Katharina Hacker : Die Habenichtse

Die Habenichtse

Katharina Hacker

Die Habenichtse

Die Habenichtse Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2006 ISBN 3518417398, 308 Seiten, 17.80 € (D) Taschenbuch: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2007 ISBN 978-3-518-45910-2, 309 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Am 11. September 2001 in Berlin treffen sich Jakob und Isabelle erstmals seit einem One-Night-Stand vor Jahren wieder. Sie verlieben sich, heiraten und ziehen schließlich nach London, wo Jakob eine Stelle in einer Anwaltskanzlei antritt, die ursprünglich für einen Kollegen vorgesehen war, der bei dem Anschlag auf das WTC ums Leben kam. Isabelle arbeitet weiter erfolgreich für eine Grafik-Agentur in Berlin. Den beiden fehlt es an nichts. Dennoch gerät ihr Leben aus den Fugen ...
mehr erfahren

Kritik

Katharina Hacker beschreibt in "Die Habenichtse" weder die Orientierungslosigkeit der Personen, noch stellt sie Thesen auf, sondern sie veranschaulicht alles in Szenen. Während sie von Abschnitt zu Abschnitt den Handlungsstrang wechselt, bleibt sie gelassen, lakonisch und nüchtern.
mehr erfahren

Inhaltangabe:

Jakob und Isabelle lernen sich in den Neunzigerjahren als Studenten in Freiburg kennen und verbringen nach einem Waldspaziergang eine Nacht zusammen im Bett. Nach dem One-Night-Stand verlieren sie sich wieder aus den Augen.

Isabelle stammt aus Heidelberg, doch sobald sie ihr Studium abgeschlossen hat, fährt sie nach Berlin und zieht zu Alexa, die gerade eine Mitbewohnerin suchte. Obwohl sie nicht lesbisch ist wie Alexa, lässt sie sich von ihr mit heruntergezogenem Höschen fotografieren. Durch Alexa lernt sie Hanna kennen und wird Teilhaberin ihres Grafikbüros in Berlin, in dem auch Andras, Sonja und Peter beschäftigt sind. Hanna stirbt am 5. Oktober 1996 in der Charité. Andras, der von seinem Onkel Janos und Tante Sofi gedrängt wird, zu ihnen nach Budapest zu kommen, bleibt stattdessen in Berlin, denn er liebt Isabelle und zieht zu ihr in das Apartment, das sie mietete, als Alexa zu Clara gezogen war.

Jakobs Mutter Anngrit starb kurz vor seinem 12. Geburtstag. Damals zog seine Tanti Fini zu ihm und seinem Vater, um ihnen im Haushalt zu helfen, aber nach vier Jahren musste sie Gertrud weichen, der neuen Freundin ihres jüngeren Bruders. 1992 schließt Jakob sein Jurastudium in Freiburg ab, siedelt im Jahr darauf nach Berlin über und fängt in der auf Restitutionsfälle spezialisierten Kanzlei Golbert & Schreiber an. Mit dreiunddreißig steigt er 2001 zum Partner auf.

Als Jakob von einer Bekannten namens Ginka zu einer Party am 11. September 2001 eingeladen wird, verlegt er einen Geschäftstermin in New York vom 11. auf den 9. September, um rechtzeitig wieder in Berlin zu sein. Am 10. September hat er noch im World Trade Center zu tun, doch während am nächsten Morgen zwei Flugzeuge in das Gebäude rasen, befindet er sich in einer Maschine, die kurz darauf in Berlin landet.

Auf der Party sehen Jakob und Isabelle sich wieder.

Erstaunt sagte sie seinen Namen. Jakob. Sie erinnerte sich an den Spaziergang vor zehn Jahren, an den Wald, die Dämmerung und Nässe, an die Verwirrung, die sie nach Jakobs Hand hatte greifen lassen, obwohl sie wusste, dass sie zu ihrem Liebhaber zurückkehren würde, in ihr verwahrlostes und demütigendes Zusammenleben. (Seite 11)

Am 4. Oktober fährt Jakob nach Hannover zur Beerdigung seines ein Jahr jüngeren Kollegen Robert, der unter den Toten im WTC war. An dessen Stelle erhält Jakob die Möglichkeit, am 1. Januar 2003 zur Partnerkanzlei nach London zu wechseln.

Jakob und Isabelle, die inzwischen im kleinen Kreis geheiratet haben, mieten in London ein Reihenhaus. Von hier aus arbeitet Isabelle weiter für ihr Grafikbüro in Berlin.

Im verwahrlosten Nachbarhaus wohnt eine heruntergekommene englische Familie. Der alkoholkranke Vater hatte es von seiner verstorbenen Schwester Martha geerbt und war dann mit seiner verschüchterten Frau und den beiden Kindern Dave und Sara dort eingezogen. Wenn er die Kinder grundlos verprügelt, sieht deren Mutter hilflos zu oder verlässt das Zimmer. Sara hat wieder angefangen, das Bett zu nässen, doch als ihre Mutter vorschlägt, die nach Urin stinkende Matratze gegen eine neue auszutauschen, rastet ihr Mann aus. Am liebsten würde er die Kinder aus dem Haus werfen. Stattdessen sperrt er sie ein.

Ein paar Häuser weiter lebt Jim, ein sechsundzwanzigjähriger Kleinkrimineller und Drogendealer. Damian, ein aus einer reichen Familie stammender Bekannter, der für einige Monate verreist ist, hat Jim das Haus vorübergehend zur Verfügung gestellt. Mit dreizehn war Jim seinen Eltern davongelaufen und hatte sich nach London abgesetzt. Was er stahl, brachte er dem Bandenchef Albert, der es dann verhökerte. Außerdem verkaufte er Drogen für Albert. Als er aussteigen und auf eigene Faust Geschäfte machen wollte, ließ Albert ihn von Hisham zusammenschlagen. Weil ihn seine gleichaltrige Freundin Mae Warren mit Ben betrog, der ihr Valium und Amphetamine besorgte, griff er sie eines Tages im Jähzorn mit einem Küchenmesser an und verletzte sie so schwer, dass Ben einen Krankenwagen rufen musste. Seither ist Mae verschwunden.

Isabelles Kollegen in Berlin orientieren sich neu. Nachdem Peter lange Zeit um Hanna getrauert hat, zieht Sonja zu ihm, und bald darauf ist sie schwanger. Andras tröstet sich mit der Galeristin Magda über den Verlust Isabelles hinweg, bis er sich damit abfindet, sich bewusst für Magda entscheidet und „nein“ sagt, als Isabelle ihn eines Tages anruft und bittet, sie in London zu besuchen.

Jakob befreundet sich mit seinem Londoner Kollegen Alistair und ist von seinem Chef Bentham fasziniert. Wegen seiner jüdischen Herkunft war er im „Dritten Reich“ aus Deutschland emigriert. Der inzwischen sechsundsechzigjährige Homosexuelle verlor seinen letzten Geliebten bei einem Motorradunfall, aber er gibt sich nicht auf, sondern vergnügt sich mit Strichern.

Obwohl Jakob als Rechtsanwalt erfolgreich ist, fühlt er sich leer und stürzt sich in die Arbeit, um nicht darüber nachdenken zu müssen. Abends liegt er im Bett und hofft, dass Isabelle erst kommt, wenn er bereits schläft. Isabelle wiederum streift ziellos in London herum. Sie fühlt sich von der gewalttätigen Aura Jims angezogen, dem sie mehrmals auf der Straße begegnet und lässt sich mit ihm ein.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Eines Tages beobachtet Isabelle vom Fenster aus, wie das Nachbarmädchen Sara mit einem Ast auf ihre Katze Polly einschlägt, obwohl sie das Tier über alles liebt. Isabelle klettert über die Mauer in den Nachbargarten und nimmt die verletzte, verschreckte Katze mit. Das Kind, das schluchzt und sich übergibt, lässt sie stehen. Als die Katze zutraulich wird und auf ein Fenster im Parterre springt, stößt Isabelle sie grob hinunter. Jim, der Zeuge dieser Szene geworden ist, packt die Katze und schleudert sie gegen eine Wand. Mit zertrümmerten Schädel bleibt das Tier liegen.

Kurz bevor Jim ausziehen muss, weil Damian zurückkommt, holt er die verstörte Sara für eine Nacht zu sich und lässt sie auf der Couch schlafen. Am nächsten Tag will er nach Glasgow. Nach dem Aufstehen stellt er fest, dass sich das Mädchen vollgepinkelt hat. Er sperrt Sara im Haus ein und malt sich aus, wie Damian sie dort verhungert und verdurstet vorfindet. Doch dann trifft er Isabelle und kehrt mit ihr zurück. Plötzlich ärgert er sich so über das Kind, das immer wieder nach seiner Katze fragt, dass er ihm zwei Zähne ausschlägt. Nachdem er Isabelle dazu gebracht hat, zuerst Sara und dann sich selbst splitternackt auszuziehen, nimmt Jim den Haufen Wäsche und Kleidung mit ins Freie, wirft ihn auf die Erde und schließt die Haustür ab, bevor er weggeht. Notdürftig mit einer rauen Jeans und einem schmutzigen Unterhemd Jims bekleidet, klettert Isabelle durch ein Fenster, aber Sara schafft es nicht aufs Fensterbrett. Isabelle lässt sie zurück. Vor ihrem eigenen Haus begegnet sie Dave und sagt ihm, wo seine kleine Schwester zu finden ist.

Durchs Fenster beobachtet sie, wie Sara von Sanitätern abgeholt wird.

Als Jakob mit einem Blumenstrauß von einer Dienstreise heimkommt, findet er Isabelle verstört und noch immer in Jims Sachen vor.

nach oben

Vor dem Hintergrund der Terroranschläge vom 11. September 2001 und dem Irak-Krieg erzählt Katharina Hacker in ihrem Roman „Die Habenichtse“ von einem wohlsituierten Paar Mitte dreißig, zwei beruflich erfolgreichen polyglotten Akademikern, die selbst nicht verstehen, warum sie sich leer und gleichgültig fühlen. In ihrer Orientierungslosigkeit unterscheiden sie sich kaum von der unterprivilegierten Nachbarfamilie und dem Kleinkriminellen Jim. Jakob und Isabelle sind Habenichtse, nicht im Materiellen wie ihre Nachbarn, sondern im Geist: Es fehlt ihnen an Idealen, Werten und Zielen. Die beiden Hauptfiguren kontrastiert Katharina Hacker mit Charakteren, die sich mit ihrer unbefriedigenden Situation abfinden und das Beste daraus machen.

„Die Habenichtse“ ist ein desorientierendes Buch über die Desorientierung. (Meike Fessmann, Süddeutsche Zeitung, 5. April 2006)

Katharina Hacker beschreibt weder die Hohlheit der Personen, noch stellt sie Thesen auf, sondern sie veranschaulicht alles in Szenen. Während sie von Abschnitt zu Abschnitt den Handlungsstrang wechselt, bleibt sie gelassen, lakonisch und nüchtern.

„Die Habenichtse“ ist nach „Der Bademeister“ und „Eine Art Liebe“ der dritte Roman von Katharina Hacker. Sie erhielt dafür den Deutschen Buchpreis 2006.

„Die Habenichtse“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Inga Busch.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Katharina Hacker: Der Bademeister
Katharina Hacker: Alix, Anton und die anderen
Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte

Eugen Kogon - Der SS-Staat
Eugen Kogon, der selbst von 1939 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt gewesen war, veröffentlichte 1946 die erste umfassende und eingehende Darstellung über "das System der deutschen Konzentrationslager".
Der SS-Staat

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.