Louis-Ferdinand Céline : Reise ans Ende der Nacht

Reise ans Ende der Nacht
Originaltitel: Voyage au bout de la nuit, 1932 Reise ans Ende der Nacht Übersetzung: Isak Grünberg, 1933 Neuübersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel Rowohlt Verlag, Reinbek 2003 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2004 ISBN 3-499-23658-3, 671 Seiten Sonderausgabe: 2004, ISBN 3-499-23918-3
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Medizinstudent Ferdinand Bardamu meldet sich 1914 als Kriegsfreiwilliger, verliert jedoch rasch seinen Idealismus. In Afrika wird er mit dem Kolonialismus konfrontiert. Dann verschlägt es ihn nach Amerika, wo er bei Ford in Detroit am Fließband arbeitet. Schließlich erlebt er als Armenarzt in Frankreich die Gemeinheit der Gesellschaft.
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Kritik

In diesem pikaresken Episodenroman plädiert Louis-Ferdinand Céline gegen blinden Gehorsam, entlarvt Patriotismus und Kolonialismus, Militarismus und Tapferkeit als falsche Ideale und verhöhnt die Fortschrittsgläubigkeit. Da gibt es keine Hoffnung auf Humanität.
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Als Ferdinand Bardamu, ein zwanzigjähriger Medizinstudent, im August 1914 mit seinem Kommilitonen Arthur Ganate in einem Straßencafé an der Place Clichy in Paris sitzt und eine Militäreinheit mit einem berittenen Oberst an der Spitze vorbeimarschieren sieht, springt er auf und meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst. Aber schon als seine Einheit erstmals von zwei deutschen Soldaten beschossen wird, fürchtet er sich und wundert sich über die anderen Männer, die begeistert kämpfen.

Sollte ich denn der einzige Feigling auf Erden sein?, dachte ich. Und mit so was von Angst! … Verloren inmitten von zwei Millionen heldenmütigen, entfesselten, bis an die Zähne bewaffneten Verrückten! (Seite 19)

Beim Anblick zerfetzter Leichen und mutwillig erstochener Kinder geht seine idealistische Einstellung zum Krieg endgültig verloren.

Man steht dem Grauen ebenso jungfräulich gegenüber wie der Lust. (Seite 19)

Nach einer Verwundung wird Unteroffizier Baramu in der Opéra Comique in Paris eine Tapferkeitsmedaille verliehen, und er erhält einen Genesungsurlaub. Dabei lernt er die amerikanische Krankenschwester Lola kennen, die dafür sorgt, dass er „richtig trocken hinter den Ohren“ wird. Als er sie ins Restaurant „Duval“ ausführt, glaubt er plötzlich, auf allen Seiten Angreifer zu sehen und schreit den anderen Gästen zu, sie sollten sich in Sicherheit bringen. Um festzustellen, ob er einen Schock erlitten hat oder simuliert, sperrt man ihn einige Zeit zur Beobachtung in Issy-les-Moulineaux ein.

Schließlich geht er in Marseille an Bord eines verrosteten Frachters, um sich nach Afrika abzusetzen. Als sie die Kanaren passiert haben, warnt ihn der Steward vor den der französischen Kolonialbeamten und Offizieren, die ihn für arrogant und angeberisch halten. Aus Angst verlässt Baramu kaum noch seine Kabine. Am einundzwanzigsten Tag der Reise verstellt ihm Hauptmann Frémizon den Weg und beschuldigt ihn, sich abfällig über die Kolonialarmee geäußert zu haben. Baramu leugnet das und biedert sich an, um nicht verprügelt und über Bord geworfen zu werden. Als das Schiff in Fort-Gono, der Hauptstadt der französischen Kolonie Bambola-Bragamance, anlegt, geht er unauffällig an Land.

Baramu beobachtet, wie eine offenbar sehr arme afrikanische Familie, die mühsam Kautschuk gesammelt hat, von einem skrupellosen Händler übervorteilt, verhöhnt und dann mit Fußtritten fortgejagt wird.

Die Eingeborenen muss man meist erst mit Knüppeln zur Arbeit treiben, so viel Würde haben sie sich bewahrt, während die Weißen, die die öffentlichen Bildungsinstitute durchlaufen haben, ganz von selber funktionieren. (Seite 184)

Der Direktor der Compagnie Pordurière du Petit Congo stellt ihn als Leiter der Faktorei in dem Dschungeldorf Bikomimbo ein, wo er einen Mann ablösen soll, der für einen Betrüger gehalten wird. Mit einem Boot rudern ihn ein paar Männer den Fluss hinauf nach Topo. Leutnant Grappa, der Kommandant des Postens, lädt ihn ein, bei einem Gerichtstag dabei zu sein. Aus Langeweile und Überdruss lässt er einen der Antragsteller auspeitschen. Dann gesteht er seinem französischen Gast:

„Ah! wenn die nur wüssten, wie scheißegal mir denen ihre Zankereien sind, dann würden die in ihrem Dschungel bleiben und mir nicht hier mit ihrem Blödsinn auf die Nerven gehen! […] so langsam möchte ich fast glauben, denen gefällt meine Rechtsprechung irgendwie, diesen Mistkerlen! … Seit zwei Jahren versuch ich jetzt, ihnen den Spaß zu verleiden, aber sie kommen jeden Donnerstag wieder … Glauben Sies mir oder nicht, junger Mann, das sind fast immer dieselben, die da kommen! … Pervers müssen die sein oder was! …“ (Seite 206)

Weitere zehn Tage geht es flussaufwärts, dann erreicht Baramu seinen Zielort mitten im Dschungel. Er überbringt seinem Vorgänger die Aufforderung, sich in Fort-Gono zu rechtfertigen und will als erstes eine Inventur der noch vorhandenen Lagerbestände aufnehmen. Aber sein Vorgänger rät ihm, sich den Rest der Waren anzueignen, da ihn der Direktor der Handelsgesellschaft so oder so des Diebstahls bezichtigen werde. Dann bricht er nicht flussabwärts, sondern in die entgegengesetzte Richtung auf.

Baramu erkrankt an Malaria. Nachdem ein Feuer sein Lager zerstört hat, wagt er es auch nicht mehr, nach Fort-Gono zurückzukehren, denn man würde ihm nicht glauben. Trotz des Fiebers lässt er sich nach San Tapeta bringen, einer Stadt am Felshang über dem Meer. Der Missionspriester und die Leute dort verkaufen ihn an den Kapitän der Galeere „Infanta Combitta“. Sobald das Fieber etwas zurückgegangen ist, muss er mit den anderen Männern rudern.

Während das Schiff einige Zeit bei einem Dorf zwei Meilen östlich von New York in Quarantäne liegt, meldet er sich mit anderen zum Wasserholen und geht mit ihnen ins Dorf, weigert sich dann aber, wieder an Bord zu gehen und schlägt sich nach Manhattan durch.

Mit dem Zug fährt er nach Detroit und lässt sich bei Ford einstellen. Man bringt ihm ein paar einfache Handgriffe bei, die er von morgens bis abends ausführen muss. Als Kinobesuche nicht mehr ausreichen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, gibt er seinen ganzen Lohn im Bordell aus. Dort befreundet er sich mit der Prostituierten Molly, die sich in ihn verliebt, ihm Anzüge kauft und ihn aushält, damit er nicht mehr bei Ford am Fließband arbeiten muss. Trotzdem zieht es ihn nach Frankreich zurück.

Ich hing an ihr, wirklich, aber noch mehr hing ich an meinem Laster, dieser Sucht, überall wegzulaufen, auf der Suche nach wer weiß was, getrieben von einem dämlichen Stolz wahrscheinlich, durch das Gefühl, irgendwie überlegen zu sein. (Seite 304)

In Paris nimmt Baramu sein Medizinstudium wieder auf und macht nach fünf oder sechs Jahren seinen Doktor. Dann lässt er sich in der Vorstadt La Garenne-Rancy als Arzt nieder. Es handelt sich um eine üble Gegend. Baramu hört beispielsweise, wie das Ehepaar in der Nachbarwohnung die zehnjährige Tochter laut beschimpft, ans Bett fesselt und verprügelt. Durch die sadistische Prozedur erregen sich die Eltern, bis sie in der Lage sind, es im Stehen vor dem Spülstein in der Küche zu treiben. Wenn Baramu aber der Familie beim Spaziergang begegnet, ist weder den Eltern noch ihrer Tochter etwas anzumerken.

An Patienten fehlte es mir nicht, nur an welchen, die zahlen konnten oder wollten. (Seite 349)

Ich hatte keine Begabung dafür, die Hand aufzuhalten. Die meisten meiner Patienten sahen derart elend aus und stanken so, dass ich mich jedes Mal fragte, woher sie denn diese zwanzig Francs nehmen sollten, die mir zustanden, und ob sie mich nicht aus Rache umbringen würden. Dabei hatte ich meine zwanzig Francs bitter nötig. (Seite 349f)

Dann und wann kaufte ich hier oder da ein paar Eier, aber hauptsächlich bestand meine Nahrung aus Dörrgemüse. (Seite 350)

Baramu kann nicht verhindern, dass der siebenjährige Bébert an Typhus stirbt. Dessen Tante machte ihn mit Madame Henrouille bekannt, die ihre alte Mutter in ein Hospiz abschieben will und hofft, der Arzt könne ihr dabei helfen. Aber die Greisin lässt nicht mit sich spaßen und vertreibt Baramu mit einer Schimpftirade, als er sie untersuchen will. Daraufhin wirbt Madame Henrouille den Deserteur Léon Robinson für einen Mordanschlag auf ihre Mutter an. Der löst beim Vorbereiten der Sprengladung versehentlich eine Explosion aus und erblindet. Madame Henrouille überredet schließlich Abbé Protiste, sie von ihrer Mutter und dem verletzten Attentäter zu befreien. Der Abbé bringt die beiden nach Toulouse, wo die alte Frau Touristen durch die Gruft der Kirche Sainte-Eponine führen soll.

Einmal fährt Baramu nach Toulouse und beginnt dort auf der Stelle ein Verhältnis mit Léons Braut Madelon. Einige Tage später stößt Léon Robinson Madame Henrouilles Mutter die Kellertreppe in die Gruft hinunter. Alle halten den Tod der alten Frau für einen Unglücksfall; niemand verdächtigt Robinson, denn der gilt nach wie vor als blind. In Wirklichkeit sind die Wunden inzwischen vernarbt, und er hat einen Teil seiner Sehkraft zurückgewonnen.

Bei einem Ausflug von Léon Robinson, dessen Braut Madelon, Ferdinand Bardamu und seiner neuen Geliebten, der Polin Sophie, kommt es zu einem Streit. Madelon droht Robinson wegen der Ermordung der alten Frau bei der Polizei anzuzeigen und bei der Rückfahrt im Taxi schießt sie dreimal auf ihn.

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„Reise ans Ende der Nacht“ handelt von einem Verlierertyp, einem feigen und einsamen Antihelden in einer gemeinen, niederträchtigen Gesellschaft, in der die Unterprivilegierten keine Chance haben und die Bürger Anständigkeit heucheln. In dem pikaresken Episodenroman mit grotesken Stationen plädiert Louis-Ferdinand Céline gegen blinden Gehorsam, entlarvt Patriotismus und Kolonialismus, Militarismus und Tapferkeit als falsche Ideale und verhöhnt die Fortschrittsgläubigkeit. Da gibt es keine Hoffnung auf Humanität: „Reise ans Ende der Nacht“ ist ein deprimierendes, verzweifeltes Buch. Umgangssprachliche Elemente tauchen nicht nur in Dialogen, sondern auch im Erzählertext auf. Das schockierte die Leserinnen und Leser der 1932 unter dem Titel „Voyage au bout de la nuit“ veröffentlichten Originalausgabe ebenso wie die Tabubrüche Louis-Ferdinand Célines.

Isak Grünberg (1897 – 1953), ein in Paris lebender österreichischer Journalist, übersetzte den Roman für den Piper Verlag ins Deutsche, aber nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 trat der Verlag von der Veröffentlichung eines antiheldischen Romans zurück und verkaufte sowohl die deutschen Rechte als auch Grünbergs Übersetzung an den Verlag Julius Kittls Nachfolger in Mährisch-Ostrau und Leipzig, der die deutschsprachige Ausgabe im Dezember 1933 herausbrachte. Im Jahr darauf behauptete Isak Grünberg in der Exil-Zeitschrift „Die Sammlung“, der Piper-Verlag habe sich aus dem Vertrag gestohlen und der Kittl-Verlag seine Übersetzung verstümmelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb der Rowohlt-Verlag die Rechte an „Reise ans Ende der Nacht“ und druckte eine leicht überarbeitende Neuauflage (1958). 2005 entdeckte man in Isak Grünbergs Nachlass seine Korrespondenz mit dem Kittl-Verlag – und darin nichts über Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Übersetzung von „Reise ans Ende der Nacht“. Im Gegenteil: Isak Grünberg arbeitete weiterhin eng mit dem Verlag zusammen.

Die allgemein gelobte Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel erschien 2003. „Reise ans Ende der Nacht“ gibt es auch als fünfteiliges Hörspiel (Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel, Bearbeitung: Michael Farin, Regie: Ulrich Lampen, Bayerischer Rundfunk 2008).

Louis-Ferdinand Céline (eigentlich: Destouches) wurde 1894 in Courbevoie als Sohn eines Versicherungsangestellten und einer Spitzenhändlerin geboren. Nach einer Handelslehre meldete er sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst, wurde 1915 verwundet und studierte dann Medizin. 1932 machte er sich mit dem Roman „Reise ans Ende der Nacht“ einen Namen als Schriftsteller. Bei einem Aufenthalt in der Sowjetunion verlor er 1936 seinen Glauben an den Sozialismus. Im Jahr darauf veröffentlichte er das erste von mehreren Pamphleten gegen das Judentum und den Kommunismus. Eine eigene Arztpraxis eröffnete er 1939 in Saint-Germain-en-Laye. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er vorübergehend als Schiffsarzt. 1944 floh er über Deutschland nach Dänemark, wo man ihn eineinhalb Jahre lang einsperrte. Weil er in Frankreich als Kollaborateur galt, verurteilte ihn ein Gericht in Abwesenheit zum Tod. Erst 1951 konnte er aufgrund einer Amnestie in seine Heimat zurückkehren. In Meudon eröffnete er noch einmal eine Arztpraxis. Er starb 1961.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004 / 2015
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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