Tahmima Anam : Zeit der Verheißungen

Zeit der Verheißungen

Tahmima Anam

Zeit der Verheißungen

Originalausgabe: A Golden Age Verlag John Murray, London 2007 Zeit der Verheißungen Übersetzung: Anke Caroline Burger Insel Verlag, Berlin 2010 ISBN: 978-3-458-17464-6, 318 Seiten, 19.80 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Sohail und Maya, die Kinder der in Dhaka lebenden Witwe Rehana Haque, schließen sich Anfang 1971 dem Freiheitskampf gegen die pakistanische Zentralregierung in Islamabad an. Bei der Durchführung eines Sprengstoffanschlages versagen Sohail die Nerven, und durch die vorzeitige Explosion wird ein zu den Aufständischen übergelaufener Major schwer verletzt. Rehana versteckt und pflegt ihn 96 Tage lang. Aus Liebe kehrt der Major später trotz des Risikos zu ihr zurück ...
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Kritik

Die Grausamkeit, mit der die (west-)pakistanische Regierung 1971 versuchte, die Unabhängigkeit Ostpakistans zu verhindern, wird von Tahmima Anam in "Zeit der Verheißungen" am Beispiel weniger Figuren aufwühlend dargestellt.
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Muhammad Iqbal Haque, ein sechsunddreißigjähriger Bewohner der ostpakistanischen Stadt Dhaka, heiratet 1951 eine halb so alte Frau aus Kalkutta. Rehana Ali stammt aus einer aristokratischen Familie, aber ihr Vater hatte durch unglückliche Entscheidungen sein Vermögen verloren. Als Iqbal 1959 stirbt, bleibt seine Frau mit dem sechsjährigen Sohn Sohail und der vierjährigen Tochter Maya allein in Dhaka zurück.

Iqbals reicher älterer Bruder Faiz und dessen „verkniffene und unfruchtbare“ Ehefrau Parveen, wollen die Kinder zu sich nach Lahore holen, und als Rehana sich weigert, ihnen Sohail und Maya zu überlassen, bringt Faiz, der selbst Rechtsanwalt ist, den Fall vor ein Gericht in Dhaka. Es gelingt ihm, den Richter davon zu überzeugen, dass Rehana zu jung sei, um allein für die Kinder zu sorgen. Aufgrund des Richterspruchs nehmen Faiz und Parveen die Kinder im März 1959 mit nach Lahore.

Mrs Chowdhury, deren neunjährige Tochter Silvi unter der Trennung von Sohail leidet, rät ihrer verzweifelten Freundin Rehana, auf dem geerbten Grundstück ein zweites Haus zu errichten und es zu vermieten, um dem Gericht zu beweisen, dass sie durchaus in der Lage ist, ihre Kinder selbst zu versorgen. Als alleinstehende Witwe hat Rehana jedoch keine Chance, einen Bankkredit zu bekommen. Mrs Chowdhury drängt sie deshalb, zum Schein eine Ehe mit einem sehr viel älteren blinden Witwer zu schließen. Rehana besucht ihn, doch als sie arglos die Haarbürste seiner toten Frau anfasst, gerät er außer sich. Der Blinde zerrt an der Bürste, kriegt sie nicht richtig zu fassen und schleudert sie versehentlich gegen einen Wandspiegel, der daraufhin zerspringt. Zornig fordert der alte Mann seine Besucherin auf, sein Haus auf der Stelle zu verlassen. Rehana nimmt die vor ihr stehende Schmuckschatulle mit. Der Erlös ermöglicht es ihr, ein Haus zu bauen, das sie dann an das jung vermählte Paar Sengupta vermietet. Mr Sengupta, der Besitzer einer Teeplantage in Sylhet, zahlt bereitwillig sechs Monatsmieten im Voraus. Nach diesem Erfolg gelingt es Rehana, eine neue gerichtliche Entscheidung herbeizuführen, und sie fliegt im März 1961 glücklich nach Lahore, um ihre Kinder zurückzuholen.

Den Jahrestag der Rückkehr von Sohail und Maya feiert sie jedes Mal mit einem kleinen Fest. Dazu bringen Silvi und ihre Mutter im März 1971 einen Leutnant der pakistanischen Armee mit und verkünden stolz, dass Sabeer Mustafa – so heißt er – Silvi heiraten wird. Rehana, die um die Liebe ihres Sohnes zu Silvi weiß, versucht alles, um ihn von dem Fest fernzuhalten, kann aber nicht verhindern, dass er von der geplanten Verlobung erfährt. Mrs Chowdhury ahnte bisher nicht, dass Silvi und Sohail mehr als Freundschaft für einander empfinden.

Sowohl Sohail als auch Maya engagieren sich an der Universität von Dhaka in der Studentenbewegung und beteiligen sich an Demonstrationen gegen die Vertagung der Nationalversammlung und die Erklärung, die Parlamentswahlen seien ungültig [Hintergrundinformationen].

Angefangen hatte das mit Sohails Eintritt in die Universität. Seit 1948 herrschte die pakistanische Regierung über den östlichen Teil des Landes wie über eine Kolonie. Als erstes hatte sie versucht, die Bevölkerung zu zwingen, Urdu zu sprechen statt ihre Muttersprache Bengali. Sie nahm sich die Juteeinnahmen aus Bengalen und gab sie für Fabriken in Karatschi und Islamabad aus. Ein General nach dem anderen machte Versprechungen, ohne die geringste Absicht zu verspüren, sich daran zu halten. Die Studenten der Dhaka University hatten von Anfang an bei den Protesten mitgemacht, weswegen es wenig überraschend gewesen war, dass Sohail sich beteiligte, und bei Maya sah es nicht anders aus. (Seite 43)

Als am 25. März 1971 Panzer in Dhaka auffahren, sorgt Mrs Chowdhury sich um ihre Tochter, überredet Leutnant Sabeer Mustafa, Silvi noch am selben Tag zu heiraten und improvisiert die Trauung.

Die Armee greift die Universität von Dhaka an und wälzt sich durch ganz Ostpakistan. Scheich Mujibur Rahman, der Führer der Autonomiebewegung, wird festgenommen und nach Westpakistan geflogen. Die Unruhen nehmen zu. Weil das hinduistische Ehepaar Sengupta sich in Dhaka nicht mehr sicher fühlt, zieht es sich mit dem Sohn Mithun in sein Heimatdorf im Pabna-Distrikt zurück. Im leer stehenden Haus richten Sohail und die mit ihm befreundeten Brüder Joy und Aref Bashir ein Quartier der Guerillabewegung gegen die pakistanische Armee ein. Sie deponieren dort größere Mengen Medikamente, Verbandsmaterial, Reis und Milchpulver. Im Garten vergraben sie Waffen. Als Maya ihrer Mutter vorwirft, sich nicht genügend für die Freiheit ihres Heimatlandes zu engagieren, beginnt Rehana mit zwei Freundinnen, aus abgelegten Saris Decken für Flüchtlinge zu machen.

Faiz, der inzwischen offenbar einen wichtigen Posten bekleidet, zieht mit seiner Frau nach Dhaka. Seine Aufgabe ist es, den Widerstand gegen die Zentralregierung niederzuschlagen. Dementsprechend bezeichnet Parveen Hindus, Kommunisten und Separisten als schmutzige Elemente in der Gesellschaft.

Sohail und seine Mitverschwörer planen einen Sprengstoffanschlag im Hotel InterContinental. Doch als er den Zünder einstellen soll, versagen seine Nerven. Ein zu den Aufständischen übergelaufener Major stößt ihn zur Seite, um die Vorbereitungen an seiner Stelle fertigzustellen. In diesem Augenblick explodiert die Bombe, und der Offizier wird schwer verletzt. Weil ihn im Krankenhaus die Polizei festnehmen würde, schleppen ihn die Aufständischen zu Sohails Mutter und bringen auch gleich einen Arzt mit, der ihn versorgt, so gut es geht. Rehana versteckt und pflegt ihn.

Mayas beste Freundin, die lesbische Kunststudentin Sharmeen, wird von Soldaten des Generals Tikka Khan vergewaltigt und stirbt im Krankenhaus. Aus Sorge will Rehana ihre Tochter fortschicken, aber bevor sie sich dazu durchringen kann, erklärt Maya, sie werde nach Kalkutta gehen. Sohail, der dies mit seiner Schwester absprach, zieht sich nach Agartala zwei Kilometer hinter der indischen Grenze zurück. Von dort aus führen er und seine Kameraden den Guerillakrieg weiter. Wenn Rehana nach ihren Kindern gefragt wird, lügt sie, sie habe sie zu ihren Schwestern nach Karatschi geschickt.

Aref gerät in einen Hinterhalt und wird von pakistanischen Soldaten erschossen. Sabeer Mustafa, der sich mit seinem ganzen Regiment den Aufständischen anschloss, wird in Mymensingh gefangen genommen. Sohail drängt seine Mutter, ihren Schwager zu bitten, Sabeer aus dem Gefängnis freizulassen. Erst jetzt erfährt sie, dass ihr Sohn bis vor kurzem heimlich ein Verhältnis mit seiner Jugendfreundin hatte und sie noch immer liebt.

Faiz und Parveen wohnen in Gulshan auf der anderen Seite der Stadt. Obwohl Parveen Gift und Galle spuckt, lässt Faiz sich von Rehana überreden, dem jungen Leutnant eine neue Chance zu geben. Ein paar Tage später holt er sie mit seinem Chauffeur ab. Er hat eine Zeitung bei sich, in der Maya unter ihrem vollen Namen gegen die Zentralregierung agitiert. Zum Glück weiß er noch nicht, dass auch Sohail zu den Widerstandskämpfern gehört, aber er bedauert es, dass die Kinder nicht bei ihm und Parveen aufwuchsen, denn er hält seine Schwägerin nach wie vor für eine schlechte Mutter. Verärgert schickt er Rehana allein in das Gefängnis: Er hat zwar den Freilassungsbefehl unterzeichnet, will aber nichts mehr damit zu tun haben. Sabeer Mustafa wurde offenbar schwer gefoltert. Rehana glaubt zunächst, seine Fingernägel seien rot lackiert, bis sie begreift, dass sie ihm herausgerissen wurden. Der Mann ist gebrochen und scheint sie nicht zu erkennen. Rehana bringt ihn zu Mrs Chwodhury.

Dann reist sie zu ihrer Tochter nach Kalkutta. Der Major, der sich durch ihre Pflege einigermaßen von seinen Verletzungen erholt hat, bleibt in Dhaka zurück.

In Kalkutta hilft Renana im Lazarett eines Flüchtlingslagers. Dabei stößt sie auf Supriya Sengupta. Die Frau wirkt sehr verstört, redet kein Wort, und Renana findet deshalb auch nicht heraus, was aus Supriyas Ehemann und ihrem Sohn geworden ist.

Am 18. Oktober 1971 erhält sie die Nachricht von Sabeer Mustafas Tod.

Als Rehana, Sohail und Maya im November nach Dhaka zurückkehren, nehmen sie verwundert zur Kenntnis, dass Silvi keinen Anteil am Schicksal ihres Mannes nimmt. Den Freiheitskampf hält sie inzwischen für eine Sünde.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Unerwartet taucht der Major auf und erklärt Rehana, er habe sie unbedingt wiedersehen müssen. In den sechsundneunzig Tagen, in denen sie ihn pflegte, verliebten sich die beiden ineinander. Trotz des Risikos, von Soldaten ertappt zu werden, schläft der Major mit Rehana. Vor dem Morgengrauen verschwindet er.

Kurz darauf fahren Lastwagen vor. Soldaten springen von den Ladeflächen und durchwühlen alles. Ihr Kommandant, Oberst Jabeen, hat den Befehl, Sohail Haque festzunehmen. Vergeblich beteuert Rehana, ihr Sohn halte sich bei ihrer Schwester Marzia in Karatschi auf. Um sie bzw. ihre Tochter zu zwingen, seinen wahren Aufenthaltsort zu verraten, lässt der Oberst Maya ins Nebenzimmer zerren. Bevor sie vergewaltigt werden kann, schleppen Soldaten einen blutüberströmten Mann herein und behaupten, es handele sich um Sohail. Rehana weist Jabeen darauf hin, dass der Verletzte nicht ihr Sohn sei. Was es ihm nütze, einen Falschen festzunehmen, fragt sie, kann jedoch nicht verhindern, dass die Soldaten den Gefangenen fortschaffen. Es handelt sich um den Major.

Mit Unterstützung Indiens gelingt es den Freiheitskämpfern, die Unabhängigkeit Ostpakistans – das nun den Namen Bangladesch erhält – gegen die Militärs der westpakistanischen Regierung durchzusetzen.

Auf der Suche nach ihrem Geliebten besucht Rehana am 16. Dezember 1971 ein Gefängnis. Dort stößt sie auf Faiz, der von den neuen Machthabern eingesperrt wurde. Vergeblich bettelt er seine Schwägerin an, sich für seine Freilassung einzusetzen.

Heute geht der Krieg zu Ende […] Auf den Bürgersteigen werden sich die Menschen drängen, aber Maya wird uns mit den Ellbogen einen Weg nach vorn bahnen. Ein Junge wird Fähnchen für zwei Taka verkaufen, und alle werden winken und die Hälse recken, um die Straße sehen zu können. Von den Gebäuden wird buntes Papier heruntersegeln, Fäuste werden in die Luft gereckt werden, man wird tanzen, ein Mann mit Flöte, eine Frau, die eine über die Schulter hängende Dhol schlägt, werden dasein. Jemand wird auf die Idee kommen, ein Megaphon ans Radio anzuschließen. Die Straßen sind breit und staubig; wir sind verzaubert, verliebt, vernarrt in unsere neue Heimat und singen: „Wie ich dich liebe, mein goldenes Bengalen.“ Der Himmel ist hell und schimmernd, und heute ist der Krieg vorbei, heute werde ich meine Fahne schwenken, den Atem anhalten und auf unseren Sohn warten.
Ich weiß, was ich getan habe.
Dieser Krieg, der so viele Söhne gefordert hat, hat meinen verschont. Diese Zeit, die so viele Töchter geschändet hat, hat meine nicht geschändet.
Ich habe es nicht zugelassen. (Seite 315)

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In dem Roman „Zeit der Verheißungen“ erzählt Tahmima Anam die Geschichte einer in Dhaka lebenden Familie vor dem Hintergrund des Freiheitskampfes 1971 in Ostpakistan.

Rehana Haque sorgt sich zuallererst um ihren Sohn und ihre Tochter, die an der Universität studieren und sich den Aufständischen von Anfang an anschließen, aber wie alle anderen Menschen in Ostpakistan auch, muss sie sich entscheiden, auf welcher Seite sie steht. Dabei entwickelt sie sich ungewollt zur Heldin. „Zeit der Verheißungen“ handelt von Verzweiflung, Hoffnung und Leidenschaft, Loyalität und Zivilcourage, Liebe und Missgunst.

Die Grausamkeit, mit der die (west-)pakistanische Regierung versuchte, die Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsbewegung in Ostpakistan niederzuschlagen, wird in „Zeit der Verheißungen“ besonders eindringlich dargestellt, weil Tahmima Anam sie klugerweise an wenigen Figuren veranschaulicht und den Roman nicht überfrachtet. Die 1975 in Dhaka geborene Autorin erzählt die erschütternde Geschichte ruhig und ohne Effekthascherei, aber mit großem Gespür für Dramaturgie. „Zeit der Verheißungen“ ist ein aufwühlender, auch formal überzeugender Roman.

Tahmima Anam wuchs in Paris, New York und Bangkok auf. Sie studierte Anthropologie an der Harvard University und Kreatives Schreiben an der University of London. „Zeit der Verheißungen“ ist ihr Debütroman. Es heißt, Tahmima Anam habe ihn als ersten Band einer Trilogie vorgesehen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Insel Verlag

Ostpakistan / Bangladesch

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Der Roman "Die Frau im Tal" von Ketil Bjørnstad zeichnet sich durch eine dichte Atmosphäre, großes Einfüh-lungsvermögen, eine musikalische Sprache und den Verzicht auf jegliche Effekthascherei aus.
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