Dorothea Dieckmann : Termini

Termini

Dorothea Dieckmann

Termini

Termini Originalausgabe: Klett-Cotta, Stuttgart 2009 ISBN: 978-3-608-93660-5, 317 Seiten, 21.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Am 30. Juli 1996 fliegt der 35-jährige "Spiegel"-Redakteur Ansgar Weber nach Rom, um über den Priebke-Prozess zu berichten. Er hat aber auch vor, die seit 1974 totgeglaubte deutsche Schriftstellerin Lydia Marin zu interviewen. Das Gespräch nimmt er auf Tonband auf, doch als er die Bänder am nächsten Tag abholen will, ist Lydia Marin nicht mehr da. Am 1. August, dem Tag der Urteilsverkündung, findet er sich statt im Gerichtssaal in den Ardeatinischen Höhlen wieder ...
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Kritik

Die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen in dem ernsten Roman "Termini" von Dorothea Dieckmann, und die Figuren bleiben Schemen, wie die Gespenster aus der Vergangenheit, die hier beschworen werden.
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Am Dienstag, den 30. Juli 1996, fliegt der fünfunddreißig Jahre alte „Spiegel“-Redakteur Ansgar Weber von Hamburg nach Rom, um über die Urteilsverkündung im Fall Erich Priebke zu berichten. Weil er in Fiumicino den falschen Zug nimmt, gerät er in Ostiense in ein unterirdisches Labyrinth, bevor er nach Roma Termini kommt, wo ihn Ellinor Just erwartet, die zweiundzwanzigjährige Tochter seines Ressortleiters Paul Just. Er wohnt bei Beate, die als Kulturkorrespondentin für den „Spiegel“ in Rom gearbeitet hatte, bis sie sich zur Ruhe setzte.

Ansgar hat nicht nur vor, den Schlussakt des Gerichtsverfahrens gegen Erich Priebke zu verfolgen, sondern will auch ein von Ellinor vermitteltes Interview mit der seit Jahren totgeglaubten deutschen Schriftstellerin Lydia Marin alias Lidia Marimpietro führen.

Lydia Marin wurde 1917 in Murnau geboren. Sie studierte in München und Wien. Im „Dritten Reich“ zog sie sich in die innere Emigration zurück. Im Wintersemester 1937 lernte sie in Wien einen Künstler namens Johannes kennen. Mit ihm zusammen verschlief sie die Adolf Hitlers Ansprache am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz. Um mit Johannes zusammen sein zu können, kehrte sie nach München zurück, und er vermittelte ihr Drehbucharbeiten bei der Bavaria, aber die Beziehung zerbrach wegen einer anderen Frau. 1954 zog sie nach Rom. Nach einem psychischen Zusammenbruch lebte sie von 1956 bis 1958 bei ihrem jüngeren Bruder in München. Einige Zeit pendelte sie zwischen Rom und München. Damals war der Arzt und Maler Arturo Caianiello ihr Liebhaber. Er starb 1970. Im Jahr darauf erschien Lydia Marins letztes Buch: „Kein Ende“. 1974 täuschte sie in der Nähe von L’Aquila in den Abruzzen einen tödlichen Absturz vor. Seither verbarg sie sich in Rom.

Nun ist die Neunundsiebzigjährige bereit, Ansgars Fragen zu beantworten. Er besucht sie am zweiten Tag seines Aufenthalts in Rom und zeichnet das Gespräch auf. Lydia Marin will die Aufnahme noch einmal allein hören und schlägt Ansgar vor, das Gerät mit den Bändern am nächsten Vormittag abzuholen.

Vor dem Gebäude, in dem der Priebke-Prozess stattfindet, wird Ansgar von Carabinieri aufgehalten, bis ihm seine Dolmetscherin Tiziana Volpe zu Hilfe kommt.

Als Ansgar am 1. August zu Lydia Marin geht, hängt ein Zettel an der Tür, er möge am Nachmittag wiederkommen. Frustriert besucht er Ellinor und schläft mit ihr. Sie verrät ihm, dass sie sich bereits mit siebzehn in ihn verliebt habe. Am Nachmittag schaut er nochmals bei Lydia Marin vorbei, trifft sie jedoch wieder nicht an. Ein kleiner Junge namens Daniele zeigt ihm in der Mülltonne die benutzten Tonkassetten. Lydia Marin hat sie zerbrochen und die Bänder herausgerissen.

Daraufhin begibt Ansgar sich zur Piazza Navona, wo ihn am Vorabend Gianluca Di Cesare, einer der Gäste einer Party bei Beate, mit einem aus Deutschland stammenden Hellseher namens Walter Haymon bekannt machte.

Im Alter von sechs Jahren erfuhr Walter Haymon 1948, dass die Russen seinen Vater Otto im Krieg erschlagen hatten. Zuflucht vor seinem gewalttätigen Stiefvater suchte Walter bei seiner vier Jahre älteren Schwester Magdalene, doch als er sechzehn war und wieder einmal zu ihr ins Bett wollte, beendete sie das inzestuöse Verhältnis und warf ihn hinaus. Sie sei jetzt verlobt, behauptete sie. Im Sommer 1972 lernte Walter in Hildesheim durch die Prostituierte Natasza deren Stammfreier Andrzej kennen, einen polnischen Theologiestudenten. Kurz darauf lud er ihn zur Feier seines dreißigsten Geburtstages ein. Andrzej wunderte sich nicht weiter darüber, dass er der einzige Gast war und ging mit Walter ins Bett. Zwei Jahre später bestand Andrzej darauf, an der Gregoriana in Rom weiterzustudieren. Walter ging mit, handelte mit Pornos und Morphium und wurde Tarot-Kartenleger auf der Piazza Navona. Um Andrzej dem schlechten Einfluss zu entziehen, bot man ihm ein Zimmer im deutschen Priesterkolleg an. Walter tobte – und stürzte seinen Engel Andrzej aus einem Fenster.

Walter drängt Ansgar, ihn ins Restaurant „Tre Fontane“ einzuladen. Dadurch versäumt der Journalist die Urteilsverkündung. Seltsamerweise weiß Walter nicht nur, dass er über den Priebke-Prozess berichten sollte, sondern auch von dem gescheiterten Interview mit Lydia Marin.

Nach dem Essen nimmt er Ansgar auf seiner Vespa mit zur Via Appia Antica und setzt ihn vor den Ardeatinischen Höhlen ab. Eine schwarz gekleidete Alte klammert sich an Ansgar, lockt ihn keifend in die Gedenkstätte. Er versteht etwas von einem Verlobten, der bei dem Massaker umkam. Plötzlich geht sie wie eine Furie auf ihn los. Scheinwerfer flammen auf. Fernsehkameras werden auf Ansgar und die schreiende Greisin gerichtet. Der Journalist Settimo Basaldella erklärt ihm, die Alte wohne hier gewissermaßen und ziehe ihre Nummer vor Touristen durch, um Geld zu bekommen. Diesmal sei sie offenbar von Fernsehleuten im Voraus bezahlt worden. Als die Reporter herausfinden, dass es sich bei Ansgar um einen „Spiegel“-Redakteur handelt, fragen sie ihn vor laufenden Kameras, was er zum Freispruch Erich Priebkes zu sagen habe. Ansgar muss zugeben, dass er das Urteil noch gar nicht kannte. Er flieht vor den Kameras. Als er sich in einer Nebenhöhle verstecken will, wird er unfreiwillig Zeuge von Pornoaufnahmen. Offenbar haben sich der Regisseur, der Kameramann sowie die Darsteller Leila und Luigi von den Fernsehleuten einschleusen lassen. Luigi entdeckt Ansgar, und der Regisseur schlägt ihn nieder. Es ist dunkel, und die Ardeatinischen Höhlen sind geschlossen, als Ansgar zu sich kommt. Japanische Touristen finden ihn am nächsten Morgen.

Ein Touristenbus aus Apolda nimmt ihn mit in die Stadt, doch in den Straßen von Rom ist kein Durchkommen, denn die Einheimischen demonstrieren gegen Erich Priebkes Freispruch. Ansgar geht zu Fuß weiter.

In seinem Zimmer bei Beate liegt das bei Lydia Marin zurückgelassene Tonbandgerät auf seiner Reisetasche. Als er nackt aus der Dusche kommt, steht Ellinor am Fenster. Sie weiß bereits, dass die Tonbänder kaputt sind und behauptet, die Schriftstellerin habe wegen eines Todesfalls fort gemusst. Beate sei wegen der Krawalle in Rom aufs Land gefahren.

Um sich an Walter zu rächen, steckt Ansgar ein Küchenmesser ein und lässt sich von einem Kellner an der Piazza Navona die Adresse des Hellsehers aufschreiben. Vor dem angegebenen Haus stehen Streifenwagen und Schaulustige. Ansgar bildet sich ein, Walter bereits erstochen zu haben.

Ansgar blieb stehen. Da, er hatte es. Die Nacht! Der Albtraum von den Höhlen. Ungeheure Klarheit. Er hatte sich dem Kartenleger ausgeliefert: das Inferno am Campingtisch, im Restaurant. Sobald Walter Bescheid wusste, hatte er Ansgar zu den Fosse Ardeatine gebracht und ihn den Fernsehleuten übergeben, damit sie sein Versagen im Fall Priebke aufdeckten. Der Mörder der Fosse Ardeatine ist frei. Weiter als bis zu diesen Höllenhunden, in die Maske und vors Mikrofon war er nie gekommen. Dort endete die Wirklichkeit, und das Delirium begann. Nach seinem Offenbarungseid vor den Kameras war er zusammen mit Walter auf dem Motorroller zurückgekehrt. Erst hier, in der Nummer 143, hatte der wilde Gang in die Höhlen begonnen. hatte er nicht schon gewusst, dass der Zauberer im obersten Stock wohnte? Alles andere, das ganze Gekrieche und Gestolpere mit einem Feuerzeug (wo war es denn, dieses Feuerzeug?) durch irgendwelche unterirdischen Gänge: Was war das anderes als der Wahnzustand eines Mörders während der Tat, nach der Tat?
In Wahrheit hatte er im Viale di Trastevere, in diesem Haus sein eigenes, grausiges kleines Inferno erlebt […] Dann war er abgehauen. Nicht in den Katakomben, sondern in der Stadt war er die ganze Nacht umhergeirrt, bis er wieder an der Stelle landete, wo er sich an dem Kartenleger gerächt hatte: hier, jetzt. (Seite 304f)

In dem Leichenwagen, mit dem der Ermordete weggebracht wird, sieht Ansgar Lydia Marin sitzen.

Er nimmt ein Taxi. Weil er nur „Ostiense“ sagt, statt „Stazione Ostiense“, setzt ihn der Taxifahrer falsch ab, und er muss sich mühsam den Weg zu den Zügen suchen, die nach Fiumicino fahren. Noch hat er die Wahl, nach Rom zurückzukehren oder nach Hamburg zu fliegen.

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„Termini“ ist keine einfache Lektüre, nicht zuletzt, weil die Darstellung spröd ist und es keine Identifikationsfigur gibt. Dorothea Dieckmann stellt die Figuren nicht vor, und wir erfahren kaum mehr als deren Namen. Sie bleiben Schemen, wie die Gespenster aus der Vergangenheit, die hier beschworen werden. Die Grenzen zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit sind in dem ernsten, unergründlichen Roman „Termini“ nicht immer klar auszumachen.

Nicht nur der Reporter aus Deutschland verirrt sich immer wieder in dieser Fülle von Informationen und Anspielungen, auch als Leser lässt man sich gerne von diesem verwirrenden aber zielstrebigen Strom der Erzählung in unbekannte Gefilde entführen […]
Hatte es lange den Anschein, als würde der kritische Impetus des Romans sich im Labyrinth des phantastisch ausfasernden Erzählfadens verlieren, so zeigt sich am Ende gerade darin die Moral von der Geschichte. (Ulrich Baron, Süddeutsche Zeitung,9. März 2010)

Dorothea Dieckmann wurde am 18. Dezember 1957 in Freiburg im Breisgau geboren. Sie studierte Literatur und Philosophie. Wir kennen sie als Essayistin, Literaturkritikerin und Schriftstellerin.

Dorothea Dieckmann: Bibliografie (Auswahl)

  • Unter Müttern. Eine Schmähschrift (Berlin 1993)
  • Kinder greifen zur Gewalt (Essay, Hamburg 1994)
  • Wie Engel erscheinen (Hamburg 1994)
  • Die schwere und die leichte Liebe (Novelle, Berlin 1996)
  • Belice im Männerland. Eine wahre Geschichte (Berlin 1997)
  • Damen & Herren (Stuttgart 2002)
  • Sprachversagen (Essay, Graz / Wien 2002)
  • Guantánamo (Stuttgart 2004)
  • Harzreise. Eine Erzählung (Frankfurt/M 2008)
  • Termini (Stuttgart 2009)
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009 / 2010
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Erich Priebke (Kurzbiografie)
Das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen

Dieter Gräbner, Stefan Weszkalnys - Der ungehörte Zeuge
Dieter Gräbner und Stefan Weszkalnys halten Kurt Gerstein für einen Widerstandskämpfer, einen "Spion im Lager der Mörder", und begründen dies mit einer Reihe von Argumenten. Zugleich werfen sie der Kirche und den Alliierten vor, trotz frühzeitigen Wissens über den Holocaust geschwiegen zu haben.
Der ungehörte Zeuge

Dieter Gräbner, Stefan Weszkalnys

Der ungehörte Zeuge

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