Good Bye, Lenin!

Good Bye, Lenin!

Good Bye, Lenin!

Originaltitel: Good Bye, Lenin! - Regie: Wolfgang Becker - Drehbuch: Bernd Lichtenberg und Wolfgang Becker - Kamera: Martin Kukula - Schnitt: Peter R. Adam - Darsteller: Daniel Brühl, Katrin Saß, Florian Lukas, Chulpan Khamatova, Maria Simon, Burghart Klaußner u.a. - 2003; 120 Minuten

Inhaltsangabe

Nach einem Herzinfarkt fällt die DDR-Bürgerin Christiane Kerner im Oktober 1989 ins Koma. Als sie acht Monate später wieder zu sich kommt, existiert die DDR nicht mehr. Um die todkranke Mutter nicht aufzuregen, sorgt der Sohn dafür, dass ihr die Wende verschwiegen wird und gaukelt ihr die alten Verhältnisse vor. Dabei ist das Umfüllen von Westprodukten in alte DDR-Verpackungen noch das einfachste ...
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Kritik

Hier wird eine eigentlich tieftraurige und zum Nachdenken anregende Geschichte urkomisch erzählt. In dieser einfallsreichen Politgroteske geht es u.a. um die Chancen, die bei der Angliederung der DDR an die Bundesrepublik vertan wurden und um die Menschen, die dabei zu kurz kamen.
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In einer 79 Quadratmeter großen Ostberliner Plattenbau-Wohnung sitzt der elfjährige Alex Kerner mit seiner jüngeren Schwester Ariane (!) am 26. August 1978 vor dem Fernsehapparat und verfolgt den Start des einundvierzigjährigen DDR-Oberstleutnants Sigmund Jähn an Bord von „Sojus 31“ zur Orbitalstation „Saljut 6“. Im Nachbarzimmer wird die Mutter gerade von zwei Stasi-Beamten ausgefragt, weil sich der Vater bei einer Dienstreise zu einem Ärztekongress in den Westen abgesetzt hat. Christiane Kerner (Katrin Saß) bricht psychisch zusammen, sitzt nur noch schweigend und vor sich hin starrend auf ihrem Krankenhausbett. Nach acht Wochen scheint sie sich erholt zu haben und wird aus der Klinik entlassen. Um den Trennungsschmerz zu vergessen, stürzt sich die Lehrerin in die Arbeit für die Partei, studiert mit den Kindern sozialistische Lieder ein und hilft Mitbürgern bei der Formulierung von Eingaben.

Im Oktober 1989 zieht sie ihr bestes Kleid an und fährt mit dem Taxi zum „Palast der Republik“, um an einer Veranstaltung im Rahmen der 40-Jahr-Feier der DDR teilzunehmen. Da kommen von allen Seiten Polizeifahrzeuge und blockieren die Straße. Der Taxifahrer rät Christiane, zu Fuß weiterzugehen. Die Polizisten knüppeln einen Schweigemarsch für die Freiheit nieder. Plötzlich sieht Christiane, wie ihr Sohn (ab jetzt von Daniel Brühl gespielt) von zwei Polizisten abgeführt und zu anderen Festgenommenen auf einen Lkw gestoßen wird. Sie sackt zusammen. Alex will zu ihr, schreit: „Da ist meine Mutter!“, aber die Polizisten prügeln auf ihn ein, und der Lkw fährt los. Niemand kümmert sich um die bewusstlos am Boden liegende Frau.

Im Gefängnis erhält Alex die Nachricht, dass seine Mutter einen Herzinfarkt erlitten hat. Freigelassen eilt er ins Krankenhaus. Ariane (ab jetzt von Maria Simon gespielt) wartet schon auf ihn. Christiane Kerner liegt im Koma: Weil sie so lange ohne medizinische Versorgung geblieben war, fürchtet der Arzt, dass sie stirbt oder nicht mehr aus dem Koma erwacht. Während Ariane sich mit dem scheinbar Unausweichlichen abfindet, glaubt Alex fest daran, dass seine Mutter wieder gesund wird. Jeden Tag sitzt er an ihrem Bett, streichelt ihre Hand, redet zu ihr, und wenn er geht, lässt er einen Cassettenrecorder mit einem besprochenen Band zurück, damit sie seine Stimme auch hört, wenn er nicht da ist.

Seine Besuchszeiten richtet er nach den Dienstzeiten der jungen russischen Krankenschwester Lara (Chulpan Khamatova), die ihm während des Schweigemarsches half, als er sich an einem Apfelstück verschluckt hatte.

Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Christiane Kerner liegt weiterhin im Koma.

Nach acht Monaten wagt Alex, Lara im Krankenzimmer zu küssen. Da fällt hinter ihnen eine Tasse zu Boden: Christiane Kerner hat sich bewegt. Sie erwacht und blickt sich fragend um. Alex lügt, sie sei Einkaufen gewesen und in der Warteschlange umgekippt. Kurze Zeit später möchte seine Mutter nach Hause. Der Arzt ist bereit, sie auf ihre eigene Verantwortung aus dem Krankenhaus zu entlassen, schärft aber dem Sohn und der Tochter ein, dass die geringste Aufregung für ihre Mutter tödlich sein kann.

Also darf sie nichts von der Wiedervereinigung erfahren! Alex richtet das inzwischen von seiner Schwester, ihrem Freund und ihrem Baby bewohnte Schlafzimmer der Mutter mit den alten Möbeln und Gardinen so her, wie es vor der Wende aussah. Er zieht die abgelegten DDR-Klamotten wieder an und überredet seine sich sträubende Schwester, es auch zu tun. Die Täuschung gelingt ihm so gut, dass die Mutter sich wundert, als sie von den Sanitätern in ihr Bett gelegt wird: „Hier hat sich ja überhaupt nichts verändert.“ – „Was soll sich schon verändert haben“, entgegnet Alex.

Als er zum Einkaufen geht, bittet Christiane ihn, ihr Spreewaldgurken mitzubringen. Doch die Regale sind leer. Versorgungsengpässe ist Christiane gewöhnt. Einige Tage später wird die D-Mark eingeführt. Jetzt sind die Regale voll – aber DDR-Produkte sucht Alex vergeblich. Deshalb sucht er in Mülltonnen nach alten Gläsern und Verpackungen, säubert sie und füllt holländische Gurken, westlichen Markenhonig und Jakobskaffee um.

Die Antenne des Radiorecorders bricht er ab. Aber nach ein paar Tagen fragt seine Mutter nach einem Fernsehapparat. Alex arbeitet in einer Firma, die seit der Wende Satellitenschüsseln verkauft. Sein Kollege Dirk (Florian Lukas) beschafft ihm einen Videorecorder und Aufzeichnungen von alten Nachrichtensendungen, die er seiner Mutter um punkt 20 Uhr vorspielt.

Zum Geburtstag seiner Mutter engagiert Alex zwei Schuljungen, für die er auf einem Trödelmarkt Halstücher der Jungen Pioniere besorgt: Für 20 DM sollen sie als Ständchen ein Lied auf die sozialistische Heimat singen. Sorgfältig werden die Geburtstagsgäste instruiert, damit niemand sich verplappert. Der Schulrektor überbringt „im Namen der Partei“ einen Geschenkkorb mit Rotkäppchensekt und anderen DDR-Produkten. Während alle um ihr Bett herumstehen, beobachtet Christiane durchs Fenster, wie an einer Hauswand gegenüber eine riesige Coca-Cola-Werbung aufgehängt wird. Was ist das? Die Geburtstagsgäste wiegeln ab: Was hat die Partei damit vor?

Alex bittet seinen Kollegen Dirk um Hilfe. Der hat zu Hause ein Misch- und Schneidegerät und träumt davon, einen Videofilm zu drehen. Jetzt fingiert er erst einmal eine Reportage darüber, warum die DDR sich zu einer Kooperation mit dem amerikanischen Unternehmen entschlossen hat. Als Christiane an diesem Abend auf ihrem Fernsehschirm den Beitrag sieht, wundert sie sich allerdings über die Behauptung, das Coca-Cola-Rezept sei in einem Volkseigenen Betrieb entwickelt worden. Gibt es das Getränk nicht schon länger als die DDR?

Eines Tages – Alex ist gerade im Sessel neben dem Krankenbett vor Erschöpfung eingeschlafen –, sieht Christiane, wie ihr Enkelkind zu laufen anfängt. Da steht sie vorsichtig auf und versucht, auch ein paar Schritte zu gehen. Obwohl sie nur ein Nachthemd trägt, schlüpft sie in einen Mantel und fährt mit dem Aufzug hinunter. Gerade ziehen junge Leute mit Lampenschirmen aus rosa Plüsch ein. „Sie sind aber nicht von hier“, sagt sie. „Nein, wir kommen aus Wuppertal.“ Auf der Straße fahren Autos mit Nummernschildern aus der BRD: BMW, Mercedes, VW. Ein Hubschrauber mit einem Lenin-Denkmal am Haken fliegt über Christiane hinweg. (Die Szene erinnert an Federico Fellini: Das süße Leben.) Sie kennt sich nicht mehr aus. Alex und Ariane kommen angerannt und führen sie wieder zurück in ihr Krankenzimmer. „Bürger der BRD fliehen vor dem kapitalistischen Konkurrenzkampf in die DDR“, behauptet Alex. Der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker habe großzügig einigen tausend Bundesbürgern erlaubt, über die Grenze zu kommen.

Vergeblich suchen Alex und Ariane nach dem Sparbuch der Mutter, um das Guthaben in D-Mark umzutauschen. Wozu sie das Geld brauchen, fragt Christiane. Alex flunkiert, er habe eine Mitteilung erhalten, dass der Trabant jetzt lieferbar sei. „Den haben wir doch erst vor drei Jahren bestellt“, meint Christiane verblüfft. Sie hat ihr Geld nicht bei der Bank eingezahlt, sondern in Scheinen unter der Wachstucheinlage eines Schubfachs in einer Kommode versteckt. Das Möbelstück steht längst als Müll auf der Straße! Alex rennt hin – und findet tatsächlich die gesamten Ersparnisse seiner Mutter. Doch auf der Bank klärt man ihn und seine Schwester darüber auf, dass die Umtauschfrist vor zwei Tagen ablief. Verzweifelt lässt Alex die wertlosen Banknoten von einem Hausdach flattern.

Bei einem Besuch in der Datscha gesteht Christiane, dass ihr Mann sich nicht ohne ihr Wissen in den Westen absetzte. Sie sollte mit den Kindern nachkommen, aber sie schaffte es nicht. Jahrelang schrieb er ihr Briefe. Sie hätte ihn gern noch einmal gesehen.

Sie erleidet einen zweiten Herzinfarkt und wird erneut ins Krankenhaus eingeliefert. Diesmal bleibt sie zwar bei Bewusstsein, aber der Arzt rechnet mit ihrem baldigen Tod. Auf den versteckten Briefen des Vaters an die Mutter findet Ariane die Adresse. Alex fährt hin. Sein Vater ist inzwischen wieder verheiratet und hat zwei weitere Kinder. Als Alex ihm erzählt, wie es um Christiane steht, besucht er sie im Krankenhaus und spricht sich lange mit ihr aus.

Noch einmal gaukelt Alex seiner Mutter eine Nachrichtensendung vor: Sigmund Jähn sei der Nachfolger des aus gesundheitlichen Gründen von seinen Ämtern zurückgetreten Erich Honecker, heißt es. Der neue Staatsratsvorsitzende habe beschlossen, die Berliner Mauer einzureißen, um die unzufriedenen Bundesbürger hereinzulassen. Christiane ist glücklich darüber, dass sich ihr Staat am Ende als der bessere erwiesen hat und sich nun gegenüber den Menschen aus dem Westen großzügig zeigt.

Ihrem letzten Willen entsprechend, wird sie nach ihrem Tod eingeäschert, und im Beisein einer kleinen Trauergemeinde schießt Alex die Asche verbotenerweise mit einer selbst gebastelten Rakete in den Himmel.

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Eine Frau im Koma „verschläft“ die Wende, und um sie zu schonen, gaukelt ihr der Sohn nach ihrem Erwachen vor, sie lebe nach wie vor in der DDR: Aus diesem originellen Plot entwickelten Bernd Lichtenberg und Wolfgang Becker einen wunderbaren Film mit einfallsreichen Dialogen, Episoden und Wendungen. Dabei gelang es ihnen, eine eigentlich tieftraurige und zum Nachdenken anregende Geschichte urkomisch zu erzählen.

In dieser Politgroteske geht es um die Chancen, die bei der Angliederung der DDR an die Bundesrepublik vertan wurden, um die Menschen, die dabei zu kurz kamen. Die friedlichen Demonstranten, die den Zusammenbruch des Regimes herbeiführten („Wir sind das Volk“), träumten von Freiheit und Selbstbestimmung, nur um nach der Wende zu erfahren, dass es auch in der westlich geprägten Gesellschaft Zwänge gibt.

Gleichzeitig ist „Good Bye, Lenin!“ eine Parodie auf die Medien: Alex und sein Kollege machen aus den Ostberlinern, die über die Berliner Mauer klettern, Westberliner, die in die DDR wollen. Was der Sohn tut, um die todkranke Mutter zu schonen, hat das DDR-Regime auch getan, um die Bevölkerung zu manipulieren. Im Irak-Krieg (2003) war es nicht anders.

Mit Daniel Brühl und Katrin Saß sind die beiden Hauptrollen optimal besetzt.

„Good Bye, Lenin!“ beweist wieder einmal, dass in Deutschland nach wie vor originelle Filmemacher am Werk sind, die auch ohne astronomische Hollywood-Budgets qualitativ hervorragende Filme drehen. Einige davon – z.B.: „Meschugge“, „Lola rennt“, „Das Leben ist eine Baustelle“, „Absolute Giganten“ und „Good Bye, Lenin!“ – sind im Verleih der 1994 von den Filmregisseuren Dani Levy, Tom Tykwer und Wolfgang Becker mit dem Produzenten Stefan Arndt gegründeten „X-Filme Creative Pool GmbH“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003

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