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Adolf Muschg: Das gefangene Lächeln (Erzählung) |
Adolf Muschg: Das gefangene Lächeln |
Inhaltsangabe:
Beim Aufbau der Weihnachtskrippe steckt der sechsjährige John der Figur Josef eine Rute in die Hand und stellt sie so auf, dass es aussieht, als erhebe Josef die Rute gegen Maria. Als sein Großvater Josef Kaspar Kummer das sieht, stößt er einen Schrei des Entsetzens aus. Dem Kind kann er noch nicht erklären, warum ihn die Szene so erschreckte, aber er setzt sich hin und schreibt John einen langen Brief, den dieser in zwanzig Jahren erhalten soll. Zu Magdas Launen gehörte es – oder hatte sie schon eine Regel daraus gemacht? –, dass wir unser besonderes Verhältnis so behandelten, als existierte es gar nicht. (Seite 60)
Als sein Freund Oskar nach Berlin ging, um Schauspielunterricht zu nehmen, überließ dieser ihm sein "Atelier", eine aufgelassene Schlosserwerkstatt, und Josef zog zu Hause aus. Als Diplomarbeit wollte er Herbergen für den Jakobsweg entwerfen, aber statt daran zu arbeiten, stand er nächtelang vor Magdas Fenstern, weil er argwöhnte, dass sie ihn mit dem zehn Jahre älteren Manuel betrog. Ihre Hand streicht über meinen Bauch und nestelt wie von ungefähr an meinem Glied. Ja, sie ist eine Hure. Da packe ich ihre Handgelenke, die noch in den engen Kleidärmeln stecken, und breite ihre Arme weit auseinander. Als ich loslasse, bleibt Magda liegen wie eine Puppe. Als ich gegen ihren Bauch schlage, will sie sich aufrichten. Ich schwinge mich über ihren Kopf hinweg und drücke ihr die Oberarme nieder, die ich mit beiden Knien kneble. Ich bücke mich über sie und hämmere meine Stirn gegen ihren Bauch. Sie windet sich, aber gegen mein Gewicht kommt sie nicht an, und ich schlage immer wieder zu. (Seite 166)
Als Magda sich nicht mehr rührte, schreckte er hoch. Ohne einen Arzt zu rufen, schlüpfte Josef in seine Sachen und verließ die Wohnung. Er war überzeugt, dass Magda tot war. Noch in der Nacht stieg er in einen Zug nach Wien. Als dieser vor der Ankunft auf freier Strecke hielt, sprang er aus dem Waggon und wanderte über die Felder. Später erfuhr er, dass die Maschine, mit der er nach Kairo zurückfliegen hatte wollen, abgeschossen worden war. In einem Kloster in Urfa, in dem nur noch drei greise Mönche lebten – ein Blinder, ein Tauber und ein Stummer –, fand er wieder zu sich selbst.
An dieser Soiree war ich Personal, besaß also eine Form physischer Gegenwart, die nur zum Nachschenken da ist, danach wieder zum Übersehenwerden [...] Das Geschäft, bei dem ich, als livriertes Stück Luft, Monsieur Levassor-Desalentours persönlich aufwarten durfte, betraf seine Tochter mit Namen Zoé [...] Es war einfach ein Stück Mädchenhandel. Was geht's dich an, dachte ich, während ich den Herren Veuve Cliquot nachschenkte, ich kannte diese Zoé nicht.
Während Levassor-Desalentours noch mit dem arabischen Brautwerber verhandelte, die Respektierung des christlichen Glaubens seiner einundzwanzigjährigen Tochter verlangte und auf Monogamie bestand, zumindest de jure, nahm Zoé Levassor-Desalentours den ihr unbekannten Bauzeichner mit in ein Zimmer und ließ sich von ihm deflorieren, damit der Handel platzte.
Die Berufung zum Baulöwen wird keinem Flöchner [Feuerwehrmann] an der Wiege gesungen. Wenn ich, der Unberufene, dazu erwählt wurde, dann durch Zoé allein. Ohne sie hätte ich die Kisten, die ich in Fabiens Schwitzbude gezeichnet hatte, nicht einmal auf Sand, sondern gar nie gebaut. Mein Fundament für das Gedeihen unseres Geschäfts war die Liebe Zoés – und wenn ich ein Verdienst dabei habe, so nur dies: dass ich ihres Vertrauens würdig werden wollte, ohne zu schwitzen. Im Alter von vierzig Jahren lernte Josef bei einem Gastronomie-Kongress in Athen zufällig die große Liebe seiner Mutter kennen: Joseph. Die beiden hatten nur einen einzigen Sommer zusammen auf Zakynthos verbracht. Joseph war damals bereits verlobt und ist jetzt seit dreißig Jahren verheiratet.
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Als Pierre für den Familienkonzern in Kobe ein Hotel eröffnete und es im ersten Jahr selbst leitete, verliebte er sich in die Amerikanerin Rachel Stimmings und schlief mit ihr. Nach Ablauf des Jahres flog er über die USA zurück, um Rachel in Sacramento zu besuchen und sich mit ihr zu verloben, doch sie befand sich gerade auf ihrer Hochzeitsreise in Hawaii. Drei Jahre später wurde sie von Pierre geschwängert und ließ sich von ihrem ersten Mann scheiden. |
Buchbesprechung:"Kannst du dir vorstellen, dass ich nie einen Menschen geliebt habe?", fragt Josef Kaspar Kummer seinen Enkel in einem langen Brief (Seite 27). Melancholisch blickt er auf ein freudloses Leben zurück. Bis vor kurzem glaubte er, eine Frau ermordet zu haben und dafür büßen zu müssen. Das Klima bigotter Moral und christlich verbrämter Neurosen, das in schweizerisch-pietistischer Variante die Jugend- und Studentenzeit des Erzählers prägt, wird kommenden Generationen so fremd sein, dass Nachrichten aus dieser ungeheizten Hölle ihnen wie exotische Gespenstergeschichten erscheinen dürfen. (Kristina Maidt-Zinke, Süddeutsche Zeitung, 9. Oktober 2002)
Adolf Muschg nennt "Das gefangene Lächeln" eine Erzählung. Man könnte auch von einem Briefroman sprechen. Jedenfalls spielt Adolf Muschg auf die Weihnachtsgeschichte und andere biblische Motive an. Dabei unterhöhlt er den Mythos von der "Heiligen Familie" und der "unbefleckten Empfängnis", denn seine Darstellung legt den Verdacht nahe, dass Josef sich täuschen ließ, als er glaubte, seine Ehefrau Maria sei trotz der Geburt ihres Sohnes Jesus noch Jungfrau. |
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Inhaltsangabe und Kommentar: © Dieter Wunderlich 2008
Adolf Muschg: Der Zusenn oder das Heimat |