Moses Wolff : Liebe machen

Liebe machen
Liebe machen Originalausgabe Piper Verlag, München 2020 ISBN 978-3-492-30749-9, 287 Seiten ISBN 978-3-492-99566-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1970 und auch später blicken sich die Kölnerin Dagmar und der Hamburger Götz für einen Moment in die Augen. Sie vergessen einander nicht, aber erst nachdem sie beide ihre eigenen Wege gefunden haben, erhalten sie 2020 im Alter von 70 Jahren noch eine Chance auf ein gemeinsames Leben ...
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Kritik

Dass sich die Wege von Götz und Dagmar immer wieder für einen Augenblick kreuzen, wirkt märchenhaft. "Liebe machen" ist locker, kurzweilig und unterhaltsam. Moses Wolff bietet mit seinem Roman eine leichte, unkomplizierte Lektüre in einfacher Sprache.
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1970

Dagmar wurde am 6. Dezember 1949 als Tochter einer Arbeiterfamilie in Köln geboren. Während sich die 20-Jährige und eine Bekannte im August 1970 einen Spaß daraus machen, barbusig Bier in einem Kiosk zu kaufen, ist Dagmars Freund Eberhard eher spießig. Als sie ihm vorschlägt, am „Festival der Liebe“ vom 4. bis 6. September auf der Ostseeinsel Fehmarn teilzunehmen, weist er darauf hin, dass sie am 18. September bei der Geburtstagsparty seines seit fünf Jahren in München lebenden Bruders Oliver eingeladen sind und meint, dass zwei Reisen innerhalb eines Monats zu viel Geld kosten würden. Aber Dagmar, die sich schon auf das Münchner Oktoberfest freut, setzt sich über seine Bedenken hinweg.

Sie fahren also am 3. September nach Schleswig-Holstein.

An diesem Abend zwingen Rocker aus Hamburg einen Tankwart in Gremersdorf, sie kostenlos zu betanken und provozieren dann auf dem Festivalgelände eine Schlägerei. Beate Uhse , die den Veranstaltern einen Vorschuss zahlte und in ihren Sexshops Eintrittskarten verkaufte, verteilt Kondome. Im Dauerregen fallen Verstärker aus, und auch sonst verläuft die Organisation des Festivals chaotisch. Die angekündigten Rockbands Procol Harum und Ten Years After kommen nicht nach Fehmarn, aber am letzten Tag tritt Jimi Hendrix auf.

Während der Weltstar auf der Bühne steht und Dagmar in der Musik schwelgt, blickt sie einem Fremden in die Augen und die beiden lächeln sich kurz an, bevor sie sich wieder in der Musik verlieren.

Bei dem Mann handelt es sich um Götz, den am 16. August 1950 in Hamburg geborenen Sohn eines Hafenarbeiters und einer Hotelfachfrau, der zwar Germanistik studiert, sich aber weder hinsichtlich der Fachrichtung noch seines Berufswunsches festlegen mag. Aus Überzeugung engagiert er sich politisch, nimmt an linksgerichteten Demonstrationen teil und steht der Hausbesetzer-Szene nah. Er kam am 3. September mit seiner Freundin Karen nach Fehmarn.

Nach Jimi Hendrix‘ Auftritt verlassen viele Teilnehmer das Gelände, obwohl das Wetter inzwischen besser ist. Sie verpassen Rio Reiser und die Rockband „Rote Steine“, („Ton Steine Scherben“). Weil sich die Veranstalter mit der Tageskasse aus dem Staub machten, ohne die Musiker und die freiwilligen Helfer zu bezahlen, werden Getränkebuden und Müllbehälter in Brand gesetzt, während die Gruppe „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ singt. Am Ende steht auch die Bühne in Flammen.

Götz trampt am 7. September allein nach München. Der Filmkomponist Erich Streitberger, der ihn mitnimmt, erzählt, dass er bei der Eröffnung des Oktoberfests, dem Wiesn-Anstich, am 19. September im Hacker-Festzelt in einer von der Wallburga Filmgesellschaft gemieteten Box sein werde und schlägt ihm vor, ebenfalls zu kommen.

Götz folgt dem Rat, und nachdem Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel um 12 Uhr das erste Bierfass angezapft hat, fragt er sich zur Box der Filmgesellschaft durch. Erich ist allerdings nicht da, und weil er dessen Nachnamen vergessen hat, glaubt man ihm auch nicht, dass er eingeladen wurde und weist ihn ab.

Von anderen Wiesn-Besuchern erfährt Götz, dass Jimi Hendrix am Vortag in London starb.

Traurig geht er zur Bavaria hinauf. Dort ist ihm, als habe er eine Art Marienerscheinung. Kurz glaubt er, einer Fee in die Augen zu blicken. Aber dann drängen sich betrunkene Handwerker dazwischen, und der magische Moment ist vorbei.

Bei der Frau handelt es sich wieder um Dagmar.

Am Vorabend war sie mit Eberhard bei Olivers Geburtstagsparty. Es gab Fruchtbowle, und an der Wand hing ein Foto von Franz Josef Strauß. Während des Wiesn-Anstichs saß sie im Augustiner-Festzelt, aber als sie Olivers reaktionäre Parolen nicht mehr ertrug, sagte sie Eberhard, sie müsse mal kurz raus. Statt zu den Toiletten ging sie jedoch zur Bavaria hinauf und glaubte dort für einen Augenblick, ihren Märchenprinzen gesehen zu haben.

Nach dem Besuch in München trennt sich Dagmar von Eberhard.

Im Vorjahr schrieb sie für den Kölner Stadt-Anzeiger einen Bericht über das Festival auf Fehmarn. Das bestärkte sie in ihrem Berufswunsch. Am 25. November sitzt die Journalistin im Zug von Köln nach Wuppertal, um zur Premiere des Films „Ein Grollen“ in einem Kino in Wuppertal-Elberfeld zu fahren und anschließend den Regisseur Hartmut Hahn zu interviewen.

Das Leben ist schon manchmal sonderbar, dachte sie während sie aus dem Fenster blickte und sich fragte, ob sie den roten Apfel eigentlich wie geplant eingepackt hatte oder ob er noch auf dem Küchentisch im Obstkorb lag. Sie kramte in ihrer Handtasche und fand ihn. Er sah lecker aus. Sie polierte die Haut und biss hinein. Wie viele Äpfel verzehrt ein Mensch eigentlich im Lauf seines Lebens?, überlegte sie.

1971

Dagmar und Hartmut Hahn verliebten sich bei dem Interview und sind nun ein Paar. Am 12. April 1971 sagt er zu ihr:

„Ich würde vorschlagen, dass wir unsere gemeinsamen Empfindungen bündeln, indem wir uns körperlichen Dingen zuwenden. Ich möchte nun gern ausgiebig Liebe mit dir machen.“
„Du möchtest mit mir schlafen?“
„Ja.“
„Ich finde den Begriff Liebe machen so unerotisch. Können wir nicht eine sinnlichere Bezeichnung finden? Vielleicht so etwas Banales wie verschmelzen?“
„Der Begriff verschmelzen ist in der Tat banal, zu gekünstelt und spiegelt nicht mein eigentlichen Wollen im Einklang mit deinem Empfinden wieder.“
„Aha, und woher weißt du, was ich empfinde?“
„Ein Mann spürt so was.“
„Und was meinst du, wenn du von deinem eigentlichen Wollen sprichst?“
„Mein Wollen symbolisiert den Akt des Liebemachens.“
„Aber Liebe kann man doch eigentlich gar nicht machen. Man kann sich verlieben, den Zustand gegenseitiger Faszination erleben, tiefe Zuneigung und echte Liebe für einen Menschen empfinden und sich im günstigsten Fall miteinander vereinen. […] Das ist dann für mich gelebte und gleichberechtigte Sexualität, aber das kann man doch nicht Liebe machen nennen.“

Am selben Tag beenden Götz und Karen in Hamburg ihre Beziehung.

Götz bewarb sich am 5. April bei dem Reiseveranstalter Lottsieper und wurde am Tag darauf probeweise einer Busreisegruppe bei einem Ausflug von Hamburg nach Travemünde zugeteilt.

Die Menschen fahren immer irgendwohin, dachte er. Wie kommt man auf die Idee mit einer Reisegruppe einen Tagesausflug zu machen?
[…] Na klar, solche Reisen waren billig, und man bekam etwas zu sehen. Aber Trampen war doch viel interessanter und aufregender. Doch vermutlich wollten die meisten Leute nichts Aufregendes erleben, waren zufrieden mit einfachen Dingen. Sie wollten nur irgendetwas machen. Am besten in Gemeinschaft. Die Fahrgäste wirkten weder gut noch schlecht gelaunt. Sie strahlten allesamt etwas Neutrales aus. Einige sprachen leise miteinander, waren mit sich im Reinen, man merkte, dass das Leben für sie in Ordnung war. Keiner hatte besondere Ansprüche. Diese Reisenden, das wurde Götz in dem Augenblick klar, ruhten in sich, strebten nicht mehr nach dem Unerreichbaren, nach Glück oder Vollkommenheit, sondern gaben sich mit dem zufrieden, was war, lebten im Augenblick. Im Grunde waren sie Buddhisten.

Am 17. September betreut Götz eine Gruppe japanischer Metzger auf der Busfahrt zum Münchner Oktoberfest. Nach dem Wiesn-Anstich am nächsten Tag erklärt Götz den Touristen, er müsse kurz zu einer Telefonzelle, um ein paar Fragen zu klären. Tatsächlich geht er zur Bavaria hinauf – und wie durch ein Wunder trifft er dort auf die Fee. Dagmar und Hartmut Hahn halten sich seit einiger Zeit in München auf, und während der Regisseur ein paar Tage in den USA zu tun hat, nutzte sie die Gelegenheit, an der Eröffnung des Oktoberfests teilzunehmen. Spontan fallen sich Götz und Dagmar in die Arme und küssen sich – bis Dagmar glaubt, in der Nähe den Produzenten zu sehen und erschrickt. Was wenn er Hartmut erzählt, was er beobachtet hat! Mit dem Ruf „Nächstes Jahr um dieselbe Zeit!“ reißt sie sich von Götz los.

1972 und die folgenden Jahrzehnte

Am 16. September 1972, dem Eröffnungstag des Münchner Oktoberfests, führt Götz eine Gruppe von Winzern durch Hamburg-Blankenese, und Dagmar hält sich mit ihrem Lebensgefährten in New York auf.

Im September 1973 trennt sie sich von Hartmut Hahn.

Als 1974 die griechische Militärdiktatur endet und bei einer Volksabstimmung eine Mehrheit gegen die Monarchie und für eine Republik votiert, erreicht Götz, dass er im Auftrag des Reiseunternehmens Lottsieper nach Griechenland reisen darf, um touristische Möglichkeiten zu erkunden.

Am 18. September 1976 – dem Tag des Wiesn-Anstichs – schließt sich Götz einem schwedischen Touristenpaar auf dem Weg zur Kykladen-Insel Ios an. Vor der Bavaria in München wartet Dagmar vergeblich darauf, dass der Märchenprinz noch einmal erscheint. Götz gefällt es auf Ios so gut, dass er telefonisch kündigt und auf der Insel bleibt.

Am 20. September 1980 – dem Eröffnungstag des Oktoberfests in München – beschäftigen sich Dagmar in Köln und Götz auf Ios gleichzeitig mit dem 1974 von Ernő Rubik erfundenen Zauberwürfel.

Ende Januar 1984 führt Dagmar ein Fernseh-Interview mit Herbert Krohl, dem Vorsitzenden des Kölner Karnevalsvereins Zülpicher Püngel, und Götz sieht die Sendung auf Ios. Das motiviert ihn dazu, zum Karneval nach Köln zu reisen, und am 1. März, dem Altweiberdonnerstag, begegnen sich Götz als Eros und Dagmar als Storch verkleidet, ohne einander wiederzuerkennen.

Als auf Initiative des DJs Dr. Motte (bürgerlich: Matthias Roeingh) und der Multimediakünstlerin Danielle de Picciotto am 1. Juli 1989 in Berlin die weltweit erste Loveparade veranstaltet wird – offiziell angemeldet als politische Demonstration für „Friede, Freude, Eierkuchen“ –, befindet sich Götz unter den Zuschauern.

Am 23. Oktober 1999 verpassen sich Götz und Dagmar haarscharf in der Hamburger Kneipe „Zur Ritze“. Dagmar ist dort mit der Prostituierten Petra Tretter verabredet, weil sie an einer Reportage über das Rotlichtmilieu arbeitet. Ebenso wie Götz übernachtet sie im Hotel Atlantic, aber sie sehen sich auch dort nicht, und als Dagmar am nächsten Morgen ihre Rechnung begleicht, schwimmt Götz ahnungslos einige Bahnen im Pool.

Er lebt inzwischen jeweils ein halbes Jahr auf Ios und verbringt die andere Jahreshälfte in Hamburg. 2002 kauft er sich eine alte Windmühle auf der Insel und lässt sie zu einem Wohnhaus ausbauen, das er während seiner Monate in Deutschland an Touristen vermietet.

Dagmar steht am 19. November 2002 in der Menge der vor dem Hotel Adlon in Berlin versammelten Fans von Michael Jackson, die den „King of Pop“ sehen wollen. Der Star zeigt sich dann auch an einem Fenster seiner Suite in der fünften Etage – und hält dabei ungelenk seinen neun Monate alten Sohn Prince Michael II. über die Brüstung. Dagmar und den anderen Fans stockt der Atem.

Während Götz am 5. März 2009 die Griechin Melina, deren „makellosen Alabasterkörper“ er begehrenswert findet, nach einem One-Night-Stand in der Dusche hört, denkt er:

Im Deutschen kannte er natürlich sehr viele Namen dafür, aber er verwendete keinen davon gern. Am ehesten noch „Liebe machen“, obwohl ihm das absurd vorkam, da man diese heiligste aller Emotionen nicht fabrizieren nicht ausüben, basteln oder gestalten konnte, sondern froh sein durfte, wenn man so etwas wie Liebe empfand. Der Zustand des Verliebtseins war ein Hochgefühl, das vorübergehen konnte, echte Liebe jedoch blieb, da war er sich sicher, obwohl er sich nicht erinnerte, jemals wirklich Liebe empfunden oder empfangen zu haben, außer familiär vielleicht, aber das war ja etwas anderes.

2020

Am 17. September 2020 fährt Dagmar mit einem ICE von Köln nach München. 50 Jahre nachdem sie vor der Bavaria kurz in die Augen des Märchenprinzen geschaut hat, hofft die inzwischen 70-Jährige nun darauf, dass er ebenfalls an das Jubiläum denkt und zum Wiesn-Anstich am 19. September da sein wird.

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Die Geschichte, die Moses Wolff in seinem Roman „Liebe machen“ erzählt, beginnt am 28. März 1970 und endet am 17. September 2020. Am Anfang stehen die Popkultur, die Musikbegeisterung, die Aufbruchstimmung linksgerichteter Demonstranten und ihre Hoffnung auf ein freies, selbstbestimmtes Leben. Moses Wolff veranschaulicht das am Beispiel des chaotischen „Festivals der Liebe“ im September 1970 auf der Ostseeinsel Fehmarn.

Das Kapitel „1970“ endet erst auf Seite 119 und das zweite – „1971“ – umfasst weitere 40 Seiten. Auf die zwei Jahre verwendet Moses Wolff also mehr als die Hälfte des Buches. Während er das Festival auf Fehmarn ausführlich darstellt, lässt er tatsächliche Ereignisse, zeittypische  Geräte und die Erlebnisse der beiden Hauptfiguren Götz und Dagmar in der Zeit von 1972 bis 2020 nur aufblitzen.

Moses Wolff nimmt sich die Freiheit, seinen Roman „Liebe machen“ mit einem Wiesn-Anstich am 17. September 2020 enden zu lassen, obwohl das Münchner Oktoberfest 2020 wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt wurde.

Dass sich die Wege von Götz und Dagmar immer wieder für einen Augenblick kreuzen, ist für Leserinnen und Leser, die nicht an schicksalhafte Fügungen glauben, schwer nachvollziehbar. Das wirkt märchenhaft. Überzeugender ist ein anderes Hauptelement des Plots von „Liebe machen“: Erst nachdem Götz und Dagmar unabhängig voneinander ihre eigenen Wege gefunden haben, tun sie sich im Alter von 70 Jahren zusammen und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Vielleicht wäre ihre Liebe nach einiger Zeit gescheitert, wenn sie es früher versucht hätten, und weder Dagmar noch Götz waren unglücklich.

„Liebe machen“ wirkt locker, kurzweilig und unterhaltsam. Moses Wolff bietet mit seinem Roman eine leichte, unkomplizierte Lektüre, zumal auch die Sprache einfach ist. Allerdings stolpert man mitunter über eine missglückte Wortwahl wie in dem Satz „Dagmar stand auf, um sich im Bordbistro ein Kaltgetränk zu kaufen“ und – wie Leseproben in der Inhaltsangabe zeigen – gibt es auch triviale Gedankengänge in „Liebe machen“.

Moses Wolff, ein 1969 in München geborener Schauspieler, Musiker, Autor und Filmschaffender, hat das Buch der Schriftstellerin Vera Freytag gewidmet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Piper Verlag

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