Tanguy Viel : Paris – Brest

Paris – Brest
Originalausgabe: Paris – Brest Éditions de Minuit, Paris 2009 Paris – Brest Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010 ISBN: 978-3-8031-3234-5, 141 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Louis 17 Jahre alt ist, müssen seine Eltern Brest verlassen, weil sein Vater verdächtigt wird, 14 Millionen Francs unterschlagen zu haben. Sie ziehen mit Louis jüngerem Bruder nach Südfrankreich; er kommt zu seiner Oma, die gerade 18 Millionen Francs von einem Mann erbte, der seine letzten drei Lebensjahre mit ihr zusammen verbracht hatte. Beim Sohn ihrer Putzfrau handelt es sich um einen früheren Mitschüler Louis', der ihn vor fünf Jahren zu einem Ladendiebstahl überredet hatte ...
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Kritik

Der Roman "Paris – Brest" von Tanguy Viel ist aus einem Vor und Zurück von Andeutungen, Ankündigungen und Fragmenten kunstvoll komponiert und funkelt vor Witz, Esprit, Ironie und Sarkasmus.
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Als der Ich-Erzähler Louis siebzehn Jahre alt ist, müssen seine Eltern Brest verlassen, denn sein Vater war Vizepräsident des Fußballklubs der Stadt, und als in der Vereinskasse 14 Millionen Francs fehlten, hielten ihn alle für den Täter. Vor Gericht beteuerte er, das Fehlen des Geldes sei ihm unerklärlich. Louis‘ Mutter erzählte zwar überall, der Staatsanwalt sei ein Freund der Familie, denn sie spielte mit seiner Ehefrau einmal pro Woche Bridge, aber wie auch immer: Der Staatsanwalt klagte den inzwischen zurückgetretenen Vizepräsidenten des Fußballklubs an. Weil Louis‘ Eltern auf der Straße beschimpft wurden, zogen sie mit seinem jüngeren Bruder nach Palavas-les-Flot im Languedoc-Roussilon. Louis hingegen kommt zu seiner Großmutter Marie-Thérèse, die kurz zuvor ein Haus erbte und seither eine 160 Quadratmeter große Wohnung in Brest mit Blick über die Bucht bewohnt. Ihr Enkel richtet sich in einem Apartment darunter ein.

Als Witwe eines Marineoffiziers pflegt Marie-Thérèse im Cercle Marin zu speisen. Dort half sie vor drei Jahren nach dem Essen einem achtundachtzig Jahre alten anderen Stammgast über die fünfzehn Stufen der Freitreppe hinunter. So kamen sie und Albert Vlaminck ins Gespräch. Von da an aßen sie zusammen, und schließlich fragte der Greis Louis‘ Großmutter, ob sie ihre Tage mit ihm verbringen wolle.

Ja, das bot er ihr an, sie könne seine Erbin werden, könne sogar das werden, was man, wie sie später lernte, Universalerbin nennt. Im Gegenzuge müsse sie nur einfach mit ihrer Gegenwart bezahlen, an sämtlichen Tagen, die ihn noch vom Tode trennten und sie dann von seinen achtzehn Millionen.
Sie hatte recht gehört.
Achtzehn Millionen.
Sie überlegte lange. Nächtelang wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her, telefonierte stundenlang mit ihrer Tochter, wanderte tagelang in ihrer Wohnung auf und ab. Sie überlegte umso länger, als sie von vornherein wusste, dass sie ja sagen würde. Sie überlegte nicht, ob sie annehmen, sondern wie sie es vor sich selbst rechtfertigen würde, wenn sie ja sagte. (Seite 18)

Dennoch sagte sie zuerst einmal nein, und das ist durchaus normal. Erstens, weil jeder weiß, dass man immer erstmal nein sagen muss, außerdem, weil er zunächst nicht von Geld oder Erbe sprach, sondern von heiraten. (Seite 19)

Marie-Thérèse wurde für Albert Vlaminck eine Art Gesellschaftsdame. Und als er nach drei Jahren starb, beerbte sie ihn. Sie erfüllte auch die Bedingung, die langjährige Putzfrau der großen Wohnung mit zu übernehmen: Madame Kermeur.

Man muss schon sagen, beides kam verwirrend dicht nacheinander, die Probleme meines Vaters und das Vermögen meiner Großmutter, anders gesagt, ihre achtzehn Millionen plus und seine vierzehn Millionen minus. So in der Art von kommunizierenden Röhren. (Seite 34)

So kommt es, dass Louis am Tag seines Einzugs Madame Kermeurs Sohn wiedersieht, einen früheren Mitschüler. Der junge Kermeur ist ein Jahr älter als Louis, war jedoch einmal sitzengeblieben und ging dann mit Louis in dieselbe Klasse. Vor fünf Jahren sahen sie sich zum letzten Mal. Damals ließ Louis sich von dem jungen Kermeur dazu überreden, in einem Supermarkt Schokolade zu stehlen. Als sie entdeckt wurden, rannte der durchtriebene Sohn von Madame Kermeur rechtzeitig davon, aber Louis wurde zum Filialleiter gezerrt, der ihn verprügelte. Am nächsten Tag musste der junge Kermeur von der Privatschule zur öffentlichen Schule wechseln: Louis‘ Mutter hatte ihre Beziehungen spielen lassen.

Sie verachtet ihren älteren Sohn, für den sie sich immer wieder schämt. Als Kind fiel er beispielsweise im Jardin Kennedy in Brest voll angezogen in einen Brunnen, weil er nach seinem Schiffchen angelte und das Gleichgewicht verlor. Seine Mutter murmelte etwas von einem idiotischen, dämlichen und ungeschickten Kind und fand es ausgesprochen peinlich, mit dem Jungen in den klatschnassen Sachen durch die Straßen nach Hause gehen zu müssen.

In Palavas-les-Flot eröffnet sie einen Souvenirladen – in einer Nebenstraße, in die sich nur selten Touristen verirren. Nach drei Jahren gibt sie auf und packt ihre verbliebenen 3200 Ansichtskarten mit Camargue-Stieren und 248 Feuerzeuge mit einer Abbildung von Palavas-les-Flot ein.

Die Frau, die unter Tetanie-Anfällen leidet und dann in eine Plastiktüte atmen muss, um das Hyperventilieren zu beenden, darf nicht wissen, dass der junge Kermeur in Brest fast jeden Abend mit ihrem Sohn bei einer Flasche Wein zusammensitzt, denn sie misstraut den Kermeurs, argwöhnt, dass sie es auf das Vermögen ihrer Mutter abgesehen haben.

Wer Geld hat, kann niemandem trauen, sagte meine Mutter. (Seite 24)

Ihr Argwohn ist berechtigt: Eines Abends schlägt der junge Kermeur Louis vor, dessen Großmutter zu berauben.

Aber die Polizei, sagte ich, die Polizei wird doch ermitteln?
Natürlich, natürlich wird die Polizei ermitteln, sie wird sogar als Allererstes zu dir kommen, aber wer wird schon einen Enkel verdächtigen, dass er seine Großmutter bestiehlt, die ihn großzügig aufgenommen hat? Die Polizei wird kommen und dich fragen, ob du etwas gehört hast, ob du etwas Auffälliges gesehen hast, und du, du wirst in einem Sessel da sitzen und unschuldig von deinem Buch aufblicken und friedlich antworten, nein, leider hast du nichts gesehen, wahrscheinlich hast du geschlafen, als es passierte, denn wenn du wach gewesen wärst, dann hättest du auf jeden Fall eingegriffen. (Seite 78f)

Die beiden Jugendlichen warten, bis sie die Großmutter eine halbe Stunde vor Mitternacht ins Bad schlürfen hören. Sie nimmt nun eine Schlaftablette; das weiß Louis. Um halb eins schleichen die Diebe über die Treppe hinauf. Louis nimmt den Schlüssel heraus, um aufzusperren, aber der junge Kermeur bricht die Türe auf. Sie kennen das Geldversteck im Schrank und holen die gebündelten Banknoten vom Regalbrett über der Kleiderstange. Es sind 200 000 Francs.

Als er Inspektor kam und mich fragte, ob ich etwas gehört hätte, ob ich etwas Auffälliges gesehen hätte, und ich, ich saß in meinem Sessel da und blickte unschuldig von meinem Buch auf und antwortete friedlich, nein, leider hätte ich nichts gesehen, wahrscheinlich hätte ich geschlafen, als es passierte, denn wenn ich wach gewesen wäre, dann hätte ich auf jeden Fall eingegriffen. (Seite 80)

Louis‘ Mutter kommt mit dem ersten Flug an diesem Morgen aus Montpellier. Sie verdächtigt den jungen Kermeur als Dieb und sagt das auch der Polizei. Ihren Sohn lässt sie spüren, dass sie ihn verachtet, weil er den Einbruch nicht verhinderte, obwohl er direkt unter seiner Großmutter wohnt. Aber sie triumphiert auch heimlich, denn der Vorfall liefert ihr ein Argument für die Behauptung, ihre neunzigjährige Mutter könne unmöglich länger allein bleiben. Als diese merkt, auf was ihre Tochter aus ist, regt sie sich so auf, dass ein Arzt gerufen werden muss. Der gibt ihr eine Beruhigungsspritze und weist sie in ein geriatrisches Krankenhaus ein.

Bevor Louis‘ Mutter am nächsten Tag wieder zurückfliegt, geht sie mit ihm zum Mittagessen und kündigt ihm das Ende des Exils in Südfrankreich an. Sie habe bereits mit seinem Vater telefoniert, und sie seien sich einig: Die Rückkehr in die Normandie ist beschlossen. Bald darauf lassen Louis‘ Eltern sich von seiner Großmutter eine Vollmacht für deren Bankkonten erteilen, kaufen an der Côte Sauvage bei Brest ein Haus und richten sich dort ein. Für die alte Frau, die angeblich nicht mehr allein zurechtkommt, wird eine Dachkammer ausgebaut.

Nach dem Mittagessen mit seiner Mutter will Louis das geraubte Geld zurückbringen, aber der junge Kermeur macht ihm klar, dass dadurch alles auffliegen würde. Verdrossen packt Louis seine Sachen samt der Hälfte der Beute und fährt nach Paris, ohne sich von seinem Komplizen zu verabschieden. In der französischen Hauptstadt beginnt er ein neues Leben.

Drei Jahre später, am 20. Dezember 2000, fährt er mit dem Zug von Paris nach Brest, um die Eltern, die Großmutter und seinen Bruder erstmals im neuen Haus zu besuchen. Länger als zehn Tage will er auf keinen Fall bleiben. Im Gepäck hat er auch das in Paris verfasste Manuskript eines autobiografischen Familienromans. Weil er weiß, dass seine Mutter seinen Koffer durchsuchen wird, versteckt er den Papierstapel nach seiner Ankunft.

Beim Abendessen sagt sie: „Und, Louis, offenbar schreibst du etwas über uns?“ (Seite 117) Das kann sie nur von seinem Bruder erfahren haben. Als dieser ihn in Paris besuchte, vertrauten sie sich Geheimnisse an: Louis erzählte von dem Familienroman, und sein Bruder berichtete, dass die Mutter mit ihm von einem Psychotherapeuten zum nächsten laufe, um ihn von seiner Homosexualität zu kurieren.

Am 22. Dezember klingelt überraschend der junge Kermeur. Louis, der froh ist, der Familie für ein paar Stunden zu entkommen, geht mit ihm aus. Es ist ihr erstes Wiedersehen seit drei Jahren. Sie sind noch nicht lange unterwegs, als Louis eine SMS von seinem Bruder bekommt: Die Mutter liest das Manuskript. Louis nimmt ein Taxi. Sie hat gerade die letzte Seite gelesen.

„Du hast viel Fantasie, ja, wirklich viel, das ist amüsant.“ (Seite 136)

Jetzt hatte sie sich zur Tür gewandt, eine Hand flach auf den Schreibtisch gestützt, auf den dort liegenden Stapel mit meinem Manuskript, als wollte sie verhindern, dass ich damit wegrenne, und um zu sagen, nein, damit sind wir noch nicht fertig, jetzt nahm sie das Manuskript in die Hand, lächelte mich weiterhin an, versuchte zu reden, es gebe nichts mehr dazu zu sagen, oh nicht meinetwegen, das nicht, darüber bin ich hinaus, wegen deines Vaters, und sie kam fast mitleidig näher, fügte hinzu, natürlich, natürlich dürfe das hier auf gar keinen Fall das Haus verlassen. Sie fuhr mir mit der Hand durchs Haar, sie sagte: Ich sage das, weil es so für dich das Beste ist, weißt du, für uns alle das Beste. (Seite 136f)

Mit einem der in Palavas-les-Flot übriggebliebenen Feuerzeuge zündet sie den Papierstapel an und verbrennt ihn. Aschenfetzen umtanzen sie. Es handelt sich allerdings nur um einen Ausdruck der Datei, die Louis auf seinem Computer in Paris hat.

Am nächsten Morgen reist er vorzeitig ab, und sein Vater bringt ihn zum Bahnhof.

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In seinem Roman „Paris – Brest“ lässt der französische Schriftsteller Tanguy Viel (* 1973) den Protagonisten Louis nicht stringent chronologisch, sondern in einem Vor und Zurück von Andeutungen, Ankündigungen und Fragmenten erzählen. Häufig hören wir bereits von den Folgen eines Ereignisses, bevor wir erfahren, wie es dazu kam. Das erzeugt Suspense. Zwischendurch räsoniert Louis übers Erzählen:

Es ist wahr, es gibt vieles, was ich über den jungen Kermeur noch nicht gesagt habe, Dinge, die auch mich betreffen, und meine Mutter betreffen sie auch, ja, in diesem Dreieck, der junge Kermeur, meine Mutter und ich, darin steckt tatsächlich das ganze Herz, das ganze Blut dieser Geschichte. Und es ist wahr, es gibt Dinge, von denen ich noch werde reden müssen, denn es sind für den Fortgang dieser Geschichte wichtige Dinge, Dinge, die meine Mutter immer lieber beiseite getan hätte und die sie auf eine Weise auch hat beiseite tun können, wie in einer bereinigten Version der Geschichte, aber ich bin gezwungen, wieder darüber zu reden, ich bin gezwungen, den jungen Kermeur sozusagen wieder mitten aufs Spielfeld zu rücken. (Seite 55)

Dieser Aufbau des Romans „Paris – Brest“ wirkt in keiner Weise angestrengt, im Gegenteil: der gelungenen Komposition merkt man den intellektuellen Aufwand überhaupt nicht an. Das Buch lässt sich leicht lesen, und es ist höchst unterhaltsam. Tanguy Viel spielt zwar mit gedrechselten Schachtelsätzen, aber die Sprache ist geschliffen und voller Wortwitz. „Paris – Brest“ funkelt vor Esprit, Ironie und Sarkasmus.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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