|
Marcel Beyer: Flughunde (Roman) |
Marcel Beyer: Flughunde |
|
Inhaltsangabe: Wir steuern die Anlage aus: Die hohen Frequenzen für die Schädelknochen, die niedrigen für den Unterleib. Bei einem Kindergeburtstag hörte Hermann Karnau zum ersten Mal eine Aufnahme seiner Stimme – und empfand das als erschreckend und faszinierend zugleich. Trotz oder wegen des Erlebnisses wurde er Tontechniker und beschäftigt sich nun intensiv mit der Aufzeichnung und Erforschung menschlicher Stimmen. Um die Zunge und die Entstehung verschiedener Laute untersuchen zu können, kauft der 30-Jährige beim Metzger Pferde- und Schweineschädel und seziert sie. Karnau ist davon besessen, die Stimme zu erforschen. Den Menschen betrachtet er als Umhüllung des einzig Wahren, der Stimme.
Kein Wunder, dass man jenes ungreifbare Etwas, das Seele genannt wird, in der menschlichen Stimme zu orten meint. Geformter Atem, Hauch: Das, was den Menschen ausmacht. So bilden die Narben auf den Stimmbändern ein Verzeichnis einschneidender Erlebnisse, akustischer Ausbrüche, aber auch des Schweigens. Bei Großkundgebungen hat Hermann Karnau dafür zu sorgen, dass der Redner auf allen Plätzen gut zu hören ist. Joseph Goebbels ist mit seiner Arbeit sehr zufrieden, und als seine Frau Magda mit Heide niederkommt, vertraut er die fünf anderen Kinder – Helga, Hilde, Hellmuth, Holde, Hedda – vorübergehend Hermann Karnau an. Weil der ledige Forscher – der mit seiner Haushälterin und dem Hund Coco allein in seinem Haus lebt – keine Erfahrung im Umgang mit Kindern hat, übernimmt die achtjährige Helga, das älteste Kind, spontan die Mutterrolle für ihre jüngeren Geschwister. Helga ist ein aufgewecktes Mädchen, und manche Frage, die sie an mich richtet, manches Wort, das sie benutzt, manche Bemerkung aus ihrem Munde klingt gar nicht so, als wenn sie von einem achtjährigen Mädchen stammte. Als wäre Helga schon viel älter, als stünde sie schon auf der Schwelle zum Erwachsenendasein, da man die Sprache und die Themen des Kindes bewusst abzustreifen sucht.
"Herr Karnau? Haben Sie auch so viele Geschwister wie wir?", fragt Helga. "Nein. Ich gabe gar keine Geschwister." Sie bedauert ihn: "Dann waren Sie immer allein?" Die meisten sind zudem Geheimnisträger, da auch bei Anwendung verschärfter Verhörmethoden nie die Gefahr besteht, dass sie im Affekt Informationen und geheime Ziele preisgeben, die dem Feind dienlich sein könnten.
Einmal schickt Magda Goebbels die Kinder zu einem Überraschungsbesuch ins Büro des Vaters. Da bemerkt Helga durch die angelehnte Tür im Nebenraum eine Frau. Später ist Helga sich nicht mehr sicher, ob sie Brüste und Schamhaare wirklich gesehen oder es sich nur eingebildet hat. Auf jeden Fall handelt es sich um eine bekannte Opernsängerin. Helga denkt darüber nach, ob ihr Vater eine Geliebte hat und ob ihre Mutter davon weiß. Genau jenen letzten, ganz schwachen Laut galt es hervorzukitzeln, um ihn aufzeichnen zu können.
Helga und Hilde begleiten ihre Mutter am 18. Februar 1943 zu einer Massenkundgebung ihres Vaters im Berliner Sportpalast. Karnau erweist sich nicht nur als recht gesprächig, er verfügt auch über ein Fachwissen, das seinem Status als Wachmann gar nicht entspricht.
Bei der Überprüfung der Räumlichkeiten entdeckt man auch einen gekachelten, neonbeleuchteten Raum mit einer Mikrofonanlage über einem Operationstisch. Die Gurte sind blutverklebt, und es sieht so aus, als ob die letzten Blutspuren erst wenige Wochen alt seien. Doch bevor Hermann Karnau dazu befragt werden kann, hat er die Stadt mit unbekanntem Ziel verlassen. Wenn schon die Kinder nichts von der bevorstehenden Tötung wissen konnten, warum ist dann nicht wenigstens mir als Erwachsenem, als jemandem, der mit den restlichen Bewohnern in ständigem Kontakt stand und der manches offene Gespräch führen oder zumindest mithören konnte, nichts von den Vorbereitungen der Ermordung zu Ohren gekommen?
Anhand der Aufnahmen und seiner Kenntnis von Zeugenaussagen versucht Hermann Karnau sich ein Bild davon zu machen, wie die Kinder getötet wurden. Offenbar wurde ihnen von einem Arzt Morphium injiziert, nachdem Magda Goebbels sie beruhigt hatte: "Kinder, habt keine Angst, der Doktor gibt euch jetzt eine Spritze, die nun alle Kinder und Soldaten bekommen." Danach bat sie Dr. Stumpfecker, ihr bei der tödlichen Vergiftung der Kinder zu helfen.
War da ein Schrei? Ein kurzes Weinen? Dann bleibt nur das Atmen. Das Atmen von sechs Kinderlungen in versetztem Rhythmus. Es lässt an Intensität und Lautstärke nach. Schließlich ist gar nichts mehr zu hören. Es herrscht absolute Stille, obwohl die Nadel noch immer in der Rille liegt. |
|
Buchbesprechung: |
|
Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Marcel Beyer: Kaltenburg |