Zsuzsa Bánk : Der Schwimmer

Der Schwimmer
Der Schwimmer Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2002 ISBN: 3-10-005220-X, 287 Seiten Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M 2004 ISBN: 3-596-15248-8, 287 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem gescheiterten Volksaufstand 1956 in Ungarn verlässt die Fabrikarbeiterin Katalin ihren Ehemann, ihre Tochter und ihren kleinen Sohn. Sie setzt sich in den Westen ab. Kálmán verkauft daraufhin seinen Bauernhof in Vat und sucht Zuflucht bei wechselnden Verwandten. Die schönste Zeit verbringen er, Kata und Isti am Plattensee. Aber als das Haus der Gastgeber durch ein Feuer zu zwei Dritteln zerstört wird, können sie nicht länger bleiben ...
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Kritik

Mit großem Einfühlungsvermögen versetzt Zsuzsa Bánk sich in die Ich-Erzählerin Kata. Obwohl Zsuzsa Bánk eine zwar poetische, aber auch schlichte, nüchterne Sprache gewählt hat, vermittelt sie starke Gefühle und eine traurige Stimmung.
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Nach dem gescheiterten Volksaufstand 1956 in Ungarn verlässt die Fabrikarbeiterin Katalin ihren Ehemann Velencei Kálmán, ihre Tochter Kata und ihren kleinen Sohn Isti.

Die Wünsche meines Vaters waren Gesetz. Meine Mutter hat meinem Vater nie widersprochen. Sie hat ihn verlassen.

Ohne sich zu verabschieden, fährt sie mit ihrer Freundin Vali nach Westen bis zur letzten ungarischen Bahnstation. Dort werden sie von einem Bauern angesprochen, der sie zusammen mit anderen Flüchtlingen an eine weniger bewachte Stelle der ungarisch-österreichischen Grenze bringt. Dafür verlangt er das Geld und die Wertsachen, die sie bei sich haben.

Kálmán verkauft daraufhin seinen Bauernhof in Vat. Er will mit den Kindern zu seiner verwitweten Mutter in den Osten des Landes. Erst einmal stranden sie in Budapest, wo sie von seiner Tante Manci aufgenommen werden. Als Manci jedoch ihre Großnichte Kata am Ende des Sommers zur Schule anmelden will, bricht Kálmán wieder auf. Éva, mit der er in Budapest offenbar seine Nächte verbrachte, fährt ihn und die Kinder im Auto ihres Verlobten Karcsi nach Osten, wo in wenigen Wochen ihre Hochzeit stattfinden soll. In der Nähe von Szerencs können Kálmán, Kata und Isti bei Kálmáns Cousine Zsófi, ihrem Mann Pista, dem Sohn Jenö und der Tochter Anikó wohnen. Pista repariert Traktoren, und Zsófi bessert das Haushaltseinkommen auf, indem sie in Szerencs Bahnwaggons putzt. Obwohl die Familie eher arm als reich ist, hat Zsófi darauf bestanden, dass Jenö Klavierunterricht bekommt. Kálmán findet Arbeit in einer Schokoladenfabrik in Szerencs: Er wartet dort Maschinen.

Auch nach Évas Hochzeit trifft er sich weiter heimlich mit ihr. Als Karcsi es herausfindet, fordert Pista den Ehebrecher wegen des Geredes auf, den Ort zu verlassen. Zsófi schreibt ihrer Schwägerin Ági, die mit Zsófis älterem, an Demenz leidenden Bruder Zoltán und der erwachsenen Tochter Virág am Plattensee lebt. Sie erklärt sich bereit, Kálmán und den beiden Kindern eine neue Zuflucht zu bieten.

Kálmán, Kata und Isti fahren mit dem Zug nach Siófok und überqueren mit einem Schiff den See.

Der Plattensee kommt Isti beinahe wie ein Paradies vor. Er nutzt jede Gelegenheit, um zu schwimmen. Zu Hause liegt er oft stundenlang auf dem Bett und dämmert vor sich hin.

In diesem Sommer fing Isti an, Dinge zu hören, die keinen Laut von sich gaben. Er sagte, er höre den Himmel, ganz gleich, wie nah oder weit, ob bewölkt oder wolkenlos, er höre die Trauben, die roten besser als die grünen, und er höre den Staub, der über den Boden weht, wenn sich eine Türe öffne, diese dicken weißen Flocken, die höre er.

Hin und wieder fährt Kálmán nach Siófok und verdingt sich als Tagelöhner am Bahnhof, räumt Waggons aus, schleppt Kisten und stapelt Kartons.

Zsófi schreibt, Jenö gebe jetzt zweimal pro Woche Klavierunterricht in Szerencs, und Éva habe einen Sohn geboren, der Isti ähnelt.

Kálmáns Schwiegermutter Rózsa kommt für ein paar Wochen zu Besuch, nachdem sie bei ihrer Tochter im Westen war. Als sie davon zu berichten beginnt, verlässt Kálmán den Raum, denn er will von seiner Frau nichts mehr wissen. Katalin und Vali wurden in Norddeutschland von einer Wirtin als Küchenhilfen eingestellt. Mit der Kellnerin Inge teilten sie sich ein Zimmer. Als die Wirtin jedoch merkte, wie ihr Mann die beiden Ungarinnen ansah, wurde sie eifersüchtig und verdächtigte sie eines Diebstahls. Daraufhin ließen sich Katalin und Vali von Máte Pál und dessen Bruder Árpád, die sie im Auffanglager in Deutschland kennengelernt hatten, Arbeit am Fließband in einer pharmazeutischen Fabrik besorgen. Die beiden Männer zogen inzwischen nach Süddeutschland, wo sie in der Landwirtschaft Geld verdienen.

Weil Virág sich nicht entscheiden kann, ob sie ihren Freund Mihály aus Budapest heiraten will oder nicht, macht dieser sich an ein anderes Mädchen namens Irén heran. Darüber kommt es zum Streit. Bald darauf brennt Virágs Elternhaus. Gerüchten zufolge handelt es sich um Brandstiftung. Mihály oder Irén sollen das Feuer gelegt haben.

In dem zu zwei Dritteln zerstörten Haus wird es für die Gäste zu eng. Kálmán fährt deshalb mit Kata und Isti zu seiner Mutter Anna, die weit hinter Miskolc im Osten des Landes lebt. Dort gibt es für die Kinder allerdings kein Bett; sie müssen auf einer Couch schlafen.

Miklós, Annas Mann, war ein reicher Bauer. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er enteignet. Er begann zu trinken und erhängte sich schließlich auf dem Heuboden [Suizid].

Als Kálmán erfährt, dass Jenö in den Westen geflohen ist, kehrt er mit den Kindern zu Zsófi zurück und arbeitet wieder in der Schokoladenfabrik in Szerencs.

Im Winter wird Isti aus dem Fluss gezogen.

Niemand schimpfte mit Isti, als er uns erzählte, wie er zum Fluss gelaufen war, obwohl Zsófi es verboten hatte. Keiner wunderte sich, als er uns erklärte, in seinem Kopf sei es längst schon Frühling gewesen, der Schnee, die Kälte, das Eis, all das sei ihm nicht aufgefallen, er habe es nicht bemerkt, einfach nicht bemerkt, und niemand staunte, als Isti sagte, er habe sie übers Wasser laufen sehen, seine Mutter, und er habe ihr bloß folgen wollen.

Besorgt reist Ági mit Zoltán und Virág an. Alle sitzen am Bett des kranken Jungen. Als auch Éva und Karcsi eintreffen, ist er bereits tot.

Zsófi deckt den Tisch auch weiterhin für Jenö und Isti mit.

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In ihrem Debütroman „Der Schwimmer“ erzählt die 1965 in Frankfurt am Main geborene Schriftstellerin Zsuzsa Bánk von der Odyssee einer nach dem gescheiterten Volksaufstand 1956 in Ungarn zerbrochenen Familie. Nachdem sich Katalin in den Westen abgesetzt hat, wo sie sich als Fließbandarbeiterin durchschlägt, verkauft ihr Mann seinen Bauernhof und quartiert sich mit den beiden Kindern bei wechselnden Verwandten ein. Die schönste Zeit verleben Velencei Kálmán, Kata und Isti am Plattensee. Aber als das Haus der Gastgeber durch ein Feuer zu zwei Dritteln zerstört wird, können sie nicht länger bleiben.

Mit großem Einfühlungsvermögen versetzt Zsuzsa Bánk sich in die Protagonistin Kata, die sie als Ich-Erzählerin auftreten lässt. Mit achtzehn erinnert Kata sich an die Zeit, in der sie mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder durch Ungarn zog. Dadurch ergibt sich eine subjektive Perspektive, zumal die Kinder nicht alles verstehen können, was sie erleben. „Der Schwimmer“ ist deshalb auch kein explizit politischer Roman, auch wenn er sich mit einer Auswirkung des niedergeschlagenen Volksaufstandes beschäftigt.

Durch einen von der Ich-Erzählerin wiedergegebenen Bericht der Großmutter Rózsa erfahren wir auch, wie es Katas Mutter in Westdeutschland ergeht.

Die Kapitel sind mit den Namen der Beteiligten überschrieben: Wir, Éva, Karcsi, Zoltán, Virág, Mihály, Tamás, Katalin, Árpi, Inge, Rózsa, Irén, Ági, Anna, Kálmán, Isti, Kata.

Obwohl Zsuzsa Bánk eine zwar poetische, aber auch schlichte, nüchterne Sprache gewählt hat, vermittelt sie starke Gefühle und eine traurige Stimmung.

Den Roman „Der Schwimmer“ von Zsuzsa Bánk gibt es auch als Hörbuch, gelesen von der Autorin und Eva Gosciejewicz (Texteinrichtung: Katia Semprich, Regie: Caroline Neven du Mont, München 2003, 4 CDs, ISBN 3-89940-121-2).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

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Ein anonymer Autor, der sich auf Zeugenbeobachtungen und Gerüchte bezieht und ausdrücklich auf die Unvollständigkeit seiner Kenntnisse hinweist, erzählt die Geschichte. Auch durch den reportageartigen Stil wird der Anschein von Authentizität erzeugt: "Der Unsichtbare".
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