John Harvey : Schrei nicht so laut

Schrei nicht so laut

John Harvey

Schrei nicht so laut

Originalausgabe: Flesh and Blood Heinemann, London 2004 Carroll & Graf, New York 2004 Schrei nicht so laut Übersetzung: Sophie Kreutzfeldt Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007 ISBN 3-423-20956-9, 448 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der pensionierte englische Kriminalbeamte Frank Elder geht dem Verdacht nach, eine vor vierzehn Jahren spurlos verschwundene 16-Jährige sei damals zwei Männern zum Opfer gefallen, die wegen eines fast zur gleichen Zeit verübten Gewaltverbrechens zu Haftstrafen verurteilt wurden. Als einer der beiden freikommt, zwei Wochen später die Leiche eines Mädchens gefunden und kurz darauf Elders 16-jährige Tochter vermisst wird, scheint sich der Verdacht zu bestätigen ...
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Kritik

Obwohl oder gerade weil die Darstellung eher nüchtern und realistisch ist und John Harvey weitgehend ohne Effekthascherei auskommt, handelt es sich bei "Schrei nicht so laut" um einen fesselnden und spannenden Psychothriller.
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Frank Elder war dreißig Jahre lang bei der Polizei, zuletzt als Detective Inspektor in Nottinghamshire. Seine Ehe hielt nur etwas mehr als halb so lang. Vor zwei Jahren fand er heraus, dass ihn seine Frau Joanne seit acht Jahren mit ihrem Chef betrog, mit Martyn Miles, dem Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts in London und einer Kette von Friseursalons in London, Bath, Cheltenham, Derby und Nottingham. Elder quittierte daraufhin den Polizeidienst und zog allein nach Cornwall. Hin und wieder trifft er sich mit seiner sechzehnjährigen Tochter Katherine, die bei Joanne und Martyn in Nottingham lebt.

Zwei Jahre nachdem Elder in den Vorruhestand ging, wird Shane Donald auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen. Edler greift daraufhin den Fall der seit vierzehn Jahren vermissten Susan Blacklock trotz seiner Pensionierung mit Hilfe früherer Kolleginnen wie Maureen Prior neu auf. Er hatte damals die Ermittlungen geleitet, war jedoch mit dem Versuch gescheitert, Shane und dessen Komplizen Alan McKeirnan eine Gewalttat gegen Susan nachzuweisen. Die damals Sechzehnjährige, die mit ihren Eltern Helen und Trevor Blacklock im Haven Holiday Park über den Klippen von Whitby Ferien gemacht hatte, blieb spurlos verschwunden. Elder hatte Susans Mutter versprochen, das Mädchen zu finden, und er fühlt sich noch immer daran gebunden. Helen Blacklock zog nach der Trennung von ihrem Mann allein in ein Haus nahe der Stelle, wo sie Susan zum letzten Mal gesehen hatte.

Shane Donald war das jüngste Kind einer Putzfrau und eines Gelegenheitsarbeiters, der sich häufig betrank und dann gewalttätig wurde [Alkoholkrankheit]. Zwei ältere Brüder vergewaltigten ihn immer wieder. Zuneigung fand er nur bei seiner Schwester Irene, die bereits ein Kind hatte und wieder schwanger war, als sie einen Gasinstallateur namens Neville in Huddersfield heiratete. Einige Zeit später lernte Shane den neun Jahre älteren Iren Alan McKeirnan kennen, der als Hilfskraft auf einem Jahrmarkt arbeitete und sich mit ihm zusammentat. Alan holte sich hin und wieder Zufallsbekanntschaften in den Wohnwagen. Shane kam einmal unerwartet dazu. Da forderte Alan ihn ungeachtet des Protests der jungen Frau zum Zuschauen auf und zwang sie anschließend auch zum Koitus mit seinem Freund. Bei der einen gemeinsamen Vergewaltigung blieb es nicht. Die sechzehnjährige Lucy Padmore, die 1988 mit ihren Eltern Ferien in Mablethorpe machte, wurde von Alan und Shane in den Wohnwagen gelockt und dort gefangen gehalten. Die beiden Männer vergewaltigten sie mehrmals und machten sich einen Spaß daraus, ihr eine Faust, eine Flasche oder einen Besenstiel in die Vagina zu stoßen. Nach fünf Tagen war Lucy tot. Für diese Gewalttat wurde der damals sechsundzwanzig Jahre alte Alan McKeirnan zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, und bei seinem siebzehnjährigen Komplizen ließ das Gericht die Dauer der Haftstrafe offen. Da Susan Blacklock etwa zu der Zeit verschwand, als man Lucy Padmores Leiche fand, glaubt Frank Elder bis heute, dass sie den beiden Gewalttätern zum Opfer fiel.

Der Vater von Lucy Padmore gerät außer sich, als er aus den Nachrichten erfährt, dass Shane Donald aus dem Gefängnis frei kam. Vor laufender Fernsehkamera droht er ihm mit dem Schlimmsten, sobald er ihn gefunden habe. Das macht sich ein Mann zunutze, der mit Shane im selben Bewährungsheim wohnt: Cleave überrascht Shane im Schlaf mit einem Messer und verlangt, dass dieser ihm Geld beschafft. Andernfalls werde er Lucy Padmores Vater verraten, wo er zu finden sei.

Daraufhin flieht Shane aus dem Heim. Während sein Schwager Neville bei der Arbeit ist, sucht er Zuflucht bei seiner Schwester Irene in Huddersfield. Dort kann er allerdings nicht bleiben, denn Neville will Shane schon wegen der fünf Kinder nicht im Haus haben. Auf den Rat seiner Schwester hin sucht Shane Kontakt mit seiner Bewährungshelferin Pam Wilson: Er überrascht sie in ihrem Auto, als sie vom Büro nach Hause fahren will und hält ihr von hinten ein Messer an den Hals. Kurz darauf kommt Pams Abteilungsleiter auf den Parkplatz. Bevor er gegen die Scheibe klopft, rennt Shane mit Pams Handtasche davon.

Zwei Tage später überfällt er den Homosexuellen Gerald Kersley in einer öffentlichen Toilette und nimmt ihm die Brieftasche und die Autoschlüssel ab. Nachdem er die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und es gegen eine Laterne gesetzt hat, geht er zu Fuß weiter und verdient auf einem Jahrmarkt etwas Geld. Weil er sich mit der siebzehnjährigen Angel Elizabeth Ryan befreundet, einem in Pflegefamilien aufgewachsenen Mädchen, das von Della, der Schwester des Jahrmarktsbesitzers, aufgenommen wurde, bleibt Shane bei den Leuten, zieht mit ihnen nach Newark weiter und erhält sogar mit Angel zusammen einen Wohnwagen zur Verfügung gestellt.

Wie man mit Mädchen umgeht, glaubt Shane von Alan McKeirnan zu wissen. Der hatte ihm geraten, sie hin und wieder etwas härter anzufassen, denn das wünschten sie sich, auch wenn sie es nicht sagten. Eines Abends, nachdem Shane ein paar Bier getrunken, einen Joint geraucht und Ecstasy-Pillen geschluckt hat, packt er Angel im Wohnwagen von hinten, reißt ihr den Rock hoch und drängt mit der Hand in sie ein, obwohl sie nicht erregt ist und er ihr mit der anderen Hand den Mund zupressen muss, damit sie nicht vor Schmerzen schreit. Es gelingt ihr, ihn fortzuschieben, und er entschuldigt sich.

Die Polizei findet heraus, dass Shane mit einer der gestohlenen Kreditkarten in Nottingham einkaufen wollte.

Einen Tag später besucht die sechzehnjährige Emma Harrison mit ihren Freundinnen Alison und Ashley den Rufford Country Park bei Nottingham. Kurz bevor der letzte Bus fährt, geht sie zur Toilette – und taucht nicht mehr auf. Ihre Leiche wird Tage später nördlich von Mablethorpe am Strand gefunden, unweit der Stelle, an der 1988 Lucy Padmore ermordet worden war.

Alan McKeirnan erhält eine Ansichtskarte aus Mablethorpe und lässt daraufhin Frank Elder ausrichten, er habe etwas für ihn. Er wisse, wer Emma Harrison ermordet und ihm die Karte geschickt habe, sagt er, aber für die Information verlangt er Vergünstigungen. Elder verspricht, einen Bericht über seine Kooperatiosbereitschaft zu schreiben und erfährt den Namen des Verdächtigen. Adam Keach verbüßte eine Haftstrafe wegen schweren Einbruchs. Im Gefängnis lernte er McKeirnan kennen und schwärmte für ihn. Zwei Wochen bevor Emma Harrison verschwand, wurde er entlassen. Vermutlich ermordete der Vierundzwanzigjährige sie, um seinem Idol zu imponieren.

Die Medien, die noch nicht erfahren haben, dass die Polizei nach Adam Keach fahndet, verdächtigen nach wie vor Shane Donald als Mörder von Emma Harrison. Della weist Angel auf einen der groß aufgemachten Zeitungsberichte mit Fotos hin, um sie vor Shane zu warnen, aber sie überlässt ihrem Schützling die Entscheidung, ob daraus Konsequenzen gezogen werden sollen. Als Shane an diesem Abend in den Wohnwagen kommt, fragt Angel ihn, ob er Emma Harrison umgebracht habe. Er beteuert seine Unschuld, und weil sie ihm glaubt, flieht sie noch in der Nacht mit ihm.

Sie suchen Eve Branscombe auf, deren Pflegetochter Angel im Alter von neun bis zwölf Jahren war. Die jetzt Sechzigjährige bietet dem Paar an, in ihrem Gästezimmer zu übernachten. Als Shane sie am nächsten Morgen mit einer aufgeschlagenen Zeitung und dem Telefon in der Hand ertappt, schlägt er sie wütend nieder. Weil unklar ist, ob Eve Branscombe die Polizei bereits angerufen hatte, verlassen Shane und Angel unverzüglich den Ort.

Um weniger aufzufallen, müssten sie sich vorübergehend trennen, meint Angel, denn die Polizei suche nach einem Paar. Shane sieht ein, dass sie Recht hat. Vor dem Abschied vereinbaren sie ein Treffen in einer Woche.

Bei seinen Nachforschungen findet Frank Elder heraus, dass Trevor Blacklock nur Susans Stiefvater war. Er stellt Helen zur Rede. Mit sechzehn war sie von einem Mann namens David Ulney geschwängert worden. Als sie eine Abtreibung verweigerte, ließ er sie sitzen und zahlte dann auch keinen Unterhalt für ihre Tochter Susan. Offenbar hatte er sich vor deren Geburt nach Neuseeland abgesetzt.

Katherine kommt vom Lauftraining nicht nach Hause. Keiner ihrer Freunde weiß, wo sie ist. Aufgeregt rast Elder mit dem Wagen nach Nottingham zu Joanne. Martyn hat angeblich geschäftlich in London zu tun, aber seine Reservierung im Hotel „Waldorf Meridien“ wurde storniert, und Joanne schließt daraus, dass er die Nacht mit einer Geliebten verbringt. Elder befürchtet, dass Katherine sich in der Gewalt von Adam Keach befindet, der seinem Idol McKeirnan auf diese Weise demonstrieren will, zu was er fähig ist: Ein spektakuläreres Opfer als die Tochter des Detectives, der McKeirnan vor vierzehn Jahren verhaftet hatte, könnte Keach kaum finden.

Während die Fahndung nach Keach und die Suche nach Katherine Elder auf Hochtouren läuft, erhält Elder einen Anruf von Angel: Sie verrät ihm das bevorstehende Treffen und möchte, dass er allein mit ihrem Freund spricht, damit dieser sich freiwillig stellt und den neuerlichen Mordverdacht ausräumt. Obwohl Elder ihr zusichert, allein zu kommen, verständigt er stattdessen die Polizei, die Shane daraufhin in einer Raststätte festnimmt.

In dem Gefängnis, in dem McKeirnan sitzt, wird eine Ansichtskarte aus Whitby abgefangen. Kurz darauf telefoniert Keach mit Elder und teilt ihm spöttisch mit, er hätte McKeirnan eine Karte aus Port Mulgrave geschickt, wenn es dort Ansichtskarten gegeben hätte.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Elder hinterlässt seinen früheren Kollegen eine Nachricht und macht sich sofort auf den Weg. In einer Hütte bei Port Mulgrave findet er Katherine: Sie liegt nackt, halb bewusstlos, blutig und mit Hämatomen am ganzen Körper in einer Hütte. Elder beugt sich über sie. Da merkt er, dass noch jemand im Raum ist: Keach. Es kommt zum Kampf. Gerade noch rechtzeitig trifft ein Polizeihubschrauber ein. Lachend lässt Keach sich verhaften. Katherine und ihr Vater werden nach Leeds ins Krankenhaus gebracht.

Joanne beschuldigt ihren Ex-Mann, durch seine Wiederaufnahme der Ermittlungen im Fall Susan Blacklock die Aufmerksamkeit eines Verbrechers auf Katherine gelenkt und beinahe deren Tod verschuldet zu haben. Während er sich bald von seinen Verletzungen erholt haben werde, sei Katherine schwer traumatisiert.

Um sich Gewissheit über Susans Schicksal zu verschaffen und sein Versprechen einzulösen, er werde sie finden, fliegt Elder nach Auckland und sucht nach David Ulney. Er stößt zunächst auf dessen Tochter. Susan erzählt ihm, ihr Vater habe Kontakt mit ihr aufgenommen, als sie fünfzehn war. Er wartete vor der Schule auf sie und schwärmte von Neuseeland. Im folgenden Sommer erfüllte er sein Versprechen und holte sie ab, als sie gerade mit Helen und Trevor Ferien in Whitby machte. David nahm sie mit nach Neuseeland. Inzwischen muss sie ihn pflegen, denn seit er vor drei Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt, ist er auf einen Rollstuhl angewiesen.

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Mit großem Einfühlungsvermögen entwickelt John Harvey in seinem Psychothriller „Schrei nicht so laut“ lebendige und – das gilt besonders für Shane Donald – differenzierte Charaktere als Träger eines Plots, der aus drei verknüpften Handlungssträngen besteht. Das Geschehen erleben wir abwechselnd aus dem Blickwinkel von Frank Elder und aus der Perspektive von Shane Donald. Obwohl oder gerade weil die Darstellung eher nüchtern und realistisch ist und John Harvey weitgehend ohne Effekthascherei auskommt, handelt es sich bei „Schrei nicht so laut“ um eine fesselnde und spannende Lektüre.

„Schrei nicht so laut“ ist der erste Band einer Trilogie, die John Harvey über die Figur Frank Elder geschrieben hat: „Flesh and Blood“ (2004), „Ash and Bone“ (2005), „Darkness and Light“ (2006). Die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung des zweiten Bandes ist für September 2007 bei dtv geplant: „Schau nicht zurück“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

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