A. F. Th. van der Heijden : Die Movo-Tapes

Die Movo-Tapes

A. F. Th. van der Heijden

Die Movo-Tapes

Originalausgabe:De Movo Tapes. Een carrière als ander Em. Querido's Uitgeverij, Amsterdam 2007 Die Movo-Tapes Übersetzung: Helga van Beuningen Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2007 ISBN 978-3-518-41923-6, 767 Seiten, 26.80 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Weil sich der Gott Apollo Anfang der 60er-Jahre in Geldnöten befand, verhökerte er seinen guten Namen der NASA. In Amsterdam besorgt er sich 2023 die Movo-Tapes, die ein gewisser Tibbolt Satink 1997 besprach, während er sich in Movo verwandelte, um seine Todesangst zu überwinden. Wir erfahren von Tibbolts ödipalen Beziehung zu seiner Mutter, die auf der Fahrt zur Entbindung schwer verunglückt war ...
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Kritik

A. F. Th. van der Heijden verknüpft in "Die Movo-Tapes" mehrere Handlungsstränge. Einige Passagen sind witzig, aber er schreckt auch nicht davor zurück, die Geduld des Lesers auf die Probe zu stellen.
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Ich kann mich Ihnen nicht mal richtig vorstellen, denn ich habe meinen Namen verhökert. (Seite 9)

Mit diesen Worten des griechischen Gottes Apollo beginnt Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden seinen Roman „Die Movo-Tapes“. Im Lauf der Jahrhunderte war der Zwillingsbruder der Göttin Artemis bedeutungslos geworden und verarmt.

Personal war für mich nicht mehr drin. Vorausgesetzt, ich hätte eine Stelle besetzen können, wo sollte ich im zwanzigsten Jahrhundert speziell ausgebildete Priester hernehmen? (Seite 54)

Einige Zeit lebte er von Horoskopen und Kryptogrammen, die er Zeitungen anbot. Mitte der Sechzigerjahre reiste er als blinder Passagier auf einem Frachter von Brest nach New York, wobei er sich aus dem Abfallkübel des Schiffskochs ernährte. In den USA fuhr er zur NASA nach Houston, Texas.

Ich wiederholte mit Nachdruck meinen Namen.
„Sounds like old Latin to me. Ist das Ihr Vor- oder Nachname?“
„Vor- und Nachname zugleich. Weil ich auf der griechischen Insel Delos geboren bin, wurde ich in alten Zeiten gelegentlich ‚der Delier‘ genannt. Und als ich noch Herr der Musen war, schimpften sie mich Musagetes.“
„Nach diesem Ballett von Strawinsky. Verstehe. So you are Greek, huh?“ (Seite 75)

Es gelang ihm, der NASA seinen Namen für ein Raumfahrtprogramm zu verkaufen. Allerdings bedeutet dies, dass er ihn hundert Jahre lang, bis 2065, nicht mehr verwenden darf. Mit „QX-Q-8“ unterschreibt er seither.

Natürlich waren die NASA-Bonzen wütend, dass ich den Brand in der ersten Kapsel, bei dem die Besatzung bis auf die Knochen verkohlte, nicht vorhergesehen hatte. Mit meinem Namen war einfach zuviel Licht und Feuer verbunden, das war das Problem. (Seite 80)

Mitte der Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts wendet sich QX-Q-8 an den De Spiegel-Verlag in Amsterdam und erkundigt sich nach den Movo-Tapes, Tonbändern, die ein gewisser Tibbolt Satink alias Movo (1973 – 2023) im Jahr 1997 mit einem Diktiergerät besprochen hatte. Als er von der Lektorin Gitty Pleyte d’Ailly erfährt, dass auch der freie Journalist M. A. T. T. Knippels nach den Movo-Tapes fragte, gibt er sich als Professor aus und überredet Gitty, das Bandmaterial für ihn herauszusuchen, dem Journalisten jedoch zu sagen, es sei nicht mehr auffindbar. Die 179 Bänder – nur die Nummer 96 fehlt – sind während der jahrzehntelangen Lagerung in dem feuchten Keller aufgequollen und zusammengeklebt, aber QX-Q-8 lässt sie in einem Speziallabor restaurieren und auf 250 CDs überspielen. Die hört er sich an und vergleicht sie mit einer von Gitty Pleyte d’Ailly und ihrem Kollegen Lucrees van Zanten Jut 1997 hergestellten Abschrift.

Eigentlich waren die Bandaufnahmen als Material für ein Buch gedacht gewesen. „Noen tot neoN. Anleitung zu einer Karriere als anderer“ sollte der Titel lauten. Den Autorennamen „Tibbolt Satink“ hatte jemand durchgestrichen und durch „Movo“ ersetzt. Weil Tibbolt Satink alias Movo jedoch verschwunden war, nachdem er das 179. Band Ende 1997 an den Verlag geschickt hatte, wurde das Buchprojekt nie verwirklicht.

Movo starb vor einem halben Jahr, kurz vor seinem 50. Geburtstag. Nur seine Tochter Jolente lebt noch.

Tibbolt Satink kam am 4. November 1973 unter dramatischen Umständen auf die Welt: Es war ein autofreier Sonntag, doch als bei seiner Mutter Ulrike („Rike“) Tornij die Wehen einsetzten, fuhr sie mit dem Auto zum Krankenhaus. In einem Tunnel stieß sie mit der entgegenkommenden Limousine des Bischofs Compernolle zusammen, dessen Chauffeur Karel versehentlich die falsche Tunnelröhre genommen hatte. Die beiden Männer kamen mit dem Schrecken davon, aber Ulrike musste von der Amsterdamer Feuerwehr aus dem Autowrack geschnitten werden und lag tagelang im Koma. Das Kind holten die Ärzte mit einem Kaiserschnitt aus dem Leib der Mutter. Von Geburt an hatte Tibbolt Klumpfüße, ob aufgrund des Unfalls oder einer unsachgemäßen Behandlung im Krankenhaus, konnte nie geklärt werden.

Tibbolt gehörte einer Generation an, die ihre Eltern häufig unbekleidet sahen, weil die Nacktheit zur antiautoritären Erziehung gehörte.

Ein Freund von mir, fünf oder sechs wie ich, unterbrach, wenn seine nackte Mutter ins Zimmer trat, immer kurz unser Spiel, um sich ihre Brüste vorzunehmen. Er legte dann seine Hände auf ihre Nippel und machte sehr routiniert schnelle Drehbewegungen, bis ein Zittern durch die schaukelnden Beutel lief […]
„So, das reicht, Theochen“, sagte seine Mutter dann schwach und leicht bedauernd, weil sie eine gesunde Erziehungsmaßnahme unterbrach. (Seite 343f)

Tibbolts Mutter sah allerdings anders aus als andere Frauen, weil ihr die Ärzte nach dem Unfall verhältnismäßig gut erhaltene Hautpartien auf stärker verletzte Körperstellen transplantiert hatten.

Die Chirurgie hatte aus ihr eine kubistische Picassofrau gemacht. Ich zwang sie, sich auf den Rücken zu drehen und die Arme hinter dem Kopf zu verschränken. In beiden haarigen Achseln öffneten sich die labia pudendi, um mich in den siebenten Himmel zu versetzen … ein würziger Schweißgeruch entstieg ihnen … Ich konnte sie von der einen Seite auf die andere drehen … sie war immer bereit, mich zu empfangen … willig durchblutet.
Es hörte nie auf. Mammul hatte eine aus Schollen bestehende Haut, wie das Ijsselmeer nach einer Frostperiode […] Dadurch, dass ihre Schollen sich verschoben, veränderte sie einem fort ihre Form. Ich ergoss meinen Samen in eine immer andere Konstellation von Körperteilen, die trotzdem stets meine Mutter darstellten. Eine vielseitige Geliebte. (Seite 180f)

Weil Gebert („Geppa“) Satink sich von seiner Frau Ulrike vor die Tür hatte setzen lassen, aber vier Jahre später zurückgekommen war, hielt der Sohn Tibbolt ihn für einen Schlappschwanz. Möglicherweise im Zusammenhang damit ließen Tibbolts Leistungen im letzten Schuljahr plötzlich nach. Der Schularzt, Dr. Patist, riet ihm zu einer angeblich von Sigmund Freud erdachten Psychotherapie: Der siebzehnjährige Tibbolt sollte mit seiner Mutter koitieren, während sein Vater zugleich Analverkehr mit ihm hatte.

„Es kommt darauf an, dass du, ein einziges Mal, Gemeinschaft mit deiner Mutter hast … und dich gleichzeitig von deinem Vater besitzen lässt … Er kopuliert also mit seiner Ehefrau, allerdings durch dich. Anstatt deinen Vater zu verstoßen, wie du es eigentlich wolltest, lässt du ihn an deinen Körper … im Tausch gleichsam, dafür, dass du Mammud penetrierst … Er bindet dich sozusagen vor … wie eine lebensgroße Maske der Jugend … um seiner Frau zu gefallen. Du bist seine venezianische Maske … so ein weißes Ding mit einem Griff … Es sitzt auf einem Stiel, und das ist der Phallus deines Vaters … So trägt er dich zu ihr, Tibbolt, während er selbst hinter dir versteckt ist. Hinter dieser jugendlichen Fassade empfängt deine Mutter ihn, ihren ihr gesetzlich angetrauten Ehemann […]“ (Seite 185f)

Am 1. November 1973, also drei Tage vor Tibbolt Satink, wurde Reinier Mombarg geboren. Bei ihm hatte nicht die Niederkunft, sondern die Zeugung unter besonderen Umständen stattgefunden: Sein Vater Antonius („Tonnis“) Mombarg war damals siebzehn Jahre alt, seine Mutter Zora („Zoor“) Witlox ein Jahr jünger. Sie gingen noch zur Schule, als sie unabhängig voneinander am 10. Februar 1973 mit dem Zug zu einem Pornodreh nach Rotterdam fuhren und sich dort kennen lernten. Zora kam in Begleitung ihrer gleichaltrigen Freundin Ulbine Drogtrop. Die Eltern durften nichts davon erfahren. Während der Produzent Herman Debulpaep und sein Regisseur Retera für den Pornofilm verantwortlich waren, hatte QX-Q-8 die Aufgabe übernommen, bei den Dreharbeiten Fotos für die von der Zeitschrift „The Horny Unicorn“ veröffentlichte Serie „Troika des Monats“ zu schießen. Mit am Set war der sechsundzwanzigjährige Journalist M. A. T. T. Knippels, der für das Magazin „WereldWijd“ eine Reportage schreiben wollte. Als die sommersprossige, rothaarige Zora auf Tonnis ritt und die dürre Ulbine seine Hoden sowie die Vulva ihrer Freundin leckte, kam der junge Mann so plötzlich zum Höhepunkt, dass er erst im letzten Augenblick versuchte, Zora wegzustoßen. Die wurde in diesem Augenblick jedoch ebenfalls von einem Orgasmus überflutet.

„Scheiße!“, rief der Regisseur, „da vergeudet einer seinen come shot …!“ (Seite 438)

Auf diese Weise zeugen Tibbolt und Zora einen Sohn. (Die obligatorische Großaufnahme der Ejakulation wurde später mit Doubles nachgedreht.)

Der drei Tage nach Reinier Mombarg geborene Tibbolt Satink litt vor allem unter Todesangst und der Sinnlosigkeit des Daseins.

Meine Todesangst reicht weiter zurück als meine Erinnerung. Ich bin mit ihr geboren, und meine Jugend wurde durch sie vergiftet. Im nächsten Monat werde ich achtzehn. Wenn ich rechtzeitig von meiner Angst vor dem Tod (die mir ungleich größer scheint als bei anderen Menschen) loskommen will, werde ich meine Sterblichkeit sausenlassen müssen. Da Unsterblichkeit für einen Menschen nicht zu erreichen ist, werde ich versuchen müssen, den Prozess des Sterbens auf andere Weise aufzuheben. Ich werde mich darauf verlegen, in den kommenden Jahren ein anderer Mensch zu werden. (Seite 196)

Um der Todesangst zu entkommen, beschloss er, sich in eine andere Person zu verwandeln:

In meinem Fall hat die Furcht vor dem Tod den Anstoß zur ehrgeizigsten aller möglichen Karrieren gegeben: ein anderer zu werden. (Seite 457)

Am 31. August 1997 sprach er in sein Diktiergerät:

„Die endgültige Transfiguration mus dingfest gemacht werden. Ich gebe mir, den heutigen Tag mitgerechnet, noch eine Woche, um Movo zu werden.“ (Seite 20)

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In den neunzig Kapiteln seines Romans „Die Movo-Tapes“ erzählt Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden eine imposante Geschichte. Er tut das weder stringent noch chronologisch, sondern indem er von Episode zu Episode hin- und herspringt. Es fällt schwer, die Zusammenhänge in der ausufernden, von Allegorien und Metaphern überbordenden Darstellung zu erkennen. Einige Passagen sind witzig, aber A. F. Th. van der Heijden schreckt auch nicht davor zurück, die Geduld des Lesers durch extrem ausführliche Schilderungen von Alltagsbanalitäten auf die Probe zu stellen. Der Roman „Die Movo-Tapes“ enthält eine Reihe von drastischen Szenen. Dazu gehört nicht nur die minutiöse Schilderung des Pornodrehs, bei dem Tonnis und Zora ihren Sohn Reinier zeugen, sondern auch eingestreute Episoden wie etwa die Vergewaltigung einer Prostituierten durch betrunkene „Angel’s Devils“ im Jahr 1992: Nachdem ihre Vagina durch Fistfucking geweitet wurde, packen vier der Männer den „schönen Thierry“ und halten ihm den Kopf in eine Friteuse, um ihn für das geplante „Headbanging“ einzufetten.

Die Devils bekamen selbst einen Schreck, dass Thierrys feines Frätzchen im Fritierfett so aggressiv blubbern und spritzen konnte. (Seite 559)

Die Todesangst und das Entsetzen über die Sinnlosigkeit des Daseins stehen im Zentrum des Romans „Die Movo-Tapes“. Statt Antworten darauf zu suchen, beendet A. F. Th. van der Heijden das Buch mit den Worten:

Der Mensch, seien wir ehrlich, was stellt er denn schon dar?
Fußabtreter der Geschichte, keine Fußnote wert. (Seite 763)

Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden wurde am 15. Oktober 1951 in Geldrop bei Eindhoven als Sohn eines Lackierers geboren. Nach dem Abitur (1969) schrieb er sich für ein Psychologiestudium ein, wechselte bald darauf zur Philosophie, dann zur Ästhetik und brach das Studium schließlich ganz ab.

Er schrieb zunächst unter dem Pseudonym Patrizio Canaponi. Seinen internationalen Durchbruch schaffte er mit dem Romanzyklus „Die zahnlose Zeit“ (deutschsprachige Ausgaben: Suhrkamp Verlag; Übersetzung: Helga van Beuningen). Die sieben Bände erschienen zwischen 1983 und 1996:

  • De slag om de Blauwbrug (1983; Die Schlacht um die Blaubrücke, 2001)
  • Vallende Ouders (1983; Fallende Eltern, 1997)
  • De Gevarendriehoek (1985; Das Gefahrendreieck, 2000)
  • Advocaat van de Hanen (1990; Der Anwalt der Hähne 1995)
  • Weerborstels (1992; Der Widerborst 1993)
  • Het hof van Barmhartigheid (1996; Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, 2003)
  • Onder het plaveisel het moeras (1996; Unterm Pflaster der Sumpf, 2003)

Dazu gibt es den Begleitband: Gruppenporträt. Wer ist wer in der „Zahnlosen Zeit“?

Außerdem schrieb Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden die Romane

  • Eine Gondel in der Herrengracht
  • Die Drehtür
  • Ein Tag, ein Leben
  • Engelsdreck. Notizen aus dem Alltag

Den Roman „Die Movo-Tapes“ kündigte Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden als Band 0 des Zyklus „Homo Duplex“ an.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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