Katharina Hacker : Skip

Skip
Skip Originalausgabe S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2015 ISBN 978-3-10-030065-2, 384 Seiten ISBN 978-3-10-400938-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Skip wird 1948 in Paris geboren, wandert Mitte der Siebzigerjahre nach Israel aus und zieht 2000 nach Berlin, während die Söhne in England studieren. Skip hört mitunter eine innere Stimme, die ihn an einen Ort ruft, an dem kurz darauf jemand stirbt, den er dann nicht in der Wirklichkeit, sondern auf der Schwelle vom Leben zum Tod durch seine Anwesenheit zu trösten versucht. Sieben Jahre nach seinem letzten Umzug grübelt der Selbstzweifler über sein Leben.
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Kritik

Skips persönliche Geschichte spielt sich vor dem Hintergrund politischer, vor allem Israel betreffender Ereignisse ab. Menschen werden durch Terroranschläge und Katastrophen plötzlich aus dem Leben gerissen. Katharina Hacker beschränkt sich nicht auf die geheimnisvollen Vorgänge, bei denen Skip Sterbende in einer Zwischenwelt zu trösten versucht, sondern lädt darüber hinaus mysteriöse Gestalten symbolisch auf.
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Skip und Shira

Jonathan („Skip“) Landaus jüdische Großeltern wanderten von Ungarn nach Frankreich aus, um Medizin studieren zu können. Sein Vater praktizierte als Augenarzt in Paris. Die Mutter, die 1946 von England nach Frankreich übersiedelt war, hatte zwar den jüdisch klingenden Mädchennamen Blomfield getragen, fühlte sich aber nie als Jüdin. Sie malte und hatte auch einmal eine Einzelausstellung in einer Galerie. Inzwischen leben Skips Eltern in dem Pariser Vorort Jouy-en-Josas.

Skip wurde 1948 in Paris geboren. Er studierte Architektur, bevor er nach Israel auswanderte, wo er Mitte der Siebzigerjahre Shira heiratete.

Weil sie nicht von ihm schwanger wurde, schlug sie vor, sich von einem anderen Mann besamen zu lassen und zeigte ihm in einem Café einen Zahnarzt, den sie für geeignet hielt.

[…] und er amüsierte sich, er amüsierte sich einfach über mich und über Shira und vielleicht auch über sich selbst, und zwei Tage später, als ich in einer kleinen Bar in der King George Street mit meiner Frage, meiner Bitte herausrückte, sagte er einfach: ‚Warum nicht?‘

Am 5. September 1977 bzw. 4. März 1979 brachte Shira die beiden Söhne Avi und Naim zur Welt.

Rätselhafte Rufe

Skip erhält zwar keine Möglichkeit, einen Neubau zu entwerfen, aber den Auftrag, in Ajami, einem Stadtviertel von Tel Aviv, mit palästinensischen Arbeitern ein verrottetes Haus instand zu setzen.

Um den 20. Juni 1988 herum hört der Vierzigjährige eine innere Stimme, die ihn nach Paris ruft. Eine Woche später spürt er dort eine Verbindung mit einem halb so alten Mann, der nach einem Zugunglück am 27. Juni in der Gare de Lyon stirbt. Aus den Nachrichten erfährt er, dass Ruben Fridland, ein Student an der Sorbonne, eines der 56 Todesopfer des Eisenbahnunfalls war. Ohne seine Eltern besucht zu haben, kehrt Skip nach Tel Aviv zurück – und kann Shira nicht erklären, warum er nach Paris musste.

Shira behauptete, mir fehle das echte Interesse am Leben, an unserem Leben, so wie es war, mir fehle das Bewusstsein, wie kostbar unser Alltag war, wie gefährdet. Wir müssten, sagte sie, dankbar sein, dankbar, dass wir überhaupt lebten. Und dass ich nichts begriff, weil ich kein echter Israeli war, kein echter Israeli, weil ich kein Vater war, kein echter Vater. […] Ich war nicht einmal ein echter Architekt, ich baute ein Haus um und aus […].

Bei der Arbeit an dem Haus in Ajami, die bis zum Frühjahr 1990 dauert, freundet sich Skip mit dem Palästinenser Iunis an.

Shira entdeckt im Künstlerviertel Newe Zedek (Neve Tzedek) zwei benachbarte verfallene Häuser, die vom Besitzer Matijahu zum Verkauf angeboten werden und überredet Skip, sie für die Familie zu erwerben und instand zu setzen.

Im Herbst 1992 ergeht es Skip ähnlich wie vier Jahre zuvor. Dieses Mal muss er nach Amsterdam. Shira schäumt vor Wut. Während Skip es in seinem Hotelzimmer in Amsterdam mit einer Prostituierten treibt, nimmt er das Mädchen Hayet in einem brennenden Haus wahr.

Sie sah ihren Bruder, Osman.
Ihr Bruder stand am Fenster und schaute hinaus. […]
Er dreht sich zu ihr, in seinem Gesicht nichts als Stille, dann Verwunderung, als er auf seine Arme schaute, die lichterloh brannten, der ganze Oberkörper, aber er machte nichts, er bewegte sich nicht und schrie nicht […], er schaute einfach zu, wie sein Hemd brannte […].

[…] es war noch eine andere Sehnsucht, als ihr Körper begriff, dass er nicht erwachsen werden, nicht heranreifen würde, sie wollte, ihr Körper wollte Zärtlichkeit, wollte greifen, was ihm verwehrt bleiben sollte, alles verschob sich und wurde wach, gierig, während sie in Wahrheit schon halb betäubt war, und sie griff nach mir, sie streckte nicht die Hand aus, sie hielt mich, zog mich zu sich heran, so fest, dass ich den Halt verlor, taumelte, aber gleichzeitig spürte ich, wie ich sie fest umarmte, für einen Moment noch zuckte ich zurück, weil ich spürte, wie jung sie war, ich spürte es, als ich meine Hand um ihre Brust wölbte und genoss, wie sie sich an mich drängte, zügellos: Beeil dich, mach!, flüsterte, mach schon! Dabei lachte sie, als wollte sie sagen, ich habe keine Zeit zu verlieren, oder nein, kein Lachen, dieses Geräusch, während ich in sie eindrang, wach und erregte und auf eine Weise pflichtbewusst, gehorsam.

Vielleicht habe ich meine Aufgabe nicht gut verstanden. Vielleicht gibt es keine Aufgabe, oder es gibt nichts zu verstehen.

Es war nicht mehr als ein kleiner, rätselhafter Faden, eine Begegnung da, wo keine möglich war, das letzte Wissen, wo alles Wissen aufgehört hatte.

Am 4. Oktober 1992 stürzte eine Frachtmaschine der israelischen Fluggesellschaft El Al auf einen Wohnblock im Amsterdamer Stadtteil Bijlermeer bzw. Zuidoost. Dabei kamen 43 Menschen ums Leben.

Shiras Tod

Zurück in Tel Aviv, wird Skip im Architekturbüro Heller eingestellt.

Als Terroristen einen Bus in Jerusalem sprengen, hört Skip die Stimme einer allein erziehenden Mutter im Stadtteil Rechaviah (Rehavia), deren Sohn Oren bei der Explosion stirbt.

Shira unterzieht sich bereits der zweiten Chemotherapie, als Skip mitbekommt, dass sie krank ist.

Heller hatte mich freigestellt, er sagte, ich solle zu Hause bleiben, bei Shira. Es kam mir selber komisch vor, dass ich mich langweilte, aber so war es. Warten auf den Tod ist auch Warterei, und wenn es lange dauert, wird man unruhig, nichts geht weiter, nichts fängt an oder erneuert sich […].

Der in London ausgebildete Arzt Chalil, der verwitwete Vater von Adila, die mit Avi und Naim befreundet ist, lindert Shiras Schmerzen mit Morphium-Injektionen. Plötzlich kommt er nicht mehr. Shira muss ins Krankenhaus und stirbt dort im Mai 1995 – während Skip eine Affäre mit einer Frau namens Nina hat.

Erst später erfährt Skip, dass Chalil nicht mehr helfen konnte, weil er inhaftiert war. Eine Komplizenschaft mit der Hamas konnte man ihm nicht nachweisen. Deshalb benutzte man die illegale Morphium-Verwendung als Vorwand, um ihn festzunehmen.

Nach seiner Freilassung wartet Chalil den Verkauf seiner Praxis in Tel Aviv nicht ab, sondern lässt sich von Skip zum Flughafen fahren und wandert mit seiner Tochter Adila nach London aus.

Israel, 1995 bis 2000

Während einer Fahrt mit dem schlafenden Sohn Avi auf dem Beifahrersitz hält Skip an und vertritt sich die Beine. Als er zum Auto zurückkommt, sitzt ein schätzungsweise 30 Jahre alter Fremder hinter dem Lenkrad. Skip muss sich in den Fond setzen. Der Mann fährt nach Jerusalem. Am nächsten Tag sprengt dort ein Selbstmordattentäter einen Bus, und Skip fragt sich, ob sich die Bombe in der großen Tasche befand, die der Fremde im Auto bei sich hatte.

Am 4. November 1995 wird der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin während einer Friedenskundgebung in Tel Aviv von einem fanatischen Jurastudenten erschossen.

Am 4. Februar 1997 glaubt Skip zu sehen, wie ein Mann namens Boas aus dem Haus in Herzlia gerannt kommt.

Eine der Sachen, die mir am rätselhaftesten sind, ist die Tatsache, dass ich den Namen kenne. Ich weiß ihn, bevor ich ihn kennen könnte.

Zwei israelische Transporthubschrauber kollidieren an diesem Tag über dem südlichen Libanon. Dabei kommen alle 73 Insassen ums Leben.

Am 13. März 1997 erschießt ein jordanischer Soldat im Jordantal elf Mädchen auf einem Schulausflug. Diesmal erfährt Skip nur aus den Nachrichten von den Toten.

Nach der Fertigstellung eines dreistöckigen Wohnhauses in Jaffo überweist Heller dem Bauleiter Skip 1998 eine großzügige Erfolgsprämie.

Im Juli 2000 versucht US-Präsident Bill Clinton auf seinem Sommersitz Camp David zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak und Jassir Arafat, dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, zu vermitteln, aber das Gipfeltreffen bleibt ohne greifbares Ergebnis.

Der israelische Oppositionspolitiker Ariel Scharon betritt am 28. September 2000 unter massivem Polizei- und Personenschutz den unter arabischer Verwaltung stehenden Tempelberg in Jerusalem – und provoziert dadurch die Zweite Intifada (Al-Aksa-Intifada).

Skips Söhne studieren nach dem Militärdienst in England, Avi Physik in London und Naim Biologie in Cambridge. Sie sehen auch ihre Freundin Adila und deren Vater wieder. Adila lebt mit einer anderen Frau zusammen, studiert an der London Business School und bereitet sich auf die Promotion vor.

Zipora

Heller engagiert eine rothaarige Frau namens Zipora, die Architektur und Kunstgeschichte studiert hat und 19 Jahre jünger als Skip ist. Ihre Mutter Ariela arbeitet als Arzthelferin in einer gynäkologischen Praxis, der Vater Seev Tal, der als Kleinkind Auschwitz überlebt hatte, soll in leitender Funktion beim Mossad beschäftigt gewesen sein.

Mehrmals fliegt Zipora in Hellers Auftrag nach Berlin. Der Architekt kauft schließlich von Emilie Kolbe ein Mietshaus in der deutschen Hauptstadt, und Skip und Zipora, die inzwischen ein Paar geworden sind, ziehen in die Wohnung in der obersten, der vierten Etage.

Ich flog ab, mit zwei großen Koffern. Ich kam an, die Koffer waren verlorengegangen.

Im Spätsommer 2001 kommt Avi mit seiner Freundin zu Besuch. Shirley ist Schneiderin und studiert in London Design.

Naim, der Verhaltensforscher werden möchte, gerät unter dem Einfluss seines Kommilitonen Peter Glenbourne an Kokain. Während eines Besuchs in Berlin verschwindet er. Skip meldet ihn bei der Polizei als vermisst, und Avi reist an, um bei der Suche zu helfen. Er spürt seinen Bruder nach fünf Tagen auf einer Parkbank auf.

Skip gesteht Avi, er sei nicht sein und Naims leiblicher Vater. Avi schweigt zunächst und behauptet dann, Skip sei auf einen Spaß der Mutter hereingefallen.

Anfang Oktober 2004 vernimmt Skip wieder einen Ruf und bucht für den 7. Oktober einen Flug mit EgyptAir von Berlin-Schönefeld nach Kairo. Bei einem Terroranschlag am 7. Oktober im Hotel Hilton in Taba sterben 34 Menschen. Aber Skip hat seinen Flug versäumt. Er schlief fest, und Naim schickte das Taxi weg, mit dem Skip zum Flughafen fahren wollte.

Als Avi und Shirley mitteilen, dass sie ein Kind erwarten, verrät Zipora, dass sie ebenfalls schwanger ist.

Avi und Naim übergeben Skip ein ungeöffnetes Kuvert von der Charité. Es handelt sich um das Ergebnis eines von ihnen in Auftrag gegebenen Vaterschaftstests. Sie erwarten zwar ein positives Ergebnis, kennen den Inhalt des Schreibens aber nicht – und Skip lässt den Brief ungeöffnet.

Er lebt seit sieben Jahren mit Zipora in Berlin, als er den vorliegenden Text für sie und sich selbst schreibt.

Ich bin Halbjude, allenfalls halb auserwählt. Vor allem bin ich nicht: doch nicht Vater, denn meine Söhne habe ich nicht gezeugt, doch nicht Architekt, denn ich baue nicht selber Häuser, nicht mehr Shiras Mann, denn sie ist gestorben. Nicht einsam, denn hier in Berlin habe ich Zipora.

Die Geschichten von Menschen werden erzählt ohne sie, die meisten. Wir wollen unser Leben, unsere Geschichte wie ein Haus, ein Fundament, wie ein Wohnraum, ein Fach. Von Zimmer zu Zimmer wollen wir gehen und begreifen, wo die Türen sind, aus den Fenstern wollen wir hinausschauen, um zu sehen, in welcher Stadt das Haus ist und wer vorübergeht. Ein Recht glauben wir darauf zu haben. Aber was ist eine Geschichte, wenn es an unser Leben kommt? Oder muss man fragen, was ist unser Leben, und antworten: ein Stück Schatten, das nicht erkennen lässt, was den Schatten wirft?

Die Erinnerung ist unzuverlässig.

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Wir können „Skip“ als philosophischen Roman lesen, denn Katharina Hacker versucht zu veranschaulichen, dass der Tod zum Leben gehört. Menschen werden durch Terroranschläge und Katastrophen plötzlich aus dem Leben gerissen.

Der Protagonist und Ich-Erzähler trägt den Spitznamen Skip. Das englische Verb to skip bedeutet (über-)springen, auslassen. Skip wird 1948 in Paris geboren, wandert Mitte der Siebzigerjahre nach Israel aus und zieht 2000 nach Berlin, während die beiden Söhne in England studieren. Der Selbstzweifler grübelt sieben Jahre nach seinem letzten Umzug über sein Leben. Er hat nie so richtig gewusst, wo sein Platz sein sollte und sieht sich zwischen den Stühlen stehen:

Ich bin Halbjude, allenfalls halb auserwählt. Vor allem bin ich nicht: doch nicht Vater, denn meine Söhne habe ich nicht gezeugt, doch nicht Architekt, denn ich baue nicht selber Häuser, nicht mehr Shiras Mann, denn sie ist gestorben. Nicht einsam, denn hier in Berlin habe ich Zipora.

Skip hört mitunter eine innere Stimme, die ihn an einen Ort ruft, an dem kurz darauf jemand stirbt, den er dann nicht in der Wirklichkeit, sondern in einer Zwischenwelt auf der Schwelle vom Leben zum Tod durch seine Anwesenheit zu trösten versucht.

Bei Matijahu, von dem Skip das Doppelhaus in Newe Zedek gekauft hat, ist er bald darauf nicht mehr sicher, ob es sich um einen Lebenden oder Toten handelt.

Katharina Hacker beschränkt sich nicht auf diese geheimnisvollen Vorgänge, bei denen sie wohl an Astralreisen und Seelenwanderungen dachte, sondern führt darüber hinaus eine Reihe mysteriöser Gestalten ein, zum Beispiel eine zugelaufene Katze, die sich von Skip zwar mit Fischabfällen füttern lässt, die ihm der befreundete Fischhändler Chajim mitgibt, die aber von Shira nicht wahrgenommen werden kann. Auch zwei Schildkröten, eine Krähe und einen in Skips Beisein sterbenden Esel hat Katharina Hacker symbolisch aufgeladen.

In „Skip“ wird nicht alles ausbuchstabiert. Vieles bleibt vage, offen oder wird angedeutet, und es gibt literarische Ellipsen. Katharina Hacker lässt Skip im Nachhinein aus der Erinnerung erzählen und dabei zeitlich vor und zurück springen.

Seine persönliche Geschichte spielt sich vor dem Hintergrund politischer, vor allem Israel betreffender Ereignisse ab, aber die werden nur angetippt, nicht als Teil einer Entwicklung erläutert.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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