Anna Katharina Hahn : Am Schwarzen Berg

Am Schwarzen Berg

Anna Katharina Hahn

Am Schwarzen Berg

Am Schwarzen Berg Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Berlin 2012 ISBN: 978-3-518-42282-3, 237 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Lehrer Emil Bub, dessen Ehe kinderlos geblieben ist, verbringt viel Zeit mit Peter, dem Sohn der im Nachbarhaus wohnenden Arztfamilie Rau. Unter seinem Einfluss entwickelt Peter sich zu einem Mann, der sich nichts aus Besitz und Karriere macht. Er arbeitet nur halbtags als Logopäde. Für seine Ehefrau Mia, die als Tochter einer allein erziehenden Putzfrau aufwuchs und sozial aufsteigen möchte, wird Peters Leistungsverweigerung im Lauf der Jahre unerträglich ...
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Kritik

Auf neonaturalistische Weise protokolliert Anna Katharina Hahn in dem tristen Roman "Am Schwarzen Berg", was ihre Figuren erleben und denken. Ihre Sprache bleibt dabei kühl und distanziert.

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Veronika Beyer, die Tochter eines erfolgreichen Architekten, fällt Emil Bub in einer Wäscherei in Stuttgart auf. Statt sie anzusprechen, fährt er ihr mit dem Rad nach, bis sie ihren Schlüsselbund herausnimmt. Wenn er jetzt nicht handelt, wird sie gleich weg sein. Ohne lange nachzudenken, tritt Emil in die Pedale und prallt gegen die Hauswand. Danach lässt er seine Hautabschürfungen von Veronika verbinden und trinkt mit ihr Cognac in der WG, die sie sich mit drei Kunststudenten teilt. Einige Zeit später heiraten sie und mieten eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung. Inzwischen hat Emil eine Festanstellung als Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Stuttgarter Gymnasium, und Veronika Bub-Beyer arbeitet als Bibliothekarin in der Stadtbücherei im Wilhelmspalais. Jeden Morgen steckt sie einen mit Cognac gefüllten Flachmann ein. Auch ihr Ehemann trinkt zu viel [Alkoholkrankheit].

1971 kaufen Emil und Veronika ein nach dem Krieg gebautes Haus Am Schwarzen Berg in Stuttgart-Burghalde, einem ehemaligen Weingärtnerdorf.

Knapp acht Jahre später stirbt die Nachbarin, und ihr Haus wird von dem Arzt Dr. Hans-Jochen („Hajo“) Rau erworben. Anders als die Bubs, die auf dem Anwesen nichts verändert haben, lässt er das Haus von einem Architekten zum Bungalow umbauen, bevor er mit seiner Frau Carla und dem neunjährigen Sohn Peter an Ostern 1979 einzieht.

Caroline Mathilde Rau, geborene Petersen, stammt aus Hamburg. Sie war dort Sprechstundenhilfe in einer Arztpraxis. Schließlich folgte sie Hajo nach Stuttgart, der zu diesem Zeitpunkt noch in einer Klinik arbeitete, sich aber nun in Burghalde selbstständig machte. Zähneknirschend muss Carla zweimal pro Woche in der Praxis mithelfen, zum Beispiel bei den Abrechnungen.

Hajo, dessen Eltern einfache Leute im Nordschwarzwald waren, absolvierte sein Studium in Rekordzeit und hat es zu etwas gebracht. Emil hält ihn jedoch auf den ersten Blick für einen spießigen Lackaffen. Trotzdem sieht er es als Aufgabe an, Peter parallel zum Schulunterricht Bildung zu vermitteln, und auch für seine Frau wird der Junge zum Ersatzsohn. Peter verbringt viel Zeit bei Emil und Veronika, die nach zwei Fehlgeburten die Hoffnung auf ein eigenes Kind aufgeben mussten. Emil, zu dessen Facebook-Profil ein Mörike-Bild gehört, begeistert auch Peter für den Lyriker der Romantik. Er erzählt Peter, was Carl Fridolin Weinsteiger in seiner 1899 veröffentlichten Biografie über die Liebesbeziehung seines Freundes Eduard Mörike mit Maria Meyer schreibt. Maria kam in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts als Dienstmädchen nach Stuttgart und heiratete dort den Bäckermeister Leopold Merten. Nachdem dieser einem Schlaganfall erlegen war, dichtete Mörike am liebsten bei ihr, denn bei ihm zu Hause gab es viel Streit zwischen seiner Ehefrau Margarethe und deren Schwester Clara. Als am 25. November 1858 ein Feuer in der Backstube ausbrach, gelangte Maria zwar rechtzeitig ins Freie, aber sie kehrte in das brennende Haus zurück, um die Manuskripte ihres Geliebten zu retten – und kam dabei ums Leben.

Weil Peters Schulnoten trotz Emils Nachhilfeunterricht nicht besser werden, brüllt Hajo eines Tages:

„Es langt mir jetzt! Das ist mein Sohn, und er wird was Besseres mit seiner Zeit anfangen, als sich mit diesem Taugenichts und Tagedieb, diesem Lehrer, herumzutreiben, der ihm nur Flausen in den Kopf setzt.“

1987 geht Peter für ein Jahr als Austauschschüler nach Michigan. Nach seiner Rückkehr hält er sich von Emil und Veronika fern, hilft stattdessen seinem Vater in der Praxis. Und nach dem Abitur studiert er Medizin. Er zieht des Öfteren um, wohnt in Gaisburg, Bad Cannstatt und Freiberg, bis er 2003 Maria („Mia“) Müller heiratet und sich mit ihr am Etzelweg in Stuttgart-Heslach einrichtet.

Knapp sieben Jahre später, im Sommer 2010, beobachtet Emil, der inzwischen kurz vor der Pensionierung steht, wie Peter in sein Elternhaus zurückgebracht wird. Als er nach drei Tagen hinübergeht, erfährt er, dass Mia ihren Mann vor einigen Wochen verlassen hat und mit den Söhnen Ivo und Jörn spurlos verschwunden ist. Peter liegt nur noch apathisch im Bett, er wäscht und rasiert sich nicht, zieht sich nicht um und nimmt kaum etwas zu sich.

Emil greift Clara in den Ausschnitt. Er erinnert sich, wie sie einmal unter der Gartendusche stand und ihm ihren zusammengeknüllten Bikini zuwarf. Sie hatten eine kurze Affäre. Emil betrog Veronika auch mit anderen Frauen, so zum Beispiel mit einer Kollegin auf einer Klassenfahrt nach Straßburg. Aber Veronika war ihm auch nicht treu. Sie hatte unter anderem ein Verhältnis mit dem dreimal verheirateten und zweimal geschiedenen Romanisten Otto Bohnenberger aus Hessen.

Als Hajo nach Hause kommt, stellt er fest, dass sein Sohn aufgrund der Dehydrierung bereits Bewusstseinstrübungen hat. Sofort schlägt er einen Nagel in die Wand und legt eine Infusion.

Mia hält sich mit den Kindern in der Casa Cornelia in Trarego im Tessin auf. Die Villa gehört Georg, ihrem Geliebten, der als Redakteur bei einem regionalen Fernsehsender in Stuttgart arbeitet. Seine Ehe wurde nach zwölf Jahren geschieden. Der Sohn Willi studierte in den USA und ist inzwischen als Physiker in Boston tätig.

Mias türkischer Vater hatte sich bereits vor ihrer Geburt aus dem Staub gemacht. Ihre allein erziehende Mutter war Putzfrau. Als eine Auftraggeberin das Haus verließ, ohne sie bezahlt zu haben, nahm sie sich als Lohnersatz Essen aus dem Kühlschrank und ein goldenes Halskettchen. Auch Mia begann zu stehlen. In der Schule strengte sie sich an und kämpfte gegen die Standesdünkel von Lehrern und Mitschülerinnen. So schaffte sie es auf die Pädagogische Hochschule. Ihre ersten sexuellen Erfahrungen machte sie mit Jungen, die ebenfalls in einfachen Verhältnissen aufgewachsen waren und ihre Vorstellungen aus Filmen in den Pornokinos am Bahnhof hatten. Als Mia dann an der Hochschule einen Freund hatte und von sich aus seinen Penis in die Hand nahm, um ihn beherzt zu stimulieren, merkte sie, wie irritiert er darüber war. Sie musste umlernen. Während des Referendariats in Deutsch und Geschichte scheiterte sie mehrmals vor der Klasse und brach es daraufhin ab. Später wurde sie Linguistik-Dozentin bei der Sanitas-Akademie, einer Weiterbildungseinrichtung für Gesundheitsberufe. Dann lernte sie Peter kennen. Die Mutter liegt seit langem auf dem Friedhof in Stuttgart-Wangen. Sie wurde von einem alkoholisierten Autofahrer totgefahren.

In den Ferien übernachteten Peter, Mia und die Kinder auf Campingplätzen oder in spartanisch eingerichteten Zimmern. Einmal leisteten sie sich einen Pauschalurlaub an der türkischen Riviera, aber Peter konnte die anderen Touristen nicht ausstehen und verabscheute es, wie sie über das Buffet herfielen. Mit den kleinen Söhnen beteiligte er sich an der Bürgerbewegung gegen den Bahnhofsneubau in Stuttgart und baute Baumhäuser im Schlossgarten. Dass Mia in Heslach nicht zufrieden war und sozial aufsteigen wollte, verstand er nicht. Er machte sich nichts aus Geld und schlug die angebotene Teilhaberschaft in der Logopädie-Praxis aus, in der er halbtags arbeitete. Sie kämen auch so über die Runden, meinte er und fragte rhetorisch, was er denn für die zusätzliche Arbeitszeit bekommen würde. Damit brachte er Mia zur Weißglut. Sie hielt ihm eine leere Eisverpackung mit Brotresten hin und schrie:

„Was du bekommst? Geld bekommst du! Geld! Geld, das dringend nötig ist, damit deine Kinder nicht so etwas als Vesperdose benutzen müssen! Damit sie hier rauskommen, aus diesem Dreckloch! Schau dich doch mal um! Wie lange sind wir jetzt hier? Du hast alles gehabt, alle Chancen, und sie, sie sollen nichts kriegen!“

Allein hätte Mia nicht die Kraft aufgebracht, sich von Peter zu trennen. Georg ermutigte sie dazu und stellte ihr die leer stehende Villa im Tessin zur Verfügung. Er fuhr sie und die Kinder hin.

Bevor er nach Stuttgart zurückfährt, meint er noch, Peter mache sich bestimmt Sorgen wegen Ivo und Jörn, sie müsse ihm unbedingt mitteilen, wo sie seien. Also schickt Mia ihrer Schwiegermutter eine Mail.

Daraufhin steht Peter auf und duscht. Freudig überrascht verabreden sich seine Eltern mit Emil und Veronika zu einem Essen im Garten. Auch Peter nimmt daran teil. Emil überredet seinen früheren Schützling, sich von ihm rasieren zu lassen. Anschließend sagt Peter, er wolle sich kurz das Gesicht und den Hals waschen.

Aber er kommt nicht zurück, und als Clara nachsieht, findet sie ihn in seinem Zimmer. Er hat sich mit einem Gürtel erhängt.

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Nach zwei Fehlgeburten müssen Emil und Veronika Bub die Hoffnung auf ein eigenes Kind aufgegeben. Als der Arzt Hajo Rau mit seiner Frau und dem neunjährigen Sprössling Peter im Nachbarhaus einzieht, wird der Junge für das kinderlose Ehepaar zu einem Ersatzsohn. Der Lehrer und Mörike-Verehrer Emil Bub, der Hajo Rau für einen spießigen Lackaffen hält, schenkt Peter eine eigens in der Zoohandlung gekaufte Schildkröte und lügt, die habe er im Garten gefunden. Unter seinem Einfluss entwickelt Peter sich zu einem Mann, der sich nichts aus Besitz und Karriere macht. Aber für seine Ehefrau Mia, die als Tochter einer allein erziehenden Putzfrau aufwuchs und sozial aufsteigen möchte, wird seine Leistungsverweigerung im Lauf der Jahre unerträglich.

Anna Katharina Hahn beginnt ihren Roman „Am Schwarzen Berg“ kurz vor dem Ende: Peter wurde vor wenigen Wochen von seiner Frau verlassen und dadurch aus der Bahn geworfen. Seine Eltern und die Nachbarn versuchen, ihn aus seiner Depression zu befreien. Parallel dazu erinnern sich Emil und Veronika an frühere Erlebnisse, die Anna Katharina Hahn als Rückblenden einschiebt. Im Kontrast dazu vermittelt uns die auktoriale Erzählerin in den Kapiteln 10 und 11 Mias Sichtweise.

Auf neonaturalistische Weise protokolliert Anna Katharina Hahn in dem tristen Roman „Am Schwarzen Berg“ gewissermaßen das Alltagsleben. Ihre Sprache bleibt dabei kühl und distanziert. Sie reiht Hauptsätze aneinander. Geschliffen wirkt das nicht. Auf Seite 42 wird zum Beispiel ein schnurloses Telefon „aufgehängt“ und innerhalb von fünf Zeilen trieft zunächst das Blatt einer Sense vom Grassaft und dann trieft der aus dem Wassereimer gezogene Wetzstein.

Mit „Am Schwarzen Berg“ beginnt auch das Gedicht „Die Elemente“ von Eduard Mörike (1804 – 1875):

Am schwarzen Berg da steht der Riese,
Steht hoch der Mond darüber her;
Die weißen Nebel auf der Wiese
Sind Wassergeister aus dem Meer:
Ihrem Gebieter nachgezogen
Vergiften sie die reine Nacht,
Aus deren hoch geschwungnem Bogen
Das volle Heer der Sterne lacht.
[…]

Fiktiv sind allerdings das 1899 veröffentlichte Erinnungsbuch des schizophrenen Mörike-Freundes Carl Fridolin Weinsteiger und die Geschichte über die Mörike-Geliebte, die am 25. November 1858 ums Leben kommt, als sie Manuskripte des Dichters aus einem brennenden Haus retten will. Die wirkliche Maria Meyer, Mörikes Jugendliebe, starb erst 1865 im Alter von 63 Jahren.

Den Roman „Am Schwarzen Berg“ von Anna Katharina Hahn gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Stephan Schad (Stuttgart 2012, 330 Minuten, ISBN 978-3-941234-34-5).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Anna Katharina Hahn: Kürzere Tage

Bastienne Voss - Mann für Mann
Der Roman "Mann für Mann" weist keine Handlung im eigentlichen Sinn auf, sondern besteht stattdessen aus einer Reihe von Episoden, aber das schmälert das Lesevergnügen kaum, denn Bastienne Voss erzählt ironisch, mit viel Witz und lakonischem Humor. "Mann für Mann" ist ausgesprochen unterhaltsam.
Mann für Mann

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