Paolo Giordano : Schwarz und Silber

Schwarz und Silber

Paolo Giordano

Schwarz und Silber

Originalausgabe: Il nero e l'argento Giulio Einaudi editore, Turin 2014 Schwarz und Silber Übersetzung: Barbara Kleiner Rowohlt Verag, Reinbek 2015 ISBN: 978-3-498-02531-1, 166 Seiten, 17.95 € (D) ISBN: 978-3-644-04931-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Neun Jahre lang arbeitet Babette als Kinder- und Dienstmädchen für einen Physiker, eine Architektin und deren Sohn Emanuele. Dann kündigt sie unerwartet. Sie ist unheilbar an Krebs erkrankt. Der Junge versteht nicht, warum sich Babette nicht mehr um ihn kümmert. Seine Eltern fühlen sich ohne Babette überfordert und verlieren den Halt, entfernen sich von­einander und werden sich einiger in­kom­pati­bler Wesenszüge bewusst. Bevor sie sich versehen, befinden sie sich in einer Ehekrise ...
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Kritik

Der Roman "Schwarz und Silber" be­ginnt mit Babettes Tod und endet an ihrem Grab. Der Ich-Erzähler erin­nert sich an sie und springt dabei zeitlich vor und zurück. Die Darstellung ist leise und ohne Effekthascherei. Paolo Giordanos Fokus liegt auf Beo­bach­tung und Einfühlung.
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An seinem 35. Geburtstag holt der Ich-Erzähler seine als Architektin arbeitende Ehefrau Nora vom Flughafen Turin ab. Der promovierte Physiker hat einen zeitlich befristeten Vertrag der Universität Turin. Die beiden sind seit zehn Jahren verheiratet und wohnen mit den achtjährigen Sohn Emanuele in der Stadt. Während der Autofahrt nach Hause erhält Nora die telefonische Nachricht vom Tod der Signora Anna in Rubiana.

Signora Anna war vor neun Jahren ins Haus gekommen, als Nora wegen Komplikationen in der Schwangerschaft im Bett liegen musste; sie blieb dann als Kindermädchen, kochte aber auch und führte den Haushalt. Aus Signora Anna wurde „Babette“, nach der Köchin in Tania Blixens Erzählung „Babettes Fest“. Vor allem für Emanuele gehörte Babette zur Familie.

Sie stammte aus dem Susatal oberhalb von Turin. Seit Ende der Siebzigerjahre war sie Witwe. Ihren nierenkranken Ehemann Renato hatte sie jahrelang gepflegt, bevor er starb. Signora Anna war eine altmodische, abergläubische Frau, die sich an Konventionen hielt und nicht von traditionellen Rollenvorgaben abwich. Beispielsweise protestierte sie, wenn sich der Erzähler um die Wäsche kümmerte oder Nora einen Schlagbohrer in die Hand nahm. Aber das Ehepaar lernte, die Haushälterin zu hintergehen.

Der Erzähler erinnert sich an seine eigene Kinderfrau und wie entsetzt er damals war, als er begriff, dass Teresina auf die Bezahlung angewiesen war.

Zu meiner Betreuung hatten meine Eltern sich also einer Person bedient, die arm war: Ich weiß nicht, warum, aber in dem Moment empörte mich diese Entdeckung.

Als Doktorand an der Physik-Fakultät besuchte er einen Schauspielkurs. Das geschah weniger aus Begeisterung fürs Theater als in der Hoffnung, ein Mädchen kennenzulernen. Nora stand mit ihm in Carlo Goldonis „Die Herbergswirtin“ auf der Bühne. Danach brachte er sie zur Bushaltestelle, aber sie schoben die Trennung hinaus und ließen mehr als einen Bus fahren. Schließlich heirateten sie standesamtlich. Noras Schwangerschaft fiel mit der Gewährung eines vierjährigen Forschungsstipendiums für den Physiker zusammen. Der Umzug nach Zürich schien zunächst beschlossene Sache zu sein. Aber als es zu Komplikationen in der Schwangerschaft kam, verzichtete er auf das Stipendium und blieb in Turin.

Signora Anna half Nora damals und entwickelte sich gewissermaßen zum Anker des Familienlebens. Vor eineinhalb Jahren, im September 2011, kündigte die 68-jährige Witwe überraschend. Sie sei müde, erklärte sie auf entsprechende Nachfragen.

Emanuele verstand nicht, warum seine Kinderfrau von einem Tag auf den anderen nicht mehr kam. Und seine Eltern fühlten sich durch die Haushaltsführung überfordert. Es dauerte nicht lang, bis die Wohnung vernachlässigt wirkte. In ihrer Not wandten sie sich an Noras Mutter.

Sie kommt ein paar Mal zu uns, widerwillig. Sie betritt die Wohnung und führt eine Reihe von Ritualen durch: Sie macht Kaffee, den sie dann zwischen Balkon und Küche schlürft, zieht an einer Zigarette und erwartet, dass jemand sie unterhält, dann bindet sie sich die Haare zusammen, nimmt ein Paar Gummihandschuhe und eine saubere Schürze, zieht beides vor dem Spiegel an und prüft ihr Aussehen. Nachdem sie sich so in die perfekte Haushaltshilfe verwandelt hat, wendet sie sich an ihre Tochter: „Nun, was gibt es zu tun?“
Nora verliert bereits da die Geduld: „Alles ist zu tun, siehst du das nicht?“

Die Erfahrung mit einem Au-pair-Mädchen war nicht besser.

Babette war an Lungenkrebs erkrankt, obwohl sie nie geraucht hatte. Wenn Nora sie anrief, meinte Babette: „Ich verstehe das nicht.“

Ich würde ihr gern erwidern, dass es da wenig zu verstehen gibt, dass das halt so geht und basta, ihr Tumor fällt unter eine Statistik, vielleicht in den vernachlässigten Auslauf einer Gauß’schen Wahrscheinlichkeitskurve, bewegt sich aber doch stets innerhalb der natürlichen Ordnung. Diesen Realismus behalte ich jedoch für mich, nur Nora gegenüber, die sich auf ähnlich traumverlorene Weise nach dem Warum fragt, erlaube ich mir, ihn zu zeigen. Ihrer Meinung nach ist meine Klarsicht nur eine verbrämte Form von Zynismus, einer der Aspekte an mir, die sie am meisten irritieren.

Wenn die Frauen grübelten, ob der Krebs von einem Funkmasten oder Kernkraftwerk verursacht worden sein könnte, meinte er:

Es ist leichter, sich über das von den Franzosen angereicherte Uran oder die elektromagnetische Strahlung aufzuregen als über das ebenso unsichtbare Fatum, die Leere, über die erbarmungslose Geißel Gottes.

Als der Physiker erfuhr, dass seine Schwiegermutter vorgeschlagen hatte, es bei Babette mit Akupunktur zu versuchen und Nora daraufhin mit ihr und der Kranken zu einem blinden Akupunkteur gegangen war, wunderte er sich vor allem über den Unverstand seiner Frau.

Vor dem Beginn der Chemotherapie begleitete er Babette beim Perückenkauf.

Zur Anprobe gehe ich mit ihr, was mich ziemlich befremdet, ungefähr so, als müsste ich sie zum Frauenarzt begleiten.

Babette lebte dabei auf. Die Perücke gefiel ihr und stärkte ihre Hoffnung, dass der Krebs besiegt werden könne. Seit langer Zeit zum ersten Mal widmete ihr jemand etwas Zeit und machte sich die Mühe, sie mit dem Auto zu fahren.

Die Haare verlor Babette erst später, aber von Anfang an erbrach sie sich ständig.

Emanuele konnte die von der Krankheit erzwungene Egozentrik seiner früheren Kinderfrau nicht verstehen.

Babette wollte Weihnachten nicht mehr wie in den Jahren zuvor mit Nora und deren Mann feiern. Die beiden beschlossen deshalb, am 24. Dezember nach Beirut zu fliegen und auch in Zukunft an Weihnachten zu verreisen, um den Heiligen Abend nicht mit Noras Mutter, ihrem zweiten Ehemann Antonio und dessen Tochter Marlene verbringen zu müssen. Ohne Babette wäre das unerträglich.

Die Chemotherapie blieb erfolglos.

Als Emanuele bei einer Schulaufführung des Stücks „Der Zauberer von Oz“ die Vogelscheuche spielen sollte, schneiderte Babette ein Kostüm für ihn. Sie kam dann auch in die Turnhalle, aber noch vor Emanueles Auftritt musste sie von einer Frau gestützt und hinausgebracht werden. Nach der Vorstellung fragte Emanuele als Erstes nach Babette. Deren Abwesenheit wog für ihn weit schwerer als die Anwesenheit der auf ihn stolzen Eltern.

Als Nora mit ihrer Menstruation zwei Wochen im Verzug war, sprach sie mit ihrem Mann über die mögliche Schwangerschaft. Er erkundigte sich als Erstes, ob sie einen Test gemacht habe. Nora antwortete:

„Nein, ich möchte, dass wir vorher entscheiden, wie wir uns verhalten wollen. […]
Besser, wir reden jetzt darüber. Ich fühle mich nicht bereit. Ich habe nicht genügend Energie. Ich kann kaum die Arbeit bewältigen, die ich erledigen muss, und dazu noch Emanuele betreuen.“

Er beklagte sich darüber, dass sie die Entscheidung offenbar bereits ohne ihn getroffen habe. Am Ende stellte sich heraus, dass es sich um einen falschen Alarm gehandelt hatte. Aber auch ohne diesen Konflikt war die seit Babettes Ausbleiben entstandene Distanz zwischen ihnen unübersehbar. Sie hatten keinen Sex mehr, und er wusste auch nicht mehr, wie er sich seiner Frau nähern sollte – was zuvor nie ein Problem gewesen war.

Der Physiker war lange Zeit davon ausgegangen, dass Noras Überschwang und seine Melancholie – Noras Silber und sein Schwarz – sich wie verschiedenfarbige Lacke vermischen würden. Aber seit Babette fehlte, glaubt er eher, dass die von Galenos in dessen Humorallehre postulierten Säfte wie Öl und Wasser getrennt bleiben.

Sechzehn Monate nach der Diagnose rief Babettes Cousine Marcella an, bei der die Kranke inzwischen wohnte:

Sie will Sie sehen. Ich glaube, es dauert nicht mehr lang.

Babette lag entkräftet im Bett und schlief auch nach wenigen Minuten erschöpft wieder ein, aber sie nahm ihrem Besucher das Versprechen ab, immer auf seine Frau zu achten.

Vier Monate nach Babettes Tod fährt er erneut nach Rubiana, um einen Tisch und eine Kredenz zu holen, die Babette ihnen vermacht hatte. Die beiden Cousinen Virna und Marcella warten in der bereits leergeräumten Wohnung auf ihn.

Zwei Möbelstücke: das einzige Geschenk von Babette und alles, was wir von ihr bewahren. Emanuele hat sie nicht bedacht.

Er hatte Babette darauf hingewiesen, dass ihr das Wissen über ihren bevorstehenden Tod die Chance eröffne, sich darauf vorzubereiten und sich um ihr Vermächtnis zu kümmern. Aber stattdessen war sie nach der Diagnose „nur darauf bedacht gewesen, ihre Tage ganz und ausnahmslos für die Therapie dranzugeben, um eine Handvoll sinnloser Tage dazuzugewinnen“.

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In seinem Roman „Schwarz und Silber“ geht Paolo Giordano der Frage nach, wie sich der Ausfall einer Person in einem Beziehungsgeflecht auswirken kann. Als die Hausangestellte Babette an Krebs erkrankt und stirbt, gerät in der Familie des Ich-Erzählers einiges aus den Fugen. Der achtjährige Sohn versteht während Babettes monatelanger Krankheit nicht, warum seine Kinderfrau nicht mehr für ihn da ist. Aber auch die Eltern verlieren ohne Babette den Halt. Sie lassen zu, dass der Haushalt vernachlässigt wird, entfernen sich voneinander und werden sich einiger inkompatibler Wesenszüge bewusst. Bevor sie sich versehen, befinden sie sich in einer Ehekrise.

Das letzte Wort des Romans „Schwarz und Silber“ lautet „Anna“. Ganz zum Schluss erfahren wir, wie Babette bzw. Signora A. tatsächlich hieß. Dem Ich-Erzähler hat Paolo Giordano keinen Namen gegeben.

„Schwarz und Silber“ beginnt mit der Nachricht von Babettes Tod und endet an ihrem Grab. Dazwischen erinnert der Erzähler sich daran, wie er seine Frau kennenlernte und wie Babette zu ihnen kam, als Nora wegen Komplikationen in der Schwangerschaft im Bett liegen musste, wie Babette nach neun Jahren unvermittelt kündigte und sie dann erfuhren, dass sie todkrank war. Die fragmentarischen Erinnerungen und Rückblenden sind nicht chronologisch angeordnet, sondern Paolo Giordano springt zeitlich vor und zurück. Dabei lässt er den Ich-Erzähler auch bei Ereignissen auf der gleichen Zeitebene immer wieder zwischen Präsens und Präterium wechseln.

Er schreibt leise und unaufgeregt, unspektakulär, ohne Effekthascherei. Sein Fokus liegt auf Beobachtung und Einfühlung.

Eingangs erklärt Paolo Giordano:

Dies ist das Fragment einer wahren und leidvollen Geschichte in literarischer Verarbeitung.

Der am 19. Dezember 1982 in Turin geborene Physiker und Schriftsteller Paolo Giordano (* 1982) wurde für „Die Einsamkeit der Primzahlen“ – das meistverkaufte Buch Italiens im Jahr 2008 – mit dem Premio Strega ausgezeichnet, und zwar als bisher jüngster Preisträger. Als zweiten Roman veröffentlichte er 2002 „Il corpo umano“ („Der menschliche Körper“, Übersetzung: Barbara Kleiner, Rowohlt Verlag, Reinbek 2013, ISBN 978-3-498-02525-0). „Il nero e l’argento“ / „Schwarz und Silber“ ist sein dritter Roman.

Den Roman „Schwarz und Silber“ von Paolo Giordano gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Heikko Deutschmann (Regie: Nikolaus Esche, ISBN 978-3-89964-925-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

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