Tanguy Viel : Das Mädchen, das man ruft

Das Mädchen, das man ruft
La fille qu'on appelle Les Éditions de Minuit, Paris 2021 Das Mädchen, das man ruft Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022 ISBN 978-3-8031-3345-8, 155 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als die 20-jährige Laura Le Corre nach Jahren in ihre Heimatstadt in der Bretagne zurückkehrt, kommt sie zwar bei ihrem von der Mutter geschiedenen Vater unter, sucht aber eine eigene Wohnung. Max Le Corre ersucht den Bürgermeister, dessen Chauffeur er ist, etwas für Laura zu tun. Der 48-Jährige kommt der Bitte nach – und erwartet eine Gegenleistung der jungen Frau ...
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Kritik

Mit seinem Roman "Das Mädchen, das man ruft" veranschaulicht Tanguy Viel an einem konkreten Beispiel das Me-Too-Thema. Er zeigt Verstrickungen durch Korruption, Abhängigkeiten und Machtmissbrauch. Tanguy Viel fühlt sich tief in die psychischen Entwicklungen ein. Subtil, differenziert und facettenreich stellt er sie dar.
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Max Le Corre

Max Le Corre ist 40 Jahre alt und seit drei Jahren der Chauffeur des Bürgermeisters seiner Heimatstadt in der Bretagne. Für den 48-jährigen Quentin Le Bars ist es bereits die zweite Amtszeit. 2002, vor 15 Jahren, wurde Max Le Corre französischer Meister im Halbschwergewicht. Franck Bellec, der inzwischen das Casino Neptun führt, hatte den Boxer entdeckt und dessen Karriere gefördert.

Francks Schwester Hélène, die sich darauf verstand, Männer um ihr Geld zu bringen, verdrehte dem erfolgreichen Boxer den Kopf.

Max […] war eine Art großes Porzellan-Sparschwein, das vom Boxbetrieb mit Goldstücken gefüllt wurde, und jede Nacht wieder wurde es von den Leuten begierig in Stücke geschlagen und geleert. Wonach sie selbst dann zur Stelle war, um die Stücke wieder zusammenzukleben, mit anderen Worten, ihm die falsche Liebe wiederzugeben, dank der er rentabel bleiben würde, solide genug, um wieder mit dicken, klingenden Münzen gefüllt und erneut zerschlagen zu werden, und immer so weiter.

Max‘ Ehefrau Marielle ließ sich das nicht lange bieten. Sie zog mit der damals 13-jährigen Tochter Laura nach Rennes und ließ sich scheiden. Für Max brach alles zusammen, auch seine Karriere. Und zur gleichen Zeit hatte auch Franck Bellec kein Interesse mehr an ihm, denn der Bürgermeister Quentin Le Bars vermittelte ihm einen Pachtvertrag für das Casino Neptun.

Als Max ganz unten war, stellte der Bürgermeister ihn als Fahrer ein.

Aber in zwei Monaten, am 5. April 2017, wird Max Le Corre wieder im Ring stehen, denn er hat den sieben Jahre jüngeren Champion Costa herausgefordert.

Laura Le Corre

Als Laura Le Corre noch ein Gymnasium in Rennes besuchte, wurde die 16-Jährige an der Schulpforte für Modefotografien angeworben. Zwei Stunden später hatte sie bereits vier 50-Euro-Scheine in der Tasche. Einmal posierte sie damals auch nackt für ein Männermagazin, aber zumeist ging es um Werbung für Dessous. Und nach einem halben Jahr konnte sie sich auf überlebensgroßen Plakaten anschauen.

Die Schulausbildung brach Laura ab.

Im Alter von 20 Jahren kehrt sie 2017 an ihren Geburtsort zurück. Solange sie noch keine eigene Bleibe hat, wohnt sie beim Vater.

Der Gefallen

Während Max den Bürgermeister fährt, bitte er ihn um einen Gefallen. Ob er nicht beim städtischen Wohnungsunternehmen intervenieren könne, damit Lauras Gesuch schneller bearbeitet wird.

Kurz darauf erhält Laura einen Termin beim Bürgermeister. Statt hinter dem Schreibtisch zu bleiben, setzt er sich mit ihr auf das Sofa in der Besucherecke. Er werde versuchen, ihr zu helfen, verspricht er und fordert sie auf, ihre Handynummer auf einen Zettel zu schreiben.

Danach lässt er sich von Max zum Casino Neptun fahren und geht zu Franck Bellec ins Büro. Ohne viel Worte gibt er dem Casino-Direktor zu verstehen, dass er von ihm erwartet, Laura in einem der Apartments aufzunehmen. Franck wendet zwar ein, die seien fürs Personal reserviert, aber der Bürgermeister weist ihn darauf hin, dass Laura auch einen Job suche. Aufgrund der jahrelangen Verflechtungen der Interessen des Casino-Managers und des Bürgermeisters kann Franck Bellec gar nicht anders, als Laura zu einem Gespräch einzuladen.

Der Bürgermeister hat mir erzählt, dass du Arbeit suchst.
Ja, das heißt, nein, eine Wohnung, sagte sie, ich habe ihn wegen einer Wohnung aufgesucht, das heißt, mein Vater hat …
Ach so, du suchst gar keine Arbeit?
Doch, schon auch, aber …
Nein, denn hier gilt die Regel, ich bringe nur die unter, die hier auch arbeiten.
Die hier arbeiten?
Ja, die jungen Frauen, die …
Sie wollen sagen, die Animiermädchen?

Ausnahmsweise braucht Laura nicht als Animiermädchen zu arbeiten, sondern kann als Kellnerin in der Bar anfangen. Laura weiß nicht, dass Francks inzwischen 35 Jahre alte Schwester Hélène, die den Betrieb leitet, die Ehe ihrer Eltern zerstörte. Als sie sich für die Ein-Zimmer-Wohnung im Dachgeschoss bei Franck bedankt, entgegnet er:

Du musst nicht mir danken, das weißt du ja, sondern dem Bürgermeister. […]
Er hat gesagt, er kommt nachsehen, ob du gut untergebracht bist.

Gegenleistung

Tatsächlich steht Le Bars kurze Zeit später vor ihrer Tür und erwartet wie beispielsweise ein Gasableser, dass sie ihn einlässt. Er schaut sich um und meint:

Siehst du, sagte er, ich habe mein Versprechen gehalten …

In dem Zimmer gibt es keine Sitzecke. Als wäre es selbstverständlich, setzt der Bürgermeister sich aufs Bett und fordert Laura auf, neben ihm Platz zu nehmen. Und dann hat sie seinen erigierten Penis in der Hand.

Später, als sie Anzeige erstattet, werden die beiden Polizisten nachfragen, ob sie dazu gezwungen wurde.

Er hat nichts von Ihnen verlangt?
Nein. Eigentlich nicht.
Also haben Sie es aus freiem Willen getan?
Nein, ich sage ja, ich habe es tun müssen, das heißt nicht, dass es aus freiem Willen war.
Und die beiden Polizisten wurden allmählich ungeduldig, sie hakten noch einmal nach:
Moment mal, Sie sagen, er hat nichts von Ihnen verlangt?
Nein, nichts. Jedenfalls hat er nicht gesagt „Zieh dich aus“ oder „Leg dich hin“ […].

Warum sie nicht sofort Anzeige erstattet habe, fragen die Polizisten, und Laura erklärt, dass sie geglaubt habe, es sei mit einem einzigen Mal getan und sie und der Bürgermeister seien damit quitt.

Tatsächlich sagt man ihr am Tag darauf während ihres Dienstes in der Bar, der Bürgermeister erwarte sie in ihrer Wohnung. Und das geht so weiter. Er kommt immer wieder zwischen zwei Terminen. Dabei lässt er sich von Max fahren, und Lauras Vater wartet dann in der Limousine vor dem Nebeneingang des Casinos ahnungslos auf ihn. Hélène beobachtet das – bis sie es nicht mehr erträgt, hinausgeht und zu Max ans Seitenfenster tritt. Ein paar Stunden später liegt er bei seiner früheren Geliebten im Bett.

Du kannst das nicht einfach geschehen lassen, Max.
Wie? Was geschehen lassen?
[…]
Da setzte er sich seinerseits im Bett auf und runzelte die Brauen, er fragte:
Wie bitte? Wovon weiß niemand was?
[…]
Was willst du mir sagen, Hélène?

Endlich begreift er die Zusammenhänge. Es ist der Tag vor dem Boxkampf.

Der Boxkampf

Bei dem Boxkampf am 5. April 2017 gilt der Herausforderer Max Le Corre als Favorit. Laura sitzt zwischen dem Casino-Direktor und dem Bürgermeister in der ersten Reihe. Ihr Vater wehrt die Schläge seines Gegners Costa kaum ab. Er lässt sich zusammenschlagen, und statt beim Auszählen liegen zu bleiben, steht er immer wieder auf, um noch mehr abzubekommen. Laura schreit, der Ringrichter solle den Kampf abbrechen. Als er es endlich tut, ist Max kaum noch bei Bewusstsein.

Im Krankenhaus kommt er wieder zu sich und fragt die am Bett sitzende Tochter nach der Uhrzeit. Dabei hätte er besser nach dem Tag fragen sollen, denn er lag eine Woche lang im künstlichen Koma. Der Arzt ruft Laura aus dem Zimmer und erklärt ihr auf dem Korridor, ihr Vater werde für den Rest seines Lebens weder boxen noch Autofahren können.

Unmittelbar vor dem Boxkampf erfuhr Laura, dass Le Bars französischer Marineminister werden sollte. Während Max im Koma lag, wurde es offiziell, und als sie im Krankenzimmer das Fernsehgerät einschaltet, sehen sie und ihr Vater den ehemaligen Bürgermeister nun als Minister in Paris.

Ruhig fragt Max:

Wirst du ihn wiedersehen?

Da begreift Laura, dass er Bescheid weiß und warum er sich im Ring zusammenschlagen ließ.

Paris

Laura glaubt zu wissen, was sie zu tun hat. Sie schreibt Le Bars eine SMS: „Wann sehen wir uns?“

Für den 400 Kilometer weiten Weg nach Paris nimmt sie den Zug. In einem Zwei-Sterne-Hotel in der Banlieue hat sie ein Doppelzimmer reserviert. Ihr Mann komme nach, erklärt sie an der Rezeption.

Der Minister kommt mit einem Taxi. Als er ins Zimmer tritt, weiß sie, dass ihre Hoffnung auf ein freundschaftliches Verhältnis Illusion war. Rasch zieht er sich aus. Erst nach dem Geschlechtsverkehr hat Laura eine Chance, ihn zu bitten, etwas für ihren Vater zu tun, ihm beispielsweise nach der Entlassung aus dem Krankenhaus eine einfache Tätigkeit im Rathaus der Heimatstadt zu vermitteln. Das sei nicht mit seinem Amt vereinbar, erklärt der Minister und hat es eilig, sich zu verabschieden. Ganze 19 Minuten war er da.

Die Anzeige

Zurück in ihrer Heimatstadt, geht Laura zum Kommissariat und erstattet Anzeige gegen den Minister.

Und jetzt war es, als wäre ihre Geschichte nicht wirklich ihre eigene, im Grunde war sie sogar dafür hierhergekommen, um ihre Geschichte in der dritten Person zu erzählen […].

Am Ende fordern die beiden Polizisten sie auf, das ausgedruckte Protokoll vor dem Unterschreiben zu lesen.

Das ist Vorschrift, Mademoiselle, Sie müssen die Aussage noch einmal lesen, bevor Sie sie unterschreiben, und er hielt ihr den Ausdruck hin. Und bei der Lektüre spürte sie noch stärker als zuvor, dass das „Ich“, das ihre Geschichte bevölkerte, sich in ein „Sie“ verwandelt hatte, fast unmöglich, diese beiden nunmehr getrennten Instanzen wieder zueinander zu bringen, so dass sie wie auf eine Fremde auf diese junge Frau namens Laura blickte, die mit ihrem Ehrenwort versicherte, dass die im Folgenden geschilderten Angaben der Wahrheit entsprachen.

Sobald Laura das Büro verlassen hat, bringt einer der Polizisten die schriftliche Aussage zum Staatsanwalt. Der überfliegt den Text und ahnt Ärger. Er ruft den Minister an und informiert ihn über die Anzeige.

„Die Sorte von jungen Frauen kennt man ja. […] Wir sind ganz sicher, das ruckelt sich zurecht.“

Le Bars ärgert sich, so unvorsichtig gewesen zu sein. Schuldgefühle hat er keine.

Irgendwo gibt es immer undichte Stellen, und drei Tage später berichten die Medien über den Skandal. Der Minister lässt Rundfunksender kontaktieren und beteuert in mehreren Interviews, menschlich von der jungen Frau enttäuscht zu sein; er habe „für sie nur respektvolle und freundschaftliche Gefühle“ gehegt. Le Bars ruft Franck Bellec an, von dem er weiß, dass er die Ausgabe des Männermagazins mit dem Nacktfoto der 16-jährigen Laura aufgehoben hat. Am nächsten Tag ist das Pin-up-Foto in der Zeitung zu sehen.

Showdown

Die Gelegenheit, in seiner Heimatstadt eine neue Schiffsbrücke am Yachthafen einzuweihen, lässt der Minister sich nicht entgehen. Er reist mit dem TGV aus Paris an und gibt vorher noch eine Pressekonferenz im Casino Neptun. Auf eine entsprechende Journalisten-Frage antwortet er, niemals für Laura Le Corre oder eine andere Person beim städtischen Wohnungsunternehmen interveniert zu haben. Das wäre mit seinem Amtsverständnis nicht vereinbar gewesen.

Ein neuer Chauffeur bringt den Minister und dessen Nachfolger im Amt des Bürgermeisters zum Yachthafen, wo eine Bühne aufgebaut ist.

Obwohl das Personal im Krankenhaus alles tat, damit Max die Ausgabe der Zeitung mit dem lasziven Foto seiner Tochter nicht in die Hände bekam, lag doch irgendwo ein Exemplar herum. Nachdem er es angeschaut hatte, kletterte er durchs Fenster. Hélène, die beobachtete, wie er sich das von ihrem Bruder als Trophäe aufgehobene Boxhandschuhpaar des französischen Meisters von 2002 holte, alarmiert Laura. Sie fahren zum Yachthafen.

Hinter geparkten Autos zieht Max sich bis auf die Shorts aus und legt die Boxhandschuhe an. Bevor die beiden Bodyguards des Ministers reagieren können, stürmt er auf die Bühne, wirft sich auf Le Bars und prügelt auf ihn ein. Erst nach Minuten überwältigen ihn die bewaffneten Bodyguards.

Wegen Körperverletzung und Gefährdung der Staatssicherheit wird Max Le Corre zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die Anzeige seiner Tochter gegen Quentin Le Bars kommt zu den Akten. Der Staatsanwalt leitet keine Ermittlungen ein.

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Mit seinem Roman „Das Mädchen, das man ruft“ veranschaulicht Tanguy Viel an einem konkreten Beispiel das Me-Too-Thema. Er zeigt Verstrickungen durch Korruption, Abhängigkeiten und Machtmissbrauch. Der Amtsinhaber muss gar keinen Zwang ausüben, um die Situation ausnutzen zu können. Und am Ende heißt es, die missbrauchte Frau werde schon mitgemacht haben. Die Ungerechtigkeit ist schon beim Lesen schwer erträglich.

Tanguy Viel fühlt sich tief in die psychischen Entwicklungen ein. Subtil, differenziert und facettenreich stellt er sie dar.

Laura Le Corre erstattet Anzeige und sagt bei der polizeilichen Anhörung ausführlich aus. Tanguy Viel macht daraus keine einfache Rahmenhandlung, und statt eine Ich-Erzählerin auftreten zu lassen, inszeniert er den Bericht der jungen missbrauchten Frau wie in einem Kinofilm. Zwischendurch blendet er immer wieder kurz die Situation auf dem Kommissariat ein. Eine andere Erzählweise führt er vorübergehend ein, wenn er schildert, wie sich die Polizisten eine bestimmte Szene in ihrer Fantasie ausmalen. Und zu Beginn des zweiten Kapitels meldet sich der Autor kurz selbst zu Wort:

Vielleicht wäre es besser gewesen, mit ihm zu beginnen, dem Boxer, wenn ich schon nicht weiß, welcher der beiden, Max oder Laura, zu diesem Bericht den Anstoß gegeben hat […]

Die ungewöhnliche Gestaltung und die elegante Sprache machen die erschütternde, mitreißende Lektüre des Romans „Das Mädchen, das man ruft“ zum literarischen Erlebnis auf hohem Niveau.

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Tanguy Viel mit dem Unterzeichnen des Protokolls aufgehört hätte, denn das Ende seines Romans passt in der Erzählweise nicht dazu. Und während alles Vorherige bis ins Detail wirklichkeitsnah und überzeugend ist, wirkt der Showdown unrealistisch.

Der Titel findet sich in einem Dialog:

Ja, sagte [Laura] zu den Polizisten, das überrascht sie vielleicht, aber ich fand das eine gute Wahl, das und die weißen Sneaker, die wir Zwanzigjährigen alle haben, so dass keiner erkennt, ob ich Studentin bin oder eine Krankenschwester oder eben das Mädchen, das man ruft.
Das Mädchen, das man ruft?, fragte einer der beiden.
Ja, so heißt es doch? Call girl?

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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