Diane Broeckhoven : Ein Tag mit Herrn Jules

Ein Tag mit Herrn Jules

Diane Broeckhoven

Ein Tag mit Herrn Jules

Originalausgabe: De buitenkant van Meneer Jules The House of Books, Antwerpen / Vianen 2001 Ein Tag mit Herrn Jules Übersetzung: Isabel Hessel Verlag C. H. Beck, München 2005 ISBN: 3-406-52975-5, 92 Seiten, 12.90 € (D) Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006 ISBN: 978-3-499-24155-0, 92 Seiten, 6.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Alice und Jules sind seit 52 Jahren verheiratet und haben in dieser Zeit ihre Tagesrituale entwickelt. Als Jules eines Morgens stirbt, lässt Alice den Toten erst einmal auf dem Sofa sitzen und fährt in ihrer Tagesroutine fort. Die Gewohnheiten helfen ihr, den Schrecken zu überwinden und geben ihr Halt. Indem sie den Tod ihres Mannes einen Tag lang verschweigt, gewinnt Alice die Zeit, die sie benötigt, um sich von ihm zu verabschieden und die Bilanz ihrer Ehe zu ziehen ...
Weiterlesen

Kritik

Einfühlsam und ohne falsche Sentimentalität beschäftigt Diane Broeckhoven sich mit dem Sterben. "Ein Tag mit Herrn Jules" ist eine stille und scheinbar einfache, poetische und atmosphärisch dichte Erzählung, eine anrührende und besinnliche Lektüre.
Weiterlesen

Alice und Jules sind seit zweiundfünfzig Jahren verheiratet. Jeden Morgen um 8 Uhr steht Jules auf und deckt in der Küche den Frühstückstisch. Alice bleibt noch liegen, bis der Duft des frischen Kaffees sie belebt. Dann rappelt sie sich auf.

So auch heute. In der Küche dampft und schnaubt die Kaffeemaschine, nachdem die letzten Wassertropfen in den Filter gefallen sind. Jules sitzt auf dem Ledersofa. „Es hat geschneit“, sagt sie zu ihm und setzt sich neben ihn.

Jules erwiderte nichts. Reglos blieb er neben ihr sitzen, mit den Händen auf den scharfen Bügelfalten der Hose.

Plötzlich begreift Alice, dass er tot ist. Offenbar hatte er noch den Frühstückstisch gedeckt, bevor er sterbend aufs Sofa sank. Als ihr auffällt, dass seine Füße nur mit Strümpfen bekleidet sind, erhebt sie sich, sucht nach seinen Pantoffeln, kniet sich vor ihn und schiebt ihm die Füße in die Schuhe.

Die vollkommen sinnlose Suche nach den Pantoffeln ihres toten Ehemanns hielt sie davon ab, dass es in ihr losbrach.

Alice geht in die Küche, trinkt Kaffee und isst eine Scheibe Brot mit Aprikosenmarmelade. Dabei überlegt sie, ob sie ihren Sohn Herman anrufen soll. Aber der ist um diese Zeit bestimmt schon auf dem Weg zur Arbeit, und sie möchte, dass er vom Tod seines Vaters nicht auf dem Umweg über seine Frau Aimée erfährt.

Sie stand auf und schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein. Es half, die Panik zu unterdrücken, die sich schon wieder zu regen begann.

Jules und sie hatten über das Sterben geredet und ihre Angst geteilt, sich in menschliche Wracks zu verwandeln. Der Gedanke, möglicherweise dement zu werden, war für Jules bedrückend. Alice denkt da anders:

Es erschien ihr wie ein recht sorgloses Dasein. Nichts mehr regeln müssen, Schwestern, die einem geduldig das letzte bisschen Leben einlöffelten […]
Ihr kam es so friedlich vor, auf der Schwelle des Todes in einer Nebelbank zu verschwinden, wo Erinnerungen langsam verblassten und Geräusche verebbten.

Sie räumt den Tisch ab und überlegt, was sie für Mittag kochen soll. Die Lammkoteletts, die sie Jules zuliebe kaufte, wird sie nicht essen. Im Kühlschrank findet sie Krabben. Dazu wird sie sich noch zwei schöne Tomaten kaufen.

Sie hatte kurzzeitig ganz vergessen, dass Jules tot war.

Nach der Morgentoilette verwirft sie die Idee, in den Supermarkt zu gehen, denn Jules begleitete sie stets bei den Einkäufen.

Sie sollte besser nicht allein in einem Geschäft herumlaufen. Alle würden sich nach Jules erkundigen. Was sollte sie dann sagen? Dass er zu Hause tot auf dem Sofa saß? Er war nicht tot, solange sie niemandem davon erzählte.

Wenn Ärzte, Nachbarn oder Bestatter erst anfingen, sich um ihren Mann zu kümmern, hätte sie ihn innerhalb einer Stunde verloren. Für immer. Dann trügen sie ihn binnen einer Stunde aus der Wohnung. In einem Sarg, den sie sich aus einem Album aussuchen musste.

Da fällt ihr David ein. Der Junge wohnt mit seiner allein erziehenden Mutter Bea im dritten Stock, drei Etagen tiefer als Alice und Jules. Er ist autistisch und daran gewöhnt, jeden Morgen von 10 Uhr bis 10.30 Uhr mit Herrn Jules Schach zu spielen. Bis dahin ist noch etwas Zeit. Alice glaubt, es werde ihr schon etwas einfallen.

Gegen halb zehn klingelt das Telefon. Bea erzählt aufgeregt, ihre Mutter sei an diesem Morgen im Schnee ausgerutscht und ins Krankenhaus gebracht worden. Ob David ausnahmsweise eine halbe Stunde früher kommen dürfe. Alice teilt ihrer Nachbarin mit, dass ihr Mann krank sei, aber am Ende meint sie, David könne kommen.

Sie schließt die Wohnzimmertüre, führt den Jungen in einen Nebenraum und erklärt ihm, Herr Jules sei krank. Deshalb werde sie ihn heute vertreten und mit David eine Partie Dame spielen. Aber bevor sie das Brett und die Steine gefunden hat, fängt David zu brüllen an. Er wolle nicht Dame spielen, schreit er, sondern Schach, wie jeden Morgen um 10 Uhr. Alice bleibt nichts anderes übrig, als David ins Wohnzimmer zu führen.

„Herr Jules ist nicht krank. Herr Jules ist tot“, sagte David.
„Ja“, gab Alice zu. „Ich weiß.“

Daraufhin setzt David sich schweigend ans Schachbrett und übernimmt auch die Züge seines Gegners.

Als Bea ihren Sohn abholt, befürchtet Alice, dass alles vorbei sei, denn bei der Nachbarin handelt es sich um eine tatkräftige Frau.

Sie würde ohne zu zögern das übliche Getriebe in Gang setzen. Der Mann mit seinem Album voller Särge würde auftauchen.

Aber der Junge bewahrt das Geheimnis und erzählt seiner Mutter, Herr Jules habe die Schachpartie gewonnen.

Nachdem Alice gegessen und zwei Gläser Wein getrunken hat, legt sie sich mit einer Wärmflasche auf dem Bauch zu ihrem toten Mann aufs Sofa, ein Kissen zwischen ihrem Hinterkopf und seinen kalten Oberschenkeln. Sie nickt ein.

Dann redet sie. Dass er sie vor dreißig Jahren mit Olga betrogen hatte, war ihr nicht entgangen. Während Alice und Jules in Italien in Urlaub machten, entdeckte sie auf einer Zeitschrift, die er als Schreibunterlage benutzt hatte, die Eindrücke seines Kugelschreibers. Sie hielt das Titelblatt seitlich gegen eine Lampe, damit die Furchen im Schatten lagen, und konnte nun das meiste entziffern. So erfuhr sie, dass Jules plante, auch mit Olga wegzufahren. Olga arbeitete in derselben Bank wie Jules. Alice fand ihren Nachnamen heraus, rief ihren Ehemann Herrn van den Eerenbeemt an, sagte ihm, sie sei die Ehefrau von Olgas Liebhabers und bereitete ihn darauf vor, dass Olga in Kürze eine Geschäftsreise ankündigen werde. Auf diese Weise vereitelte sie nicht nur den Ausflug von Olga und Jules, sondern sorgte zugleich für ein Ende der Liebesaffäre.

Alice erinnert sich aber auch an eine Parisreise gemeinsam mit Jules, zwei Wochen nach der Hochzeit, vor zweiundfünfzig Jahren. Sie hatten Karten für ein Musical. Im Vorprogramm sollte Edith Piaf singen, die damals noch nicht berühmt war. Aber der Abend verlief anders als geplant: Im Hotel bekam Alice Bauchschmerzen, und als sie sich aufs Bidet setzte, erlitt sie eine Fehlgeburt. Dabei hatte sie gar nicht gewusst, dass sie schwanger war.

Erneut klingelt das Telefon. Bea berichtet, dass bei ihrer Mutter im Krankenhaus Komplikationen aufgetreten seien und fragt, ob sie David bringen dürfe. Einen Babysitter kann sie nicht nehmen, weil David keinen Eindringling in der Wohnung duldet.

Kurz darauf ist der Junge wieder da. Furchtlos schaut er sich den Toten an.

„Herr Jules ist weg. Das ist die Hülle von Herrn Jules“, sagte er.

Dann macht David Pfannkuchen für sich und Alice. Nach dem Essen spült er das Geschirr, setzt sich neben Herrn Jules – und schläft ein.

Einige Zeit später ruft Bea aus dem Krankenhaus an: Ihre Mutter ist außer Lebensgefahr, weil es jedoch inzwischen 20 Zentimeter geschneit hat, traut sie sich nicht, nach Hause zu fahren. Alice schlägt ihr vor, David bei ihr und ihrem Mann übernachten zu lassen, und Bea geht dankbar darauf ein.

David darf neben Alice im Ehebett schlafen.

Als sie am anderen Morgen aufwacht, ist das Bett neben ihr leer, und aus der Küche riecht es nach frischem Kaffee.

nach oben

In „Ein Tag mit Herrn Jules“ erzählt Diane Broeckhoven von einer älteren Frau, deren Ehemann soeben gestorben ist, die aber den Toten erst einmal auf dem Sofa sitzen lässt und in ihrer Tagesroutine fortfährt. Die Gewohnheiten helfen Alice, den Schrecken zu überwinden und geben ihr Halt. Indem sie den Tod ihres Mannes einen Tag lang verschweigt, gewinnt sie die Zeit, die sie benötigt, um sich von ihm zu verabschieden und die Bilanz ihrer Ehe zu ziehen.

Sterben ist ein Tabu-Thema, aber Diane Broeckhoven beschäftigt sich damit in „Ein Tag mit Herrn Jules“ auf so natürliche, unaufgeregte Weise, dass man beim Lesen nicht zurückschreckt. Ohne falsche Sentimentalität, subtil und einfühlsam schildert die Autorin, wie die Protagonistin mit dem Tod ihres Mannes umgeht. Die mit wenigen Worten charakterisierte Hauptfigur glaubt man in der Wohnung herumgehen zu sehen. „Ein Tag mit Herrn Jules“ ist eine stille und scheinbar einfache, poetische und atmosphärisch dichte Erzählung, eine anrührende und besinnliche Lektüre.

Die Erzählung „Ein Tag mit Herrn Jules“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Eva Mattes (Regie: Hanspeter Krüger, Stuttgart 2009, 2 CDs, ISBN 978-3-89813-840-6).

Diane Broeckhoven wurde am 4. März 1946 in Antwerpen geboren. Sie lebte dreißig Jahre lang in den Niederlanden. Ihre Erzählung „Ein Tag mit Herrn Jules“ schrieb sie denn auch in niederländischer Sprache. Als Schriftstellerin machte sich Diane Broeckhoven zunächst mit Jugendbüchern einen Namen. In deutschen Übersetzungen liegen vor:

  • Auf Wiedersehen, Vogelkind (Übersetzung: Helga van Beuningen, Hamburg 1990)
  • Braun ohne Sonne (Helga van Beuningen, Hamburg 1997)
  • Tage mit Goldrand (Rolf Erdorf, München 1999)
  • Ein Tag mit Herrn Jules (Isabel Hessel, Reinbek 2006)
  • Einmal Kind, immer Kind (Isabel Hessel, Reinbek 2007)
  • Eine Reise mit Alice (Isabel Hessel, Reinbek 2008)
  • Herrn Sylvains verschlungener Weg zum Glück (Jörn Pinnow, München 2008)
nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Verlag C. H. Beck

Katajun Amirpur - Gott ist mit den Furchtlosen
"Gott ist mit den Furchtlosen" wirkt, als sei das Buch mit heißer Nadel gestrickt. Es liest sich dementsprechend locker, aber der Darstellung fehlt es zugleich an Systematik und Stringenz.
Gott ist mit den Furchtlosen

Katajun Amirpur

Gott ist mit den Furchtlosen

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.