Gaito Gasdanow : Nächtliche Wege

Nächtliche Wege
Manuskript: 1941 Originalausgabe: Tschechow Verlag, New York 1952 Nächtliche Wege Übersetzung: Christiane Körner Carl Hanser Verlag, München 2018 ISBN: 978-3-446-25811-2, 286 Seiten ISBN: 978-3-446-26064-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bei dem namenlosen Ich-Erzähler in "Nächtliche Wege" handelt es sich um einen jungen russischen Emigranten um 1930 in Paris. Anfangs belud er Frachtkähne und wusch Lokomotiven. Inzwischen sitzt er vor allem nachts hinter dem Lenkrad eines Taxis, um Geld zu verdienen. Er nutzt das aber auch, um Menschen zu beobachten, nicht nur Fahrgäste, sondern außerdem Gäste in einem Café, in dem er sich zwischendurch an die Theke stellt, um ein Glas Milch zu trinken ...
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Kritik

Gaito Gasdanow entwickelt in "Nächtliche Wege" keine Roman­handlung, sondern reiht skizzierte Miniaturen über Personen an­einan­der. Die subjektiven Beobachtungen des Ich-Erzählers veranschaulichen die Vergeblichkeit, der menschlichen Existenz einen Sinn geben zu wollen.
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Inhaltsangabe und Buchbesprechung:

Bei dem namenlosen Ich-Erzähler in „Nächtliche Wege“ handelt es sich um einen jungen russischen Emigranten um 1930 in Paris. Anfangs belud er Frachtkähne und wusch Lokomotiven. Inzwischen sitzt er vor allem nachts hinter dem Lenkrad eines Taxis, um Geld zu verdienen. Er nutzt das aber auch, um Menschen zu beobachten, nicht nur Fahrgäste, sondern außerdem die Gäste in einem Café, in dem er sich zwischendurch an die Theke stellt, um ein Glas Milch zu trinken.

Meine chronische Neugier war es, die mich dorthin trieb, und ich durchstreifte viele Male die Pariser Viertel, in denen diese furchtbare Armut und dieses menschliche Aas zu Hause waren; ich lief durch das schmale mittelalterliche Gässchen zwischen Boulevard de Sébastopol und Rue Saint-Martin, wo unter dem Glasvordach eines schäbigen Hotels tagsüber eine Laterne brannte und eine Prostituierte mit lila Gesicht und räudigem Pelz um den Hals auf der Schwelle stand; ich war auf der Place Maubert, wo sich die Zigarettenstummelsammler und Clochards der ganzen Stadt trafen, die sich alle paar Minuten den ungewaschenen Leib kratzten, der durch das unwahrscheinlich schmutzige Hemd zu sehen war; ich war in der Gegend von Ménilmontant, Belleville, Porte de Clignancourt, und mein Herz krampfte sich zusammen vor Mitleid und Ekel. Doch vieles, was ich weiß und wovon die Hälfte ausreichen würde, um mehrere Menschenleben für immer zu verseuchen, wüsste ich nicht, wenn ich nicht Taxifahrer hätte werden müssen. Vorher war ich allerdings Arbeiter gewesen, dann Student, dann Angestellter, dann unterrichtete ich Russisch und Französisch, und erst nachdem sich herausgestellt hatte, dass diese Tätigkeiten mir rein gar nichts nutzten, wies ich meine Kenntnis der Pariser Straßen nach, legte die Fahrprüfung ab und erhielt die erforderlichen Papiere.

Der Taxifahrer versucht, die Menschen einzuschätzen; er denkt über sie nach und wird dadurch zugleich zu einer Selbstbefragung angeregt. Die „nächtlichen Wege“ führen also nicht zuletzt durch das eigene Ich.

Rasch lernt er, dass man niemandem trauen kann.

Ich erinnere mich, wie ich am Anfang meiner Chauffeurstätigkeit einmal am Trottoir bremste, aufmerksam geworden durch das Stöhnen einer recht anständigen Dame von vielleicht fünfunddreißig Jahren mit geschwollenem Gesicht, sie lehnte an einem Prellpfosten, stöhnte und machte mir Zeichen; als ich herangefahren war, bat sie mich stockend, sie ins Hospital zu bringen; sie habe das Bein gebrochen. Ich hob sie hoch und legte sie ins Automobil; doch als wir angekommen waren, weigerte sie sich zu zahlen und erklärte dem Mann im weißen Kittel, der herausgekommen war, ich hätte sie mit dem Auto angefahren, und sie habe sich das Bein gebrochen, als sie daraufhin gestürzt sei. Und ich büßte nicht nur mein Geld ein, sondern riskierte auch noch, der so genannten unvollendeten fahrlässigen Tötung beschuldigt zu werden. Zum Glück begegnete der Mann im weißen Kittel ihren Worten mit Skepsis, und ich machte mich aus dem Staub. Und wenn mir späterhin Leute Zeichen machten, die neben einem auf dem Trottoir ausgestreckten Körper standen, trat ich nur stärker aufs Gas, fuhr weiter und dachte nicht daran anzuhalten. Der Herr im hocheleganten Anzug, der aus dem Hotel Claridge kam und den ich zur Gare de Lyon fuhr, gab mir hundert Franc, ich hatte kein Wechselgeld; er sagte, er werde den Schein drinnen wechseln, ging fort – und kam nicht wieder; es war ein respektabler, grauhaariger Herr mit einer guten Zigarre, der an einen Bankdirektor erinnerte; durchaus möglich, dass er wirklich einer war.

Gaito Gasdanow entwickelt in „Nächtliche Wege“ keine Romanhandlung, sondern reiht skizzierte Miniaturen über Personen aneinander. Die episodische Erzählweise spiegelt das Taxifahren, die rasch wechselnden flüchtigen Begegnungen. „Nächtliche Wege“ wirkt wie eine Collage.

Die Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken des melancholischen, entwurzelten, innerlich zerrissenen Ich-Erzählers sind zwar illusionslos, aber subjektiv, und die Auswahl der Figuren repräsentiert nicht die ganze Gesellschaft, sondern vor allem die Halbwelt. „Nächtliche Wege“ veranschaulicht die Vergeblichkeit, der menschlichen Existenz einen Sinn zu geben. Ein Beispiel dafür ist das groteske Porträt einer Café-Besitzerin.

Jede Nacht, von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens, saß die Besitzerin des Cafés, das mehrere Millionen wert war, in eigener Person an der Kasse. Dreißig Jahre lang schlief sie tagsüber und arbeitete nachts; tagsüber vertrat sie ihr Mann, ein ehrbarer Alter in gutem Anzug. Sie hatten keine Kinder, anscheinend nicht einmal nahe Verwandte, und widmeten ihr ganzes Leben dem Café, wie andere ihr Leben der Wohltätigkeit, dem Dienst an Gott oder einer Beamtenlaufbahn widmen; sie fuhren nie weg, machten nie Urlaub. […] Sie besaß schon längst ein riesiges Vermögen, konnte jedoch das Arbeiten nicht lassen. Äußerlich glich sie einer liebenswerten Hexe. Ich unterhielt mich mehrere Male mit ihr, und einmal wurde sie zornig auf mich, weil ich sagte, ihr Leben sei im Grunde ebenso vergeudet wie das von M. Martini. „Wie können Sie mich mit diesem Alkoholiker vergleichen?“, und mir fiel mit einiger Verspätung ein, dass nur die allerwenigsten Menschen – vielleicht einer von hundert – imstande sind, ein halbwegs unparteiisches Werturteil anzuerkennen, vor allem, wenn es sie persönlich betrifft. Madame Duval selbst betrachtete ihr Leben als abgeschlossen und von einem bestimmten Sinn erfüllt – und in gewisser Hinsicht hatte sie recht, es war wirklich abgeschlossen und in seiner kompletten Zwecklosigkeit sogar vollendet. Was immer man hätte unternehmen können, jetzt war es zu spät. Doch das hätte sie nie eingesehen.

Das Buch endet mit den Sätzen:

Und auf dem Heimweg in der Morgendämmerung dachte ich an die nächtlichen Wege und an die dumpf verstörende Bedeutung dieser letzten Jahre, an Raldys und Wassiljews Tod, an Alice, an Suzanne, an Fedortschenko, an Platon, an jenen stummen und gewaltigen Luftstrom, der meinen Weg durch dieses unheilvolle und phantastische Paris gekreuzt hat und groteske und mir fremde Tragödien mit sich führte, und ich verstand, dass ich von nun an alles mit anderen Augen sehen würde; und wie ich auch leben und was das Schicksal auch für mich bereithalten würde, immer läge hinter mir, wie eine verbrannte und tote Welt, wie dunkle Ruinen zusammengestürzter Gebäude, als starre und schweigende Mahnung diese fremde Stadt in einem fernen und fremden Land.

Gaito Gasdanow verarbeitete in „Nächtliche Wege“ seine persönlichen Eindrücke als nächtlicher Taxichauffeur in Paris. Christiane Körner schreibt im Nachwort: „Die zentralen Figuren haben, kaum verhüllt, bekannte reale Vorbilder: Die Lebedame Jeanne Baldy wurde bei Gasdanow zu Jeanne Raldy, der Clochard Sokrates zu Platon.“

1936 verließ Gaito Gasdanow die Metropole. An der Riviera begegnete er Fanni Gawrischewa aus Odessa, mit der zusammen er ein neues Leben anfing.

1939/40 begann die russische Emigrantenzeitschrift „Sovremennye zapiski“ in Paris mit der Veröffentlichung von „Nächtliche Wege“, aber als die Deutschen in Frankreich einmarschierten, stellte die Redaktion ihre Tätigkeit im April 1940 ein. Gaito Gasdanow arbeitete noch bis 1941 am Manuskript. 1952 erschien „Nächtliche Wege“ vollständig, und zwar im Tschechow-Verlag in New York.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Gaito Gasdanow (kurze Biografie)

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf
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V. S. Naipaul - In einem freien Land
Die unter dem Titel "In einem freien Land" zusammengefassten Erzählungen sind in einfachen Worten, eben aus der Sicht der einfachen Menschen, geschrieben.
In einem freien Land

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