Das unsichtbare Mädchen

Das unsichtbare Mädchen

Das unsichtbare Mädchen

Originaltitel: Das unsichtbare Mädchen – Regie: Dominik Graf – Drehbuch: Friedrich Ani, Ina Jung – Kamera: Michael Wiesweg, Hendrik A. Kley – Schnitt: Claudia Wolscht – Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem – Darsteller: Ronald Zehrfeld, Ulrich Noethen, Elmar Wepper, Silke Bodenbender, Anja Schiffel, Tim Bergmann, Lisa Kreuzer, Thomas Lawinky, Michael Lerchenberg, Christine Zart u.a. – 2011; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Kriminalkommissar Niklas Tanner kommt zur Mordkommission im oberfränkischen Sihl. Als eine Frau ermordet wird, präsentiert Tanners Chef, Wilhelm Michel, rasch einen Verdächtigen. Dass dieser sich in der Zelle erhängt, wertet Michel als Geständnis. Ebenso forsch handelte er im Fall der seit 10 Jahren vermissten Schülerin Sina Kolb. Obwohl sie spurlos verschwunden blieb, wurde der Wirtssohn Ecco Stock als Mörder verurteilt. Tanner geht Spuren im Fall Sina Kolb nach – und beunruhigt dadurch den Innenminister ...
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Kritik

Die Geschichte wirkt etwas überfrachtet und verworren. Einige Zusammenhänge lassen sich nicht nachvollziehen, andere wirken unglaubwürdig. Und die Charaktere sind so überzeichnet, als würde es sich bei "Das unsichtbare Mädchen" um eine Satire handeln.
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In Eisenstein, einem kleinen oberfränkischen Ort im Bärental nahe der Grenze zur Tschechischen Republik, findet ein mittelalterliches Fest statt. Auch Mitglieder der Mordkommission in Sihl nehmen daran teil, darunter Hauptkommissar Wilhelm Michel (Ulrich Noethen) und sein neuer Mitarbeiter Niklas Tanner (Ronald Zehrfeld), der sich kürzlich auf eigenen Wunsch von Berlin hierher versetzen ließ. Tanner tanzt mit Inge-Maria („Ima“) Kolb (Silke Bodenbender) und geht schließlich mit ihr ins Bett, aber sie sind zu betrunken, um noch Sex miteinander zu haben.

Am anderen Morgen will Tanner nach Berlin fahren, aber nach ein paar Kilometern bemerkt er am Straßenrand die Leiche einer Frau. Die Tote stammt aus dem Ort. Sie heißt Eva Lorant (Christine Zart). Jemand hat sie erdrosselt.

Tanner vernimmt Eva Lorants Nachbarin Marina Fuchs (Victoria Sordo), eine ehemalige Prostituierte. Sie will gehört haben, wie Evas 30 Jahre älterer Ehemann, der Bierfahrer Wenzel Lorant (Peter Harting), um 5.30 Uhr morgens das Haus verließ. Eva Lorant arbeitete jenseits der deutsch-tschechischen Grenze, in Ronfeld, als Verkäuferin in einem Supermarkt. Weil sie zuletzt auch nachts nicht nach Hause kam, vermutet Marina Fuchs, dass sie in Tschechien einen Liebhaber hatte.

Bei der Durchsuchung von Eva Lorants Wohnung stößt Tanner auf eine Schachtel mit zahlreichen Zeitungsausschnitten über ein seit Sommer 2001 vermisstes Mädchen aus dem Ort. Sina (Elisa Schlott), die Tochter von Inge-Maria Kolb, war acht Jahre alt, als sie spurlos verschwand. Obwohl die Polizei keine Leiche fand, wurde Emanuel („Ecco“) Stock (Hildebrand Schleipfer), der geistig behinderte Sohn des Wirts Raimund Stock (Hubert Burczek), wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Dabei wollte Eva Lorant das Kind noch einige Stunden nach der angenommenen Tatzeit gesehen haben.

Die Polizistin Evelin Fink (Anja Schiffel) macht ihren Chef und Liebhaber Wilhelm Michel darauf aufmerksam, dass Niklas Tanner eine Verbindung zwischen dem Mordfall Eva Lorant und dem Fall des verschwundenen Mädchens Sina Kolb hergestellt habe. Das gefällt dem Kommissar gar nicht. Er ruft Dr. Kurt Nieberger (Tim Bergmann) an, den Staatssekretär im bayrischen Innenministerium. Dessen Vorgesetzter, der aus Franken stammende Innenminister Dr. Max Hellwig (Michael Lerchenberg), will neue Ermittlungen im Fall Sina Kolb verhindern, denn er beabsichtigt, für die Nachfolge des Ministerpräsidenten Bergmann zu kandidieren und weiß nur zu gut, dass im Zusammenhang mit dem Fall unangenehme Fragen gestellt werden könnten.

Um den neuen Mordfall rasch abschließen zu können, nimmt Kommissar Michel den Ehemann der Toten fest, der mit seiner Nachbarin Marina Fuchs heimlich ein Verhältnis hatte, und drängt Wenzel Lorant bei der Vernehmung, zu gestehen, dass er seine Frau erdrosselt habe. Am Abend prahlt er seinen Kollegen gegenüber, der Verdächtige werde spätestens am nächsten Morgen ein schriftliches Geständnis unterzeichnen. Wenzel Lorant erhängt sich jedoch in der Nacht in seiner Zelle. Den Suizid wertet Michel als implizites Schuldeingeständnis. Damit ist der Mordfall Eva Lorant für ihn geklärt und abgeschlossen.

Ebenso forsch handelte er damals im Fall Sina Kolb, nachdem er Hauptkommissar Joseph Altendorf (Elmar Wepper) auf Anordnung des Innenministers als Leiter der SoKo „Sina“ abgelöst und nach kurzer Zeit ein Geständnis von Ecco Stock bekommen hatte. Das wurde zwar nach zwei Tagen widerrufen, hinderte aber das Gericht nicht daran, Ecco Stock wegen Mordes zu verurteilen.

Michel war noch drei Jahre lang Altendorfs Vorgesetzter, dann ging dieser resigniert in Frühpension. Altendorfs Ex-Frau ist inzwischen mit Raimund Stock verheiratet.

Der Wirt ist überzeugt, dass sein Sohn zu Unrecht verurteilt wurde. Auf dem Boden seines Gasthauses „Bärenstüberl“ hat er eine rote Linie gezogen. Die Mitbürger, die seiner Ansicht sind, dürfen auf der Seite des Tresens Platz nehmen, die anderen, die Ecco für den Mörder halten, müssen jenseits des Strichs bleiben.

Joseph Altendorf, der sein Bier auf der Seite trinkt, auf der die Menschen das Urteil gegen Ecco für einen Justizskandal halten, flüstert seinem jungen Kollegen aus Berlin zu, er solle unauffällig zu ihm kommen und nennt ihm die Adresse. Er führt Tanner in den Keller. Dort hat er ein Archiv über den Fall Sina Kolb eingerichtet. Die Unterlagen stellt er nun Tanner zur Verfügung.

Inge-Maria Kolb fährt nach Sihl und ruft Wilhelm Michel aus einer Besprechung. Er beschimpft sie als Nutte und schlägt sie. Sie lässt sich jedoch nicht einschüchtern und klärt ihn darüber auf, dass Eva Lorant kurz vor ihrer Ermordung bei ihr war und ihr mitteilte, sie habe die inzwischen 19-jährige Sina in einem Supermarkt in Ronfeld gesehen und dies auch dem Kommissar mitgeteilt. Michel tut Eva Lorant als unglaubwürdig ab und versichert Inge-Maria Kolb, dass ihre Tochter tot sei.

In Tanners Hotelzimmer wird kurz darauf eingebrochen. Er folgt dem Unbekannten. Der fährt nach Ronfeld und verschwindet im Nachtklub „Luzi“.

Zurück in Eisenstein, sucht Tanner Inge-Maria Kolb auf. Sie berichtet ihm, dass ihre Tochter vor vier Wochen von Eva Lorant in Ronfeld entdeckt worden sei und Kommissar Michel darüber Bescheid wisse. Als Tanner nach Sinas Vater fragt, flüstert Inge-Maria Kolb ihm die Antwort ins Ohr.


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überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Tanner fährt erneut über die Grenze nach Ronfeld und gibt sich im „Luzi Club“ als Freier aus. Der Geschäftsführer, der den Kommissar erkennt, führt ihn in ein Zimmer, in dem drei minderjährige Mädchen Karten spielen. Eine junge Frau, in der Tanner Sina Kolb erkennt, serviert Champagner. Er packt sie, hält ihr ein Messer an den Hals und zerrt sie aus dem Gebäude. Weil einer der Bordellbetreiber auf ihn schießt und die Frau verletzt, wirft er das Messer. Der Mann wird in die Brust getroffen und bricht tot zusammen. Am Auto warten mehrere Männer auf Tanner. Nachdem sie ihn zusammengeschlagen haben, bringen sie ihn in den Wald und graben ihn auf einem Wildschweinpfad bis zum Hals im Boden ein. Evelin Fink kommt ihm zu Hilfe und rettet ihn.

Aufgrund von Tanners Aussage führt die tschechische Polizei kurz darauf im Beisein Michels eine Razzia im „Luzi Club“ durch. Dabei werden weder ein Toter noch eine Spur von Sina Kolb gefunden. Kommissar Michel wirft Tanner vor, Päderast zu sein und nicht aus dienstlichen Gründen in dem Bordell gewesen zu sein.

In einem Steinbruch liegt die Leiche der jungen Frau, die Tanner im „Luzi Club“ entdeckte. Sie lebte unter dem falschen Namen Sonia Nippel in Ronfeld. Kurz bevor Inge-Maria Kolb die Tote in der Gerichtsmedizin als ihre Tochter Sina identifiziert, erfährt Wilhelm Michel, dass er Sinas Vater ist.

Joseph Altendorf folgt ihm, als er das Leichenschauhaus verlässt und erschießt ihn im Zorn. Tanner, der den beiden nachgelaufen ist, entwaffnet ihn.

Ecco Stock wird aus der Haft entlassen.

Staatssekretär Kurt Nieberger, der den Innenminister vor einiger Zeit aufforderte, die Hände von seiner 13-jährigen Tochter Klara zu lassen, nutzt die neuen Ermittlungen dazu, durchsickern zu lassen, dass sein Chef vor zehn Jahren Kontakte zu Kinderprostituierten in Tschechien hatte. Max Hellwig muss daraufhin die Kandidatur für das Amt des bayrischen Ministerpräsidenten seiner Herausforderin Dr. von Lossau überlassen.

Niklas Tanner quittiert den Polizeidienst.

Die Ermordung Wilhelm Michels bleibt unaufgeklärt.

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Der Plot des Fernsehfilms „Das unsichtbare Mädchen“ knüpft an einen tatsächlichen Fall an: Am 7. Mai 2001 wurde die neunjährige Peggy Knobloch aus dem oberfränkischen Ort Lichtenberg als vermisst gemeldet. Sie blieb spurlos verschwunden. Das Landgericht Hof verurteilte am 30. April 2004 den 26-jährigen Wirtssohn Ulvi Kulac als Mörder. Viele Menschen halten das für ein Fehlurteil. Mehr dazu: Der Fall Peggy Knobloch bzw. Ulvi Kulac.

Dominik Graf (Regie), Friedrich Ani und Ina Jung (Drehbuch) verlegen die Ereignisse in den fiktiven oberfränkischen Ort Eisenstein. In „Das unsichtbare Mädchen“, einer düsteren Mischung aus Heimatfilm und Psychothriller, geht es nicht nur um das Schicksal eines vermissten Mädchens und Korruption in der Polizeiarbeit, sondern vor allem auch um den Missbrauch von Kindern und Kinderprostitution. Das ahnen wir als Zuschauer bereits, wenn wir ein vielleicht zehn Jahre altes Mädchen im Bikini vor einem Plakat der Erotikmesse Sihl sehen, das einen Hula-Hoop-Reifen schwingt und beklagt, dass niemand mit ihm spielt. Der (fiktive) bayrische Innenminister Max Hellwig, ein aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Regierungschefs, will unter allen Umständen verhindern, dass seine früheren Kontakte zu Kinderprostituierten publik werden. Deshalb greift er massiv in die polizeilichen Ermittlungen ein. Und der skrupellose Hauptkommissar Wilhelm Michel, der ihm dabei zu Diensten ist, nimmt es hin, dass ein geistig Behinderter zu Unrecht als Mörder verurteilt wird und sich ein anderer Unschuldiger, den er ebenfalls zu einem Mordgeständnis drängt, das Leben nimmt. Mit Wissen des Ministers und des Staatssekretärs im Innenministerium geht er über Leichen.

Die aus wechselnden Perspektiven erzählte Geschichte wirkt etwas überfrachtet und verworren. Nicht alle Tabubrüche sind überzeugend. Einige Zusammenhänge lassen sich nicht nachvollziehen, andere wirken einfach unglaubwürdig. Und die Charaktere sind so überzeichnet, als würde es sich bei „Das unsichtbare Mädchen“ um eine Satire handeln.

Die Handlung und die Handlungen sind voller Wucht und Schluchten. […] Graf inszeniert einen wahrhaftigen Reigen in einer Mikro-Welt, in der Polizeimethoden, die Rolle der Justiz, Demokratieverständnis und der Wert eines Menschen Purzelbäume schlagen. […] Der Schnitt verdoppelt die Dynamik der Perspektivwechsel, er schachtelt die Ebenen, reißt auseinander und fügt zusammen. Zuweilen springt der Film durch sich hindurch.
(Joachim Huber, Tagesspiegel, 30. März 2012)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

Der Fall Peggy Knobloch bzw. Kulac

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