Friedrich Hebbel : Maria Magdalena

Maria Magdalena
Manuskript: 1843 Erstausgabe: Maria Magdalene Hoffmann und Campe, Hamburg 1844 Uraufführung: Königsberger Stadttheater, 13. März 1846 Maria Magdalena Ein bürgerliches Trauerspiel in drei Akten Anmerkungen von Karl Pörnbacher Reclam Verlag, Stuttgart 2016 ISBN 978-3-15-003173-5, 110 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Klara schwanger wird, obwohl sie noch nicht verheiratet ist, will sie den ungeliebten Vater des Kindes unbedingt als Ehemann, um ihrer Familie keine Schande zu machen. Nachdem ihre Mutter gestorben und ihr Bruder unter Diebstahls-Verdacht geraten ist, setzt der ahnungslose Vater alle Hoffnungen auf Klara und droht, sich umzubringen, wenn sie ihn enttäuscht. Dadurch gerät die junge Frau in eine ausweglose Lage ...
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Kritik

Friedrich Hebbel wirft den Bürgern Heuchelei vor, weil es ihnen mehr um das Gerede der anderen Leute als um moralisches Verhalten geht. Mit dem Trauerspiel "Maria Magdalena" zeigt er, wie starres, inhumanes, verständnisloses Festhalten an Moralvorstellungen in einer Katastrophe endet.
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1. Akt

Klaras Mutter Therese ist gerade erst von einer schweren Krankheit genesen. Ihr Bruder Karl, der an diesem Morgen eine goldene Kette trägt, die Klara noch nicht kennt, möchte von der Mutter einen Gulden leihen, und als diese ihm das Geld verweigert, beschwert er sich darüber, dass sie alles für Klaras Hochzeitskleid spart. Er gilt als schwarzes Schaf in der Familie.

Kurz nachdem Karl verärgert das Haus verlassen hat, kommt Klaras Verehrer Leonhard, der seit einem Streit vor zwei Wochen nichts von sich hören ließ. Er wirft ihr vor, mit einem anderen Mann geflirtet zu haben, einem Sekretär namens Friedrich, mit dem sie seit ihrer Kindheit befreundet ist. Leonhard behauptet, er sei gekommen, um bei Klaras Vater, dem sechzigjährigen Tischlermeister Anton, um ihre Hand anzuhalten.

Klara: Ach!
Leonhard: Ist dirs nicht recht?
Klara: Nicht recht? Mein Tod wärs, wenn ich nicht bald dein Weib würde, aber du kennst meinen Vater nicht! Er weiß nicht, warum wir Eile habe, er kanns nicht wissen, und wir könnens ihm nicht sagen, und er hat hundertmal erklärt, dass er seine Tochter nur dem gibt, der, wie er es nennt, nicht bloß Liebe im Herzen, sondern auch Brot im Schrank für sie hat. (Seite 282)

Da Leonhard nicht mehr arbeitslos ist, sondern gerade eine Stelle als Kassierer bekommen hat, rechnet er mit der Einwilligung ihres Vaters. Klara wundert sich darüber, dass er die Stelle bekam, denn sie weiß von dem Mitbewerber Herrmann. Den hatten Kumpane Leonhards jedoch vor dem entscheidenden Gespräch mit dem Bürgermeister betrunken gemacht. Klara ist entsetzt, dass sie durch ihre Schwangerschaft an so einen gewissenlosen Mann gekettet ist.

Meister Anton, der nun hinzukommt, hat bereits erfahren, dass Leonhard nicht mehr arbeitslos ist. Im Gespräch mit Leonhard lässt Anton erkennen, wie unzufrieden er mit seinem Sohn Karl ist:

Ja, wir Alten sind dem Tod vielen Dank schuldig, dass er uns noch so lange unter euch Jungen herumlaufen lässt, und uns Gelegenheit gibt, uns zu bilden. Früher glaubte die dumme Welt, der Vater sei dazu da, um den Sohn zu erziehen. Umgekehrt, der Sohn soll dem Vater die letzte Politur geben, damit der arme einfältige Mann sich im Grabe nicht vor den Würmern zu schämen braucht. Gottlob, ich habe in meinem Karl einen braven Lehrer, der rücksichtslos und ohne das alte Kind durch Nachsicht zu verzärteln gegen meine Vorurteile zu Felde zieht […] Erstlich hat er mir gezeigt, dass man sein Wort nicht zu halten braucht, zweitens, dass es überflüssig ist, in die Kirche zu gehen. (Seite 286)

Leonhard interessiert sich mehr für die 1000 Taler, die der Tischlermeister besitzen soll. Die möchte er als Mitgift, doch er weiß, dass der Tischler sie vor längerer Zeit dem Apotheker lieh und warnt ihn vor dessen Überschuldung. Damit will er Meister Anton dazu bewegen, sich das Geld zurückzuholen. Der klärt ihn darüber auf, dass er die 1000 Taler zwar vom Apotheker längst zurückbekam, aber das Geld später einem früheren Wohltäter schenkte: dem inzwischen verstorbenen Meister Gebhard.

Leonhard, der Klara nur wegen der Mitgift heiraten wollte, von der er nun weiß, dass es sie nicht geben wird, berichtet im Beisein von Klaras Eltern, dass beim Kaufmann Wolfram Juwelen gestohlen wurden. Meister Anton weiß, dass Karl vor ein paar Tagen einen Sekretär des Kaufmanns polierte, und Leonhard fügt ergänzend hinzu, dass die Wertsachen aus diesem Sekretär verschwunden seien. Kurz darauf klingeln zwei Gerichtsdiener:

Adam: So hör Er! Sein Sohn hat Juwelen gestohlen. Den Dieb haben wir schon. Nun wollen wir Haussuchung halten! (Seite 295)

Der Schock tötet Klaras Mutter Therese auf der Stelle.

Kurze Zeit später trifft ein Brief ein, mit dem Leonhard sich von Klara lossagt und dies mit dem Verbrechen ihres Bruders begründet.

Ich als Kassierer – dein Bruder – Dieb – sehr leid – aber ich kann nicht umhin, aus Rücksicht auf mein Amt – – (Seite 309)

Meister Anton: Lass ihn!
Klara: Vater, Vater, ich kann nicht!
Meister Anton: Kannst nicht? Kannst nicht? Was ist das? Bist du –
[…] Fass die Hand der Toten und schwöre mir, dass du bist, was du sein sollst!
Klara: Ich – schwöre – dir – dass – ich – dir – nie – Schande – machen – will!
Meister Anton: Gut! Es ist schönes Wetter! Wir wollen Spießruten laufen, straßauf, straßab! (Seite 296f)

2. Akt

Meister Anton fällt auf, dass seine Tochter nichts isst.

Wer keinen Appetit hat, der hat kein gutes Gewissen! […] Geh zum Teufel mit deiner blassen Leidensmiene, die du der Mutter des Heilands gestohlen hast! Rot soll man aussehen, wenn man jung ist! (Seite 297)

Obwohl Klara ihn darauf hinweist, dass Karls Schuld noch nicht bewiesen ist, rechnet er mit einer zehnjährigen Zuchthausstrafe für seinen Sohn und überlegt, was er tun wird, wenn Karl nach deren Verbüßung mit geschorenem Kopf nach Hause kommt. Er setzt nun alle Erwartungen auf Klara und droht, sich das Leben zu nehmen, falls auch Klara ihm Schande machen würde.

Dein Bruder ist der schlechteste Sohn, werde du die beste Tochter! […] Werde du ein Weib, wie deine Mutter war, dann wird man sprechen: An den Eltern hats nicht gelegen, dass der Bube abseits ging, denn die Tochter wandelt den rechten Weg und ist allen anderen vorauf. (Seite 299)

Wegen der Verantwortung, die sie nun zu tragen hat, ist Klara verzweifelt.

Meister Anton ist fortgegangen, als der Kaufmann Wolfram eintritt, um mitzuteilen, dass er die von seiner geistesgestörten Frau versteckten Juwelen wiedergefunden habe.

Kurz nach dem Kaufmann Wolfram kommt der Sekretär Friedrich, um die Nachricht von der Unschuld Karls zu überbringen. Er trifft Klara ebenfalls allein an und erbittet einen freundschaftlichen Kuss für die gute Botschaft, aber sie hört ihm nicht zu, denn sie klammert sich nun an die Hoffnung, dass Leonhard sie nach der Rehabilitierung ihres Bruders doch noch heiraten werde.

Sekretär: So liebt du ihn? Dann –
Klara: Lieben? Er oder der Tod! […]
Sekretär: Er oder der Tod? Mädchen, so spricht die Verzweiflung, oder –
Klara: Mach mich nicht rasend! Nenne das Wort nicht mehr! Dich! dich lieb ich! Da! Da! Ich rufs dir zu, als ob ich schon jenseits des Grabes wandelte […] (Seite 308)

Nachdem Klara ihm ihre Liebe gestanden hat, drängt der Sekretär sie, ihn zu heiraten, aber sie glaubt, die Ehe mit Leonhard sei ihr einziger Ausweg. Friedrich entschließt sich, den Verführer zum Duell zu fordern.

3. Akt

Klara sucht Leonhard auf und bittet ihn, seine Absage von vor acht Tagen zurückzunehmen:

Mein Vater schneidet sich die Kehle ab, wenn ich – heirate mich! (Seite 312)

Leonhard fordert sie auf, ihm Liebe zu schwören, aber das kann sie nicht:

Nein, das kann ich nicht schwören! Aber dies kann ich schwören: ob ich dich liebe, ob ich dich nicht liebe, nie sollst dus erfahren! Ich will dir dienen, ich will für dich arbeiten und zu essen sollst du mir nichts geben, ich will mich selbst ernähren, ich will bei Nachtzeit nähen und spinnen für andere Leute, ich will hungern, wenn ich nichts zu tun habe […] Wenn du mich schlägst […], so will ich eher meine Zunge verschlucken als ein Geschrei ausstoßen, das den Nachbarn verraten könnte, was vorfällt […] Heirate mich – ich lebe nicht lange. Und wenns dir doch zu lange dauert und du die Kosten der Scheidung nicht aufwenden magst, um von mir loszukommen, so kauf Gift aus der Apotheke und stells hin, als obs für deine Ratten wäre, ich wills, ohne dass du auch nur zu winken brauchst, nehmen und im Sterben zu den Nachbarn sagen, ich hätts für zerstoßenen Zucker gehalten! (Seite 313)

Leonhard erklärt seiner verzweifelten Besucherin, inzwischen sei die Tochter des Bürgermeisters seine Braut. Und er warnt sie:

Leonhard: Du kannst gottlob nicht Selbstmörderin werden, ohne zugleich Kindsmörderin zu werden!
Klara: Beides lieber als Vatermörderin! O, ich weiß, dass man Sünde mit Sünde nicht büßt! Aber was ich jetzt tu, das kommt über mich allein! Geb ich meinem Vater das Messer in die Hand, so triffts ihn wie mich! Mich triffts immer! (Seite 316)

Sobald Klara gegangen ist, schwankt Leonhard, ob er ihr nicht doch folgen und sich mit ihr versöhnen sollte. In diesem Augenblick tritt der Sekretär ein und fordert ihn zum Pistolenduell. Aus Angst erklärt Leonhard sich sofort bereit, Klara zu heiraten, aber das will Friedrich nicht zulassen. Er zwingt Leonhard, ihn zu begleiten.

Zu Hause trifft Klara ihren aus der Haft entlassenen Bruder an. Er will fort und sein Glück als Matrose versuchen, denn er ist nicht in der Lage, seine Schulden bei Wirtshaus-Freunden zu begleichen. Dass Klara Selbstmordgedanken andeutet, bemerkt er nicht.

Klara: Und du willst den Vater allein lassen? Er ist sechzig Jahr!
Karl: Allein? Bleibst du ihm nicht?
[…]
Klara: Ja, ich muss fort, fort!
Karl: Was soll das heißen?
Klara: Ich muss in die Küche – was wohl sonst? (Seite 321f)

Karl fordert seine Schwester auf, ihm ein Glas Wasser zu holen und warnt sie vor einem losen Brett am Brunnen.

Während sie unterwegs ist, kommt der Vater nach Hause. Weil er seinem Sohn Unrecht getan hat, ist er bereit, dessen Schulden zu begleichen. Karl lehnt das Angebot ab und kündigt an, dass er zur See fahren werde. Vorher will er sich noch an dem Gerichtsdiener rächen, der schuld am Tod der Mutter ist und ihn bei der Festnahme absichtlich auf Umwegen durch die ganze Stadt schleifte. Sein Vater will nicht, dass er den Mann tötet und droht damit, dem Gerichtsdiener im Falle eines Angriffs beizuspringen.

Da taumelt der Sekretär zur Tür herein. Er hat Leonhard im Duell getötet, ist aber selbst schwer verletzt und nur gekommen, weil er Klara vor dem Tod noch einmal sehen wollte. Er beschwört Meister Anton, Klara nicht zu verstoßen. Der weiß zunächst nicht, was der Sekretär meint, aber Karl beginnt zu ahnen, was seine Schwester vorhatte. Er stürzt davon und kehrt mit der Nachricht zurück, dass jemand im Brunnen liegt. Die Männer finden Klaras Leiche.

Karl: Klara! Tot! Der Kopf grässlich am Brunnenrand zerschmettert, als sie – Vater, sie ist nicht hineingestürzt, sie ist hineingesprungen, eine Magd hats gesehen! (Seite 325)

„Ich verstehe die Welt nicht mehr!“, klagt Meister Anton.

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Friedrich Hebbel setzt sich in dem bürgerlichen Trauerspiel „Maria Magdalena“ nicht mit der Frage auseinander, ob es eine Schande ist, wenn eine unverheiratete Frau ein Kind erwartet. (Das wird in Deutschland erst seit wenigen Jahren nicht mehr so gesehen.) Stattdessen wirft er den Bürgern Heuchelei vor, weil es ihnen mehr um das Gerede der anderen Leute als um moralisches Verhalten geht. Nicht aufgrund von moralischen Überzeugungen unterlässt man eine anstößige Handlung, sondern aus Angst vor dem Getuschel der Nachbarn. Und bei einem Fehltritt kommt es darauf an, dass niemand etwas davon erfährt. Mit dem Stück „Maria Magdalena“ zeigt Friedrich Hebbel, wie das starre, inhumane, verständnislose Festhalten an Moralvorstellungen in einer Katastrophe endet.

Bemerkenswert ist, wie Friedrich Hebbel die Sprache einsetzt, um etwas zu veranschaulichen, etwa wenn eine zerstückelte Syntax Meister Antons Kommunikationsprobleme wiedergibt:

Meine größte Pein war, dass ich so ungeschickt blieb, ich konnte darüber mit mir selbst hadern, als obs meine eigene Schuld wäre, als ob ich mich im Mutterleibe nur mit Fresszähnen versehen, und alle nützliche Eigenschaften und Fertigkeiten wie absichtlich darin zurückgelassen hätte, ich konnte rot werden, wenn mich die Sonne beschien. (Seite 290)

„Maria Magdalena“ gilt als eines der charakteristischen Stücke des Poetischen Realismus und letztes bürgerliches Trauerspiel in Deutschland, eines Genres, das durch das naturalistische Sozialdrama abgelöst wurde.

Übrigens war Friedrich Hebbel 1836 bis 1838 in München in Josepha („Beppi“) Schwarz verliebt, die gleichaltrige Tochter eines Tischlermeisters. Deren Bruder Karl wurde im Juli 1837 zu Unrecht eines Diebstahls verdächtigt und festgenommen.

Als Titel des Theaterstücks hatte Friedrich Hebbel den Namen der Protagonistin Klara vorgeschlagen, aber der Verlag setzte stattdessen „Maria Magdalena“ durch. Die Assoziation mit der biblischen Büßerin, glaubte man, werde die Vermarktungschancen verbessern. Durch einen Druckfehler auf dem Cover der Erstausgabe (Hoffmann und Campe, Hamburg 1844) wurde daraus „Maria Magdalene“. Die Uraufführung von „Maria Magdalena“ erfolgte am 13. März 1846 im Königsberger Stadttheater.

Franz Xaver Kroetz ließ sich von dem Trauerspiel zu einer Komödie in drei Akten inspirieren, die 1973 von den Städtischen Bühnen Heidelberg uraufgeführt wurde.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Seitenangaben: Die Bibliothek deutscher Klassiker, Band 45,
Hg.: Karl Pörnbacher, Carl Hanser Verlag, München / Wien 1978

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