Raymond Chandler : Englischer Sommer

Englischer Sommer

Raymond Chandler

Englischer Sommer

Originaltitel: English Summer, 1977 Englischer Sommer Übersetzung: Wulf Teichmann Diogenes Verlag, Zürich 1980
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der amerikanische Ich-Erzähler John Paringdon folgt einer Einladung des englischen Ehepaars Edward und Millicent Crandall und besucht die beiden während ihres Sommeraufenthalts in ihrem kleinen Bauernhaus am Ende eines abgelegenen Dorfes namens Buddenham ...
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Kritik

"Englischer Sommer" ist eine düstere, geheimnisvolle und sarkastische Geschichte, die aus dem Nachlass von Raymond Chandler stammt.
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Es war eines jener uralten Bauernhäuser, von denen man sagt, sie seien malerisch, und die die Engländer zum Wochenende oder für einen Monat im Sommer aufsuchen, in einem Jahr, in dem sie sich die Alpen oder Venedig oder Sizilien oder Griechenland oder die Riviera nicht leisten können, in einem Jahr, in dem sie ihren infernalisch grauen Ozean nicht sehen wollen.

So beginnt die Schauergeschichte „Englischer Sommer“ von Raymond Chandler.

Der amerikanische Ich-Erzähler John Paringdon folgt einer Einladung des englischen Ehepaars Edward und Millicent Crandall, das er seit drei Jahren kennt und besucht die beiden während ihres Sommeraufenthalts für ein paar Tage in ihrem kleinen Bauernhaus am Ende eines abgelegenen Dorfes namens Buddenham.

Einmal geht er allein zum See hinunter und rudert ein wenig mit einem Kahn herum. Am Ufer erschreckt ihn eine junge „schrecklich hübsche“ Frau auf einem Rappen, die er gar nicht kommen gehört hat: Lady Lakenham. Wie unter Zwang fasst er sie am Fußgelenk an, und sie beugt sich zu ihm herunter und lässt sich von ihm küssen. Lakeview, das Anwesen von Sir Henry Lakenham und seiner Gemahlin, ist völlig verwahrlost. Ein Gnom nimmt der Lady das Pferd ab, und eine vor sich hin fluchende Alte öffnet ihnen die Tür. Da die kostbare Haupttreppe mutwillig zertrümmert wurde, benützen sie eine Nebentreppe, um in ihr Schlafzimmer hinaufzugehen.

Als John später zu den Crandalls zurückkehrt, fragt Millicent Crandall unvermittelt: „Sie lieben mich nun seit drei Jahren, John, nicht wahr?“ Mit krächzender Stimme gesteht er es. Gleich darauf kündigt er seine Abreise an. Millicent klagt, ihr Mann habe sich mit der „Männerfresserin“ Lady Lakenham getroffen, sei an diesem Morgen mit ihr in Streit geraten und von ihr mit der Reitgerte ins Gesicht geschlagen worden. Während er davon erzählte – so fährt Millicent fort –, habe er ein Glas Brandy nach dem anderen getrunken.

Ungefragt gibt John zu, Landy Lakenham „intim“ zu kennen, doch Millicent Crandall geht nicht darauf ein. „Jetzt bist zu mein“, flüstert sie. „Ganz mein.“ Sie nimmt seinen Kopf und küsst ihn ungeschickt. Dann fordert sie ihn auf, vor seiner Abreise noch einmal im Obergeschoss nach Edward zu sehen. Die Schlafzimmertür steht offen. Edward liegt mit dem Bauch nach unten in seinem Bett. Er scheint seinen Rausch auszuschlafen. Plötzlich bemerkt John das Fehlen eines Geräusches: Edward schnarcht nicht wie ein Betrunkener; überhaupt kein Atemgeräusch ist zu hören.

Aber das war es gar nicht, was mich ins Zimmer gebracht hatte, lautlos, geduckt wie ein Panther, selber den Atem anhaltend. Es war etwas, was ich bereits gesehen, aber noch nicht begriffen hatte. Sein linker Ringfinger. Komisch war das. Er war einen halben Zoll länger als der Mittelfinger daneben; an der Hand, die schlaff auf der Bettdecke hing. Er hätte einen halben Zoll kürzer sein müssen.
Er war einen halben Zoll länger. Die zusätzliche Länge war nichts anderes als ein Eiszapfen geronnenen Blutes.
Es war von weither aus seiner Kehle gekommen, lautlos, unerbittlich, und hatte diesen komischen Eiszapfen da verursacht.
Er war natürlich tot, seit Stunden.

John fragt Millicent nach der Waffe, nimmt den Revolver an sich und rät ihr, die rechte Hand gründlich zu waschen, um die Schmauchspuren zu beseitigen. Nachdem er seinen Kleinwagen im Unterholz versteckt hat, schleppt er seinen Koffer zu Fuß zum Bahnhof und fährt nach London,

wo er sich in einer kleinen, schäbigen Pension in Bloomsbury ein Zimmer nimmt, in der er keine Fragen zu beantworten braucht, am allerwenigsten der „Schlampe, die sich Wirtin nennt“. Als es ihm zu ungemütlich wird, kauft er sich einen Rucksack und wandert nach Devonshire. Erst nach drei Wochen finden sie ihn: Während er in Chagford am Rand von Dartmoor gerade Tee trinkt, tauchen ein Inspektor von Scotland Yard und ein Dorfpolizist bei ihm auf und nehmen ihn mit nach London.

Sie hatten sich reinlegen lassen und sie wussten es, und sie verloren, als gewönnen sie, wie Engländer das immer tun.

Millicent Crandall muss sich vor Gericht verantworten; John sieht sie nicht wieder. Dagegen begegnet er noch einmal Lady Lakenham. Ihrer Beziehung zu einem Assistenten von Scotland Yard hat er es offenbar zu verdanken, dass man ihm den Mord nicht angehängt hat. Sie verabredet sich mit ihm für den übernächsten Abend, und er sagt zu, obwohl er vorhat, am nächsten Morgen aus England abzureisen.

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Buchbesprechng:

„Englischer Sommer“ ist eine düstere, geheimnisvolle und sarkastische Geschichte, die aus dem Nachlass von Raymond Chandler stammt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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