Iwan Bunin : Vera

Vera

Iwan Bunin

Vera

Manuskripte: 1912 Vera Übersetzung: Dorothea Trottenberg Hg.: Thomas Grob Dörlemann Verlag, Zürich 2014 ISBN: 978-3-03820-009-3, 157 Seiten, 21.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Iwan Bunin führt uns mit seinen Erzählungen in eine recht fremde altmodische Welt. Eine unterhaltsame Lektüre ist "Vera" nicht. Nur in der Erzählung "Ein Fürst unter Fürsten" porträtiert Iwan Bunin einen zufriedenen und erfolgreichen Menschen. Die anderen Erzählungen sind trostlos. Sie spielen in abgelegenen Gegenden der südrussischen Provinz, fernab von Städten und handeln von groben Bauern, skurrilen Einzelgängern, die sich selbst ruinieren ...
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Kritik

Unter dem Titel "Vera" sind fünf Erzählungen aus dem Jahr 1912 zusammengefasst. Iwan Bunin beobachtet die Protagonisten, versucht aber nicht, ihr Verhalten zu analysieren. Mit den derben Charakteren kontrastieren edle Pferde und die karge Naturschönheit der Landschaft.
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Sachar Worobjow

Der 40 Jahre alte Sachar Worobjow aus Ossinowyje Dwory ist größer und kräftiger als die meisten anderen Menschen und trotz seiner Einsamkeit nicht nur gesund, sondern auch guter Dinge. Als er durch Schipowo kommt, erzählt er einem Kutscher, einem Wachtmeister und dem Bauern Aljoschka Artschak von dem Vergleich, den er gerade vor Gericht mit einem Gegner schloss.

Die anderen schlagen ihm eine Wette vor: Sie halten Sachar Worobjow frei, wenn er es schafft, innerhalb einer Stunde eine bestimmte Menge Wodka zu trinken. Andernfalls muss er ein Mehrfaches ihres Wetteinsatzes zahlen. Sachar Worobjow isst und trinkt. Dabei erzählt er unaufhörlich weiter, obwohl die anderen gar nicht zuhören. Der Wachtmeister stellt zweimal heimlich die Uhr vor. Dennoch ist absehbar, dass Sachar Worobjow die Trinkwette gewinnt.

Er meinte, noch endlos und immer lebhafter, immer besser so weitererzählen zu können, aber der Kutscher und der Wachtmeister, die ihm noch eine Zeitlang zugehört und erkannt hatten, dass die Sache verloren war und Sachar nicht nur auf ihre Kosten getrunken und gegessen hatte, sondern nun auch noch in einem fort lauter dummes Zeug erzählte, unterbrachen ihn mitten im Satz, zogen die Pferde an und fuhren davon. Aljoschka blieb noch ein Weilchen bei ihm sitzen, stimmte ihm in allem zu, erbettelte sich vier Kopeken für Tabak und ging zur Bahnstation.

Als Sachar Worobjow allein zurückgeblieben ist, kauft er in einem Branntweinladen noch eine Flasche Wodka und trinkt schwermütig weiter, bis er tot ist.

Ignat

Ignat stammt aus einem ärmlichen Elternhaus in Tschesmensk. Im Alter von 21 Jahren fängt er auf dem Herrenhof in Iswaly als Hirte zu arbeiten an. Die ein Jahr jüngere Ljubka kam bereits zwei Jahre vor ihm nach Tschesmensk. Sie wuchs auf dem Herrenhof in Schatilowo auf, und es heißt, der Gutsbesitzer habe sie außerehelich gezeugt.

Die beiden werden ein Paar, obwohl Ljubka sich nicht nur mit Ignat ins Stroh legt, sondern augenscheinlich auch mit Alexej und Nikolai Kusmitsch, den Söhnen der Herrschaft, herummacht. Drei Monate nachdem sie Ignat zur Eheschließung überredet hat, muss er zum Militär, und als er vier Jahre später zurückkommt, bestätigt sich sein seit langem gehegter Verdacht, dass Ljubka ihn betrügt. Sie ist inzwischen ins Herrenhaus gezogen und führt dort den Haushalt. Gleich bei seiner Ankunft hört Ignat von einem Liebhaber, und er ertappt Ljubka mit einem Kaufmann aus der Stadt, der ein zum Abholzen bestimmtes Stück Wald erwerben möchte.

Gerade als der Kaufmann einen Schwächeanfall erleidet und Ljubka ihm ein feuchtes Handtuch auf die Stirn gedrückt hat, stürmt Ignat mit einem Beil in der Hand herein. Statt ihren Mann davon abzuhalten, ihren Liebhaber zu ermorden, ruft Ljubka:

„Mach ihn fertig, schnell. Wir werden reich sein. Wir sagen, dass ihn der Schlag getroffen hat. Schnell!“

Danach verkommt Ignat als Säufer.

Ein Verbrechen

Der Bauer Jemil, der die Menschen für böse hält, inszeniert einen Überfall, tötet dabei in Notwehr einen Menschen und geht danach ins Kloster.

Ein Fürst unter Fürsten

Der Bauer Lukjan Stepanow ist über 80 Jahre alt. Um etwas Eindruck zu schinden, zeigt er der Gutsbesitzerin Nikulina, ihrer Tochter Lulu und den Söhnen Mika und Sewa einen mit Gold- und Silbermünzen gefüllten Beutel. Es handelt sich um die Anzahlung für einen Vorvertrag, den er für die Haferernte abgeschlossen hat.

„Der Kerl ist noch gesund und kräftig!“, dachten alle.

Dann steigt er in seine Droschke und fährt flott vom Hof. Angewidert beauftragt die Hausherrin das Hausmädchen, das Glas Konfitüre, aus dem Lukjan Stepanow vorsichtig ein Löffelchen gegessen hat, auszuleeren und auszuwaschen.

Bald darauf fährt die Familie Nikulina wieder nach Moskau. Vorher reitet der Lyzeumsschüler Sewa noch einmal zu Lukjan Stepanow. Dessen Familie besteht aus 16 Personen, und er behauptet: „Ich bin ein Fürst unter Fürsten.“ Zufrieden und selbstbewusst führt er Sewa auf seinem Hof herum. Der tüchtige Bauer verachtet die Herrschaft, also Sewas Familie, die sich nur mäßig um ihr Gut kümmert. Als Sewa sich über das unfertige Haus wundert, erklärt ihm Lukjan Stepanow, für die Fertigstellung fehle es ihm an Geld. Außerdem wohnt er ohnehin lieber weiter in seiner Erdhütte:

„Neun Jahre lebe ich schon so, und ich könnte es nicht besser haben.“

Er wiederholt, dass er ein Fürst unter Fürsten sei. Dann zeigt er Sewa noch seine „furchteinflößenden schwarzen Pferde“. Auf die ist er besonders stolz. Das Gestüt befindet sich seit über hundert Jahren im Familienbesitz.

Vera

Andrej Streschnjow reitet ein letztes Mal vor ihrer Abreise zu Vera Alexejewna hinüber. Erfreut und hoffnungsvoll fragt sie sogleich, ob er über Nacht bleibe. Er denkt:

Mein Gott, sie wird mit jedem Tag überschwenglicher, eifersüchtiger, unerträglicher! Und wieviel sie raucht […]

„Wie sicher ich mir war“, überlegte Streschnjow, während er sich zu erregen versuchte und sich erinnerte, wie sie als junges Mädchen war, „… wie sicher ich mir vor fünfzehn Jahren war, dass ich ohne eine Minute zu zögern fünfzehn Jahre meines Lebens für ein einziges Stelldichein mit ihr geben würde.“

Vera klagt, sie habe alles für ihn geopfert, aber er weiß, dass sie eine „jämmerliche Salonpianistin im Institut“ war. Laut sagt er:

„Vera, ich eigne mich nicht für eine Liebschaft. Ich bin ein alter Mann.“

Am anderen Morgen kommt der Bauer Mitri mit seinem Fuhrwerk, um Vera abzuholen und zum Bahnhof zu bringen. Andrej Streschnjow reitet bis zur Landstraße hinterher, dann bleibt er zurück. Der Traum von einer glücklichen und dauerhaften Liebesbeziehung ist längst zerplatzt.

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Die unter dem Titel „Vera“ zusammengefassten Erzählungen wurden alle 1912 von Iwan Bunin (1870 – 1953) geschrieben, die meisten davon im Winter auf Capri. Die titelgebende Erzählung „Vera“ beispielsweise ist mit „Capri, 31. 12. 1912“ datiert. Sie wurde im März 1913 erstmals veröffentlicht.

Iwan Bunin führt uns mit seinen Erzählungen in eine uns recht fremde altmodische Welt. Eine unterhaltsame Lektüre ist „Vera“ nicht. Nur in der Erzählung „Ein Fürst unter Fürsten“ porträtiert Iwan Bunin einen zufriedenen und erfolgreichen Menschen. Die anderen Erzählungen sind trostlos. Sie spielen in abgelegenen Gegenden der südrussischen Provinz, fernab von Städten und handeln von groben Bauern, skurrilen Einzelgängern, die sich selbst ruinieren.

Bunins Menschen halten nicht mit sich Haus. Sie machen mit ihren Gefühlen keine Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Liebe ist Heimsuchung, ist Hörigkeit. (Ulla Hahn, Der Spiegel, 11. Juni 2001)

Das düstere Element überwiegt in nahezu allen dieser literarisch so meisterhaft gestalteten und ausgeführten Erzählungen, und der Tod ist immer gegenwärtig. (Georges Adamowitsch: Leben und Werk von Ivan Bunin)

Iwan Bunin beobachtet die Protagonisten, versucht aber nicht, ihr Verhalten zu analysieren.

Der Autor ist nicht mehr klüger als seine Personen, spart jede Begründung für ihr Handeln und Verhalten aus, schert sich nicht mehr um Motivationen, Psychologismen und Erklärungen. Konflikte werden notiert, aber keine Lösungen. (Ulla Hahn, Der Spiegel, 11. Juni 2001)

Bunin zeichnet sehr präzise Porträts, Milieus und auch Landschaften; doch er versucht nicht, seelische Vorgänge in Worte zu fassen oder gar zu erklären. Er deutet sie an, in der Tradition der großen russischen Erzähler von Puschkin über Turgenew und Tolstoi bis zu Tschechow. Er gilt deshalb als „letzter Klassiker Russlands“, der ohne Sprachexperimente und das von ihm verachtete „Psychologisieren“ seiner westeuropäischen Zeitgenossen auskam. (Thomas Urban, Süddeutsche Zeitung, 8. November 2003)

Mit den Protagonisten kontrastieren edle Pferde und die karge Naturschönheit der Landschaft, deren Aussehen, Gerüche und Geräusche Iwan Bunin differenziert beschreibt.

Straffheit und Ausdrucksreichtum vereinen sich bei ihm zu einer beinahe einzigartigen, bis zur Vollendung entwickelten Genauigkeit der Beobachtung. (Per Hallström am 10. Dezember 1933 in der Verleihungsrede für den Nobelpreis)

Bunins dicht gefügte, durchsichtige Sätze, ihre „aufwandlose Plastizität“, die Thomas Mann lobte, waren das Ergebnis besessener Arbeit. Endfassungen ging eine Vielzahl von Entwürfen voraus. Alles musste stimmen, vom Blusenknopf bis zur Gesamtkomposition. Nicht von ungefähr hat man seine geschliffene Prosa mit der Präzision und Eleganz mathematischer Formeln verglichen. (Ulla Hahn, Der Spiegel, 11. Juni 2001)

Iwan Bunin wurde 1933 als erster Russe mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Dörlemann Verlag

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