geworden. Die Protestanten, von neuem Mut beseelt, hätten zum gnadenlosen Gemetzel angesetzt, wären im Rausch bis nach Mailand gezogen, hätten seine Stadt erobert, wären noch weitergezogen, nach Frankreich, hätten den König der Franken ermordet, wären weitergezogen bis nach Valladolid, hätten seinen König gemeuchelt, Spanien besetzt, reformiert und dem Teufel preisgegeben. So gesehen hatte sein Überleben das katholische Europa gerettet. Und daran hatte dieser Noldi unbestritten sein Verdienst.

Am spanischen Hof

Der Herzog von Feria reist mit dem Kriegshelden, der ihm das Leben rettete, nach Genua, um sich dort nach Spanien einzuschiffen. In der Po-Eben staunt Noldi:

Als sich vor seinen Augen die Po-Ebene ausbreitete, da stammelte er, dass er noch nie so etwas Flaches gesehen habe wie das, da könne die Erde doch nur flach sein, nicht rund, wie der Bürgin aus Lichtensteig behauptet, der hätte nur mal hierherkommen sollen, dann hätte er nie so einen choge Mist erzählt, so viel Flaches, wie weit können die Augen nicht mal sehen, und darunter, ja, da, genau an der gleichen Stelle unter ihnen auf der Scheibe da gingen sie wohl auf dem Kopf, das hat der Pfarrer gesagt, wenn sie rund wäre, würden wir ja alle davonfliegen […]

Noldi wird zwar nur kurz von König Felipe III. empfangen, aber er genießt das Leben am spanischen Hof. Als erste einer ganzen Reihe schöner junger Marquesas und Princesas reitet Francisca Luisa Portocarrero, 6. Marquesa de Villanueva del Fresno, 13. Señora de la villa de Moguer y de Villanueva de Barcarrota mit ihm zu einem Jagdhaus und verbringt dort die Nacht mit ihm. Jedes Mal, wenn Noldi es mit einer von ihnen treibt, tobt ein Gewitter.

Das entgeht den Dominikanern nicht, die bereits kurz nach der Schlacht bei Tirano von der Wundertat des Kugelfängers hörten. Noldi wird festgenommen und von der Inquisition befragt, bis Gómez Suárez de Figueroa y Córdoba der Sache ein Ende macht und sich beim König über den „unnützen Sauhaufen“ beschwert. Der kranke Monarch, der es sich angesichts seines bevorstehenden Todes nicht mit den Dominikanern verscherzen will, bewahrt zwar den Kriegshelden vor dem Scheiterhaufen, verbannt den Reisläufer jedoch für die restlichen neun Jahre der Dienstzeit nach Kuba.

Kuhhirte in Kuba

Ein Schiff bringt Noldi Abderhalden von Sevilla nach Havanna. Während der Reise erfährt er vom Tod des Königs [31. März 1621] und der Nachfolge des 16-jährigen Infanten Felipe Domingo Victor de la Cruz de Austria.

Der Hafenmeister von Santa Lucia übergibt Noldi fünf Kühe und einen Stier, die er auf der königlichen Weide im Valle des Vinãles hüten soll. In der zum Areal gehörenden stillgelegten Goldmine richtet er einen Stall für die Tiere und eine Behausung für sich ein.

Um in der abgelegenen Gegend an Eier, Gemüse und Getreide zu kommen, überredet er Juan Galeano, den Lider des nächstgelegenen Weilers, zu einem Kuhhandel: Noldi bekommt Saatgut und Hühner für das Versprechen, später ein Kalb zu liefern, das allerdings noch gar nicht geboren ist. Er baut ein Hühnergehege und bestellt ein Feld. Die Kuhherde vergrößert sich dank des tapferen Stiers, und wenn es Zeit zum Schlachten ist, lässt Noldi den jüdischen Metzger Gabriel aus Juans Dorf kommen.

Die Ziegenhirtin Consuelo verscheucht er zunächst mitsamt ihrer Herde:

Das ging jetzt natürlich gar nicht, die verböllelten ihm die ganze Weide, die Böllelischeißer, die vermiesten ihm die Milch. Milch aus Gras mit Geißendreck, das war natürlich nichts für einen Käse des Noldi Abderhalden, da durfte auf keinen Fall der Geschmack von Ziegenschiss drin sein.

Der kubanische Käser

Ein aus dem Pyrenäen-Dorf Siresa stammender Schmied fertigt 1623 in Santa Lucia für Noldi einen Kupferkessel und eine Käseharfe an. Als Gabriel die nächste Kuh schlachtet, hebt Noldi den Labmagen auf, um Käse erzeugen zu können. Die erste Produktion schmeckt wie ein „fader Furz“, zwar besser als Manchego und Idiazábal, aber für einen Toggenburg nicht gut genug. Den besten Käse in Toggenburg machen übrigens die Bewohner von Wildhaus, dem Geburtsort des Reformators Huldrych Zwingli; das gibt auch Noldi zu:

„Man kann viel über sie sagen, die Wildhauser, aber sie machen den besten Käse, die Sausiechen.“

Endlich verträgt sich Noldi mit der Ziegenhirtin Consuelo, und als sie Liebe machen, bleibt das befürchtete Gewitter aus.

Consuelos Hautfarbe ist dunkel, denn sie wurde von einer aus dem Zuckerrohrfeld geflohenen Afrikanerin geboren. Die Mutter starb dabei, und das Kind wuchs beim Vater Pedro auf.

Monatelang experimentieren Noldi und Consuelo mit Kräutern auf der Kuhweide, aber erst als Consuelo zum Entsetzen ihres neuen Lebensgefährten einen Schuss Ziegenmilch in die Kuhmilch kippt, ist der kubanische Käser endlich zufrieden mit dem Erzeugnis.

Heimweh

Als seine Zeit als Söldner abgelaufen ist, kehrt Noldi aus Heimweh nach Toggenburg zurück. Obwohl er Consuelo liebt, nimmt er sie nicht mit, weil er weiß, dass man sie in seiner Heimat wegen ihrer Hautfarbe verachten würde. Das will er ihr ersparen.

Nach zehn Jahren, drei Monaten und zwei Tagen ist Noldi Abderhalden wieder in Alt St. Johann – und wird gleich auf der Straße vom Babettli stürmisch geküsst. Doch als er sie nach der Heidi fragt, ohrfeigt sie ihn und rennt in die Käserei ihres Vaters zurück.

Später erfährt Noldi, dass die Heidi den Heiri verließ, einem Offizier nach Paris folgte und dort die Mätresse des Kardinals Richelieu wurde.

Zurück in der Heimat, sehnt Noldi sich nach Consuelo. Wie bereits gut zehn Jahre zuvor steigt er auf den Chüeboden und jodelt laut seinen Schmerz hinaus, so laut, dass Consuelo es auf Kuba hört. Kurz darauf macht Noldi sich auf die Rückreise zu ihr.

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„Der kubanische Käser. Das wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden“ ist eine originelle Mischung aus Magischem Realismus, Schelmen-, Heimat- und Entwicklungsroman. Patrick Tschan erzählt die schräge, irrwitzige Geschichte mit viel Humor und Sinn für Komik aus der Sicht des Protagonisten, des „kubanischen Käsers“ Noldi Abderhalden. Die Darstellung ist kraftvoll und temporeich, farbig und lebendig, nicht zuletzt, weil sich Patrick Tschan dabei einer perfekt auf die Romanfigur abgestimmten altertümlich klingenden Schweizer Kunstsprache mit deftigen Formulierungen bedient („Chrüzsakramenthueresiech!“). Dass die Lektüre von „Der kubanische Käser“ sehr unterhaltsam ist, braucht man kaum noch hinzuzufügen.

Patrick Tschan wurde am 24. Januar 1962 in Basel geboren. Während er an der Universität seines Heimatortes Germanistik, Geschichte und Philosophie studierte, schrieb er ein Theaterstück mit dem Titel „Die Teufelsbrücke“ und führte es mit Kommilitonen zusammen auf. Regie führte er danach auch bei anderen Theaterstücken. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in der Werbung und als Kommunikationsverantwortlicher der GGG Basel.

2011 debütierte Patrick Tschan mit dem Roman „Keller fehlt ein Wort“. Im Jahr darauf folgte der Schelmenroman „Polarrot“.

Patrick Tschan ist übrigens Präsident des Fußballteams Schweizer Schriftsteller, Poeten, Autoren, Spoken Worder, Kabarettisten und Liedermacher.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Zytglogge Verlag

Patrick Tschan: Polarrot

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