Saskia Fischer : Ostergewitter

Ostergewitter

Saskia Fischer

Ostergewitter

Ostergewitter Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Berlin 2012 ISBN: 978-3-518-42280-9, 196 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

An Ostern besucht die Doktorandin Aleit ihre Mutter. Als sie den Eindruck hat, ihr Stiefvater habe sich an ihre fünfjährige Tochter herangemacht, fährt sie sofort nach Hause, obwohl sie gerade drei epileptische Anfälle erlitt. Am Dienstag geht sie deshalb zum Arzt, und nach einem weiteren Anfall wird sie ins Krankenhaus gebracht. Aufgewühlt durch die aktuellen Erlebnisse, wird sie von Erinnerungen an ihre unglückliche Kindheit und Jugend heimgesucht ...
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Kritik

Die Rahmenhandlung des Romans "Ostergewitter" umspannt eine Woche in der Gegenwart. Aber was Saskia Fischer eigentlich darstellt, sind die Erinnerungen, die sich der traumatisierten, zornigen, mitunter auch sarkastischen Ich-Erzählerin aufdrängen.
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Am Ostersonntag besucht die Doktorandin Aleit mit ihrem Lebensgefährten, dem Grafiker Christian, und ihrer fünfjährigen Tochter Amina die Mutter und den Stiefvater, den sie nur „Feindtling“ nennt. Auf dem Sofa liegend kommt sie zu sich und erfährt, dass sie am Tisch einen epileptischen Anfall hatte. Ihre Mutter meint, das sei auf das genetische Material der Familie von Aleits Vater Michael zurückzuführen. Sobald Aleit sich einigermaßen erholt hat, wollen sie und Christian mit Amina vorzeitig nach Hause fahren, aber im Auto erleidet Aleit einen weiteren Anfall, und sie übernachten deshalb bei Aleits Mutter und Feindtling.

Sie sind noch da, als Aleits sieben Jahre jüngere, bei der Stadtverwaltung beschäftigte Halbschwester Hendrikje „Rikje“ am nächsten Tag mit ihrem Lebensgefährten Marcel Neumann im weißen Roadster mit offenem Verdeck vorfährt. Nach einem gemeinsamen Spaziergang essen sie.

Als Aleit am Nachmittag nach Amina sucht, findet sie das Kind in Feindtlings Schlafzimmer.

Ich reiße die Tür auf, Amina sitzt in Feindtlings Bett, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die nackten Beine ausgestreckt im rechten Winkel über denen Feindtlings, der unter einer Wolldecke liegt, seine Hände sind im Nacken verschränkt, auf ihrem Schoß ein aufgeklappter, bunter Laptop, ein Kinderlerncomputer; das Außenrollo ist zur Hälfte heruntergelassen, die Innenjalousie ganz unten, die Lamellen, ohnehin schwarz, auf Dunkel gekippt; Amina lachend, das hat mir Opa geschenkt, sagt sie, aus dem Romalager; im Fernsehen wackeln Frauen mit ihren Brüsten und Popacken, lediglich stringtangabekleidet […] eine erste Anbahnung ist das, ein Austesten, was geht hier vor!, brülle ich in Feindtlings Richtung, und Amina zuckt zusammen, klemmt den Kopf zwischen ihre kleinen Schultern und fängt zu weinen an […]

Aleit reist sofort mit Amina ab. Obwohl es wegen des Risikos, einen erneuten Anfall zu erleiden, nicht ungefährlich ist, fährt sie zu Rikje, um Christian dort abzuholen.

Am Dienstag nach Ostern lässt Aleit sich von einem Neurologen untersuchen. Der überweist sie an eine Radiologie-Praxis.

Emotionalen Stress vermeiden, sagt er, in jedem Fall Alkohol und Schlafmangel, Überkopfarbeiten in der Höhe, Blitzlicht und Stroboskopeffekte, Bildschirmtätigkeit einschränken. Ruhen Sie sich in jeder Hinsicht aus. Ach so, absolutes Fahrverbot. Brauchen Sie ein Attest?

Durch die aktuellen Erlebnisse aufgewühlt, wird Aleit von ihren Erinnerungen heimgesucht.

Sie wurde am 17. November [1971] in Schlema geboren. Nach der Entbindung erhielt die Mutter ein Medikament, das den Milcheinschuss unterdrückte; die Schwestern banden ihr die Brüste hoch und kühlten sie.

Als ich, sechs Wochen alt, aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war ich bereits gewöhnt an Mutterlosigkeit und streng durchrhythmisierte Wach- und Schlafzeiten, im Sinne dieser heruntergebrochenen Logik perfekt vorbereitet auf die Krippe.

Aleit war noch ein Kind, als die Eltern sich scheiden ließen. Ihr Vater Michael galt in der DDR wegen seiner Kirchennähe als Außenseiter, sein Sohn aus zweiter Ehe lehrt inzwischen evangelische Theologie, und dessen Schwester wurde Organistin und Kantorin.

An den Wochenenden schob die Mutter sie zu den Großeltern Frieda und Karl in Schneeberg ab. Aleit gewann den Eindruck, ungewollt zu sein. Wenn die Mutter das Kind bestrafen wollte, prügelte sie es mit einem Pantoffel auf den Po.

[…] als ich noch mit Mutter allein lebte, versuchte sie, wenn sie es abends eilig hatte, um zurück zu ihren Gästen ins Wohnzimmer zu kommen oder auszugehen, mir die Gutenachtgeschichte schlecht zu machen, indem sie sie auf fünfzehn Sekunden verkürzte und verhunzte; der Wolf sagte sie, geht heute zum Bockwurststand, statt wieder so lang nach den Geißlein zu suchen; ich protestierte, aber der Bus oder das hupende Auto, die durstigen Freunde, alles zog stärker an ihr als mein Dackelblick.

Als die Mutter mit einem Koch zusammenlebte, wurde Aleit gezwungen, Rinderleber und -hirn zu essen, obwohl sie sich davor ekelte. Bei den Großeltern brauchte sie das nicht. Da bestand auch ihre Mutter nicht darauf, sondern fügte sich den Anordnungen ihrer Eltern. Als der Koch sich immer häufiger betrank [Alkoholkrankheit] und das Kind verprügelte, drohte Oma Frieda, es dem Jugendamt zu melden und der Mutter das Sorgerecht entziehen zu lassen. Daraufhin trennte diese sich von dem Kerl.

Im Alter von knapp sechs Jahren wurde Aleit in Meißen von einem Auto angefahren und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma.

Als die Mutter mit Rikje schwanger war, heiratete sie Feindtling, denn dadurch konnte sie von einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Kohleofen in eine Drei-Zimmer-Neubauwohnung mit Zentralheizung umziehen.

Die Mutter stellte schließlich für sich und die beiden Mädchen Rikje und Aleit einen Ausreiseantrag.

Schon vor dem Ausreisegesuch lief nichts mehr zwischen ihnen [Mutter und Feindtling]. Feindtling ging mit der Nachbarin aus dem ersten und dem dritten Stock fremd, je nachdem, wer gerade Zeit hatte. Ich hatte den Auftrag, ihm auf Strümpfen zu folgen. Mutter ging nie fremd, aber nachts mit einem langen Küchenmesser auf ihn los. Sie schrie wie am Spieß.

Ein Stasi-Oberst machte ihr klar, dass Rikje nicht mit ihr ausreisen dürfe, sondern beim Vater bleiben müsse. Daraufhin zog die Mutter den Ausreiseantrag zurück. Ein Jahr später stellten sie und ihr Mann erneut einen, diesmal gemeinsam.

Vorübergehend konnten sie [1986] bei einer Tante im Rheinland wohnen. Rikje ging damals in die zweite Klasse. Aleit, die bereits 15 war, galt in der Schule schon wegen ihrer aus der DDR stammenden Kleidung als Außenseiterin. Ihre schulischen Leistungen brachen ein. Feindtling, der im Erzgebirge im Bergbau gearbeitet hatte, fand eine Stelle im Aachener Steinkohlenrevier und wurde später Hausmeister. Seine Frau fand Arbeit als Betriebskrankenschwester in einer Schokoladenfabrik, und als die Stelle wegrationalisiert wurde, erhielt sie eine Frührente wegen Erwerbsunfähigkeit.

Als die Mutter mit Aleit in einem Baumarkt Lichtschalter kaufen wollte, aber sich keinen Dimmer leisten konnte, stahl die Tochter einfach einen. Das feierte die Mutter zu Hause mit einer Flasche Sekt. Jetzt wusste Aleit, was sie tun musste, um von ihrer Mutter anerkannt zu werden. Sie stahl, bis eines Tages ein Streifenwagen vor dem Haus hielt. Zum Glück fanden die beiden Polizisten nur einen Bruchteil des von Aleit gehorteten Diebesguts. Die Mutter weinte und wies darauf hin, dass das Kind in einer maroden Planwirtschaft aufgewachsen sei und sich in der florierenden Marktwirtschaft erst zurechtfinden müsse.

Ich wusste nie, was ich werden wollte, ein Medizinstudium kam nicht in Frage; Mutter, Großmutter, zwei Tanten, allesamt Krankenschwestern, ich hätte als Ärztin hierarchisch und vor allem finanziell über ihnen gestanden, vor allem über Mutter, was sie nicht mit Stolz erfüllt hätte, sondern mit Neid.

Nach der Schule jobbte Aleit erst einmal 40 Wochen lang als Aushilfe in der Schokoladenfabrik. Zwischendurch ging sie zu einem Vorsprechen, aber man sagte ihr, sie sei als Schauspielerin ungeeignet, das Körpergefühl fehle ihr, und einer der Herren meinte geradewegs, die sei frigid. Schließlich zog sie in eine andere Stadt und studierte Geschichte.

Als sie ihrer Mutter am Telefon erzählte, Feindtling habe sie missbraucht, glaubte ihr die Mutter nicht, und Feindtling beteuerte, Aleit lüge, übertreibe zumindest. Er beschuldigte sie vielmehr, ihn als 17-Jährige verführt zu haben. Aleit beharrte darauf, dass der Stiefvater sie ab dem 12. oder 13. Lebensjahr missbraucht habe. Daraufhin warf die Mutter ihr vor, sie wolle die Familie zerstören und habe das Destruktive von ihrem Vater geerbt. Sie wollte auch nicht glauben, dass ihr Mann sie in der DDR mit Nachbarinnen betrogen hatte, obwohl Aleit Namen und Stockwerke nannte.

Durch Kollegen bei der Zeitung, wo Aleit als Volontärin jobbte, lernte sie den Grafiker Christian kennen, dessen Freundin gerade die Beziehung mit ihm nach fünf Jahren beendet hatte. Sie leben zusammen, aber Aleit fasst Christian nicht an und wischt sich reflexartig den Mund ab, wenn es ihm gelingt, sie zu küssen, weil sie den Kopf nicht schnell genug wegdrehte.

Am Mittwoch nach Ostern ruft Aleit den Leiter der Schule an, in der Feindtling als Hausmeister tätig ist. Sie berichtet ihm, dass ihr Stiefvater sie als Kind und Jugendliche missbrauchte. Einmal wurde er beschuldigt, eine türkische Reinigungskraft sexuell belästigt zu haben, aber der Ehemann der Frau zog die Anzeige am Ende zurück. Es hieß, es habe sich um ein Missverständnis aufgrund kultureller Unterschiede gehandelt. Der Schulleiter kommt auf Feindtlings Neigung zu sprechen, Grenzen zu ignorieren. Er halte sich beispielsweise nicht an das Rauchverbot, sagt er. Aleit weist ihn auch noch darauf hin, dass Feindtling Schusswaffen besitzt. Das Telefongespräch verläuft für Aleit enttäuschend, denn der Rektor sichert ihr nur zu, er werde seiner Pflicht nachkommen und die Bezirksregierung informieren. Sie bedauert es, ihren Stiefvater nicht angezeigt zu haben, als der Missbrauch noch nicht verjährt war. Immerhin ruft bald darauf der Bürgermeister an. In Bezug auf den Missbrauch lasse sich nichts mehr unternehmen, sagt er, aber als Arbeitgeber in allen schulamtlichen Belangen werde er Feindtling in Frühpension schicken.

Noch am selben Tag bricht Aleit im Badezimmer erneut zusammen. Christian lässt sie ins Krankenhaus bringen. Das Einnässen, die Zyanose, Zungen- und Wangenbisse sowie ein zehnfach erhöhter Kreatinkinasewert sind tatsächlich Symptome eines epileptischen Anfalls. Aber die Ärzte wollen noch eine CT und ein EEG nach Schlafentzug sehen.

Im Krankenhaus beschließt Aleit, ihre Dissertation über Diktatoren abzubrechen.

Am Freitag ruft ihre Mutter an. Die Polizei sei dagewesen, sagt sie, habe Feindtlings Schusswaffen sichergestellt und ihn zur Vernehmung mitgenommen. Aufgrund der fristlosen Kündigung müssen sie die Hausmeisterwohnung räumen. Die Mutter versteht nicht, warum Aleit sich nach so vielen Jahren an ihrem Stiefvater zu rächen versucht. Dass er Amina am Ostermontag in sein Zimmer lockte, will sie nicht wahrhaben.

Aufgebrachter noch als die Mutter ist Rikje; sie hält ihre Halbschwester für gemein.

Ich glaub es nicht, schreit sie wieder, du hast ja wirklich alles genau durchdacht und geplant, ich dachte, du wärst verrückt geworden, die totale neuronale Katastrophe, anstaltsreif sozusagen, aber nein, du bist auf nichts als Rache aus, du, mit deiner schlimmen Kindheit, dem ganzen eingebildeten Zeug, den Schlägen und Vergewaltigungen, weißt du, du gehörst einfach nicht zur Familie, das hast du noch nie, niemand aus meiner Familie würde so etwas jemals tun, du bist und bleibst von diesem Michael-Schlag, also verschwinde dorthin zurück.

Als Christian erzählt, er sei mit Amina, ihrer Freundin Emilia und deren Mutter Kathleen im Tierpark und in einer Pizzeria gewesen, mutmaßt Aleit, dass er sie mit Kathleen betrügt. Vielleicht übernachtete nicht nur Amina bei Emilia und Kathleen.

Auf eigenes Risiko verlässt Aleit das Krankenhaus vorzeitig am Sonntag nach Ostern.

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Der Titel „Ostergewitter“ bezieht sich auf epileptische Anfälle der Ich-Erzählerin während eines Osterbesuchs bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater. Aleit lässt sich am Dienstag nach Ostern medizinisch untersuchen und wird nach einem weiteren Anfall am nächsten Tag ins Krankenhaus gebracht. Das verlässt sie am vierten Tag auf eigenes Risiko. Die Rahmenhandlung umspannt also den Zeitraum vom Ostersonntag bis zum folgenden Sonntag, und die Kapitel sind mit den Namen der einzelnen Wochentage überschrieben.

Aber was Saskia Fischer eigentlich darstellt, sind die Erinnerungen, die sich der Protagonistin aufdrängen. Aleit erinnert sich an ihre Kindheit in der DDR, in der sie das Gefühl hatte, ungewollt zu sein, an die zerrüttete zweite Ehe ihrer Mutter, den Missbrauch durch ihren Stiefvater und die Übersiedlung ins Rheinland.

Eine Handlung im engeren Sinn gibt es in „Ostergewitter“ nicht; stattdessen hat Saskia Fischer den Roman aus assoziativ verknüpften Episoden komponiert. Vieles bleibt ungesagt, nichts wird explizit erklärt und manches erschließt sich auch bei sorgfältigem Lesen nicht. Verfasst wurde „Ostergewitter“ von einer verletzten und zornigen, mitunter auch sarkastischen Frau in einer harten, schnörkellosen Sprache. Entsprechend düster ist die Atmosphäre.

Der NDR zitiert Saskia Fischer mit den Worten: „Dieser Roman ist zutiefst autobiografisch. Ihn zu schreiben ist eigentlich wie beim Psychiater auf der Couch gewesen.“ Aber wir wissen nicht, was an „Ostergewitter“ fiktiv ist und was nicht. Die Protagonistin Aleit wurde wie die Autorin 1971 in Schlema im Erzgebirge geboren (am 1. September, nicht am 17. November) und kam mit ihrer Familie als 15-Jährige in den Westen. Allerdings studierte Saskia Fischer nicht Geschichte, sondern immatrikulierte sich nach dem Abitur am Gymnasium in Übach-Palenberg in Nordrhein-Westfalen 1992 an der Ruhr-Universität Bochum für Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. 1995 brach sie das Studium ab. 2005 zog sie nach Berlin.

1996 erhielt die Lyrikerin Saskia Fischer den Düsseldorfer Dichterpreis. „Ostergewitter“ ist ihr Debütroman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Julia Albrecht / Corinna Ponto - Patentöchter
Julia Albrecht und Corinna Ponto zeigen in den von ihnen abwechselnd geschriebenen Kapiteln, wie sie auf den für beide traumatischen Terroranschlag am 30. Juli 1977 reagierten. Dabei ergänzen sich die beiden Perspektiven.
Patentöchter

Julia Albrecht / Corinna Ponto

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