Friedrich Hebbel : Agnes Bernauer

Agnes Bernauer

Friedrich Hebbel

Agnes Bernauer

Agnes Bernauer Manuskript: September – Dezember 1851 Originalausgabe: K. Ueberreuter, Wien 1852 Uraufführung: Hoftheater München, 25. März 1852
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Albrecht von Wittelsbach, der Sohn des regierenden Herzogs von Bayern-München, reist anlässlich eines Turniers nach Augsburg. Dort verliebt er sich in Agnes Bernauer, die schöne Tochter eines Baders. Gegen den Rat seiner Freunde und den anfänglichen Widerstand des besorgten Brautvaters vermählt sich Albrecht mit dem Mädchen. Mit dieser Messaliance durchkreuzt er die Heiratspläne seines Vaters ...
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Kritik

In dem Trauerspiel "Agnes Bernauer" veranschaulicht Friedrich Hebbel auf eindringliche Weise den Konflikt zwischen der Staatsräson und dem Glück einzelner Menschen.
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Der Augsburger Bader und Chirurg Kaspar Bernauer überredet seine Tochter Agnes, mit ihrem Taufpaten Knippeldollinger und seinem Gesellen Theobald zum Turnier zu gehen. Eigentlich möchte sie zu Hause bleiben, denn sie hat gerade von ihrer früheren Freundin Barbara erfahren, dass die anderen Mädchen eifersüchtig auf sie sind, weil die jungen Männer nur noch Augen für sie haben. Dabei legt Agnes es nicht darauf an; sie weiß nicht einmal, von wem der kurz zuvor abgegebene Rosenstrauß stammt.

Agnes: Nein, Vater, ich bleibe zu Hause!
Kaspar Bernauer: Wie? Was? Warum wartest du hier denn auf mich? (Zu Theobald.) An den Destillierkolben! Das Feuer wird zu schüren sein!
Theobald (geht ab).
Kaspar Bernauer: Nun?
Agnes: Vater, all die Augen – es ist mir, als ob mich geradesoviel Bienen stächen! Und Er weiß ja, sie sehen alle nach mir!
Theobald (tritt wieder ein).
Kaspar Bernauer: Sieh du sie wieder an! Nun, wenn du lieber deinen Rosenkranz abbetest, meinetwegen! (Sieht sich um, zu Theobald.) Noch keine Salben abgerührt? Hat der Hahn heut Morgen nicht gekräht?
Theobald (geht ans Geschäft).
Agnes: Barbara war hier, alle hassen mich, ich verderb ihnen den Tag, wenn ich komme.
Kaspar Bernauer: Und darum willst du ausbleiben? Nichts da! Dann dürfte der beste Ritter ja auch nicht kommen, denn der verdirbt den übrigen ja auch den Tag. Und der nächstbeste ebenso wenig, und wer noch, bis auf den letzten, der nur zum Umpurzeln da ist! Torheit und kein Ende! (1. Akt, 7. Szene, Seite 493)

Um an dem Turnier teilzunehmen, ist Albrecht von Wittelsbach, der Sohn des regierenden Herzogs Ernst von Bayern-München, angereist. Er geht siegreich daraus hervor und wird von Nördlinger, dem Bürgermeister von Augsburg, zur Herberge gebracht. Dort fragt Albrecht seinen Begleiter Ritter Rolf von Frauenhoven, ob diesem beim Turnier das schöne Mädchen aufgefallen sei.

Albrecht: Frauenhoven!
Frauenhoven: Was ist’s?
Albrecht: Hast du das Mädchen gesehen – Aber, du musst ja, du musst ja!
Frauenhoven: Welche denn?
Albrecht: Welche! Ich bitte dich, geh, ihr nach! Vom Pferd hätt‘ ich mich geworfen und wäre ihr gefolgt, wenn nicht (er zeigt auf den Bürgermeister) der da – –
Bürgermeister (mit einem Pokal): Gestrenger Herr, die reichsfreie Stadt Augsburg heißt Euch nach ruhmvoll bestandenem Turnier in Eurer Herberge willkommen, und dankt Euch, dass Ihr ihre Patrizier einer Lanze gewürdigt habt.
Albrecht (trinkt): Sie lebe hoch, denn sie verdient’s! Ha, wo solch ein wunderbares Licht der Schönheit leuchtet – (streift sich mit der Hand über die Stirn) ja, sie verdient’s! (Wendet sich.) Frauenhoven, du bist noch da?
Frauenhoven: Aber –
Bürgermeister: Verhoffe demnach – –
Albrecht: Heute abend auf dem Tanzhaus – das versteht sich! Nichts kann mich zurückhalten, vorausgesetzt, daß auch sie – – Verzeiht, ich bin ganz verwirrt! Ein Bote von meinem Vater – (1. Akt, 13. Szene, Seite 496f)

Als ihn die Ritter Nothhafft von Wernberg und Rolf von Frauenhoven an seine Braut erinnern, fordert er sie auf, Elisabeth von Württemberg nicht mehr zu erwähnen. Er ist froh, dass sie sich von einem anderen Mann entführen ließ und gern bereit, auf die in so einem Fall übliche Auslösung ihres Vaters zu verzichten. Seine wiedererlangte Freiheit ist ihm das wert.

Albrecht: Das ist vorbei, das ist, als ob’s nie gewesen wäre! Ich jauchze, dass Elisabeth eine Kette zerbrochen hat, die ich sonst selbst zerbrochen haben würde. Ich will nicht einen Dachziegel von Göppingen oder einen Pfenning zur Auslösung, denn ich könnte mir das Leben, das Atemholen, ebenso gut bezahlen lassen, wie meine neue Freiheit, und was meinen Vater betrifft, so steht mir seit lange eine Bitte an ihn zu, und das soll die sein: dass er es ganz so verhalten möge, wie ich! (1. Akt, 14. Szene, Seite 498)

Sobald sie allein sind, beschließen Wernberg, Frauenhoven und Graf Törring, Kaspar Bernauers Badehaus aufzusuchen. Sie hoffen, einen Blick auf dessen Tochter zu erhaschen, die als „Engel von Augsburg“ gepriesen wird.

Törring: Der Engel von Augsburg?
Nothhafft von Wernberg: So nennt man hier eine Baderstochter, Agnes Bernauer, deren Schönheit die halbe Stadt verrückt machen soll. Wollen wir die Bude ihres Vaters einmal aufsuchen? Wir können uns die Bärte stutzen lassen, und wer weiß, ob wir das Wunder bei dieser Gelegenheit nicht zu sehen bekommen.
Frauenhoven: Topp! (1. Akt, 14. Szene, Seite 499)

Am Abend, auf dem Ball im großen Saal des Tanzhauses der Stadt warnt Herzog Albrecht seinen Freund Rolf von Frauenhoven davor, Agnes Bernauer nachzustellen.

Frauenhoven: Dies Mädchen – – Oh! Wohl hattet Ihr recht, uns zu fragen, ob wir Augen hätten!
Albrecht: Du liebst sie auch?
Frauenhoven: Könnt‘ ich anders?
Albrecht: Frauenhoven, das ist ein großes Unglück! Ich glaub’s dir, dass du nicht anders kannst, es wäre Wahnsinn von mir, wenn ich verlangte, dass du entsagen solltest, hier hört die Lehnspflicht auf. Aber wahrlich, auch die Freundschaft, hier beginnt der Kampf um Leben und Tod, hier fragt sich’s, in wessen Adern ein Tropfen Bluts übrigbleiben soll! Du lächelst? Lächle nicht! Wenn du das nicht fühlst, wie ich, so bist du nicht wert, sie anzusehen!
Frauenhoven: Diese pechschwarzen Augen – und wie sie den Hals trägt, recht, um sich daran aufzuhängen und vor allem diese kastanienbraunen Haare –
Albrecht: Faselst du? Goldne Locken sind’s, die sich um ihre Stirn ringeln – demütiger ward nie ein Nacken gesenkt und ihre Augen können nicht schwarz sein! Nein, nein, wie Meeresleuchten traf mich ihr Strahl, wie Meeresleuchten, das plötzlich fremd und wunderbar aus dem sanften blauen Element aufzuckt und ebenso plötzlich wieder erlischt!
Frauenhoven: Gnädiger Herr, ich weiß nichts von ihr, es war ein Scherz, den Ihr dem lustigen Ort, wo wir uns befinden, verzeihen mögt!
Albrecht: So flieh! flieht alle, daß nicht Ernst daraus wird, fürchterlicher Ernst, denn ich sage euch, die sieht keiner, ohne die höchste Gefahr! (1. Akt, 17. Szene, Seite 501)

Agnes Bernauer trifft in Begleitung ihres Vaters und Knippeldollingers ein. Wernberg, Frauenhoven und Törring begrüßen Kaspar Bernauer, den sie im Badehaus kennengelernt haben. Damit ermöglichen sie es Albrecht, das Mädchen anzusprechen. Barbara, Martha und die anderen Mädchen ärgern sich, als sie Agnes zusammen mit dem jungen Herzog sehen. Sobald er mit ihr allein ist, sagt er ihr, er habe beim Turnier ihren Blick bemerkt, und sie gibt zu, um ihn gebangt zu haben. Albrecht erklärt Agnes, dass er sie liebe.

Albrecht: Ich frage dich, ob du mich lieben kannst!
Agnes: Das fragt eine Fürstentochter, doch nicht mich!
Albrecht: O sprich!
Agnes: Schont mich, oder fragt mich, wie man ein armes Menschenkind fragt, von dem man glaubt, dass ein ungeheures Unglück es treffen könne! […]
Albrecht: Agnes, du verkennst mich! Ich liebe dich!
Kaspar Bernauer (tritt zwischen beide): Komm, mein Kind! Auch du hast Ehre zu verlieren! (Er will sie abführen.)
Albrecht (vertritt ihm den Weg): Ich liebe sie, aber ich würd’s ihr nimmer gesagt haben, wenn ich nicht hinzufügen wollte: ich werb um sie!
Nothhafft von Wernberg: Gnädiger Herr!
Frauenhoven: Albrecht! Kennst du deinen Vater?
Törring: Denkt an Kaiser und Reich! Ihr seid ein Wittelsbach! Es ist nur zur Erinnerung.
Albrecht: Nun, Alter, fürchtest du noch für ihre Ehre?
Kaspar Bernauer: Nein, gnädiger Herr, aber – – Vor funfzig Jahren hätte sie bei einem Turnier nicht einmal erscheinen dürfen, ohne gestäupt zu werden, denn damals wurde die Tochter des Mannes, der dem Ritter die Knochen wieder einrenkt und die Wunden heilt, noch zu den Unehrlichen gezählt. Es ist nur zur Erinnerung! (1. Akt, 18. Szene, Seite 503f)

Die Ritter sorgen sich um die Folgen von Albrechts Verhalten für das Herzogtum.

Nothhafft von Wernberg: Die Sache wird ernst.
Törring: Sehr ernst! Die Linie steht auf zwei Augen –
Frauenhoven: Das doch nicht! Auch Herzog Wilhelm hat einen Sohn!
Törring: Der schwach und siech ist und kaum vier Jahre alt. Habt ihr das Jammerbild nie gesehen? Ich weiß, was ich sage. Die Münchner Linie steht so gut, wie auf zwei Augen, und wenn es uns nicht gelingt, Albrecht von seinem tollen Vorhaben abzubringen, so zeugt er Kinder, die nicht einmal den unsrigen ebenbürtig sind! Was wird dann? Schon jetzt ist Bayern in drei Teile zerrissen, wie ein Pfannkuchen, um den drei Hungrige sich schlugen, soll’s ganz zugrunde gehen? Und das wird geschehen, wenn wir dies Unglück nicht verhindern können.
Nothhafft von Wernberg: Das ist wahr! Von allen Seiten würden sie heranrücken, vergilbte Pfandbriefe auf der Lanzenspitze und vermoderte Verträge auf der Fahnenstange, und wenn sie sich lange genug gezankt und gerauft hätten, würde nach seiner Weise der Kaiser zugreifen, denn während die Bären sich zerreißen, schnappt der Adler die Beute weg.
Törring: Also lasst uns vorbeugen! (2. Akt, 1. Szene, Seite 505)

Am nächsten Morgen versucht Nothhafft von Wernberg vergeblich, Herzog Albrecht zur Besinnung zu bringen. Und Kaspar Bernauer drängt seine Tochter, noch am selben Tag die Braut seines Gesellen Theobald zu werden, der sie offensichtlich liebt. Agnes ist dazu jedoch nicht bereit, obwohl es sie schmerzt, Theobald leiden zu sehen. In ihrer Verwirrung spielt sie mit dem Gedanken, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Kaspar Bernauer graut es beim Gedanken an die Zukunft seiner Tochter.

Um Albrecht und Agnes Bernauer auseinanderzubringen, erzählt er dem Mädchen vom tragischen Schicksal der Baderstochter Susanna.

Törring: Ihr seid’s wert, dass Ihr einem Herzog gefallt!
Agnes: Schon das ist zu viel, Herr Graf!
Törring: Bewahre! Wenn Kaiser Wenzels Bademädchen Euch geglichen hat, so will ich’s ihm verzeihen, daß er eine Weile glaubte, er sei mit ihr allein auf der Welt. Nur das verzeih ich ihm nicht, dass er’s zu weit trieb und sich gar nicht wieder zur Besinnung bringen ließ, denn sie musst‘ es büßen, und das hätt‘ er vorher wissen können! (Er sieht Agnes scharf an.) Arme Susanna, junges, schönes Kind, wie bleich magst du gewesen sein, als die starren, grimmigen Böhmen dich verbrannten und von ihren eignen Bischöfen und Erzbischöfen dabei angeführt wurden, als ob’s ein heilig Werk wäre! Du warst gewiss keine Zauberin, oder es steht auch hier eine vor mir! (2. Akt, 6. Szene, Seite 511f)

Törring will Kaspar Bernauer glauben machen, dass Albrechts Gefühle für Agnes nur einem kurzen Rausch entsprächen.

Ja, ja, das kann ich Euch beteuern, er brennt, wie ein Johannisfeuer, wenn der Wind gut bläst […] Ich versichre Euch, der Herzog lodert, dass die Kastanien gar werden, wenn er sie nur ansieht, doch was das Werben betrifft, das Heimführen – – […] Die Liebe des Herzogs stammt aus dem Herzen, die Werbung nun, das war, Ihr habt’s ja selbst gesehen, ein Rausch vielleicht sogar, was weiß ich’s, ein Weinrausch! (2. Akt, 7. Szene, Seite 513)

Da tritt jedoch Albrecht ein und versichert, die Werbung ernst gemeint zu haben. Er ließ bereits einen Priester suchen, der bereit ist, das Paar noch an diesem Abend in der Kapelle der heiligen Maria Magdalena zu trauen, allerdings aus Furcht vor Herzog Ernst nur unter der Bedingung, dass die Eheschließung so lange wie möglich geheim bleibt. Kaspar Bernauer gibt seinen Widerstand auf und segnet sowohl seine Tochter als auch seinen Schwiegersohn.

In München beklagt Herzog Ernst die durch Fehler seiner Vorgänger verursachte Aufteilung Bayerns in drei Herzogtümer. Er bemüht sich, besser zu regieren.

[…] das Schelten ist für die Weiber, das Bessermachen für die Männer. Nun, ich stückle und flicke ja auch schon ein Leben lang, ob ich nicht wenigstens den alten Kurfürsten-Mantel wieder zusammenbringe. (3. Akt, 1. Szene, Seite 520)

Um seine Dynastie zu stärken, beabsichtigt er, Albrecht nach dem Scheitern der Eheschließung mit Elisabeth von Württemberg mit Anna, der Tochter des Welfenherzogs Ernst von Braunschweig, zu vermählen. Darüber unterrichtet er seinen Kanzler Hans von Preising.

Ernst: Erich von Braunschweig sagte schon vor zwei Jahren zu mir: es ist schade, Ernst, dass du nur den einen Sohn hast und dass der versprochen ist! Dies Wort blieb mir im Kopf hängen, und noch denselben Tag, wo ich die Flucht der Wüttembergerin erfuhr, ließ ich um die Braunschweigerin anhalten! Nun, gestern zur Nacht lief das Jawort ein!
Preising: Und Albrecht? Wird er einverstanden sein?
Ernst: Einverstanden? Wie kommt Ihr mir vor? Danach hab ich wahrhaftig noch nicht gefragt, das, denk ich, versteht sich von selbst! (3. Akt, 6. Szene, Seite 523)

Herzog Ernst weiß, dass sein Sohn in Augsburg der Tochter eines Baders schöne Augen machte, aber das hält er für eine Jugendsünde, und als er nun erfährt, dass Albrecht von Augsburg nach Vohburg ritt, nimmt er an, die Affäre sei vorbei. Preising klärt ihn jedoch darüber auf, dass Albrecht Agnes Bernauer mitnahm. Gerüchten zufolge seien die beiden sogar verheiratet. Das will Herzog Ernst nicht glauben. Stattdessen vermutet er, dass die Sippschaft des Mädchens das Gerücht in die Welt setzte, um die Schande zu verbrämen.

Preising: Man munkelt von einer heimlichen Heirat! Die Dirne hätt’s nicht anders getan!
Ernst: Und das könnt Ihr mir mit einem ernsthaften Gesicht sagen? Preising! […]
Die Sippschaft der Dirne hat’s in Umlauf gesetzt, um ihre Schande zu verbrämen! Das liegt ja auf der Hand! Aber daraus folgt nicht, dass wir ruhig zusehen wollen, bis es im ganzen Reich herum ist, bewahre! Es freut mich jetzt doppelt, dass der Braunschweiger endlich gesprochen hat, nun können wir dem Kot gleich einen Platzregen nachschicken, und wir wollen uns rühren, dass er sich nicht vorher festsetzt! Also! Ihr steigt augenblicklich zu Pferd und meldet’s meinem Sohn –
Preising: Wenn er’s nun aber doch nicht aufnimmt, wie Ihr denkt?
Ernst: Haltet Euch doch nicht bei Unmöglichkeiten auf! Das sind ja ganz verschiedene Dinge! Er sagt ja; ob gern oder ungern, schnell oder langsam, das kümmert nicht mich und nicht Euch […] In Braunschweig ist ja alles schön, bis auf das Hexenvolk, das sich zu Walpurgis bei Nebel und Nacht auf dem Blocksberg versammelt, und Erichs Anna soll noch mächtig hervorleuchten! […] Zum Teufel, die wird’s doch mit der Baderin aufnehmen können? (3. Akt, 6. Szene, Seite 524f)

Als Preising nach Vohburg kommt, zeigt Albrecht Agnes gerade das Schloss, in dem sie nun wohnen wird.

Preising: Euer Vater hat um die schönste Fürstin Deutschlands für Euch angehalten –
Albrecht: Das bedaur‘ ich sehr!
Preising: Erich von Braunschweig hat eingewilligt!
Albrecht: Das bedaur‘ ich noch mehr!
Preising: Und ich –
Albrecht:. Ihr sollt mich zum Nicken bringen, wie einen Nürnberger Hampelmann, den man von hinten ziehen kann! Es wird Euch nicht gelingen, und das bedaur‘ ich am meisten, denn Euer Ansehen wird darunter leiden! (3. Akt, 10. Szene, Seite 531f)

Albrecht weigert sich, Anna von Braunschweig zu heiraten.

Wisst Ihr jetzt, was Ihr verlangt? Nicht bloß auf mein Glück soll ich Verzicht leisten, ich soll mein Unglück liebkosen, ich soll’s herzen und küssen, ja ich soll dafür beten, aber nein, nein, in alle Ewigkeit nein! (3. Akt, 10. Szene, Seite 533)

Der von Preising überbrachten Aufforderung seines Vaters, in zwei Tagen an einem Turnier in Regensburg teilzunehmen, verspricht er nachzukommen.

Bei diesem Turnier wollte Herzog Ernst die Verlobung seines Sohnes mit Anna von Braunschweig bekanntgeben. Vergeblich redet Preising auf ihn ein, nachsichtig mit Albrecht zu sein. Als dieser eintrifft und bei seiner Weigerung bleibt, muss Marschall von Pappenheim ihn zurückweisen:

Ernst: Artikel zehn!
Marschall (öffnet das Buch und liest): Weiter wurde zu Heilbronn für ewige Zeiten beschlossen und geordnet: Welcher vom Adel geboren und herkommen ist und Frauen und Jungfrauen schwächte –
Albrecht (schlägt ihm das Buch aus der Hand): Der darf nicht turnieren! Werden hier Krippenreiter zugelassen, die das nicht wissen?
Marschall: Ihr seid angeklagt, auf Eurem Schloss Vohburg mit einem Schwabenmädchen in Unehren zu leben!
Albrecht: Mein Kläger?
Ernst (erhebt sich).
Albrecht: Herzog von München-Bayern, lass deine Späher peitschen, sie haben deine Schwieger[tochter] verunglimpft! Die ehr- und tugendsame Augsburger Bürgertochter, Jungfer Agnes Bernauer, ist meine Gemahlin, und niemand, als sie, befindet sich auf Vohburg! Hier stehen meine Zeugen!
Ernst: Preising! Das ist ja zum – Wiederjungwerden! (3. Akt, 13. Szene, Seite 537)

Nachdem Herzog Ernst sich von seiner Verblüffung erholt hat, enterbt er seinen Sohn und ernennt seinen vierjährigen Neffen Adolf anstelle von Albrecht zum Thronfolger.

Ernst (greift zum Schwert und will hinunterstürzen): Ich komm schon!
Preising (wirft sich ihm entgegen): Gnädiger Herr, erst müßt Ihr mich durchstoßen!
Ernst: Ei, ich will’s ja nur als Knüttel brauchen, ich will nur für die Überraschung danken! Doch, Ihr habt recht, es ist auch so gut, was erhitzt der Vater sich, der Herzog genügt. (Er ruft.) Edle von Bayern, Grafen, Freiherren und Ritter, auch Wilhelm, mein Bruder, hat einen Sohn –
Albrecht. Was soll das?
Ernst: Wer den Weg zur Schlafkammer seiner ehr- und tugendsamen Jungfer – allen Respekt vor ihr, es muss eine gescheite Person sein! – durch die Kirche nehmen musste, der nimmt die Benediktion mit und die Gnade aller Heiligen obendrein, aber Krone und Herzogsmantel lässt er am Altar zurück! (Er fährt fort.) Dieser Sohn heißt Adolf und ihn erklär ich –
Albrecht: Bei meiner Mutter, nein!
Hans von Läubelfing: Albrecht von Wittelsbach, Ingolstadt steht hinter Euch, fürchtet nicht für Euer Recht, Ludwig der Bärtige zieht!
Ernst: Ludwig von Ingolstadt, oder wer hier für ihn spricht, das Reich steht hinter mir mit Acht und Aberacht, weh dem, der seine Ordnung stört!
Marschall (nebst vielen andern Rittern, mit den Schwertern klirrend): Ja, weh dem! (3. Akt, 13. Szene, Seite 537f)

Adolf von Wittelsbach stirbt jedoch bereits drei Jahre später. Nun gibt es in Bayern-München keinen Thronfolger mehr. Um seinen Sohn zurückzugewinnen, beschließt Herzog Ernst, Agnes Bernauer zu töten. Preising sieht die Notwendigkeit ein und ist dennoch entsetzt:

Aber es ist doch auch entsetzlich, dass sie sterben soll, bloß weil sie schön und sittsam war! (4. Akt, 4. Szene, Seite 543)

Herzog Ernst unterzeichnet das vorbereitete Todesurteil.

Um Albrecht aus Straubing wegzulocken, wo er inzwischen mit Agnes Bernauer lebt, wird eigens in Ingolstadt ein Turnier veranstaltet. Kurz nachdem Albrecht losgeritten ist, besucht Theobald Agnes Bernauer und berichtet, er habe einhundertfünfzig, vielleicht sogar zweihundert Soldaten auf der Straße von München nach Straubing gesehen. Bevor Agnes Bernauer noch etwas unternehmen kann, stürmen die von Herzog Ernst geschickten Männer das Schloss. Bei der Verteidigung wird Törring von Pappenheim erstochen. Theobald ergreift das zu Boden gefallene Schwert und stellt sich schützend vor Agnes Bernauer. Preising verhindert weiteres Blutvergießen.

Agnes Bernauer wird gefangen genommen. Theobald flieht, um Albrecht nachzureiten. Dass die Häscher ihn mit den Worten „Ingolstadt ist weit“ entkommen lassen, hält Agnes für ein schlechtes Zeichen: Wird sie tot sein, bevor Albrecht ihr beistehen kann?

Preising versichert ihr, er meine es redlich mit ihr und Herzog Ernst sei auch nicht ihr Feind.

Agnes: Nicht mein Feind? Wie komm ich denn hierher?
Preising: Ihr wisst, wie’s steht! Herzog Ernst ist alt, und sein Thron bleibt unbesetzt, wenn Gott ihn abruft, oder sein einziger Sohn muss ihn besteigen. Nun, Albrecht kann Euch nimmermehr mit hinaufnehmen, und da er sich von Euch nicht trennen will, so müsst Ihr Euch von ihm trennen!
Agnes: Ich mich von ihm! Eher von mir selbst! […]
Preising: Nicht zu rasch, ich beschwör Euch! Wohl mag’s ein schweres Opfer für Euch sein, doch wenn Ihr’s verweigert, so wird man – könnt Ihr noch zweifeln nach allem, was heute geschah? – aus Euch selbst ein Opfer machen! Ja, ich gehe vielleicht schon weiter, als ich darf, indem ich Euch überhaupt noch eine Bedingung stelle, und tu’s auf meine eigne Gefahr! (5. Akt, 2. Szene, Seite 556)

Als Agnes sieht, dass das Volk sich an der Donau zusammenrottet, begreift sie, dass sie ertränkt wird, wenn sie nicht von sich aus Albrecht entsagt.

Agnes: Und was hab ich verbrochen?
Preising (hebt das Todesurteil in die Höhe): Die Ordnung der Welt gestört, Vater und Sohn entzweit, dem Volk seinen Fürsten entfremdet, einen Zustand herbeigeführt, in dem nicht mehr nach Schuld und Unschuld, nur noch nach Ursach und Wirkung gefragt werden kann! So sprechen Eure Richter, denn das Schicksal, das Euch bevorsteht, wurde schon vor Jahren von Männern ohne Furcht und ohne Tadel über Euch verhängt, und Gott selbst hat den harten Spruch bestätigt, da er den jungen Prinzen zu sich rief, der die Vollziehung allein aufhielt. Ihr schaudert, sucht Euch nicht länger zu täuschen, so ist’s! […] Das ist Euer Fall, erwägt’s und bedenkt Euch, ich frage zum letzten Mal! […]
Agnes: Wie mild ist Herzog Ernst! Der will doch nur mein Leben! Ihr wollt mehr! Ja, ja, das braucht‘ ich bloß zu tun, so wär‘ ich für ihn, wie nie dagewesen; ich selbst hätte mein Andenken in seiner Seele ausgelöscht, und er müsste erröten, mich je geliebt zu haben! Mein Albrecht, deine Agnes dich abschwören! O Gott, wie reich komm ich mir in meiner Armut jetzt auf einmal wieder vor, wie stark in meiner Ohnmacht! Diesen Schmerz kann ich doch noch von ihm abwenden! Das kann mir doch kein Herzog gebieten! Nun zittre ich wirklich nicht mehr! (5. Akt, 2. Szene, Seite 557f)

Schließlich gibt Preising auf und öffnet die Türe. Draußen steht Richter Emeran Nusperger zu Kalmperg. Vergeblich bittet die zum Tod Verurteilte um einen kurzen Aufschub, damit sie von sich selbst Abschied nehmen könne.

Herzog Ernst wartet mit Wolfram von Pienzenau, Ignaz von Seyboltstorff und Otto von Bern in der Nähe von Straubing darauf, dass Preising ihm die Vollstreckung des Todesurteils meldet.

Ernst: Wie starb sie?
Preising: […] Der Henker versagte den Dienst, Herr Emeran musste einen seiner Hörigen entlassen, der stürzte sie von der Brücke herab. Erst schien’s, als ob sie aus Angst vor der Befleckung durch seine Hände freiwillig hinunterspringen wollte, doch dann kam die Furcht des Todes über sie, ihr schwindelte, und er musste sie packen. Das Volk hätte ihn gern gesteinigt, und doch wusste jeder, dass der jämmerliche Mensch es nur für seine Freiheit tat. Nicht um die Welt möcht‘ ich’s zum zweiten Mal sehen.
Ernst: Genug, Preising! Es gibt Dinge, die man, wie im Schlaf tun muss. Dies gehört dazu. Das große Rad ging über sie weg – nun ist sie bei dem, der’s dreht. Jetzt handelt sich’s denn um ihn! (5. Akt, 6. Szene, Seite 561f)

Als Albrecht erfährt, dass Agnes ertränkt wurde, rast er vor Zorn und zündet Dörfer an: Er will die Donau mit Leichen verstopfen. Theobald sucht den Tod im Kampf. Rolf von Frauenhoven meldet die Gefangennahme des regierenden Herzogs, aber Albrecht befiehlt sogleich, ihn wieder freizulassen. Herzog Ernst meint im Gespräch mit ihm, er habe nur seine Pflicht getan.

Albrecht: Eure Pflicht! Gott hat Euch in meine Hand gegeben! Zeugt er so für den, der seine Pflicht tat?
Ernst: Gott will dich versuchen! Hab wohl acht, dass du vor ihm bestehst! […] Ich musste tun, was ich tat, du wirst es selbst dereinst begreifen, und wär’s erst in deiner letzten Stunde, aber ich kann auch mit dir weinen, denn ich fasse deinen Schmerz! […]
Aber wenn du dich wider göttliche und menschliche Ordnung empörst: ich bin gesetzt, sie aufrechtzuerhalten, und darf nicht fragen, was es mich kostet! (5. Akt, 9. Szene, Seite 566)

Da tritt der Herold des Reiches auf und verkündet, dass sowohl Kaiser Sigismund als auch der Heilige Stuhl Albrecht von Wittelsbach mit dem Bannfluch belegen würden, wenn er sich nicht unverzüglich seinem Vater unterwerfe. Um seinen Sohn zu besänftigen, verspricht Herzog Ernst, für Agnes Bernauer einen Totendienst zu stiften.

Ernst: Was ich ihr im Leben versagen musste, kann ich ihr im Tode gewähren, und ich tu es gern, denn ich weiß, dass sie’s verdient! Deine Gemahlin konnte ich nicht anerkennen, deine Witwe will ich selbst bestatten und für ewige Zeiten an ihrem Grabe einen feierlichen Totendienst stiften, damit das reinste Opfer, das der Notwendigkeit im Lauf aller Jahrhunderte gefallen ist, nie im Andenken der Menschen erlösche! (5. Akt, 10. Szene, Seite 571)

Herzog Ernst überreicht Albrecht den Herzogsstab, und dieser greift unwillkürlich zu.

Albrecht: Mich schwindelt! Nimm ihn zurück! Er brennt mir in der Hand.
Ernst: Trag ihn ein Jahr in der Furcht des Herrn, wie ich! Kannst du mich dann nicht lossprechen, so ruf mich, und ich selbst will mich strafen, wie du’s gebeutst! Im Kloster zu Andechs bin ich zu finden!
Albrecht (will niederknien): Vater, nicht vor Kaiser und Reich, aber vor dir!
Ernst: Wart! wart! Mein Tagewerk war schwer, aber vielleicht leb ich noch übers Jahr! (Geht; zu Preising, als er folgen will.) Bleibt! An einem Mönch ist’s genug! (5. Akt, 10. Szene, Seite 572)

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In dem Trauerspiel „Agnes Bernauer“ veranschaulicht Friedrich Hebbel auf eindringliche Weise den Konflikt zwischen der Staatsräson und dem Glück einzelner Menschen. Herzog Ernst ist alles andere als ein skrupelloser Tyrann, aber er hält es für seine Herrscherpflicht, Agnes Bernauer ungeachtet seines Mitleids zu töten. Denn er glaubt, nur so die Thronfolge sichern, die Ordnung wiederherstellen und das Herzogtum vor weiteren Unruhen bewahren zu können.

Vom 22. September bis 17. Dezember 1851 arbeitete Friedrich Hebbel an dem Trauerspiel in fünf Aufzügen. Als Quellen benutzte er vor allem die Bücher „Agnes Bernauerin historisch geschildert“ von Felix Joseph Lipowsky (München 1801) und „Die Geschichte Bayerns, aus den Quellen und andern vorzüglichen Hülfsmitteln bearbeitet“ von Konrad Mannert (Leipzig 1826). Allerdings ist es undenkbar, dass sich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Tochter eines Baders unter den Zuschauerinnen eines Ritterturniers befindet und einen Ball besucht, zu dem auch der Sohn eines regierenden Herzogs erwartet wird. Für die Eheschließung von Albrecht und Agnes Bernauer gibt es keine Nachweise. Wenn sie stattgefunden hat, dann jedenfalls nicht sofort in Augsburg, sondern erst später. Ob man Albrecht von Wittelsbach aus Straubing fortlockte, um Agnes Bernauer ertränken zu können, wird bezweifelt. Fiktiv ist, dass Herzog Ernst von Bayern-München sich vorübergehend ins Kloster zurückzog.

Das Trauerspiel in fünf Aufzügen wurde am 25. März 1852 unter der Regie von Franz von Dingelstedt am Münchner Hoftheater uraufgeführt, aber aus politischen Gründen gleich nach der Premiere wieder abgesetzt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Seitenangaben: Die Bibliothek deutscher Klassiker, Band 45,
Hg.: Karl Pörnbacher, Carl Hanser Verlag, München / Wien 1978

Agnes Bernauer (Kurzbiografie)

Friedrich Hebbel: Maria Magdalena

Val McDermid - Das Moor des Vergessens
Den Kriminalroman "Das Moor des Vergessens" hat Val McDermid komplex angelegt. Sie lässt sich Zeit, die Figuren der drei Handlungsstränge einzuführen und fesselt die Leser weniger mit Action, als mit Suspense und Atmosphäre.
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