Simon Beckett : Leichenblässe

Leichenblässe
Originalausgabe: Whisper of the Dead Bantam Press, London 2009 Leichenblässe Übersetzung: Andree Hesse Wunderlich Verlag, Reinbek 2009 ISBN: 978-3-8052-0866-6, 415 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während eines Besuchs auf der "Body Farm" in Knoxville, Tennessee, wird der englische Forensiker von seinem Freund Tom Lieberman zu einer Waldhütte mitgenommen, in der ein Ermordeter liegt. Auf einer leeren Filmdose in der Hütte stellen die Ermittler einen wenige Tage alten Fingerabdruck sicher, der allerdings von einem weißen Schlosser stammt, der vor sechs Monaten bei einem Autounfall starb. Bei der Exhumierung des Grabes stößt die Polizei auf das Skelett eines Afroamerikaners ...
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Kritik

Der Ekel-Effekt, mit dem Simon Beckett in dem Kriminalroman "Leichenblässe" arbeitet, ist extrem. Nach einem etwas schwerfälligen Auftakt hält er die Leser mit einer spannenden Handlung und unerwarteten Wendungen in Atem.
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Der englische Arzt und Forensiker David Hunter befindet sich in einer Lebenskrise. Seine Ehefrau Kara und seine sechs Jahre alte Tochter Alice starben vor einiger Zeit bei einem Autounfall, und er selbst wäre kürzlich beinahe an einer Stichverletzung verblutet, die ihm eine Frau namens Grace Strachan zugefügt hatte. Um auf andere Gedanken zu kommen, nimmt David nach seiner Genesung die Einladung seines früheren Lehrers Tom Lieberman an und fliegt nach Knoxville, Tennessee. Dort will er einige Wochen am Institut für Forensische Anthropologie der University of Tennessee verbringen. Zum Institut gehört ein streng abgeriegeltes Freigelände, auf dem die Verwesung menschlicher Leichen unter verschiedenen Umweltbedingungen studiert wird, die Anthropological Research Facility, vulgo Body Farm.

Tom ist der Direktor des Instituts, aber man rechnet damit, dass er sein Amt aufgrund einer schweren Herzerkrankung in einigen Monaten Paul Avery übergeben wird. David ist mit beiden Männern und deren Frauen befreundet. Tom und Mary Lieberman haben einen erwachsenen Sohn, der in New York lebt und für eine Versicherungsgesellschaft tätig ist. Paul und Samantha („Sam“) Avery erwarten gerade ihr erstes Kind.

Als in einer Waldhütte eine verweste männliche Leiche gefunden wird, zieht das Tennessee Bureau of Investigation (TBI) Tom Lieberman als Experten hinzu. Dan Gardner, der die Ermittlungen mit seiner lesbischen Assistentin Diane Jacobsen leitet, missfällt es, dass der Anthropologe einen Ausländer mitbringt, auch wenn Tom versichert, David Hunter sei ein erfahrener Forensiker. Der Verwesungsgestank in der 43,5 Grad Celsius heißen Hütte ist unerträglich.

[Die Leiche] war nackt und lag auf dem Rücken, Arme und Beine hingen über die Tischkanten. Angeschwollen durch Gase, ähnelte der Torso einer zu voll gestopften Reisetasche, die aufgeplatzt war. Maden strömten aus der Leiche auf den Boden, und zwar derart viele, dass sie aussahen wie übergekochte Milch. Neben dem Tisch stand ein elektrischer Heizkörper, der rot glühte. Ich sah, wie eine Made auf das Gerät fiel und sich zischend und brutzelnd auflöste. (Seite 35)

Da die Arm- und Fußgelenke des Toten mit Klebebändern an den Tisch gefesselt sind, scheint es sich um einen Mord zu handeln. Die Hütte wurde vor fünf Tagen von Terry Loomis gemietet, einem unverheirateten sechsunddreißigjährigen weißen Versicherungangestellten aus Knoxville, dessen Brieftasche am Tatort sichergestellt wird. Tom und David können sich jedoch nicht vorstellen, dass der Ermordete erst seit fünf Tagen hier liegt, denn der Verwesungszustand ist weit fortgeschritten und die Larven auf der Leiche sind sechs oder sieben Tage alt. Wurde die Leiche von einem anderen Ort hergebracht? Das erscheint aufgrund der Fesselung eher unwahrscheinlich. Überzeugender klingt die Hypothese, dass der Mörder ein oder zwei Tage alte Maden auf dem Toten platzierte. Der eitle Profiler, ein vierundvierzigjähriger Verhaltensforscher namens Alex Irving, schließt aus den Umständen auf einen homosexuellen Serienmörder.

Auf einer leeren Filmdose wird ein nur wenige Tage alter mit Babyöl verschmierter Fingerabdruck gefunden, den die Polizei schließlich Willis Dexter zuordnen kann, einem weißen Schlosser aus Sevierville. Weil dieser allerdings vor sechs Monaten bei einem Autounfall ums Leben gekommen sein soll, lässt Gardner das entsprechende Grab auf dem Steeple Hill Cemetery and Funeral Home öffnen. Bei der Exhumierung stellt sich heraus, dass auch dieser Tote stärker verwest ist als es nach einem halben Jahr zu erwarten gewesen wäre. Außerdem handelt es sich unzweifelhaft um das Skelett eines Afroamerikaners.

Eliot York, der Besitzer von Steeple Hill, gibt bei der Vernehmung an, die Bestattung Dexters sei von einem inzwischen verschwundenen Aushilfsarbeiter namens Dwight Chambers durchgeführt worden.

Anhand der Zähne kann nachgewiesen werden, dass es sich bei dem in der Waldhütte Ermordeten um Terry Loomis handelte.

Bei der exhumierten Leiche entdeckt David leere Puppenhüllen einer Schmeißfliege und schließt daraus, dass der Tote vor der Beerdigung mindestens zehn oder elf Tage im Freien gelegen haben muss. Im Leichentuch hängt ein zerquetschtes Insekt, das der Entomologe Josh Talbot als Sumpflibelle – Epiaeschna heros – identifiziert, eine in Tennessee seltene Art, die nur im Sumpfgebiet von Teichen und Seen vorkommt. Kyle Webster, ein Mitarbeiter des Pathologen Donald Hicks, sticht sich an der Leiche, und bei einer Röntgenuntersuchung findet Tom in dem Körper dreizehn Injektionsnadeln, die mit der Spitze nach außen ins Fleisch gesteckt wurden. Obwohl die Gefahr besteht, dass Webster sich bei dem Stich mit Krankheitserregern infiziert hat, lehnt er vorbeugende Behandlungen ab.

Am Tag nach einem Fernsehinterview über den Mordfall in der Waldhütte verschwindet Alex Irving spurlos. Passanten finden seinen Labrador mit eingeschlagenem Kopf in einem Park. In dem getrockneten Blut an der Eisenstange, mit der das Tier getötet wurde, stellen die Ermittler einen Fingerabdruck des seit sieben Monate vermissten afroamerikanischen Kleinkriminellen Noah Harper sicher. Obwohl der frische Fingerabdruck dazu im Widerspruch steht, weisen die Gerichtsmediziner eindeutig nach, dass es sich bei der exhumierten Leiche um die Harpers handelt.

In einem Waldstück werden verstreute Leichenteile gefunden. Tom und David nehmen an, dass wilde Tiere den Toten so zugerichtet haben. Die Ermittlungen ergeben, dass die Leichenteile von Willis Dexter stammen. Noch ein Toter, von dem es einen frischen Fingerabdruck gibt!

Am Abend wird Tom mit einem Herzanfall vom Leichenschauhaus ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte legen ihm in einer Notoperation einen Bypass, aber er stirbt bald darauf. David, der um seinen Freund und Förderer trauert, wundert sich darüber, dass dieser nicht neben Terry Loomis‘ Leiche zusammenbrach, an der er arbeitete, sondern in dem Autopsiesaal, in dem Noah Harpers sterbliche Überreste liegen. Der letzte Anruf auf Toms Handy wurde um 22.16 Uhr registriert. David wählt die Nummer, aber sie ist entweder besetzt oder es hebt niemand ab. Als er das Leichenschauhaus verlässt, versucht er es noch einmal – und hört es in der Nähe klingeln. Die Nummer gehört zu einem öffentlichen Telefon in der Nähe des Ein- und Ausgangs. Versuchte jemand, Tom mit einem Anruf aus dem Gebäude zu locken? Behauptete er, Toms Frau sei verunglückt? Damit ließe sich auch erklären, warum Tom sich vor seinem Tod offenbar Sorgen um Mary machte. (Als Leser wissen wir, dass der Serienmörder Tom Lieberman tatsächlich als nächstes Opfer ausersehen hatte.)

Einen an Noah Harpers Leiche fehlenden Halswirbel findet David unter dem Mikroskop. In der Vergrößerung sind Haarrisse zu erkennen. David überprüft den entsprechenden Halswirbel von Terry Loomis. Sein Verdacht, dass es auch hier Haarrisse gibt, bestätigt sich. Deshalb war Tom im anderen Autopsiesaal! Er hatte die Frakturen bei der einen Leiche entdeckt und daraufhin auch die andere untersucht. Loomis und Harper wurden offenbar mit einer spanischen Schlinge langsam erdrosselt.

Als Eliot York festgenommen werden soll, ist er fort. Er scheint eilig gepackt zu haben. Bei der Durchsuchung der Räume stoßen die Ermittler auf eine ganze Serie gestochen scharfer Schwarz-Weiß-Aufnahmen von verzerrten Gesichtern. Der Serienmörder hat seine Opfer offenbar fotografiert, während sie qualvoll starben.

Unter seinem Scheibenwischer findet David etwas, das er zunächst für einen Lederhandschuh hält. Aber es handelt sich um die mit Babyöl behandelte Haut einer menschlichen Hand. Das bei der Verwesung abgelöste Hautstück erklärt, wie der Serienmörder Fingerabdrücke von Toten machte. Hat York es als Nächstes auf David abgesehen?

Um seine Freunde nicht zu gefährden, sträubt David sich, eine Einladung der Averys anzunehmen, aber sie geben keine Ruhe, bis er sich von Paul mitnehmen lässt. Vor seinem Haus erfährt Paul von einer aufgeregten Nachbarin, dass seine im neunten Monat schwangere Frau an diesem Nachmittag mit einem Krankenwagen weggebracht wurde. Sie trug eine Sauerstoffmaske, als ein Sanitäter sie in einem Rollstuhl aus dem Haus schob. Zunächst glaubt Paul an eine Komplikation bei der Schwangerschaft, als Sam jedoch in keinem Krankenhaus zu finden ist, wird klar, dass sie von dem Serienmörder entführt wurde.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Ein Autofahrer meldet sich und sagt aus, ein Krankenwagen, der ihm auf dem Highway östlich von Townsend mit zu hoher Geschwindigkeit entgegengekommen sei, habe ihn touchiert, sei dann gegen einen Baum geschleudert, aber weitergefahren. Leider zögerte der Mann fünf Stunden, bis er endlich die Polizei anrief.

Am nächsten Morgen wird der beschädigte Krankenwagen bei Gatlinburg gefunden. Der Serienmörder muss sich bei dem Unfall Rippen gebrochen haben, denn das Lenkrad ist deformiert. In der Nähe der Fundstelle wurde während der Nacht ein Geländewagen gestohlen.

Paul lässt sich nicht davon abhalten, nach Gatlinburg zu fahren. David begleitet ihn.

Nach der Besichtigung des Unfallwagens gibt Paul die Hoffnung auf, seine Frau lebend wiederzusehen. David fährt mit ihm zurück. Nach wenigen Minuten Fahrt prallt ein größeres Insekt gegen die Windschutzscheibe. Eine Sumpflibelle! David hält an. Starker Verwesungsgeruch weist ihm und Paul den Weg. In einem verwilderten Garten, zu dem ein versumpfter Teich gehört, liegen Dutzende verwester Leichen. Zu der Anlage gehört ein dreistöckiges, verwahrlostes Gebäude. „Cedar Heights Kurbad und Sanatorium“ steht auf einer Tafel am Eingang. Unter den dort geparkten Autos befindet sich auch der in der Nacht gestohlene Geländewagen.

Bevor David Gardner am Telefon erklären kann, wo sie sich befinden, ruft Paul nach seiner Frau und stürmt ins Haus. Vergeblich mahnt David ihn zur Vorsicht. Überall liegen Leichen. Es stinkt bestialisch. Sam liegt gefesselt und geknebelt auf einem Massagetisch. Eine um ihren Hals straff angezogene Schlinge gehört zu einem Apparat mit Zahnrädern und einer Kurbel. Vor ihr steht ein Stativ mit einer Kamera. Unter dem Tisch ist es nass: Ihre Fruchtblase ist geplatzt.

Plötzlich taumelt York mit einem Messer in der Hand herein. In diesem Augenblick tauchen Gardner und Diane Jacobsen auf. „Messer fallen lassen!“, schreit Gardner, und als York der Aufforderung nicht nachkommt, erschießt er ihn. Paul befreit seine Frau von dem Knebel, den Fesseln und der Schlinge. Weil Gardner aus Sorge vor einem Angriff des Serienmörders auf David heimlich in dessen Auto einen Peilsender hatte einbauen lassen, waren er und Diane so schnell zur Stelle. Ein Krankenwagen, der Sam zur Entbindung ins Krankenhaus fahren soll, wurde bereits angefordert. Diane fährt ihm mit Sam und Paul entgegen.

David bleibt mit Gardner allein zurück. Er beugt sich über Yorks Leiche. Die Augen des Mannes wurden mit Chemikalien verätzt, und das Messer ist an seiner Hand festgenagelt. Offenbar hatte der Serienmörder den Bestatter entführt und die Fotos in dessen Haus gelegt, um den Verdacht auf ihn zu lenken. In einem zerstörten Wandspiegel sieht David, wie sich hinter Gardner eine vermeintliche Leiche erhebt. Bevor er den TBI-Agenten warnen kann, presst Kyle Webster ihm von hinten den Hals zusammen, Gardner verliert das Bewusstsein. Mit der Drohung, noch fester zuzudrücken, hält Webster David in Schach. Unerwartet taucht Diane Jacobsen in der Tür auf. Da reißt Webster Gardner die Dienstwaffe aus dem Holster und schießt. Er trifft Diane zwischen Hals und Schulter, aber sie tötet ihn mit einem Schuss.

Sam Avery bringt einen gesunden Sohn zur Welt, der den Namen Thomas erhält.

Diane Jacobsen erholt sich von der schweren Schussverletzung.

David Hunter, der nach der Trauerfeier für Tom Lieberman nach London zurückflog, erfährt schließlich weitere Einzelheiten über den amerikanischen Serienmörder. Es handelte sich um Wayne Peters, einen einunddreißigjährigen Psychopathen aus Knoxville, der nach dem frühen Tod seiner Eltern bei Verwandten aufgewachsen war. Seit einer Nasenoperation, bei der ihm Polypen entfernt wurden, litt er unter einer Anosmie. Er roch also weder den Verwesungsgestank in den Leichenschauhäusern, in denen er als Assistent tätig war, noch den in Cedar Heights. Offenbar versuchte er verzweifelt, bei der langsamen Erdrosselung seiner Opfer mehr über den Tod herauszufinden und seine Angst vor dem Sterben zu überwinden. Unter den mehr als siebzig von ihm Ermordeten befanden sich Dwight Chambers, Kyle Webster und Carl Philips, ein vor mehr als einem Jahrzehnt aus einer psychiatrischen Anstalt geflohener Schizophrener, der Cedar Heights von seinem Vater geerbt hatte.

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Bei „Leichenblässe“ („Whisper of the Dead“) handelt es sich um den dritten Kriminalroman, den der englische Journalist und Schriftsteller Simon Beckett über den (fiktiven) Forensiker David Hunter schrieb. Die beiden anderen Titel lauten „Die Chemie des Todes“ („The Chemistry of Death“, 2006) und „Kalte Asche“ („Written in Bone“, 2007).

Die Zahl der Ermordeten in „Leichenblässe“ ist selbst für einen Thriller über einen Serienmörder außergewöhnlich hoch. Extrem ist auch der Ekel-Effekt durch die detaillierte Beschreibung von Leichen in unterschiedlichen Verwesungsstadien. Die Figuren wirken eher klischeehaft, aber nach einem etwas schwerfälligen Auftakt hält „Leichenblässe“ die Leser mit einer spannenden Handlung und unerwarteten Wendungen in Atem. In die von David Hunter in der Ich-Form erzählte Geschichte hat Simon Beckett geschickt innere Monologe des Serienmörders in der zweiten Person Singular eingestreut.

Es ist kaum zu glauben, aber die Body Farm in Knoxville, also die Anthropological Research Facility der University of Tennessee, gibt es tatsächlich. Sie wurde 1971 von dem Anthropologen William M. Bass (* 1928) gegründet. Auf einem 12 000 Quadratmeter großen Gelände, das in der Regel nur von Wissenschaftlern, Kriminologen und Körperspendern betreten werden darf, liegen ständig etwa vierzig menschliche Leichen. Die Einrichtung dient dazu, die Verwesung des menschlichen Körpers und seine Besiedelung durch Insekten im Freien zu studieren. Die Skelette werden am Ende in die William M. Bass Donated Skeletal Collection aufgenommen. Eine zweite Body Farm gibt es seit 2006 an der Western Carolina University in Cullowhee, North Carolina. Angeblich ist in Indien die Anlage einer weiteren Body Farm geplant. Es wäre die weltweit dritte.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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