Keigo Higashino : Heilige Mörderin

Heilige Mörderin

Keigo Higashino

Heilige Mörderin

Originalausgabe: Seijo no Kyusai Verlag Bungeishunju, Tokio 2008 Heilige Mörderin Übersetzung: Ursula Gräfe Klett-Cotta, Stuttgart 2014 ISBN: 978-3-608-98012-7, 316 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während sich seine Ehefrau Ayane bei ihren Eltern in Sapporo aufhält, stirbt der Unternehmer Yoshitaka Mashiba in Tokio, als er mit Natriumarsenit vergifteten Kaffee trinkt. Weil Spuren des Gifts auch im Papierfilter und im Wasserkessel nachgewiesen werden, geht die Polizei von einem Mord aus, denn ein Selbstmörder hätte erst den fertigen Kaffee vergiftet. Aber wie kam das Arsen ins Wasser? Verdächtig ist Ayane Mashiba, aber sie hat ein klares Alibi, und um einen Auftragsmord handelte es sich offenbar auch nicht ...
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Kritik

Obwohl oder gerade weil sich Keigo Higashino in dem Kriminalroman "Heilige Mörderin" auf die Ermittlungsarbeit der Polizei in einem Mordfall beschränkt, also auf Dialoge, Vernehmungen und Schlussfolgerungen, baut er eine hohe Spannung auf.
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Als Yoshitaka Mashiba noch ein Kind war, ließen die Eltern sich scheiden. Das zuständige Gericht sprach das Sorgerecht dem Vater zu, aber der arbeitete viel und war selten zu Hause. Yoshitaka wuchs deshalb vorwiegend bei der Großmutter auf, bis diese starb. Ein Jahr lang ist er nun mit Ayane Mita verheiratet, aber schon vor der Hochzeit kündigte er an, er werde sich von ihr scheiden lassen, falls sie nach einem Jahr noch nicht schwanger sei. Denn Yoshitaka will unbedingt Kinder.

Heute, an einem Freitag, erinnert er Ayane an die Abmachung. Sie ist in dem Jahr nicht schwanger geworden, und die Ehe soll deshalb geschieden werden.

Am Samstagmorgen reist Ayane unerwartet von Tokio zu ihren in Sapporo lebenden Eltern Tokiko und Kazuhiro Mita. Den Sonntag verbringt sie mit ihrer Freundin Sakiko Motooka im Onsen in Jozankei am Stadtrand von Sapporo.

Am Nachmittag wird Yoshitaka Mashiba tot aufgefunden. Er starb, als er mit Natriumarsenit vergifteten Kaffee trank.

Am Abend kam die Sonderkommission auf dem Revier Meguro zusammen. Ihr Leiter wies zunächst auf die hohe Wahrscheinlichkeit hin, dass sie es mit einem Mord zu tun hätten. Dies war die einzige vernünftige Erklärung dafür, wie eine hochgiftige Substanz wie Arsensäure in den Kaffee des Opfers gelangt sein konnte. Ein Selbstmörder hätte das Gift wahrscheinlich nicht eigens in den Kaffee gemischt und selbst wenn, dann doch sicher in das bereits fertige Getränk.

Die Polizei hinterlässt auf dem Anrufbeantworter der Witwe eine Nachricht. Am Montagmorgen kehrt Ayane nach Tokio zurück. In ihrem Haus trifft sie auf Kommissar Kusanagi und dessen Mitarbeiter. Bevor sie sich deren Fragen stellt, füllt sie in der Küche einen Eimer mit Wasser und gießt die Balkonpflanzen.

Vor ihrer Abreise vertraute sie ihrer einige Jahre jüngeren Freundin Hiromi Wakayama die Schlüssel an. Hiromi ist seit drei Jahren die einzige Mitarbeiterin in ihrer Patchwork-Schule Anne’s House im Stadtteil Daikanyama. Hiromi sagt aus, sie habe Yoshitaka Mashiba am Sonntag mehrmals angerufen und dann nach ihm gesehen, weil er sich nicht meldete. Er sei tot auf dem Fußboden gelegen.

Rasch finden Kusanagi und seine Assistentin Kaoru Utsumi heraus, dass Hiromi Wakayama seit drei Monaten eine Affäre mit Yoshitaka Mashiba hatte. Zunächst behauptet sie, ihn bei einer Party am Freitagabend zuletzt lebend gesehen zu haben, aber schließlich gibt sie zu, die Nacht auf Sonntag bei ihm verbracht zu haben. Sonntags ist die Patchwork-Schule ihrer Freundin zwar geschlossen, aber sie unterrichtete im Kulturzentrum. Für den Abend hatte ihr Geliebter einen Tisch in einem Restaurant bestellt.

Sowohl am Samstagabend als auch am Sonntagmorgen hatte sie bei ihm Kaffee getrunken. Da war offenbar noch kein Gift darin.

Die Arsensäure, die im Kaffee nachgewiesen wurde, hinterließ auch in dem Kaffeesatz, der in der Filtertüte zurückblieb, Spuren.

Ayane gesteht ihm Gespräch mit ihrer Freundin, dass sie zu ihren Eltern nach Sapporo fuhr, nachdem Yoshitaka die Scheidung von ihr verlangt hatte. Sie ahnt, dass er sie mit Hiromi betrog, und als sie ihre Freundin zur Rede stellt, gibt Hiromi es zu. Sie ist von ihrem Liebhaber schwanger.

Kusanagi und Kaoru Utsumi wundern sich darüber, dass Hiromi Wakayama zwar ihre Anstellung in der Patchwork-Schule kündigt, die beiden Frauen aber auch nach der Aussprache Freundinnen bleiben.

Ayane hätte gleich zwei Motive für den Mord: die Untreue ihres Ehemanns und die bevorstehende Scheidung. Doch ihr Alibi ist wasserdicht. Sie war tatsächlich bei ihren Eltern in Sapporo und mit Sakiko Motooka bei den heißen Quellen in Jozankei. Es gibt auch keine zeitliche Lücke, die groß genug gewesen wäre, um kurz nach Tokio zurückzukehren und den Kaffee zu vergiften.

Auffällig ist allerdings, dass sie ihr Handy nur hin und wieder kurz einschaltete. Kusanagi meint, sie habe vielleicht Strom sparen wollen, aber Kaoru Utsumi hält es für möglich, dass Ayane eine Mitteilung erwartete und wollte, dass nur die Mailbox erreichbar war. Rechnete sie mit einem Anruf der Polizei?

Bei weiteren Laboruntersuchungen wird das Gift auch im Wasserkessel nachgewiesen.

Wenn Hiromi Wakayama die Mörderin wäre, hätte sie wahrscheinlich Spuren wie diese beseitigt.

Den Aussagen der Frauen zufolge bestand Yoshitaka Mashiba darauf, bei der Kaffeezubereitung Mineralwasser zu benutzen. Das Gift könnte also in einer Mineralwasserflasche gewesen sein. Allerdings findet das Polizeilabor in keiner der leeren Flaschen Rückstände von Arsensäure.

An der Party der Mashibas am Freitagabend nahm außer Hiromi auch das befreundete Ehepaar Yukiko und Tatsuhiko Ikai teil, das vor zwei Monaten ein Kind bekam. Tatsuhiko Ikai ist Rechtsanwalt und Geschäftspartner des von Yoshitaka Mashiba geführten Unternehmens. Er sagt aus, dass er dabei gewesen sei, als sein Freund und Ayane Mita sich vor eineinhalb Jahren bei einer Single Party kennenlernten. Tatsuhiko Ikai erinnert sich, dass Yoshitaka Mashiba davor eine andere Lebensgefährtin gehabt hatte, weiß aber nicht, wie sie hieß.

Ayane wohnt seit ihrer Rückkehr aus Sapporo nicht mehr im Haus, sondern in einem Hotel. Kommissar Kusanagi gießt für sie die Blumen, allerdings nicht mit der durchlöcherten Dose, mit der sie das Wasser aus einem Eimer schöpfte und über die Pflanzen verteilte, sondern er hat eigens eine Gießkanne gekauft.

Weil Kaoru Utsumi den Eindruck hat, dass ihr Chef sich zu der Witwe hingezogen fühlt, schaltet sie ohne sein Wissen seinen Freund Prof. Yukawa ein, einen Physiker der Kaiserlichen Universität in Tokio. Sie möchte wissen, ob Ayane Mashiba das Gift vor ihrer Abreise nach Sapporo so raffiniert deponiert haben könnte, dass ihr Mann es während ihrer Abwesenheit zu sich nahm. Prof. Yukawa experimentiert zunächst mit Gift in Gelatinekapseln, aber sie hinterlassen Rückstände, die bei der forensischen Untersuchung bemerkt worden wären. Als Nächstes schaut er sich die Spüle im Haus des Ehepaars Mashiba an, und als Kusanagi dazu kommt, erklärt er ihm:

„Frau Utsumi zufolge hat man an drei Stellen Spuren von dem fraglichen Gift gefunden. […] Erstens in dem Kaffee, den das Opfer getrunken hat, zweitens im Kaffeesatz in dem Filter. Und drittens in dem Kessel, in dem das Wasser dafür erhitzt wurde. […] Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wurde das Gift direkt in den Kessel gegeben, oder es war bereits im Wasser. Wenn es im Wasser war, in welchem Wasser? Auch hier gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder im Mineralwasser oder im Leitungswasser.“

Unter der Spüle liegt viel Staub, und der vor einem Jahr eingesetzte Filter wurde noch nicht ausgewechselt. Als nun ein Handwerker einen neuen Filter montiert, holt die Polizei den alten ab und lässt ihn im Labor untersuchen. Aber es wird nichts Verdächtiges gefunden. Der alte Filter wurde augenscheinlich nach dem Einsetzen vor einem Jahr nicht mehr angefasst. Diese Schlussfolgerung wird von der Staubablagerung in der Spüle untermauert.

Kusanagi findet heraus, dass es sich bei der Frau, mit der Yoshitaka Mashiba vor drei Jahren ein Liebesverhältnis hatte, um die Künstlerin Sumire Kocho – bürgerlich: Junko Tsukui – handelte. Sie nahm sich vor zwei Jahren das Leben. Und zwar vergiftete sie sich mit Rattengift, das sie im Schuppen der Mutter gefunden hatte, einem weißen Pulver mit dem Wirkstoff Natriumarsenit. Einen Teil davon löste sie in einem Glas Wasser auf und trank es. Was sie mit der restlichen Menge gemacht hatte, weiß auch die Mutter nicht.

Ayane Mashiba beantwortet die Frage, ob sie von Junko Tsukui gehört habe, mit nein. Aber es stellt sich heraus, dass sich die Frauen zur gleichen Zeit in London aufhielten. Alles deutet darauf hin, dass sie sich anfreundeten. Ayane heiratete also den Freund ihrer toten Freundin und lernte ihn nicht erst bei der Single Party kennen.

Kaoru Utsumi fragt sich, warum Ayane Mashiba keinen Gynäkologen aufsuchte, als sie in der festgesetzten Zeit nicht schwanger wurde. Wusste sie schon vor der Hochzeit, dass sie keine Kinder kriegen würde? Musste sie also von Anfang an damit rechnen, dass ihr Mann nach einem Jahr die Scheidung verlangen würde?


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Prof. Yukawa findet heraus, dass das Gift im Filter mit dem Leitungswasser vermischt wurde, das Yoshitaka Mashiba zum Kaffeekochen verwendete, weil das Mineralwasser ausgegangen war. Ayane muss das Pulver beim Filterwechsel vor einem Jahr hineingetan haben. Dann achtete sie offenbar ein Jahr lang darauf, dass weder ihr Mann noch sonst jemand Wasser aus dem Hahn in der Küche benutzte. Als er sich dann – wie von Anfang an befürchtet – scheiden lassen wollte, brauchte sie nur noch die Mineralwasserflaschen im Kühlschrank zu leeren und konnte dann in Sapporo auf die Nachricht von seinem Tod warten. Als sie zurückkam, goss sie als Erstes die Blumen – und spülte vor den Augen der Polizei den Filter. Allerdings übernahm Kommissar Kusanagi anschließend das Gießen und ersetzte dabei die Dose mit den Löchern durch eine Gießkanne. In der nicht mehr benutzten Dose können tatsächlich winzige Spuren des Giftes nachgewiesen werden.

Ayane Mashiba gibt zu, dass sie Junko Tsukui in einem Buchladen in London kennengelernt und sich mit ihr angefreundet hatte. Junko stellte ihr dann Yoshitaka Mashiba vor, den Geschäftsführer einer Firma, von der sie als Künstlerin einen Auftrag erhalten hatte. Dass die beiden ein Liebespaar waren, wusste Ayane nicht, und als Yoshitaka Mashiba sie zum Essen einlud, begann sie ein Liebesverhältnis mit ihm, ohne zu ahnen, was sie ihrer Freundin damit antat. Vor dem Suizid schickte Junko Tsukui ihr ein Päckchen mit einer Teilmenge des Rattengiftes, das sie benutzte. Ayane hatte ihr anvertraut, dass sie unfruchtbar war, und Junko wusste deshalb, dass Yoshitaka Mashiba sich auch von ihr trennen würde, denn ihm kam es nur darauf an, ein Kind zu zeugen. Ayane tat das Gift kurz nach der Eheschließung in den Filter, um für den Fall vorzusorgen, dass sie verstoßen werden sollte. Sie rechnete damit, dass man ihr den Mord nie würde nachweisen können.

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Keigo Higashino erzählt die Geschichte chronologisch. Bereits auf der vierten Seite des Kriminalromans „Heilige Mörderin“ erfahren wir, dass Ayane Mashiba beabsichtigt, ihren Ehemann zu töten, weil er die Scheidung von ihr verlangte. (Seltsam ist allerdings, dass sie an diesem Freitagabend, zwei Tage vor seinem Tod, an eine Plastiktüte mit weißem Pulver denkt, die sie in einer Schublade versteckt hat. „Anscheinend würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als es zu benutzen“, heißt es. Das passt nicht zur Auflösung.)

Von Anfang an kennen wir die Mörderin und wissen, dass Yoshitaka Mashiba durch vergifteten Kaffee starb. 300 Seiten lang geht es nur um die Frage, wie das Gift in den Kaffee kam und ob die Polizei die Mörderin überführen kann, obwohl Kommissar Kusanagi sich in Ayane Mashiba verliebt. Keigo Higashino kommt ohne „Action“ aus. Er beschränkt sich auf Dialoge, Vernehmungen und Schlussfolgerungen. Statt sich wie ein auktorialer Erzähler in die Köpfe der Personen zu versetzen, schildert er nur, was man „von außen“ wahrnehmen kann. Dabei wechselt er allerdings immer wieder die Perspektive. Keigo Higashino versteht es meisterhaft, die Spannungsschraube anzuziehen. Obwohl er „nur“ die von einem Physikprofessor unterstützten Ermittlungen der Polizei schildert, fesselt der Kriminalroman „Heilige Mörderin“ Leserinnen und Leser, die gern logische Gedankengänge nachvollziehen.

Die Auflösung wirkt dann allerdings etwas konstruiert.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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