Boris Akunin : Fandorin

Fandorin

Boris Akunin

Fandorin

Originalausgabe: Asasel Moskau 1998 Fandorin Übersetzung: Andreas Tretner Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2001 Süddeutsche Zeitung / KriminalbibliothekBand 19, München 2006, 221 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Alexandergarten in Moskau erschießt sich 1876 ein Student. Der subalterne Polizeibeamte Erast Fandorin findet heraus, dass es sich um ein Duell und ein so genanntes "Amerikanisches Roulette" handelte. Der zweite daran beteiligte Student wird kurze Zeit später auf der Straße erstochen. Jeder der Toten vermacht der englischen Baronin Margaret Aster ein großes Vermögen für ihre weltweite Organisation von Waisenhäusern ...
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Kritik

Wenn man "Fandorin" liest, glaubt man zunächst nicht, dass der Kriminalroman 1998 veröffentlicht wurde, denn Boris Akunin hat das Geschehen im Jahr 1876 angesiedelt, evoziert die damalige gesellschaftliche Situation in Russland und imitiert auch stilistisch eine 120 Jahre alte Schreibweise.
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An seine Mutter kann Erast Petrowitsch Fandorin sich nicht erinnern. Sein Vater, ein russischer Oberleutnant a. D., brachte es durch Spekulationsgewinne zu sehr viel Geld, das er jedoch im Bankenfieber wieder einbüßte. Als er vor einem Jahr einem Herzschlag erlag, hinterließ er seinem neunzehnjährigen Sohn nichts als Schulden. Inzwischen arbeitet Erast Fandorin als Kollegienregistrator bei der Kriminalpolizei in Moskau.

In dieser Funktion wird er am 13. Mai 1876 mit einem seltsamen Fall konfrontiert: Im Alexandergarten erschoss sich der dreiundzwanzigjährige Jurastudent Pjotr Alexandrowitsch Kokorin, der einzige Sohn und Alleinerbe des steinreichen, vor drei Jahren verstorbenen Fabrikanten Alexander Artamonowitsch Kokorin, und zwar vor den Augen von Jelisaweta Alexandrowna von Ewert-Kolokolzewa, der siebzehnjährigen Tochter des Präsidenten der Moskauer Gouvernementgerichtskammer, des Wirklichen Geheimrats Alexander Apollodorowitsch Ewert-Kolokolzew, und ihrer Gouvernante, der achtundvierzigjährigen Deutschen Emma Pfuhl. In einem am Vortag des Selbstmordes datierten Testament hatte Kokorin sein gesamtes Erbe der englischen Baronin Margaret Aster gemacht, die seit vierzig Jahren in vielen Ländern der Erde Waisenhäuser betreibt, die nach ihr Asternate heißen.

Während der für die Ermittlungen zuständige Beamte Xaveri Feofilaktowitsch Gruschin, der seit dreißig Jahren im Dienst ist, den Selbstmord des Studenten zu den Akten legen will, bittet Fandorin um die Erlaubnis, der Sache nachgehen zu dürfen.

Er befragt die Gutsfrau Awdotja Filipowna Spizyna, die am 13. Mai einen jungen Mann sah, der sich plötzlich einen Revolver an die Schläfe hielt und abdrückte. Es klickte nur, und er lief fort. Ähnliches sagt der Verkäufer Nikolai Kukin aus: Er beobachtete einen jungen Mann, der auf die Brüstung der Kleinen Jausabrücke kletterte und sich einen Revolver an die Schläfe hielt. Auch in diesem Fall löste sich kein Schuss, und der Unbekannte verschwand. Einer der beiden Männer könnte Kokorin gewesen sein, aber auf den anderen passt die Beschreibung nicht: Es scheint sich also um zwei Männer gehandelt zu haben.

Bei der Vernehmung der Zeugin Jelisaweta Alexandrowna von Ewert-Kolokolzewa verliebt Fandorin sich in die junge Frau, aber sein Pflichtgefühl lässt es nicht zu, in dieser Situation Gefühle zu zeigen.

In der Universität entdeckt Fandorin den zweiten Mann. Er heißt Nikolai Stepanowitsch Achtyrzew. Der Dreiundzwanzige ist ein Enkel des Kanzlers Korschakow. Sein Vater vertritt Russland als Botschafter in den Niederlanden. Nikolai hatte in Moskau bei einer Tante gewohnt, die im Vorjahr verstarb und ihm ihr beträchtliches Vermögen hinterließ. Fandorin beobachtet Achtyrzew mit einer ungewöhnlich schönen Frau, die sich Amalia Kasimirowna Beshezkaja nennt.

Auf einer Abendgesellschaft der Beshezkaja werden Fandorin und Achtyrzew einander vorgestellt. Anschließend gehen sie noch in eine berüchtigte Kneipe. Ohne zu ahnen, dass sein Gesprächspartner bei der Polizei ist, erzählt Achtyrzew, dass er und Pjotr Alexandrowitsch Kokorin eng befreundet waren, bis sie wegen Amalia Kasimirowna Beshezkaja zu Rivalen wurden und auf die Idee verfielen, sich zu duellieren, und zwar nicht mit Säbeln oder Pistolen, sondern auf eine ganz besondere Art, die man „amerikanisches Roulette“ nennt. Dabei lädt man einen Revolver mit einer Patrone, dreht die Trommel, hält sich die Waffe an die Schläfe oder in den Mund und drückt ab. Das wollten Kokorin und Achtyrzew abwechselnd tun, bis einer von ihnen tot war. Die Beshezkaja versprach, den Überlebenden zu erhören, verlangte allerdings, dass die Duellanten vorher Abschiedsbriefe schrieben, damit es statt nach einem Duell nach einem Selbstmord aussah und man nicht mit einer Strafverfolgung zu rechnen brauchte. Außerdem schlug sie vor, dass die Rivalen in vorsorglich geschriebenen Testamenten ihre Vermögen der wohltätigen Einrichtung der Baronin Margaret Aster vermachten. Am 13. Mai verwirklichten Kokorin und Achtyrzew das Vorhaben und liefen mit ihren Revolvern durch die Stadt, bis Kokorin im Alexandergarten zu Tode kam.

Nach dem Verlassen der Kneipe werden Fandorin und Achtyrzew auf der Straße von einem Unbekannten überfallen. Achtyrzew stirbt durch einen Messerstich in die Leber. Fandorin trägt ein Korsett. Die Eitelkeit rettet ihm das Leben: Die Klinge prallt ab und hinterlässt eine nicht lebensgefährliche Fleischwunde.

Die Ermordung eines Enkels des Kanzlers Korschakow alarmiert die vorgesetzten Dienststellen in St. Petersburg. Von dort reist der brillante dreißigjährige Kriminalbeamte Iwan Franzewitsch Brilling nach Moskau, um Gruschin die Leitung der Ermittlungen abzunehmen. Als Fandorin nach zehn Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wird und zum ersten Mal wieder ins Kriminalamt kommt, steht an der Stelle, wo sich bisher der Samowar befand, ein Baudot-Telegraf.

Amalia Kasimirowna Beshezkaja ist seit dem Mord verschwunden und vermutlich bereits außer Landes. Hat sie etwas damit zu tun?

Während Brilling den Verdacht äußert, hinter den mysteriösen Todesfällen der beiden überaus reichen Studenten könne eine nihilistische Untergrundgruppe stehen, sucht Fandorin die Millionenerbin auf: Baronin Margaret Aster. Das Asternat in Moskau wurde erst vor drei Wochen eingerichtet. Lady Aster macht ihren Besucher mit Gerald Cunningham bekannt. Im Alter von elf Jahren, nachdem seine Eltern bei einem Schiffbruch ihr Leben verloren hatten, war er in das Asternat in London aufgenommen worden. Inzwischen ist er die rechte Hand der Leiterin, die seit vierzig Jahren von ihren Pädagogen erwartet, dass sie die individuellen Talente der Waisenkinder fördern. – Nach dem Gespräch hält Fandorin die kultivierte, wohltätige Adelige über jeden Zweifel erhaben.

Mit 200 Rubel aus der Staatskasse schleicht Fandorin sich im Auftrag seines Chefs bei einem anderen Verdächtigen ein: Ippolit Alexandrowitsch Graf Surow. Das ist verhältnismäßig einfach, weil Surow eine Spielhölle in seinem Haus unterhält. Fandorin will eigentlich nur kiebitzen, aber der Graf bemerkt ihn, erkennt ihn wieder – sie sahen sich bei Amalia Kasimirowna Beshezkaja – und fordert ihn zum Spiel auf. Obwohl Fandorin noch nie vorher spielte und gerade erst von Brilling die Karten erklärt bekam, gewinnt er 9600 Rubel. Als es so aussieht, als wolle Surow seine Spielschulden nicht bezahlen, fordert Fandorin ihn zum Duell, aber nicht mit Pistolen, denn er weiß, dass der Graf jeden Morgen eineinhalb Stunden lang Schießübungen durchführt. Fandorin schlägt vor, die Karten entscheiden zu lassen, wer sich erschießen muss. Der Graf lässt ein neues Kartenspiel und einen geladenen Revolver bringen. Fandorin ahnt, dass die Karten gezinkt sind, aber es ist zu spät: Ein Zurück gibt es nicht mehr. Nachdem er, wie befürchtet, verloren hat, schiebt er sich den Lauf des Revolvers in den Mund und drückt ab. Es klickt nur. Auch beim zweiten Mal löst sich kein Schuss: Surow ließ die Patronen unbemerkt von seinem Diener herausnehmen. Alle sind von Fandorins Mut und Entschlossenheit beeindruckt, und Surow trinkt Brüderschaft mit ihm. Als Fandorin so tut, als sei er einer der zahlreichen Bewunderer der Beshezkaja und sich nach ihr erkundigt, vertraut ihm der Graf ihre Adresse in London an: „Miss Olsen“ im Hotel „Winter Queen“.

Brilling sorgt dafür, dass sein erfolgreicher Assistent vom Kollegienregistrator zum Titularrat befördert wird und schickt ihn nach London.

Dort trifft Fandorin am 28. Juni 1876 ein. (Nach dem russischen Kalender ist es der 16. Juni.) Zu seiner Verwunderung handelt es sich beim „Winter Queen“ um ein mittelmäßiges Hotel. Eine Miss Olsen wohnt hier auch nicht, aber für ein paar Goldmünzen verrät der Portier, dass beinahe täglich Briefe für sie abgegeben und abgeholt werden. Das sei schon so gewesen, sagt er, als er vor vier Jahren hier anfing. Abends beobachtet Fandorin, wie einer der Bediensteten der Beshezkaja – John Karlytsch – die Post abholt. Er folgt ihm zu einer Villa und steigt durch ein Fenster. Die Beshezkaja war offensichtlich gerade dabei, die neuen Briefe in einer Liste zu registrieren und sie an einen M. Nickolas M. Croog zu schicken, und zwar postlagernd im Hauptpostamt von St. Petersburg. Die Beshezkaja ertappt den Einbrecher. Das Licht geht aus. Fandorin schießt, und sie schreit auf. Mit den Schriftstücken flieht er durchs Fenster und rennt davon. Im Park sieht er Surow stehen.

Als französischer Maler getarnt, versteckt er sich in einem schäbigen Hotel und schickt eine Nachricht an Porfirius Martynowitsch Pyshow, einem Vertrauten Brillings in der russischen Botschaft. Pyshow sucht ihn umgehend auf und verspricht, ihn am nächsten Morgen aus dem Land zu bringen, denn Fandorin befürchtet, dass man nach ihm als Mörder der Beshezkaja fahndet.

In der Nacht erhält er Besuch von Amalia Kasimirowna Beshezkaja und zwei Leibwächtern. Er hat sie also doch nicht getroffen. Da niemand außer Pyshow seinen Aufenthaltsort kannte, muss es sich bei ihm um einen Verräter handeln! Nachdem ihm die Männer die Dokumente abgenommen haben, fesseln und knebeln sie Fandorin, stülpen ihm einen Sack über den Kopf und binden diesen zu. Dann zerren sie ihn zu einer Kutsche und fahren mit ihm zur Themse, wo sie ihn von einem Bootssteg aus ins Wasser stoßen. Bei der Durchsuchung übersahen sie jedoch ein Stilett in seinem Ärmel. Damit befreit Fandorin sich unter Wasser und taucht dann unter den Planken des Bootsstegs auf, wobei er darauf achtet, dass weder ein Plantschen noch ein Keuchen zu hören ist. Als die Männer gegangen sind, wartet er sicherheitshalber noch eine Weile, bevor er ans Ufer schwimmt – wo er von Pyshow überrascht wird. Pyshow zielt mit einem schweren Revolver auf Fandorin. Bevor er jedoch abdrücken kann, tötet Graf Surow ihn mit einem gezielten Schuss.

Ippolit Alexandrowitsch Graf Surow erzählt seinem Duzfreund, er sei ihm eifersüchtig zum Hotel „Winter Queen“ in London gefolgt, und zwar in der Absicht, zuerst ihn und die Beshezkaja und dann sich selbst zu erschießen. Aber Fandorin versichert ihm, nicht sein Rivale zu sein.

Dann eilt er nach St. Petersburg und wartet im Hauptpostamt, bis jemand nach einem postlagernden Brief aus London fragt. Erst gegen Abend erscheint ein Kutscher und holt das Schreiben der Beshezkaja an M. Nickolas M. Croog ab. Fandorin folgt ihm zur Kutsche. Den Insassen kennt er: Es ist Gerald Cunningham!

Durch ein Telegramm erfährt Fandorin, dass sein Chef ebenfalls in St. Petersburg zu tun hat. Er sucht ihn auf und berichtet ihm von seinen Erlebnissen und Erkenntnissen. Zusammen fahren sie zu Cunningham. Fandorin traut seinen Augen nicht, als Brilling den Engländer kurzerhand erschießt. Er werde es so aussehen lassen, erklärt der hochrangige Kriminalbeamte, als hätten Cunningham und Fandorin sich gegenseitig getötet. Da begreift Fandorin, dass Brilling ebenfalls zu der Verschwörergruppe gehört. Er springt durchs Fenster in einen Baum und klettert auf den Boden hinunter. Über sich hört er ein Stöhnen: Brilling tat es ihm nach, wurde aber von einem abgebrochenen Ast aufgespießt und tödlich verletzt.

Generaladjutant Lawrenti Arkadjewitsch Misinow leitet nun die Ermittlungen. Im Keller des Asternats in St. Petersburg lässt er die Wände abklopfen. So finden die Beamten ein Geheimarchiv, in dem nur ein rotes Licht brennt, wie in einem Fotolabor. Sie bringen eine Kartei heraus, aber sobald die Karten ans Licht kommen, löst sich die Schrift auf. Immerhin lässt die Anzahl der Karteikarten auf die Mitgliederstärke der weltweiten Verschwörung schließen: 3854.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Um die Baronin Margaret Aster über Cunningham zu befragen, reist Fandorin nach Moskau. Die Lady spricht offen mit ihm:

Jedes meiner Kinder ist ein Juwel, ist die Krone der Schöpfung, ein Ritter des neuen Menschentums. Jedes erbringt unermesslichen Nutzen, wird mit seinem Leben die Welt zum Besseren wenden. Sie verfassen weise Gesetze, entlocken der Natur ihre Geheimnisse, schaffen erlesene Kunstwerke. Von Jahr zu Jahr werden es mehr, und es kommt der Tag, da haben sie diese garstige, ungerechte, verbrecherische Welt verwandelt! (Seite 193)

Fandorin begreift, dass Lady Aster persönlich die Geheimorganisation gründete und leitete. Sie wollte die Welt verbessern. Warum sie dabei über Leichen gegangen sei, fragt Fandorin, und sie antwortet, man könne keinen Augiasstall ausmisten, ohne sich schmutzig zu machen.

Prometheus hat uns das Feuer gegeben, Moses den Gesetzesbegriff, Christus gab uns das moralische Gerüst. Doch der bedeutsamste dieser Heroen ist der jüdische Asasel, der die Menschen das Empfinden ihrer eigenen Würde gelehrt hat. (Seite 208)

Als Fandorin sich darüber wundert, warum sie alles so freimütig zugibt, ist es bereits zu spät: Stahlbänder schießen aus den Armlehnen seines Sessels und pressen ihn gegen die Rückenlehne. Lady Aster lässt Professor Blank rufen. Der drückt Fandorin als Erstes ein mit Chloroform getränktes Taschentuch auf Nase und Mund, aber der Gefangene hält die Luft an, bleibt bei Bewusstsein und spielt nur, dass er ohnmächtig wird. Sie bringen Fandorin in ein Labor, legen ihn auf einen Operationstisch, und Blank erläutert Lady Aster noch einmal, was er vorhat.

Während die Makroelektrizität – Turbinen, Motoren, mächtige Dynamomaschinen – zur Verwandlung der Außenwelt führt, wird die Mikroelektrizität den Menschen selbst verändern, die natürlichen Konstruktionsfehler des Homo sapiens korrigieren […]
Ich werde Ihnen die Möglichkeit in die Hand geben, jedweden Menschen so zu machen, wie Sie ihn haben wollen: ideal, von allen seinen Mängeln befreit. Alle Defekte, die das menschliche Verhalten beeinträchtigen, nisten hier, in der Hirnrinde. (Seite 200f)

Durch einen gezielten Stromstoß will er der Versuchsperson alle Lebenserfahrung nehmen und ihr Gedächtnis löschen. Fandorin soll also in ein Kleinkind zurückverwandelt werden und erst wieder alles neu lernen. Weil es sich um Blanks erste Versuchsperson handelt, steht die Stromstärke noch nicht fest. Ist der Stromstoß zu gering, werden nicht alle Inhalte der Gehirnrinde gelöscht. Lady Aster schlägt deshalb vor, lieber etwas höher zu gehen, obwohl dabei das Risiko eines tödlichen Ausgangs größer wird. Sobald sie mit ihrem Leibwächter das Labor verlassen hat, springt Fandorin auf, reißt die in einem Holster am Rücken steckende Pistole heraus und erschießt den Professor, als dieser sich auf ihn stürzen will.

In einem geheimen Kellerverlies findet Fandorin Lady Aster wieder. Sie scheint sich nicht weiter über sein Auftauchen zu verwundern. Hinter ihm schließt sich eine Tür, die weder Knauf noch Klinke hat. Mit ruhigen Händen setzt die alte Dame den Zeitzünder einer Bombe, die sie in der Hand hält, in Betrieb. Bis zur Detonation verbleiben zwei Minuten. Als Fandorin um sein Leben bettelt, öffnet Lady Aster mit einem Knopfdruck die Tür. Fandorin rennt die Treppe hinauf und ins Freie. Hinter ihm wird das gesamte Gebäude in die Luft gesprengt.

Nach dem Tod der Baronin kollabiert die Asternatsorganisation.

Fandorin kann endlich wieder an sein Privatleben denken. Er vermählt sich mit Jelisaweta („Lisanka“) Alexandrowna von Ewert-Kolokolzewa. Das Brautpaar hat sich gerade ins Schlafzimmer zurückgezogen, da überbringt ein Kurier Fandorin eine eilige Geheimsendung: ein Päckchen. Bevor Fandorin es öffnet, blickt er aus dem Fenster, und es fällt ihm auf, dass der Kurier zur Kutsche rennt und dabei laut „neun, acht, sieben …“ zählt. Ohne nachzudenken, springt Fandorin aus dem Fenster, um die Kutsche aufzuhalten.

Im Laufen sah Fandorin zurück. Lisanka beugte sich hinter ihm aus dem Fenster, ihr liebes Gesicht schien vollkommen verdattert. Im nächsten Moment spuckte das Fenster Feuer und Qualm, die Scheiben barsten, und Fandorin wurde zu Boden geworfen. (Seite 220)

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Wenn man den Kriminalroman „Fandorin“ liest, glaubt man zunächst nicht, dass dieses Buch am Ende des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde, denn Boris Akunin hat das Geschehen im Jahr 1876 angesiedelt, evoziert die damalige gesellschaftliche Situation in Russland und imitiert auch stilistisch eine hundertzwanzig Jahre alte Schreibweise. So steht „Fandorin“ in der Tradition der Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts.

Der Plot ist zwar spannend und weist unerwartete Wendungen auf, aber nicht alle Einzelheiten sind plausibel, und Boris Akunin hat ein wenig zu häufig Zufälle bemüht, um die Entwicklung in die gewünschte Richtung voranzutreiben. Dadurch wirkt die Handlung konstruiert. Dass Fandorin auch aussichtslose Situationen wie ein Vorgänger von James Bond heil übersteht, kann man allerdings durchaus ironisch verstehen.

Boris Akunin ist das Pseudonym des aus Georgien stammenden russischen Schriftstellers Grigori Tschchartischwili. Er studierte Geschichte und Japanologie in Moskau, wurde Redakteur einer Literaturzeitschrift und verlegte sich nach dem Erfolg seines Debütromans „Fandorin“ ganz auf das Schreiben von Kriminalromanen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Aufbau Taschenbuch Verlag

Jan Costin Wagner - Tage des letzten Schnees
Mehr als Verbrechen oder Ermitt­lun­gen interessiert Jan Costin Wagner das Verhalten von Menschen in Extrem­situationen. Er verknüpft in dem Roman "Tage des letzten Schnees" fünf parallel erzählte Geschichten so geschickt, dass ein Rädchen ins andere greift.
Tage des letzten Schnees

Jan Costin Wagner

Tage des letzten Schnees

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