Lars Gustafsson : Der Tod eines Bienenzüchters

Der Tod eines Bienenzüchters

Lars Gustafsson

Der Tod eines Bienenzüchters

Originalausgabe: En biodlares död Norstedt, Stockhom 1978 Der Tod eines Bienenzüchters Übersetzung: Verena Reichel Carl Hanser Verlag, München 1978 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 68, München 2007, 166 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der pensionierte Lehrer Lars Lennart Westin lebt allein in einer Kate. Er betätigt sich als Imker. Als ihn seine Kinder aus geschiedener Ehe im Sommer besuchen, durchschießt ihn ein grauenhafter Schmerz, der nie mehr ganz verschwindet. Krebs! Wenn die Schmerzen nachlassen, geht Lars spazieren oder hält Erinnerungen an frühere Erlebnisse in Notizbüchern fest ...
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Kritik

"Der Tod des Bienenzüchters" besteht aus einer Sammlung von tagebuchartigen Notizen eines todkranken Bienenzüchters, der sich ohne Larmoyanz an Stationen seines Lebens erinnert und über Gott und die Welt nachdenkt.
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Wir fangen noch einmal an. Es ist Vorfrühling 1975, es beginnt mitten in der Schneeschmelze. Ort der Handlung ist das nördliche Västmanland […]
Was nun folgt, sind seine hinterlassenen Aufzeichnungen. Hinterlassen: denn in diesem Frühjahr 1975 findet er mitten in der Schneeschmelze heraus, dass er den Herbst nicht mehr erleben wird. Er hat ein tödliches Krebsgeschwür, das mit der Zeit, viel zu spät, in der Milz lokalisiert worden ist, mit starken Metastasen im umgebenden Gewebe. (Seite 9f)

Lars Lennart Vestin war Lehrer an der alten Schule von Ennora (Väster Våla). Nach seiner Ehescheidung und der fast gleichzeitig erfolgten Schließung der Schule gab er seinen Beruf auf und zog sich mit seinem Hund in eine Kate an einem See im Västmanland zurück. Der Einzelgänger betätigte sich dort als Bienenzüchter.

Bei den Bienen – so beobachtete er – bedeutet das einzelne Tier nichts; erst als Volk entwickeln sie so etwas wie Individualität.

Wenn ein Bienenvolk stirbt, ist das ungefähr so, als wäre ein Tier gestorben […]
Eine tote Biene ist einem völlig gleichgültig; man fegt sie einfach weg.
[…] Dass es der Schwarm ist, der die Individualität, die Intelligenz darstellt. (Seite 19f)

Während eines Besuchs seiner Kinder im August 1974 durchschoss den Achtunddreißigjährigen beim Federballspiel ein heftiger Schmerz.

Aber damals war ich ganz sicher, dass es ein Hexenschuss war, und vergaß die ganze Sache wieder […]
Aber gibt es einen Hexenschuss, der so verdammt weh tut, dass man davon einen Blutgeschmack im Mund kriegt? (Seite 21)

Ende des Jahres ließ sich der Bienenzüchter im Bezirkskrankenhaus in Västerås untersuchen. Über die Ergebnisse erfuhr er zunächst nichts. Erst im Februar 1975 erhielt er Post vom Krankenhaus. Nach einem langen Spaziergang mit dem Hund warf er den Brief, in dem er den Befund vermutete, ungeöffnet ins Kaminfeuer. Vielleicht war es ja doch kein Krebsgeschwür, sondern ein Nierenstein. Nierenkoliken sind bekanntlich auch sehr schmerzhaft. Aber den Gedanken an den bevorstehenden Tod wurde er nicht mehr los.

Ich fühle mich einfach viel zu vital für einen Sterbenden. (Seite 73)

Er erinnerte sich, wie er 1880 als Kind mit seiner Schwester beim Schlittschuhlaufen in Stockholm im Eis die Leiche einer Frau entdeckt hatte. Dann fiel ihm ein, dass er gar nicht in Stockholm aufgewachsen war und erst am 17. Mai 1936 geboren wurde.

Offenbar fürchtet das Unterbewusstsein nichts so sehr wie das Gefühl, überhaupt niemand zu sein.
Dieser diensteifrige Schuft war schon dabei, eine Biografie für mich zusammenzustellen! (Seite 42)

Seit seiner Pensionierung war er nur noch selten mit anderen Menschen zusammen, aber in seiner Studentenzeit hatte er die meiste Zeit damit verbracht, „Mädchen zu jagen“ (Seite 45).

Offenbar galt ich damals für ziemlich unsolide und ein bisschen draufgängerisch. (Seite 47)

Margareth hatte er bereits aus der Schule gekannt. Sie war die jüngste Tochter einer Oberarztfamilie aus Falun und studierte wie Vestin in Uppsala. Sie vermählten sich und blieben zehn Jahre lang ein Ehepaar.

Nach einem Opernbesuch in Stockholm im Oktober 1969 verliebte Vestin sich im Zugabteil in die Assistenzärztin Ann. In Enköping – wo sie praktizierte – stellten sie fest, dass es so spät in der Nacht keine Verbindung mehr nach Tillberga gab. Ann bot ihm an, ihn mit dem Auto hinzubringen, aber dann verständigten sie sich darauf, dass er bei ihr übernachtete, und sie schliefen miteinander. Mit Briefen und Telefongesprächen hielten sie die Beziehung aufrecht. Nach einigen Monaten erzählte Vestin seiner Frau von Ann. Überraschenderweise zeigte sie sich nicht eifersüchtig, sondern erfreut, und sie schlug ihm vor, Ann einzuladen. Sie kam im Juni 1970. Die Tatsache, dass er verheiratet war, löste bei ihr Schuldgefühle aus; sie befreundete sich mit Margareth, und das Liebesverhältnis zerbrach.

Margareth erkannte ihrerseits sofort ihre Chance, und zusammen verwandelten sie mich in etwas Unverantwortliches, in ein Kind, auf das kein rechter Verlass war. (Seite 69)

Wenn ich darauf zurückblicke, wie ich gehandelt habe, sieht es tatsächlich so aus, als hätte ich die ganze Zeit eine Katastrophe gewollt. (Seite 61)

Zwei zwölfjährige Jungen – Uffe und Jonny –, die mit ihren Eltern aus Finnland in die Nähe gezogen waren, besuchten den einsamen Bienenzüchter hin und wieder in seiner Kate. Für sie schrieb er die Horrorgeschichte „Die große Orgel auf der Insel Og“.

Der Bienenzüchter überlegte, wie eine Welt ohne Symbole aussehen würde. Es wäre beispielsweise unmöglich, zu erklären, was ein warmer Stein ist. Stattdessen müsste man ihn dem Anderen in die Hand legen, damit er es spürt. Eine abstrakte Liebeserklärung gäbe es nicht; man könnte die Liebe nur aktiv zeigen.

Ein anderes Mal malte sich der Bienenzüchter aus, was geschähe, wenn Gott erwachen, die Gebete der Menschen erhören und zum Beispiel aufgrund eines Gebets um Frieden alle Kernwaffen in massives Gold verwandeln würde.

Die gewöhnliche Ketzerei besteht darin, die Existenz eines Gottes zu leugnen, der uns erschaffen hat. Eine viel interessantere Ketzerei ist es, wenn man sich vorstellt, möglicherweise habe uns ein Gott erschaffen, und dann sagt, es gebe nicht den geringsten Grund für uns, davon beeindruckt zu sein. Und schon gar nicht dankbar dafür.
Wenn es einen Gott gibt, ist es unsere Aufgabe, nein zu sagen.
Wenn es einen Gott gibt, ist es die Aufgabe des Menschen, seine Negation zu sein. (Seite 164)

Als er zwölf Tage lang keine Schmerzen hatte, beschloss er, „noch eine Woche zu warten, bevor ich zu hoffen beginne“ (Seite 106).

Mein Problem: Obwohl ich überhaupt keine Schmerzen mehr habe, quält mich jetzt dafür etwas anderes; ich beginne zu hoffen, und zugleich wage ich nicht zu hoffen, aus lauter Angst, es könnte jederzeit wiederkommen. (Seite 112)

Den ganzen Winter über habe ich Schmerzen gehabt. Jetzt leide ich genausosehr unter der Angst vor dem Schmerz. (Seite 141)

Unzufrieden war er mit dem, was er aus seinem Leben gemacht hatte.

Ich hätte die Zeit besser nutzen sollen, als sie als Volksschullehrer in Väster Våla zu verplempern und jetzt hier als freiwilliger Frührenter Bienen zu züchten. (Seite 116)

Einige Wochen nach dem Eintreffen des Briefes vom Krankenhaus in Västerås konnte er sich nicht länger darüber hinwegtäuschen, dass er todkrank war.

Ich habe gewusst, dass ich nur eine Pause bekommen hatte.
Sonderbarerweise habe ich das Gefühl, sie gut genutzt zu haben. (Seite 155)

Was jetzt mit mir geschieht, ist widerlich, abscheulich und erniedrigend, und niemand wird mich dazu bringen, es zu akzeptieren oder mir einzureden, dass es irgendwie gut für mich ist. (Seite 164)

In der zweiten Maiwoche wartete er auf den Krankenwagen.

Ich hoffe, dass die Straßen nicht zu glatt sind.
Man kann immer noch hoffen, dass kein Unglück passiert. Man kann immer noch hoffen. (Seite 168)

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„Der Tod des Bienenzüchters“ besteht aus einer kurzen Einleitung durch einen anonymen Herausgeber und einer Auswahl von Zitaten aus einem gelben Notizbuch („begonnen im Februar 1970“), einem blauen Notizbuch („begonnen nicht vor Sommer 1964“) und einem beschädigten Notizbuch („begonnen nicht vor 1970“). Gegliedert ist der tagebuchartige Roman „Der Tod des Bienenzüchters“ in sieben Kapitel:

  1. Der Brief
  2. Eine Ehe
  3. Eine Kindheit
  4. Zwischenspiel
  5. Als Gott erwachte
  6. Memoiren aus dem Paradies
  7. Das beschädigte Notizbuch

Der Plot ist einfach: Ein todkranker Einzelgänger leidet zunächst unter schrecklichen Schmerzen und richtet sich damit ein. Als sie vergehen, kann er sich nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass er in Kürze sterben wird. In dieser Situation erinnert er sich ohne Larmoyanz an Stationen seines Lebens und denkt über Gott und die Welt nach. Seine Stimmung wechselt zwischen trotzigem Aufbegehren, Hoffnung und Hilflosigkeit.

Wie es Gustafsson eigen ist, dem philosophischen Kopf unter den Schriftstellern unserer Zeit, so wird hier aus einer traurigen Geschichte kein trauriges Buch. Nein, all das, was hier aufscheint, die Erinnerungen an eine gescheiterte Ehe, an die blass gewordene Berufsroutine und an die um so farbiger werdende Kindheit, die Betrachtungen und Fantasien des Dahinsiechenden in der stillen Natur – all das kommt mit kluger, heiterer Skepsis daher. Denn Gustafsson beherrscht die Kunst, das Grübeln mit Leichtigkeit und das Diffuse des Lebens mit großer Klarheit zu beschreiben (Johan Schloemann, Süddeutsche Zeitung, 18. August 2007)

„Der Tod eines Bienenzüchters“ gehört zu der fünfteiligen Romanreihe „Risse in der Mauer“ („Sprickorna i muren“) des schwedischen Schriftstellers Lars Gustafsson:

  1. Herr Gustafsson själv (1971; Herr Gustafsson persönlich, 1972)
  2. Yllet (1973; Wollsachen, 1974)
  3. Familjefesten (1975; Das Familientreffen, 1976)
  4. Sigismund (1976; Sigismund, 1977)
  5. En biodlares död (1978; Der Tod eines Bienenzüchters, 1978)

Die Romanfolge [„Risse in der Mauer“] ist eine Art moderner Entwicklungsroman, in dem der Autor sich aus fünf unterschiedlichen Erzählerperspektiven und Rollenspielen auf die Suche nach der eigenen Identität und der Erkenntnis über die anonymen Mächte eines modernen Staatswesens macht. Er ist zugleich eine Bestandsaufnahme der sozialen und psychischen Verfassung einer Generation und der Versuch, gesellschaftliche Veränderungen darzustellen. In fünf Biografien werden daher nicht nur die Risse im Bild der eigenen Identität sichtbar gemacht, sondern auch durch die Risse in den modernen sozialen, politischen und ökonomischen Machtstrukturen entlarvende Wahrheiten über die Verstrickungen politischer und bürokratischer Kräfte in menschenverachtende, profitbringende Unternehmungen ans Licht gebracht. (Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, Band 4, Dortmund 1989, Seite 2455)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Lars Gustafsson (Kurzbiografie)

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